Technikkritik ist wie eine gute Freundin

Wie sich dieses Weblog „Trollheaven“ selbst versteht, wurde in mehrere Ausgaben (es sind schon über 16 erschienen) umfangreich erläutert. Und zwar wird angestrebt, Robotik zu realisieren, Sourcecode zu liefern und Künstliche Intelligenz voranzubringen. Die zentrale Frage lautet: wie baut man intelligente Maschinen? Teilweise wurde darauf eine Antwort gegeben, teilweise noch nicht. Was man aber festhalten kann, ist dass es keinerlei Zweifel daran gibt, ob diese Robotik wünschenswert ist. Vielmehr geht es um die Technik als solche die losgelöst betrachtet wird, von Gesellschaft und an sich als erstrebenswert bezeichnet wird. Auf den ersten Blick ist dieser Ansatz nicht kompatibel mit Technikkritik, wo genau diese Haltung als etwas schlechtes bezeichnet wird. Aber muss man beides als Gegensatz begreifen?

Im Grunde geht es um die Frage mit welcher Community man über die Realisierung von Robotern diskutieren möchte. Entweder mit Leuten, die ebenfalls die Welt voranbringen wollen (also Robotik-Experten, Zukunftsforscher, Erfinder, Programmierer). pder mit dem Gegenteil. Das Problem mit den Robotik-Experten ist, dass sie es gegenwärtig noch gar nicht gibt. Niemand auf der Welt kann sagen, wie man einen Roboter baut. Es gibt zwar einige Forschungen in diese Richtung, aber diese ist so zerklüftet und häufig inkompatibel so dass Vernetzung nicht funktioniert. Beispielsweise ist DeepLearning als auch PDDL beides dazu gedacht, um Roboter zu realisieren und beides gilt als fortschrittlich, nur haben sich Leute die auf diesen Gebieten forschen untereinander nicht viel zu sagen. Ein Diskurs findet praktisch nicht statt. Es macht deshalb keinen Sinn, eine Community zu gründen oder eine zu suchen, die sich mit Robotik beschäftigt, jedenfalls nicht wenn man an einer breiten Herangehensweise interessiert ist. Darum schauen wir uns doch etwas näher dort um wo das genaue Gegenteil von Technikeuphorie zu treffen ist, und zwar bei den Geisteswissenschaft wo Technikkritik formuliert wird. Dieser Bereich zeichnet sich dadurch aus, dass die Leute sich etwas zu erzählen haben, dass man eine lange Tradition besitzt und dass man offen ist für neue Mitglieder. Zwar geht es innerhalb der Technikkritik nicht nur um Roboter aber das macht nichts. Auch Analysen über Kernkraftwerke, Otto-Motoren, Automatisierung, Medien oder Lernen kann man unter dem Aspekt der Künstlichen intelligenz betrachten. Man darf sagen, dass Technikkritik der bessere Ausgangspunkt ist um über Robotik zu philosophieren, selbst wenn man nur programmieren möchte.

Und noch etwas an Technikkritik ist interessant. Das kulturelle Zentrum findet sich in Deutschland. Hier gibt es die meisten und die besten Forscher auf diesem Gebiet. Deutschland war sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart führend wenn es darum geht, die Nachteile von Technologie herauszustellen, Technikangst zu formulieren und das ganze in Beziehung zu setzen zur Kulturgeschichte. Deutschland wird von allen anderen Ländern auf diesem Gebiet als das weltweit führende Land anerkannt. Warum also nicht den Diskurs auf Deutsch führen? Wie gesagt, es geht weniger um die Frage, welchen Nutzen Roboter für die Menschheit haben werden, sondern es geht darum zu zeigen, dass ihre Entwicklung gefährlich ist, dass durch Innovation das schöne und wahre vernichtet wird, dass uns die Maschinen alle ins Unglück stürzen und dass bereits die Erfindung der Schrift ein Irrweg war und es seitdem nur noch bergab ging.

Anfangs war ich etwas skeptisch ob so ein Umfeld der richtige Ort ist, um Künstliche Intelligenz und Robotik voranzubringen, aber ich glaube er ist es. Das Ding ist, dass man als Technik-Prophet nicht gänzlich offtopic ist, sondern nur eine Außenseiterrolle einnimmt innerhalb der Technikkritik. Es ist eine gültige Haltung unter vielen wenn man nicht über Dinge philosophiert, sondern auch gleich noch den passenden Python Quellcode schreibt und den Roboter einschaltet. Und wenn die Maschine erstmal läuft und anfängt die Weltherschaft an sich zu reißen kann man dann schön gemütlich darüber philosophieren dass die Welt am Abgrund steht und dass es keinen Fortschritt gibt.

Überlegen wird dochmal wie es andersherum wäre. Angenommen man hat ein Forum wo über Advanced Robotics diskutiert wird. Ein gutes Beispiel dafür ist Robotics Stackexchange. Sind in diesem Forum Technikkritiker willkommen die etwas über Heidegger erzählen wollen? Wohl kaum, wer es dennoch wagt hat ganz schlechte Karten. Weil es ja explizit um Technik und nicht um Vorbehalte dazu geht. Andersherum werden Robotik-Experten bei den Geisteswissenschaften herzlich empfangen weil da endlich mal jemand ist, über den man sich erheben kann. Es ist ja gerade das explizite Ziel der Geisteswissenschaft die Deutungshoheit über Technik zu erlangen. Man grenzt sich dort nicht nach Außen ab, sondern bewertet die Außenwelt. Damit will ich sagen, dass Technikkritik innerhalb von Robotik keinen Sinn macht, Robotik innerhalb von Technikkritik hingegen schon.

ABGRENZUNG
Normalerweise würde man Denken, dass man sich Roboterprogrammierer gegenüber Technikkritikern abgrenzen müsste. Weil es eben nicht darum geht zu, einen geisteswissenschaftlichen Diskurs zu führen und gesellschaftliche Risiken abzuwägen, sondern darum, Software zu erstellen. Aber muss man sich wirklich abgrenzen? Was ist falsch daran, auf einer Tagung wo die Leute Angst haben vor Computern, einen Roboter mitzubringen und zu erläutern wie er funktioniert? Eigentlich ist das doch das perfekte Publikum: es ist intelligent, kritisch und interessiert. Was gibt es schöneres?

Was aber noch wichtiger ist, ist die Tatsache, dass von den Geisteswissenschaften durchaus interessanter Input kommt. Selbst wenn er nichts mit Informatik zu tun hat, sondern aus einer anderen Tradition entstammt. Man lernt dadurch die Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Hat also nicht nur Leute die etwas bauen wollen, sondern Leute denen das nicht gefällt. Ich würde sogar soweit gehen und behaupten, dass man sich zur Technikkritik gar nicht abgrenzen kann, selbst wenn man eine positive Einstellung zu Computern besitzt. Denn es ist Allgemeinwissen, dass Maschinen und insbesondere Künstliche Intelligenz etwas schlechtes ist. Das ganze führt die Menschheit ins Verderben. So war es mit der Kernkraft, so war es mit dem Schießpulver und so wird es auch mit den Robotern sein.

TROLLING
Das schönste habe ich bis zum Schluss aufgesparrt. Wenn man als Robotik-Experte mit Technikkritikern diskutiert ist man immer in der besseren Ausgangsposition. Die Gemeinsamkeit der Geisteswissenschaftler ist, dass sie nicht wirklich wissen wie Robotik funktioniert oder wie man Computer programmiert. Es sind Programmier-Analphabeten die sich ihre Argumente aus Büchern holen nicht jedoch aus einem tieferen Verständnis mit der Technik. Egal welches Argument sie über Computer haben mögen, man selbst kann es leicht wiederlegen. Es ist damit außerordentlich leicht und befriedigend einen Diskurs zu führen. Man wird ihn automatisch gewinnen. Denn am Ende ist es eben so, dass alles was in den Geisteswissenschaften diskutiert wird, hinfällig wird, wenn sich die Technik weiterentwickelt. All das was Neil Postman über das Fernsehen gesagt hat, ist heute veraltet. Denn Youtube hat das Fernsehen neu definiert. Letztlich waren es also nicht die Geisteswissenschaftler welche den Diskurs dominierten sondern es waren die Leute, welche MPEG2 erfunden haben, Webserver aufgesetzt haben und das Breitband Internet gebaut haben.

Von moderner Technik wird häufig behauptet, ihre Halbwertzeit wäre gering. Die Wahrheit ist, dass das Internet von der Technik her seit vielen Jahrzehnten konstant ist, nur die Geisteswissenschaften mussten sich während dieser Zeit immer auf neue Debatte einlassen um es zu verstehen. Wirklich umlernen muss nicht die Informatik, sondern deren Kritiker.

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