Debian ist eine Sekte


Auf der Debconf 14 hat sich Linus Torvalds sehr zum Mißfallen seiner Zuhörer gefragt, was genau ein Debian Maintainer den ganzen Tag so treibt. Aus rein technischer Sicht gibt es da nicht viel zu tun, weil bekanntlich die neuste Version des Betriebssystems als „Debian SID“ von ganz allein kompiliert und installiert wird. So ähnlich wie das bei ArchLinux auch passiert. Nur mit dem Unterschied dass bei ArchLinux nicht mehr als 25 Leute sich darum kümmern während bei Debian mehrere Tausend Maintainer und Developer sich damit beschäftigen. Eine Antwort auf die Frage, womit sich die Debian Community beschäftigt wird in http://saimei.acc.umu.se/pub/debian-meetings/2014/debconf14/webm/Weapons_of_the_Geek.webm gegegeben. Dabei handelt es sich um einen Vortrag über die Hackerkultur in Bezug auf Scientology. Ein ebenfalls gesellschaftskritisches Video gibt es hier http://meetings-archive.debian.net/pub/debian-meetings/2015/debconf15/Citizenfour_Q_A_Session.webm Diesmal geht es um den Film Citizen Four in dem die Überwachung thematisiert wird.

Und vielleicht wird so deutlich was Debian in Wirklichkeit ist. Die Linux-Distribution selbst ist nur vorgeschoben, wirklich daran interessiert ist niemand und es werden auch keine Patches entwickelt. Sondern primär ist Debian eine gesellschaftskritische Bewegung die sich mit sozialen Fragen der Computerbenutzung auseinandersetzt. Auch Ubuntu ist dafür ein gutes Beispiel. Debian und Ubuntu dürfen nicht primär als Konkurrenz zu ArchLinux oder zu Fedora verstanden werden wo es primär um den Code als solchen geht (Fedora ist Upstream zentriert, während ArchLinux minimalistisch nur die Distribution darstellt) sondern Debian/Ubuntu sind soziale Ideen ähnlich wie Greenpeace die einen politischen Anspruch verfolgen.

Wenn man mit diesem Blick Debian kritisch betrachtet wird vieles klarer. Das technische Niveau der Debian Distribution ist miserabel. Das postulierte Entwicklungsmodell des Stable-Release mit Bugtracking für veraltete Softwareversionen macht keinen Sinn. ArchLinux ist hier das bessere System. Und Vorträge aus dem Debian Umfeld zum Thema „Backporting“ sind kompletter Unfug, ja fast schon Trolling in Reinstform. So funktioniert der Upstream nunmal nicht. Aber, wenn man sich bei Debian nur jene Vorträge anschaut die etwas mit gesellschaftlichem Protest, Privacy, Anonymous und Attac zu tun haben so muss man der Sekte zugestehen, dass sie absolute Weltklasse verkörpert. Nirgendwo sonst findet man derart professionellen Aktivismus.

Weiter oben wurden zwei Videos verlinkt und man kann sich zurecht fragen was diese mit einer Linux-Distribution zu tun haben. Die Antwort lautet: gar nichts. Die Vorträge behandeln die gesellschaftlichen Auswirkungen des Internets nicht jedoch das Programmieren von Software oder die Verwendung von build-Scripten um eine Distribution zu erstellen. Dennoch waren beide Vorträge auf der Debconf ontopic. Im Saal gab es niemanden der dagegen protestiert hat, im Gegenteil es waren die Highlights.

Mein persönlicher Eindruck ist, dass wenn man etwas über den Linux-Kernel oder über nightly-build lernen möchte bei Debian falsch ist. Man sollte sich lieber mit den ArchLinux Leuten oder mit Fedora unterhalten. Wer jedoch wissen möchte, dass uns die Regierung aussspioniert, dass die Banken die Macht übernommen haben und das die Area 51 existiert, der sollte die Debconf besuchen. In Sachen Counter-Culture macht ihnen niemand etwas vor.

APPELBAUM VS TORVALDS
Um zu verstehen, wie Debian funktioniert muss man zwei Vorträge miteinander vergleichen. Einmal die Q&A Session auf der Debconf14 mit Linus Torvalds und einmal der Vortrag von Jacob Appelbaum auf der Debconf15 zum Film Citizenfour. Der Autritt von Linus Torvalds war der absolute Reinfall. Im Grunde hat der dicke Torvalds nichts anderes gemacht als die Debian Community von vorne bis hinten zu beleidigen und sie hätten ihn am liebsten gelyncht wenn er nicht der Kernel Entwickler gewesen wäre. Auch die Fragen an Torvalds wirkten betont höflich. Im Gegensatz dazu war der Vortrag von Appelbaum ein voller Erfolg. Nicht nur, dass die Leute an seinen Lippen hangen, sondern im Publikum gingen auch die Finger hoch weil sie echt etwas wissen wollten.

Natürlich kann man jetzt darüber philosophieren wiso bei einer Linux-Distribution die technische Seite offenbar niemanden interessiert und gesellschaftliche Aspekte so eine Rolle spielen. Und vielleicht läuft da bei Debian aus diesem Grund auch grundlegend etwas in die falsche Richtung. Aber, auf der anderen Seite kann man das auch einfach als Ist-Zustand akzeptieren. Mit diesem Hintergrundwissen kann man auch viel besser den Streit um Systemd verstehen. Wenn man in den Foren nachschaut wird man entdecken, dass Systemd vor allem deshalb nicht erwünscht war, weil dahinter ein Komplott der NSA vermutet wurde. Die Perspektive von Lennart Poettering, dass ein Expertensystem bestehend aus Software von allein entscheidet welcher Dienst gestartet wird hat bei der Debian-Community Gefühle der Ohnmacht gegenüber der Technik ausgelöst. Systemd ist das genaue Gegenteil von sozialer Verantwortung.

Gehen wir nochmal zurück zum Appelbaum Vortrag „Citizenfour“. Ab Zeitindex 12:00 fängt er an seinen Zuhörern zu erzählen, dass man Betriebssysteme verschlüsseln muss und das man Tor out-of-the-box verwenden muss. Im Publikum gibt es bestätigendes Kopfnicken, Appelbaum hat seiner Gemeinde aus der Seele gesprochen. Weiterhin wird ein Zusammenhang aufgebaut zwischen FreeSoftware einerseits und einer besseren Welt. Das man also FreeSoftware einsetzt um Dissidenten zu beschützen. Auch hier wieder Kopfnicken im Publikum. Interessant ist auch die Verschwörungstheorie wonach die NSA Leute bezahlt welche die Debian Community unterwandern sollen. So ähnlich wie auch andere soziale Gruppen von der Regierung unterwandert werden.

NEOLUDDITEN
Neoludditen hinterfragen kritisch die gesellschaftlichen Auswirkungen von Technologie. Debian ist eine Neoludditen-Bewegung. Dort lehnt man Technologie grundsätzlich ab und orientiert sich stattdessen an naturverbundenen religiösen Bewegungen. Das heißt konkret, dass man lieber auf den Einsatz von moderner Technologie verzicht zugunsten einer gesunden Umwelt. Themen wie Weltfrieden, Bekämpfung der Armut und ziviler Widerstand sind bei Debian keineswegs offtopic-Themen.

Vielleicht wird hierdurch klar, was die Debian-Community den ganzen Tag so treibt. Keineswegs patchen sie den Linux-Kernel oder maintainen Software, sondern die Hauptbeschäftigung von Debian-Developern besteht darin, sich eine ethische Haltung zu erarbeiten die kritisch gegenber der Politik der US-Regierung ist.

Diese Erkenntnis ist deshalb so brisant weil ursprünglich Unix und Linux einmal als Counter-Culture gestartet sind. Zur Erinnerung sei gesagt, dass Debian GNU/Linux die Haus&Hof Distribution von Richard Stallman war, und daher den Anspruch vertraut die einzig wahre Distribution zu verkörpern. Aber die Zeit ist heute eine andere. In der Gegenwart des Jahres 2016 wird der Upstream verkörpert durch Firmen wie Redhat, Intel und die US-Regierung wo die eigentliche Software entwickelt wird, während die Debian-Community mit Softwareentwicklung selbst nicht mehr viel zu tun hat, sondern sich überwiegend politisch engagiert durch Vorträge, Vereinsbarkeit und internationales Engagegement. Ich glaube nicht, dass man das werten sollte im eines besser/schlechter sondern vielmehr handelt es sich einen Ist-Zustand der sich herausgebildet hat. Es macht keinen Sinn wenn man Torvalds vorwürft, er würde sich nicht genug gegen Überwachung einsetzen, genauso wenig macht es Sinn Debian vorzuwerfen, keinen Beitrag zu leisten zur Linux-Kernel-Programmierung.

Was im Laufe der letzten Jahrzehnte stattgefunden hat war eine Akzentverschiebung. Die reine Arbeit an Linux (also das Programmieren in C/C++) wird heute von Intel und anderen Firmen gemacht. Damit ist Linux ein Produkt des militärisch-industriellen Komplex das dazu eingesetzt wird, die US-Army bei ihren Kriegen zu unterstützen, die Bürger durch die NSA auszuspionieren und als Echtzeitbetriebssystem Drohnen zu steuern. Auf der anderen Seite haben sich neue soziale Bewegungen entwickelt wie der Chaos Computer Club, Debian und Ubuntu, wo keinerlei Softwareentwicklung stattfindet und man sich um eher um weiche Themen kümmert wie z.B. Internetversorgung in dritte Welt Ländern, Benachteiligung von Frauen, Soziale Projekte und Konsumentenschutz.

Wer glaubt, das alles könnte man unter dem Begriff Linux subsummieren und das alle in die selbe Richtung laufen der irrt. Vielmehr hat sich Linux aufgeteilt in zwei gegensätzliche Strömungen. Einmal einen technokratischen Bereich der von Linus Torvalds verkörpert wird wo Politik bewusst ignoriert wird einmal einen sozialen Part der von Ubuntu und Debian verkörpert wird, wo man sich gar nicht oder nur oberflächlich mit der eigentlichen Software beschäftigt und lieber sich von Mensch zu Mensch unterhält. Und beide Seite kann man kritisieren. Intel und Linus Torvalds müssen sich zurecht die Frage gefallen lassen, was ihre Arbeit noch mit freier Software zu tun hat, während Debian sich fragen lassen muss, was sie eigentlich noch an Computer und Technologie interessiert.

MARC SHUTTLEWORTH
Auf der Debconf 2005 hat Marc Shuttleworth einen Vortrag auf der Debconf gehalten und zwar über Ubuntu. Allerdings war es kein technicher Vortrag sondern Shuttleworth hat darüber berichtet, wie seine Foundation die Bildung in der dritten Welt vorantreibt, wie man OpenSource einsetzen kann um Menschen zu begeistern und wie man die Welt ein klein wenig besser machen kann. Wie will man diesen Vortrag bewerten? Macht es Sinn ihn mit Maßstäben eines Linus Torvalds zu bewerten? Nein, man muss diesen Vortrag so einstufen wie er gedacht war, als ein gesellschaftlich/ethischen Vortrag und auf diesem Gebiet war es ein sehr guter Vortrag.

Programmieren kann Shuttleworth vermutlich nicht, man hatte eher dem Eindruck einem English-Lehrer gegenüberzustehen der gut mit Menschen kommunizieren kann. Aber ist das etwas schlechtes? Vielmehr kann man Ubuntu und Debian als eine Art von Marketing-Aushängeschild für freie Software verstehen. Wo losgelöst von dem eigentlichen Softwarengineering die Bedeutung für die Gesellschaft betont wird.

Wenn man Shuttleworth genau zuhört, so will er keineswegs die Softwareentwicklung revolutionieren oder mit Torvalds über bessere Dateisysteme streiten, sondern was Shuttleworth möchte ist es, die Prihzipien aus der OpenSource Szene für gesellschaftliche Themen zu adaptieren.

Wie bereits erwähnt stammt dieser Vortrag aus dem Jahr 2002, und was Shuttleworth vorgeschlagen hat, lag damals in der Luft. Auch andere Leute haben damals darüber nachgedacht wie man OpenSource in die Gesellschaft tragen kann. Interessanterweise ist fast zur gleichen Zeit eine neue Linux-Distribution entstanden und zwar ArchLinux. Es handelt sich dabei um eine One-Person-Distribution die später auf eine Miniteam von 25 Personen erhöht wurde und die man als Gegenentwurf zu Ubuntu bezeichnen darf. ArchLinux hat keinerlei gesellschaftspolitische Ambitionen sondern versucht sich allein auf die Software als solche zu konzentrieren.

Man kann die unterschiedlichen Philosophien so beschreiben dass Shuttleworth und Debian integrativ arbeitet, also alle Leute mit einbezieht und das Ziel hat möglichst viele Anhänger zu gewinnen, während die Upstream Softwareentwicklung rund um Torvalds, Intel und Gnome eher mit sehr wenig Leuten arbeiten und möglichst viele Leute vom Entwicklungsprozess ausschließt.

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