Aufstieg und Fall des Chaos Computer Club

Der Chaos Computer Club hat seinen Zenit überschritten. Angefangen hat es alles in den 1980’er Jahren. Seit der Gründung bis ungefähr zum Jahr 2005 (also über einen Zeitraum gut 20 Jahren) war der CCC führend was Hackerkultur und technischem Sachverstand anbelangt. Damit ist gemeint, dass es einmal die normalen Informationen bezüglich Computer gab und dann gab es noch den CCC der eine Größenordnung darüber angesiedelt war. Das konnte man daran erkennen dass als die meisten noch gar nicht wussten was das Internet ist, der CCC schon eifrig dafür Werbung gemacht hat. Und als es dann losging mit den kommerziellen DSL-Zugängen und den ersten WLAN Routern war der CCC wiederum führend was die Informationshoheit anbelangte. Damit ist gemeint, dass in derem Umfeld herausragende Dinge entwickelt wurden wie OpenWRT mitsamt der Freifunk Firmware was das Konzept von WLAN sehr viel weiter fasste als ursprünglich vorgesehen. Ebenso waren die Podcasts welche zuerst im Fritz-Radio und später mit Chaosradio Express in Eigenproduktion liefen, nicht nur die ersten Podcasts überhaupt sondern inhaltich auch mit einem großen Vorsprung versehen.

Das Problem mit dieser Erfolgsgeschichte ist, dass sie ca. ab dem Jahr 2005 abrupt endete. Bis heute ist der Chaos Computer Club in der Denkweise „Zugang zum Internet“ verhaftet geblieben. Noch immer sind die meisten Vorträge auf dem Chaos Communication Camp entweder auf die Administration von Datennetzen oder auf das Hacken der selben zugeschnitten (Stichwort Wardriving). Der Sachverstand darin ist unbestritten hoch, nur interessiert das Thema als solchen heute niemanden mehr. Aktuell angesagt ist Artificial Intelligence. Dazu weiß der Chaos Computer Club erstaunlich wenig zu berichten. Zwar gibt es dazu ebenfalls dann und wann Informationen wie zuletzt http://cre.fm/cre208-neuronale-netze allerdings nur sehr oberflächlich. Im Grunde ist die Informationsfülle nicht höher, als wenn eine Publikumszeitung wie Spiegel über neuronale Netze einen Artikel geschrieben hätte: nichts ist wirklich falsch, aber es fehlt eben das gewisse Extra. Was könnte die Ursache sein, dass sich der CCC seit 2005 praktisch nicht mehr weiterentwickelt hat?

Einmal könnte es die Selbstdefinition sein, als Hacker in fertige Systeme einbrechen zu wollen. Dieser Ansatz sich mit Technik auseinanderzusetzen mag ausreichend gewesen sein, um das Internet von seiner Struktur zu verstehen (Stichwort TCP/IP, Stichwort Router), ist allerdings nichts wert wenn es wie bei Artifical Intelligence darum geht eigene Systeme zu entwickeln. Gehen wir ins Jahr 1989 zurück. Clifford Stoll hat damals ein System aufgesetzt (Honeypot) und die Leute vom Chaos Computer Club haben in das System reingehackt. Der technische Sachverstand den man benötigt um ein System kaputt zu machen ist immer niedriger als der wenn man ein solches System aufbauen will.

Ebenfalls zum Niedergang des Chaos Computer Club beigetragen haben dürfte die kompromissloße Haltung was Computerspiele anbelangt. Von Anfang an galt die Regel, dass auf den Hackertreffen zwar ausgiebig elektronische Basteleien gefördert wurden, jedoch nicht das anlaßlose spielen mit Egoshootern. Wenn man sich jedoch die Artifical Intelligence Szene der Gegenwart anschaut (Stichwort Starcraft AI, Stichwort Go) so stellt man fest, dass Computerspiele die Basis sind.

Offenbar wurde der CCC von der Gegenwart abgeschnitten weil er erstens nicht am Aufbau von Software interessiert war und zweitens Spielen als Zeitverschwendung definiert hat. Heute haben die Treffen des Chaos Computer Club zwar eine hohe Anzahl an Besuchern, das technische Niveau ist jedoch niedrig wie noch nie. Wirklich verschlechtert hat sich der CCC im Laufe seiner Zeit nicht, er hat sich nur nicht weiterentwickelt. Eigentlich machen die Mitglieder dasselbe was sie seit 20 Jahren schon tun, sich über Kabelmodem irgendwo einwählen und mit Wäscheklammern IP Adressen verteilen. Das ist heute jedoch nichts mehr, womit man den Computernachwuchs begeistern kann. Die Welt ist eine andere. Schauen wir uns dochmal einige der Themen vom letzten Chaos Congress 32C3 an:
– Buffering von Videostreams
– SSL Protocoll und der gotofail
– Voice-over LTE
– Verschlüsselung
– anonyme Kommunikation

Das sind alles Themen aus der Informatik die etwas mit Datennetzen zu tun haben und mit Sicherheit werden diese Themen auf einem hohen Niveau behandelt, nur sind Datennetze etwas, was technisch inzwischen realisiert ist. Das Internet-Protokoll ist entwickelt, Fortschritte gibt es keine mehr und die größte anstehende Umwälzung wäre nur noch der Umstieg von IP4 auf IPv6, aber auch das ist bereits komplett ausgearbeitet. Insofern erinnert der Chaos Congress ein wenig an das Nichtschwimmerbecken wo die Entfernung bis zum Beckenrand exakt vermessen ist.

Der Chaos Computer Club war von Mitte der 1980’er bis 2005 ein zuverlässiger und kompetenter Begleiter was den Cyberspace anbelangt, für die Zeit danach muss man sich jedoch nach einer Alternative umschauen. Eine konkrete Zeitschrift oder einen Club zum Thema Künstliche Intelligenz ist zwar derzeit nicht in Sicht, aber dafür gibt es Google Scholar wodurch man Zugriff erhält auf die wichtigsten Papers zum Thema. Desweiteren gibt es Fachkonferenzen wie die IROS, ICRA, Siggraph oder die ICAPS auf der aktuelle Entwicklungen in der Community diskutiert werden können. Die Schwierigkeit derzeit besteht darin, die nötige Reibung zu erzeugen. Anders als beim Reinhacken in fremde Rechner gibt es in der AI-Community keine Greyhats vs. Blackhats sondern es ziehen alle an einem Strang. So scheint es zumindest. Es gibt in der Robotik niemanden den man austricksen könnte, sondern es ist Schattenboxen gegen sich selbst angesagt.

Ein weiterer Grund warum der Chaos Computer Club den Anschluss verloren hat, dürfte mit der deutschen Hochschullandschaft zu tun haben. Der Nachwuchs des CCC generiert sich aus den Informatik-Studenten. Das war schon immer so. Nur leider ist es so, dass man in Deutschland nirgendwo Künstliche Intelligenz studieren kann, mit Ausnahme vielleicht am KIT in Karlsruhe und dort gehen die Postdocs unmittelbar nach Abschluss des Studiums in die USA zu Google oder Facebook. Anders ausgedrückt, Deutschland hat keine universitäre Artificial Intelligence und folglich auch keine Leute die sich abseits der Hochschullandschaft auf Hobby-Ebene damit auseinandersetzen. Es ist unwahrscheinlich, dass der Chaos Computer Club seine Ausrichtung in Zukunft verändert. Vermutlich wird dort noch in 10 Jahren das wichtigste Thema „Packet Radio“ sein. In der CB-Funk Sprache bedeutet Oma übrigens ein Verstärker der illegal ist und QRT ist die Abkürzung für „Beendigung des Sendebetriebs“.

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