Wie man eine grottenschlechte Diplomarbeit schreibt

Dieser Artikel wurde aus meinem alten Blog importiert. Er wurde dort häufig und gerne gelesen. Erneut wünsche ich viel Vergnügen damit.

Einleitung

Niemand will ihre Diplomarbeit lesen:

– sie selbst nicht, weil sie erst geschrieben werden muss
– ihr Betreuer nicht, weil er jedes Jahr hunderte von eckelhaften Abschlussarbeiten betreut
– und ihre Freunde auch nicht, weil es langweilig ist mit Bücherfritzen befreundet zu sein.

Die oberste Aufgabe dürfte somit sein, sich möglichst elegant zu drücken. Dazu empfielt sich ein Blick in die Prüfungspordnung ihres Heimatplaneten. Dort ist erstaunlicherweise eine 5,0 als Bewertung ausgeschlossen. Lediglich eine nicht abgegebene oder gefälschte Diplomarbeit wird mit „nicht bestanden“ bewertet. Die allerschlimmste Diplomarbeit wird immer noch mit 4,0 bewertet. Denn immerhin zahlen sie Studiengebühren …
Das Ziel besteht also darin, eine 4,0 zu ergattern. Dafür bietet sich SCIgen an, ein zufallsbasierter Dokumentenersteller. Einfach Namen eingeben und schon kommt ein 5-Seiten PDF zum Thema „Informatik“ aus dem Laserprinter. Leider ist das Ergebnis nur eine 5,0 wert — SCIgen fällt durch.
Eine leichte Steigerung ist das Plagiat. Dazu wird einfach bei SCIrus [1] eine Diplomarbeit ergoogelt und oben in das Autorenfeld setzt man den eigenen Namen ein. Zeitaufwand dafür = 2 Tage (am ersten Tag haben sie Youtube-Videos geschaut, am zweiten Tag konvertiert man das PDF nach Word und wieder zurück nach PDF). Leider wird auch diese „Diplomarbeit“ eine 5,0 erreichen. Das Plagieren ist ausdrücklich in der Prüfungsordnung untersagt.
Da hilft es nur, selber etwas zu schreiben. Aber wie? Es gibt tausende Ratgeber zum Thema „wissenschaftliches Arbeiten“ [2]. Allein das richtige Zitieren von Fachliteratur treibt manche junge Studentinnen an den Rand des SSV (Selbst verletztendes Verhalten).
Da aber Anstrengung im Studium unbedingt zu vermeiden ist, wäre mein persönlicher Tipp: Schreiben sie kein einziges Wort. Sich jetzt noch hinzusetzen und 100 Seiten in den PC zu tippen schaffen sie sowiso nicht. Um dennoch wenigstens eine 4,0 zu erreichen ist das Selbstplagiat der optimale Weg. Schmeißen sie ihre Tastatur aus dem Fenster und suchen sie mit der Maus nach irgendwelchen! Texten auf ihrem Rechner: Tagebucheinträge, Notizen, blöde Essays, halbfertige Excel-Sheets. Wichtig ist nur:

1. Sie müssen es selbst geschrieben haben
2. Es darf noch nicht im Internet veröffentlicht worden sein.

Vermutlich wird dieser private Textbrei nicht zum Thema ihrer Diplomarbeit passen — macht nichts. Einfach das „Geht gar nicht“ rausfiltern und mit dem Rest arbeiten. Ich gehe davon aus, dass sie ca. 500 kb an Daten gefunden haben.
Das wird jetzt notdürftig in eine Gliederung mumifiziert und ihr Grundgerüst steht. Dass ihre Diplomarbeit jetzt den Brief an Mutti und Papa enthällt oder ihre Schreibversuche als Erstsemester-Student ist nicht weiter tragisch. Jeder Text ist besser als kein Text.
Um das Gemisch in eine abgabegerechte Form zu bringen braucht es Fußnoten. Als Maßstab sollten diese 20% vom Text füllen. „Panik, ich hab noch nie eine Fußnote erstellt“ Müssen sie auch gar nicht, es gibt einen Trick um sich auch davor zu drücken: Die letzten 2 Sätze jedes Kapitels als Fußnote neuformatieren [4]. Die Spannungskurve wird vom Haupttext in die Fußnote umgeleitet. Der Text bleibt identisch, nur optisch schlägt er Wurzeln. Am Ende jeder Fußnote kommt trotzdem noch ein kleines bischen Arbeit: die Literaturangabe.
An dieser Stelle müssen sie leider auf ihre Tastatur zurückgreifen (ganz ohne geht es dann doch nicht). Zur Erinnerung: sie haben in der Fußzeile etwas von ihrem Schluder-Text zu stehen. Dazu braucht es ein passendes Buch. Versuchen sie eines zu finden, was im Volltext vorliegt, mit [1] geht das beispielsweise [5]. Was sie ausgraben liegt an ihnen.
Im Grunde ist die Diplomarbeit vereits fertig: Inhaltsverzeichnis, Haupttext, Fußnoten, Literaturangaben — alles da. Jetzt nur noch ausdrucken und die 4,0 ist ihnen sicher.

Kritikpunkte

Selbstverständlich wird massive Kritik auf sie zukommen. Das Thema der Diplomarbeit wird evtl. verfehlt (logisch, als sie die Texte schrieben wussten sie ja noch gar nicht dass es eine Diplomarbeit wird), weiterhin werden ihre Literaturangaben unpassend sein (logisch, denn sie haben ja erst zum Schluss hastig irgendwelche Quellen ausgegraben). Wegen dieser Kritik wird ihr Prüfer maximal Strafpunkte vergeben und ihre Hausarbeit mit 4,0 bewerten. Vielleicht kann er sie zusätzlich als Mensch nicht leiden und würde am liebsten 5,0 (durchgefallen) geben. Das darf er wegen der Prüfungsordnung jedoch nicht. Denn immerhin haben sie formal eine korrekte Diplomarbeit abgegeben und ein Teil der Texte behandelte oberfläch das anvisierte Thema [6].

Algorithmus zur Fußnotenerstellung

Weiter oben hab ich Fußnoten etwas verkürzt behandelt; will das hiermit nachholen. Als guter Richtwert gelten: 20% der Diplomarbeit sollten Fußnoten sein. Wenn sie im Durchschnitt pro Absatz 10 Sätze schreiben, müssen davon die letzten 2 Sätze eine Fußnote werden (20% nach Adam Riese). Natürlich waren die letzten Sätze der Absätze niemals als Fußnote intendiert — das macht aber nichts. Sie machen sich am unteren Seitenrand ganz wunderbar.
„Warum nicht einfach die ersten zwei Sätze zweckentfremden?“ fragt der Troll. Weil es doof aussieht: [xx] Na, alles fit im Schritt, Test, Test. Das ist nur ein Beispiel.
Außerdem ist die Literaturquelle der eigentliche Höhepunkt eines jeden Absatzes, haben doch fremde Autoren hoffentlich gewissenhafter gearbeitet als sie selbst… Und der Höhepunkt kommt immer zum Schluss (alter Geburtstagstrick).
„Aber was, wenn ich nicht in jedem Absatz eine Fußnote habe?“ Dann wird es schwierig, die 20% Regel einzuhalten: 10 Sätze [Absatz] 8 Sätze [Fußnote] 2 Sätze der Fußnote.
In diesem Beispiel liegen insgesamt 20 Sätze auf dem Blatt, davon die letzten 2 als Fußnote. Nach Adam Riese sind das 10%. Besser ist es also, stur in jedem Absatz die letzten Sätze auszuschneiden und als Fußnote zweckentfremden.
Natürlich kennen sie auch die Harvard-Zitierweise, wonach Fußnoten angeblich überflüssig sind. Aber das ist wie mit Krawatten: lieber mit als ohne. Möglicherweise könnte ihre Diplomarbeit wegen fehlender Fußnoten nicht als wissenschaftlich anerkannt werden. Und da sie inhaltlich schon nix zu bieten haben darf man hier kein Risiko eingehen [7].

Anmerkungen

[1] http://www.scirus.com
[2] Ein guter Tipp dürfte Umberto Eco „Wie man eine wissenschaftliche Abschlussarbeit schreibt“ sein. [3] Die UNIX Experten können alternativ ihren keyboard-Treiber deinstallieren.
[4] Alles nur mit der Maus. Der bereits geschriebene Text wird einfach in die Fußzeile verschoben. [5] Eine Suche nach OpenAccess Dissertationen ist empfehlenswert.
[6] Falls nicht, haben sie das Selbstplagieren übertrieben und aus Zweckoptimismus irgendwelche Kinderbilder eingescannt. [7] Fußnoten bleiben — Basta!

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