Kritik an Debian


Wenn man sich die Debian und die Ubuntu Distribution einmal näher anschaut wird man erkennen, dass beide „Community driven“ sind. Damit ist gemeint, dass das Entwicklungsmodell auf der zahlreichen Mitarbeit von möglichst vielen Freiwilligen basiert. Auf jeder Debconf wird daher die Debian Community vorgestellt. Laut Selbstdarstellung handelt es sich um eine Gemeinschaft aus Aktivisten die an freier Software interessiert sind und welche sich über Mailing-Listen austauschen und an einem gemeinsamen Ziel arbeiten. Auch bei Ubuntu wird der Community Gedanke groß geschrieben. Auf der deutschen Ubucon gab es beispielsweise einen Vortrag zum Thema „Wie gehe ich mit Kritik“ um, wo erläutert wurde, wie man im Team Software entwickelt.

Auf den ersten Blick scheint das alles eine super Sache zu sein, auf den zweiten Blick ist das genau das Problem was Debian und Ubuntu haben. Die Idee eine Gemeinschaft bilden zu müssen ist zu einem Selbstzweck überhöht worden und technische Dinge werden diesem Ideal untergeordnet. Schauen wir uns im Gegensatz einmal dazu das Entwicklungsmodell von ArchLinux an. Dort gibt es keine Community und auch keinen Code of Conduct. Sondern man verlässt sich überwiegend auf automatische Tools wie Pacman mit denen die Distribution entsteht. Anders formuliert, dass Markenzeichen von Debian, eine große Gemeinschaft mit ganz vielen Leuten zu bilden, ist nicht etwa eine Stärke sondern es ist eine Schwäche. So eine Gemeinschaft ist nur dort notwendig, wo es an automatisierten Tools mangelt. In solchen Fällen muss man sich auf Fachkonferenzen treffen und Streitigkeiten ausräumen. Debian hat kein Werkzeug wie Pacman was in der Lage ist aus Build-Scripten eine Iso-Datei zu erstellen, sondern bei Debian ist die Softwarentwicklung noch sehr manuell getrieben. Das heißt, wenn man den Kernel neu kompilieren möchte damit dieser auf die nächste Debian-CD draufpasst muss man nicht etwa in einer Build-Software einen Parameter ändern, sondern der „Debian Way of Life“ bedeutet, dass man sich mit dem Debian Kernel Team in Verbindung setzen muss, also eine E-Mail senden und zwar an eine ganz bestimmte Person. Und wenn die dann ihr Ok gibt, dann kann der Prozess gestaretet werden, der so aussieht, dass weitere Leute hinzugezogen werden, die dann manuell anfangen den Kernel zu kompilieren.

Und genau hier besteht die Gefahr, dass diese Prozesse in Bürokratie ausarten. Am Ende geht es nicht mehr darum, eine technische Aufgabe zu lösen, sondern man kann viel Zeit in der Debian Gemeinschaft damit verbringen, mit anderen Leuten über Dinge zu diskutieren. Auf den ersten Blick sieht es wie ein gesundes Projekt aus, wenn die Mailing-Liste gut frequentiert wird und die Anzahl der Debian Developer jedes Jahr steigt. Auf der anderen Seite hat man als Außenstehender den Eindruck, dass es gar nicht mehr um eine Linux-Distribution geht, sondern darum innerhalb einer Sekte an Macht und Einfluss zu gewinnen.

Schauen wir uns doch etwas genauer den langjährigen Streit bezüglich Systemd an. Dieser wurde auf Mailing-Listen, in Vorträgen und in Papern ausgetragen und ist bis heute nicht entschieden. Auch hier wieder scheint es sich um einen fruchtbaren Dialog zu handeln, bei dem alle Beteiligten etwas gelernt haben und für das gemeinsame Ziel eintreten. Aber, man kann die Frage auch anders lösen. Bei ArchLinux wurde im Okt 2012 eine lapidare Nachricht veröffentlicht wonach Systemd jetzt der neue Standard ist, https://www.archlinux.org/news/systemd-is-now-the-default-on-new-installations/ Die Entscheidung wurde getroffen von einer einzigen Person, Thomas Bächler. Laut dem ArchLinux Wiki ist das einer der 25 Leute die im Core Team mitarbeiten und vielleicht hat er darüber vorher mit dem Boss Aaron Griffin geredet, vielleicht aber auch nicht. Jedenfalls hat seit Okt 2012 ArchLinux das neue Systemd Framework ohne dass dazu eine Diskussion stattfand. Das wäre auch gar nicht gegangen, weil ja insgesamt nur 25 Leute die Entwicklung machen plus vielleicht noch 3 Leute aus dem Antergos Team welche für den grafischen Installer verantwortlich sind.

Offenbar hat man sich bei ArchLinux entschlossen, keine Community bilden zu wollen, stattdessen liegt der Fokus auf Verbesserung des Pacman Tool. Und hier dürfte der wichtigste Unterschied zu Debian liegen. Bei Debian gibt es eine freundliche Community die unterteilt ist in unzählige Teams, Rollen und kommunikative Prozesse. Im Gegenzug hat Debian jedoch keine oder extrem schlechte Werkzeuge die auf der Kommandozeile einen Kernel kompilieren oder ISO-Files erzeugen können. Anders ausgedrückt, in dem Debian Projekt sind zuviele Leute mit dabei die wissen wie man Führungskraft ist, wie man Leute motiviert, wie man Marketing macht, wie man Konferenzen organisiert und wie man soziale Beziehungen pflegt. Es gibt aber nur wenig bis gar keine Software, mit der man eine Linux-Distribution vollautomatisch erstellen kann.

Die Frage ist nicht so sehr, ob die konkreten Leute bei Debian gute Arbeit leisten. Vermutlich geben sie sich sogar ausgesprochen viel Mühe. Sondern die Frage lautet, ob es zu einer Gemeinschaft auch eine Alternative gibt. Meiner Ansicht nach zeichnet sich eine gute Linux-Distribution dadurch aus, dass die Tools zu dessen Erstellung soweit automatisiert wurden, dass eine einzige Person in der Lage ist, im Monatsrhytmus neue Iso-Files zu erzeugen die dann das Betriebssystem sind. Und selbstverständlich darf man auch ArchLinux kritisieren. Auch dort gibt es noch zuviel manuelle Dinge, die man besser automatisieren könnte. Nur, nach meiner Recherche gibt es derzeit keine ernstzunehmende Linux-Distribution die mit weniger als 25 Leuten auskommt.

Natürlich haben diese 25 Leute nicht den Code selbst geschrieben. Bei ArchLinux ist niemand dabei der LibreOffice oder Firefox programmiert hat. Aber das ist gar nicht gefragt. Sondern dafür ist ohnehin der Upstream zuständig. Eine Linux-Distribution muss stattdessen Build-Scripte und Build-Tools bereitstellen sowie sich um Iso-Mirroring kümmern. Das ist deren Kernaufgabe.

Mal unabhängig davon wie man zu ArchLinux steht, glaube ich dass man dort zumindest in der richtige Richtung unterwegs ist. Also als stillschweigendes Ziel vereinbart hat, erstens eine Rolling-Release Distribution anzustreben und zweitens dazu möglichst wenig Manpower zu verwenden. Bemerkenswert ist auch der Wiki-Eintrag https://wiki.archlinux.org/index.php/archiso#Build_the_ISO Dort wird auf weniger als 10 DIN A4 Seiten erläutert wie man eine komplette Linux-Distribution erzeugt. Im wesentlichen gibt es ein Bash-Script was in Verbindung mit archiso dann die ISO-Datei erzeugt, welche später auf die Mirror hochgeladen wird. Im Grunde ist das die Basis für eine Ein-Mann-Linux Distribution. Das heißt, man braucht kein komplettes Team, sondern ein einzelne Person kann mit diesem Script dann eine fertige Distribution erzeugen.

Völlig neu ist das Konzept nicht, es wurde von Judd Vinet ungefähr im Jahr 2002 erfunden und seit damals nur marginal verbessert. Damit ist ArchLinux nicht nur unabhängig von kommerzieller Softwareentwicklung, sondern zugleich auch unabhängig von community driven Linux-Distributionen. Es gibt ein böses Gerücht, wonach Judd Vinet ursprünglich einmal Debian Maintainer war, sich dort dann aber mit sehr vielen Leuten zerstritten hat und dann beschlossen hat alles selbst zu machen und mit niemanden etwas abzusprechen.

ARCH LINUX
Man kann die fehlende Community bei ArchLinux durchaus kritisch betrachten. Die erste und bisher einzige Konferenz fand im Jahr 2010 statt. Anscheinend gibt es seitdem nicht mehr viel zu bereden. Irgendwelche größeren Internen Diskussionen sind auch keine bekannt, es gibt lediglich das zentrale Github Verzeichnis wo dann Commits ausgeführt werden. Von Marketing-Veranstaltungen ist nichts bekannt, ArchLinux ist auf den großen Linux-Konferenzen nur am Rande vertreten. Es gibt lediglich ein/zwei Interview Podcasts worin das Konzept kurz erläutert wird. Scheinbar haben sich die 25 ArchLinux Developer so stark verkracht, dass sie überhaupt nicht mehr miteinander reden oder sich nur auf das nötigste beschränken. Von Gemeinschaft kann man da wohl kaum sprechen.

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