SEO im universitären Umfeld


In Sachen Internetkommunikation gibt es eine interessante Spannungslage. Zunächst einmal ist das Internet eine universitäre Erfindung, es wurde ursprünglich entwickelt als ein Preprint Archiv im CERN damit sich Physiker besser austauschen können. Bis heute überlegt die Wissenschaft intensiv wie der Diskurs verbessert werden kann. Erst in jüngerer Zeit wurde die Vision der 1990’er umgesetzt und man hat sich daran gemacht, Archive wie Arxiv zu gründen. Der Trend geht zu mehr Interaktion in der Forschung, wo also Paper nicht nur einfach auf einen Server hochgeladen werden sondern auch kommentiert werden. Erste Wissenschaftsblog gibt es zwar, das ist aber nicht ausreichend.

Parallel dazu (und ohne größere Überschneidung) hat sich im Internet eine Bewegung entwickelt die heute als SEO bezeichnet wird, und das Internet primär als Geldmaschine betrachtet. Die SEO Branche entstammt nicht dem universitären Umfeld sondern ist im Business beheimatet. Dort hat man eine gänzlich andere Herangehensweise. Man hat relativ früh angefangen das Internet als Marktplatz zu begreifen, über Zahlungssysteme nachgedacht und sich mit Internet-Werbung beschäftigt.

Das interessante ist, dass beides (Universitäten vs. SEO) nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun haben. Gleichzeitig können sie jedoch voneinander lernen, weil beide von Kommunikation leben. Vielleicht ein Beispiel: Einerseits kann man Wikipedia als Bildungsserver verstehen, was sich in Tradition von Diderot versteht und Aufklärung betreibt. Demzufolge sachlich geht es dort zu. Man kann Wikipedia aber auch Sicht von SEO betrachten. Dann geht es weniger darum, was in einem Artikel geschrieben steht sondern es geht um Backlinks und Traffic, also wieviel Wikipedia User man auf den eigenen Shop umleiten kann. Noch ein zweites Beispiel: viele Universitäten haben angefangen, kleine Blogs einzurichten wo sich der Fachschaftsrat koordiniert, oder der Professor mit seinen Studenten kommuniziert. Häufig gibt es das Problem, dass der Traffic dort zu niedrig ist, un die Foren verwaist sind. Wenn man das ganze jedoch aus Sicht von SEO betrachtet ist das kein Problem, sondern eine Grundlage um darauf aufbauend Marketing zu betreiben. Beispielsweise besteht eine Backlink Strategie darin, dass man sich gezielt universitäre Blogs aussucht, dort einen halbwegs fundierten Kommentar schreibt mit dem Ziel Werbung für eine andere Webseite zu machen. Wenn es gelingt den Link zu platzieren wird dies von Google mit einem hohen Pagerank belohnt, weil Google unterstellt dass alle Webseiten aus dem Education Bereich hochwertig sind.

Was kann man daraus lernen? Primär kann man daraus lernen, dass sich universitäre Ziele und SEO Ziele überschneiden, widersprechen oder ergänzen, das sie aber in jedem Fall in einem Spannungsverhältnis zueinender stehen. Das hat weniger etwas damit zu tun, dass sich die Seiten nicht verstehen würden. Ganz im Gegenteil, wenn man als Wikipedia Admin sieht, wie irgendeine dubiose SEO Sockenpuppe einen Link setzt, dann weiß man nur zugut was das Ziel ist. Umgekehrt wissen die SEO Experten nur zugenau, warum ein bestimmtes Blog keinen Traffic hat und was man dagegen tun könnte. Die Frage ist im Detail immer, ob man etwas dagegen / dafür unternehmen möchte. Es findet also eine Art von Aushandlungsprozess statt, bei der jede Seite gewisse Mechanismen entwickelt hat die eigenen Ziele zu verteidigen.

Das wird in Zukunft dazu führen, dass die universitäre Kommunikation niedrigschwelliger abläuft, also sich mehr an Facebook und Youtube orientiert, während die SEO Branche professioneller wird, sich also mehr an Content und Wissenschaft ausrichtet. Beide Seiten rüsten auf.

Ein perfektes Beispiel wo universitäre und SEO Kommunikation verschwimmen ist „iTunes U“, ein Podcast Verzeichnis von Apple. Aus Sicht der Universitäten handelt es sich um ein zentrales Angebot um Videovorlesungen hochzuladen und so die Lehre zu verbessern. Auch Sicht von SEO Firmen ist iTunes U eine Möglichkeit, um Backlinks zu platzieren für Werbung, Shops oder was auch immer.

TEXTE SCHREIBEN
Sowohl aus Sicht der Wissenschaft als auch aus Sicht von SEO gibt es Herausforderungen zu bewältigen. Die Wissenschaft kämpft mit dem Problem, dass sie nicht verstanden wird. Jedenfalls nicht von der breiten Öffentlichkeit. Die meisten Forscher sind keine guten Erzähler, sie können ihre Forschung nicht verständlich darlegen. Bei Leuten die sich mit SEO beschäftigen gibt es häufig das genaue Gegenteil zu beobachten. Ihre Sprache wird sofort verstanden, sie haben sich darauf spezialisiert Aussagen simpel und suggestiv zu formulieren. Teilweise kommt Werbung komplett ohne Text aus sondern ist rein bildgetrieben. Wenn jetzt die eine Seite versucht bei der anderen zu „wildern“, ergeben sich interessante Aufgaben. Wenn beispielsweise ein SEO Texter der normalerweise Kaffeemaschinen bewirbt, versucht einen Text bei Wikipedia unterzubringen (inkl. Backlinks) ist das erstmal nicht sein orginäres Fachgebiet. Es ist zwar Offpage-SEO, aber keine die häufig betrieben wird. Umgekehrt steht ein Wissenschaftler erstmal vor einer Herausforderung wenn er kein 8 Seiten LaTeX PDF erstellen soll was sich an Kollegen richtet, sondern einen affirmativen Text, der die Leute dazu bringen soll, dass eine bestimmte Theorie zu glauben / abzukaufen. Auch hier ist das etwas, was normalerweise nicht üblich ist. Aber genau dieses Herauslehnen aus dem eigenen Metier ist die Zukunft. Wenn also SEO Leute anfangen für Arxiv zu schreiben und wenn Wissenschaftler anfangen in einem Blog zu schreiben dann entsteht Fortschritt.

BEISPIEL BLOGS
Wenn man einmal nach konkreten Blogs mit Uni-Bezug sucht wird man feststellen, dass sie Auswahl klein ist, aber es gibt einige Beispiele. Was inzwischen fast alle Universitäten haben sind Intranet-Moodle-Installationen auf denen Vorlesungen verwaltet werden. Leider ist der Zugang nur mit Passwort möglich, es handelt sich um geschlossene Gruppen auch als DeepWeb bezeichnet. Google wird vermutlich das Passwort kennen und diese Seiten indiziert haben, als Normaluser kann man dort jedoch weder lesen noch schreiben.

Was es dann noch gibt, sind Blogs welche von kommerziellen Wissenschaftsverlagen eingerichtet werden. Meist soll damit Werbung gemacht werden für den Verlag. Als Beispiel ist zu nennen:
http://scienceblogs.de/
http://scilogs.spektrum.de/

Anders als die Intranet-Moodle Installationen sind diese Blogs öffentlich zugänglich. Und es gibt unter jedem Artikel auch eine reichhaltige Diskussionskultur. Das schöne dort ist, dass das Niveau niedriger ist, als man es normalerweise von universitärer Forschung gewohnt ist. Der Grund ist, dass eben nicht nur Fachexperten einen Kommentar hinterlassen dürfen sondern jeder.

Was es noch relativ häufig gibt, sind Blogs von Studierenden, die über sich und ihr Studium berichten. Diese richten sich ebenfalls an die Öffentlichkeit und man kann auch dort kommentieren. Im Regelfall ist es eine Mischung aus Beschreibung des Studienalltags in einem bestimmten Fach, Eigenwerbung für den späteren Arbeitgeber und Mitschriftensammlung. Ohne jetzt die Details des pagerank-Algorithmus von Google zu kennen, ist anzunehmen das solche Blogs höher gerankt werden, als normale Blogs.

BACKLINKS ZU WIKIPEDIA
Spannend ist zu lesen, wie sich SEO Leute daran versuchen, bei Wikipedia einen Backlink zu ergattern http://www.seo-handbuch.de/suchmaschinen-suchmaschinenoptimierung/trustlinks-so-bekommt-man-einen-wikipedia-link Es ist deshalb spannend, weil sie offenbar mit Wikipedia und dem dortigen Reviewsystem vertraut sind, ihnen also klar ist, dass es nicht ganz einfach ist. Entsprechend hinterlistig lesen sich dann auch die Tipps. Einer davon besteht aus mehereren Schritten, die für sich sehr aufwendig sind: Zuerst wird recherchiert welche Informationen in der deutschen Wikipedia fehlen, in der englischen aber drinstehen. Dann legt man eine neue Webseite an die sich mit diesen fehlenden Informationen beschäftigt (auf Deutsch natürlich). Diese Webseite enthält zunächst keine Werbung. Jetzt ergänzt man bei der deutschen Wikipedia die fehlenden Informationen, ohne jedoch einen Link einzufügen. Dann mit etwas warten, wenn sich das Thema gesetzt hat, ergänzt man den Link. Dann wartet man wieder eine Weile und schaltet auf der Webseite die Werbung frei. Voila! Ein Backlink wurde erstellt.

Das ganze dürfte in der Praxis ziemlich aufwendig sein. Aber offenbar gibt es einige SEO Leute die sich darauf spezialisiert haben. Das interessante an der Strategie ist, dass sie darauf abzielt nicht als Spam detektiert zu werden, also unterhalb des Radars zu bleiben aber dennoch einen Backlink zu setzen. In der Praxis dürfte das für Wikipedia dazu führen, dass dort jemand sinnvollen Content ergänzt und diesen mit Quellen anreichert. Für beide Seite eine gute Sache.

Ungefähr das meinte ich weiter oben damit, dass sich SEO und Wissenschaft gegenseitig annähern. Wenn man auf Wikipedia Backlinks setzen möchte, muss man im Grunde Wissenschaftler spielen. Ob das dann noch klassisches Backlink Spamming ist, oder nicht in Wahrheit einfach ein guter Beitrag für Wikipedia ist, das ist die Frage. Vermutlich wird man auch bei Wikipedia diese Tricks kennen und das entweder verhindern oder die Hürde höher setzen. Es kommt zu einem „Arms Race“, bei dem einerseits die Qualitätskriterien bei Wikipedia steigen, gleichzeitig die SEO Branche sich noch mehr anstrengt um diese Hürde zu meistern.

Das ganze ist vergleichbar mit einem Wettrennen zwischen Virenschreibern und Antivirenherstellern. Auch dort ist seit Jahren eine Steigerung erkennbar: die Viren werden komplexer, die Antivirenprodukte werden ebenfalls komplexer. Es ist zu kurz gegriffen einfach zu sagen, das Viren etwas schlechtes sind, oder SEO etwas schlechtes ist. Vielmehr sollte man sich klarmachen, dass so ein Rüstungswettlauf existiert, dass da also zwei Akteure sind, die gegeneinander spielen und bestimmte Ziele erreichen wollen. Das interessante ist, dass beide Akteure aufeinander bezogen sind, und dass häufig nicht klar ist, wer die guten und wer die bösen sind.

SEO als Wissenschaftsmachine
Aus dem letzten Abschnitt haben wir gelernt, dass sich die SEO Branche selbst vor Wikipedia nicht zurückschreckt. Es gibt sogar Youtube Videos mit dem Titel „Wikipedia Backlinks“ wo das ganze erläutert wird. Das interessante an diesen Videos ist, dass sie auch für Leute interessant sind, die kein SEO betreiben, sondern einfach nur bei Wikipedia mitarbeiten wollen. Normalerweise hat Wikipedia das Grundproblem, dass die Hürde relativ hoch ist. Es werden dort wissenschaftliche Standards angelegt die nicht jeder auf Anhieb erfüllt. Im Grunde kann man die Videos als ein Tutorial betrachten bei dem sehr viele Informationen in kurzer Zeit vermittelt werden. So eine Art von „Wikipedia Autor werden in 10 Minuten“. Natürlich wissen wir alle, dass es so leicht nicht ist. Manche Leute brachen Jahre, bis sie bei Wikipedia einen sinnvollen Text schreiben können, aber zumindest ist der Versuch lobenswert.

Diese Videos sind meist 10 Minuten lang. Natürlich ist das viel zu kurz um die Grundlagen zu vermitteln. Und ich wage zu bezweifeln, dass man darin erläutern kann, wie man Textquellen recherchiert, wie man wissenschaftlich arbeitet und wie man tief genug in ein THema einsteigt um es zu wikifizieren. Aber der Mut sollte gewürdigt werden, sich an solchen Videos zu versuchen. Da es relativ viele davon gibt, ist anzunehmen, dass da einige SEO Leute gute Erfahrungen mit gemacht haben. Ist womöglich Wikipedia längst zu einer Spam-Schleuder verkommen, wo die SEO Branche die Inhalte beeinflusst?

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