ResearchGate vs. Academia.edu


Beide Plattformen für wissenschaftliches Publizieren sind im Jahr 2008 gestaret worden. Informationen findet man über diese Unternehmen nur teilweise:

– ReseachGate: Hauptsitz in Berlin, 11 Mio Mitglieder, 20 Mitarbeiter
– Academia.edu: Hauptsitz USA, 16 Mio Paper, 50 Mio Mitglieder, 20 Mitarbeiter

Ob diese Zahlen korrekt sind kann man nicht überprüfen. Es gab eine seriöse Untersuchung wonach bei Academia.edu nur ein kleiner Teil aller Nutzer überhaupt ein Paper hochgeladen hat. Wenn man jedoch über Google Scholar einmal gezielt nach Papern bei jeweils einer bestimmten Plattform sucht, so findet man so einige, so dass vermutlich beide Plattformen eine stattliche Anzahl davon besitzen und folglich auch eine hohe Zahl von Usern haben. Die spannende Frage ist jetzt: wer ist besser?

Wichtigster Unterschied ist, dass ResearchGate Facebook nachempfunden ist. Neben der Uploadfunktion von PDF Papern gibt es noch viele weitere Extras, wie das man Projekte anlegen kann und dass man an Diskussionen teilnehmen kann. Academia.edu versteht sich zwar ebenfalls als Social Network, doch im wesentlichen beschränkt sich dort der Funktionsumfang auf das Upload von Papern. Rein theoretisch gibt es zwar auch dort einen Follow Button, und die Möglichkeit private Nachrichten zu versenden, aber irgendwer nutzen tut dieses Feature nicht.

Die Frage ist jetzt: wie sieht eine ideale Plattform aus? So wie ResearchGate oder eher so wie Academia.edu? Gehen wir dazu ins Detail und schauen uns am Beispiel Robotics näher an, wie eine Diskussion bei ResearchGate in der Praxis aussieht. Unter https://www.researchgate.net/post/Which_algorithm_is_used_for_path_planning_in_case_of_scara_robot_Is_it_in_task_space_or_in_the_joint_space

wurde Gebrauch gemacht von der Möglichkeit eine Frage zu stellen. Ein Wissenschaftler formuliert sehr knapp was sein Problem ist. Scrollt man etwas herunter finden sich darauf 7 Antworten, die ebenfalls sehr kurz sind. Meist in 2-3 Sätzen, manchmal auch mit einem Link. Diese Möglichkeit gibt es bei Academia.edu nicht. Zwar ist einem Video erklärt dass man auch dort Fragen stellen kann, zumindest in meinem Account ist diese Funktion aber nicht vorhanden gewesen. Jetzt lautet die spannende Frage: ist das was bei ResearchGate geboten wurde, die Zukunft der wissenschaftlichen Kommunikation oder nicht?

Antwort: Nein. Um das näher zu begründen nochmals auf die konkreten Details. Der Fragesteller möchte wissen wie ein pathplanning Algorithmus für einen Scara Roboter aussieht. Er benötigt für diese Frage exakt 2 Fragesätze, es ist eher ein Twitterpost als eine komplette Frage. Würde so eine Frage in einem Roboterforum wie Robotics.stackexchange gepostet werden, würde sie nach spätestens 1 Stunde von einem der Moderatoren auf Hold gesetzt werden, weil sie zu kurz ist und der Bereich aus dem die Antwort kommen kann, viel zu umfangreich ist, als dass sich daraus eine spannende Diskussion ergeben würde. Schauen wir dochmal wie die Community bei ResearchGate mit dieser Herausforderung umgeht. Antwort Nummer 1 empfielt den RRT Algorithmus. Das ist eine gute Antwort, würde ich vermutlich auch antworten. Antwort 2 empfielt ebenfalls RRT ergänzt aber. dass auch PRM möglich wäre. Antwort 3 ist eine Nachfrage, ob der OP im 2D oder im 3D Raum operiert. Die nächste Antwort geht auf mögliche Probleme ein, wie Vibrationen und jerks und der letzte Antwortgeber gibt dann Butter bei die Fische und postet einen Link zu einem Paper welches auf Researchgate gehostet ist sowie 3 Youtube-Links. Auch Sicht von Robotics.Stackexchange sind solche one-line-Answers hoch problematisch weil sie keine Informationen vermitteln sondern nichtssagend sind. Im schlimmsten Fall ist der Link nach 2 Wochen schon broken und dann sinkt der Informationsgehalt auf Null.

Normalerweise bin ich kein Freund von Robotics.Stackexchange weil man mich dort in letzter Zeit regelmäßig mit Minus-Punkten abstraft und unter meine Antworten gehässige Kommentare schreibt. Aber in diesem Fall muss ich Robotics.Stackexchange wohl recht geben. Derart kurze Antworten wie sie bei ResearchGate üblich sind, machen keinen Sinn. Einen Moderater gibt es auch keinen, und so fragt man sich wie die Roboterbauer es schaffen in weniger als 2 Sätzen sich über ein so hochkomplexes Thema wie pathplanning eines Scara Roboters auszutauschen. Schaut man mal in Foren die sich mit Alltagsthemen beschäftigen, so brauchen die Leute dort für eine Diskussion ob man im Sommer lieber Turnschuhe oder Badelatschen anziehen sollte, deutlich mehr Platz um all die Pro und Contra Argumente unterzubringen. Das heißt, ich zweifel an, dass die oben zitierte ResearchGate Diskussion wirklich ein Beitrag zum Thema war. Schauen wir uns noch einen weiteren Thread an, https://www.researchgate.net/post/How_do_I_represent_input_variables_for_artificial_neural_network_design Diesmal geht es um neuronale Netze. Dort ist sowohl die Frage als auch die Antwort deutlich umfangreicher. Einige Antworten bestehen aus mehreren Absätzen, die noch untergliedert sind. Am Ende findet sich eine noch Ansammlung von verlinkten PDF Dokumenten die das Thema näher ausführen. Dieser Thread macht schon eher einen produktiven Eindruck.

Fazit: Derzeit ist unklar ob ResearchGate oder Academia.edu das bessere Portal ist. Es gibt zwar bei ResearchGate ein Plattform-internes Forum worin sich nützliche Informationen finden lassen, die in normalen PDF Papern nicht enthalten sind, es ist jedoch unklar ob sowas zwingend nötig ist oder nur ein Add-on darstellt und man stattdessen auf normalen Webforen besser aufgehoben ist. Genau genommen geht es also um die Frage, ob ein wissenschaftliches Soziales Netz eine All-Inklusive Plattform sein soll, wo von PDF Hosting, Diskussionen, Lebenslauf und Videoupload alles möglich ist (also ein zweites Facebook) oder ob man sich lieber auf das PDF Hosting beschränken sollten, und den Rest außerhalb abwickeln sollte.

Schaut man sich die Manpower an, welche die Unternehmen ResearchGate und Academia.edu bereitstellen (es sind jeweils rund 20 Mitarbeiter mit PHP Programmierung, Serverwartung und Marketing beschäftigt) würde ich eher zum Academia.edu Modell raten, weil dort die Aufgabe überschaubar ist und es reicht wenn man den PDF Upload perfektioniert und darauf seine Kräfte fokussiert. Bei ResearchGate besteht die Gefahr, dass sie versuchen könnten mit ihren 20 Leuten das zu kopieren wofür Facebook 12000 Mitarbeiter benötigt. Das dürfte kräftig scheitern.

Es gibt aber auch eine gute Nachricht. Und zwar unterscheiden sich ResearchGate und Academia.edu stark. Die Plattform sieht komplett anders aus, die Philosophie ist eine andere und auch die CEOs sind sehr unterschiedlich. Und beide Unternehmen versuchen im Markt für wissenschaftliches Publizieren Fuß zu fassen. Dadurch dass sich die Plattformen so stark unterscheiden werden sie vermutlich auch ihre Nutzer polarisieren, so dass man in Zukunft vermutlich leichter sagen kann, welcher Ansatz einem persönlich mehr gefällt. Es wäre sogar möglich, dass beide Konzepte gleichzeitig sich behaupten können, dass sie also nebeneinanderher arbeiten und verschiedene Segmente bedienen. Man kann sogar noch mehr sagen: offenbar werden über Academia.edu vs. ResearchGate Stellvertreterkriege ausgefochten. Bei Academia.edu ist Marc Shuttleworth finanziell beteilitgt und repräsentiert das Linux Lager, während bei ResearchGate Bill Gates als Vertreter der closedsource Software involviert ist.

Nehmen wir mal an, man betrachtet ResearchGate und Academia.edu als Einheit, dann besteht die Gemeinsamkeit darin dass man auf beiden Portalen PDF Paper aus dem wissenschaftlichen Bereich hochladen kann und sich damit die extrem hohen Gebühren sparen kann um in einem OpenAccess Journal von Elsevier zu publizieren. Nature hat gerade wieder die Preise erhöht und möchte jetzt 7000 US$ vom Autor haben, nur damit das 8 Seiten Paper dort erscheint, und zusätzlich wird auch noch ein inhaltlicher Check durchgeführt der zu den härtesten der Welt gehört, so dass Hobbyghostwriter keine Chance haben. Bei Academia.edu und ResearchGate kann man hingegen das Paper umsonst hochladen und eine Prüfung gibt es auch nicht. Es ist dann zumindest unter einer Standard-URL erreichbar und kann zitiert werden. Hier muss man sagen, dass diese neuen Self-publishing Services um einiges attraktiver sind als das was bei Elsevier geboten wird. Das wichtigste Argument dürften die extrem niedrigen Kosten sein. Das heißt, man stellt das Papper erstmal online, und wie man dann den Peer-Review Prozess durchführt bleibt jedem selbst überlassen. Genau genommen lösen die Online-Plattformen also kein Problem sondern sie schaffen ein neues. Und zwar ergibt sich die Frage wie man entscheidet, welches der Millionen Paper auf diesen Portalen gut sind und welche nicht. Früher im alten Publikationssystem war die Antwort simpel: als Suchmaschine musste man nur all jene Paper die von Nature waren, höher ranken, während man jene Paper die von einer kleinen Zeitschrift waren mit Minuspunkten versieht. Das war eine simple aber funktionierende Metrik. Bei den neuen Online-Portalen Academia.edu und Co sieht man es einem Paper nicht an, wieviel Qualität dahintersteckt. Da liegt auf dem selben Server sehr unterschiedliche Qualität nebeneinander. Für Google Scholar dürften harten Zeiten anbrechen, wie sie eine Metrik entwickeln um zu entscheiden welche Paper weiter nach oben gerankt werden. Vielleicht mal ein Beispiel:

Angenommen, ein Topautor der bereits mehrere Paper bei Nature veröffentlicht hat und der erwiesenermaßen Experte auf seinem Fach ist, möchte gerne etwas ausprobieren und veröffentlicht unter einem Pseudonym bei ResearchGate einen Topaufsatz der normalerweise den Weg gefunden hätte zu Nature. Wie geht Google Scholar damit um? Geht der Algorithmus einfach davon aus, dass alle Paper von ResearchGate nur mindere Qualität enthalten und straft sie ab, oder werden noch andere Metriken verwendet?

Das interessante daran ist, dass dieses Problem aufzeigt, dass Academia.edu und ResearchGate auf dem richtigen Weg sind. Es macht Sinn, zwischen Veröffentlichung eines Artikels und einem Qualitätsurteil zu unterscheiden. Das man also sagt, dass zunächst einmal alles veröffentlicht wird (also im Volltext durchsuchbar ist) und dann in einem zweiten Schritt eine höhere Instanz bestimmt, was davon Unsinn ist. Nicht ganz zufällig verstand sich Arxiv zunächst als Preprint-Server, also der Veröffentlichung vorgelagert. Vergleichbar mit einem internen Server bei Elsevier, wo erstmal jeder mit einen FTP-Client bedienen kann ein Paper hochlädt von denen dann aber nur 10% den Weg in die Zeitschrift finden. Wenn man Acadediam.edu als Preprint Server betrachtet macht das Projekt eine ausgezeichnete Figur. Slebst als Neueinsteiger ist es nach kurzer Zeit möglich das File upzuladen. Der Vorteil gegenüber einem Upload auf das eigene Blog ist, dass bei ResearchGate anschließend das Paper dem Unternehmen gehört. Auf diese Weise konzentrieren sich die Paper zu einer größeren Masse und man hat relativ schnell einen Server auf dem mehrere Millionen von Papern gespeichert sind. Das wiederum macht es deutlich interessanter diese Daten systematisch zu analyisieren, zu verschlagworten und zu zitieren.

Mein Eindruck ist, dass Acadedmia.edu primär eine Enabler-Technologie darstellt um die herum weitere Anbieter Zusatzdienste entwickeln werden. Konkret heißt das, dass Wikipedia auf Paper verlinken wird, dass Suchmaschinen wie Google Scholar ein Ranking durchführt, dass in Weblogs und Foren inhaltlich über die Paper diskutiert wird und dass Softwarefirmen PDF Crawler entwickeln um die Literaturangaben zu parsen. Ein korrekt geparstes PDF Paper führt wiederum dazu, dass Suchmaschinen den Pagerank anhand der Zitate leichter berechnen können und die korrekte Pagerank Bestimmung führt dazu, dass bei Wikipedia die guten Paper verlinkt werden und nicht etwa die schlechten.

Wenn ich mir es recht überlege scheint sich immer mehr herauszustellen, dass Academia.edu mit seinem minimalistischen Ansatz der bessere Weg ist. Weil, dieses kleine Unternehmen mit seinen 20 Mitarbeitern wird niemals eine Plattform entwickeln in der die Arbeit von Google Scholar, Wikipedia, Diskussionensforen und PDF Crawlern unter einem Dach angeboten wird. Sondern das bessere Konzept lautet sich an der Unix Philosophie zu orientieren und genau ein Tool zu entwickeln das aber perfekt zu machen, damit andere Tools darauf dann zugreifen können.

Es ist ja nicht so, dass Acedemia.edu die ersten sind, welche die Wissenschaftskommunikation verbessern wollen. Schon wesentlich länger im Geschäft sind Wikipedia, Google Scholar, die LaTeX Community oder Webseiten wie Gutefrage.net

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s