Die Zukunft von OpenScience


Still und heimlich bahnt sich eine Revolution an und betrifft das wissenschaftliche Betriebssystem. Einerseits ist mit OpenAccess eine Strömung entstanden die schon etwas älter ist und den freien Zugang zu Informationen anstrebt. Das bedeutet, dass es für wissenschaftliche Publikationen keine Paywall mehr gibt. Aber noch viel wichtiger ist eine Revolution die bisher noch nicht allgemein diskutiert wird und zwar betrifft es das kostenlose publizieren von wissenschaftlichen Papern. Letzteres wurde vor allem durch hochschuleigene Dokumenteserver, Arxiv, ResearchGate und Academia.edu nach vorne gebracht. Das interessante daran ist, dass im Laufe der Jahre erkennbar ein technischer Fortschritt zu erkennen war. Man vergleiche nurmal die sehr komplexe Upload-Prozedur von Arxiv mit der von Academia.edu. Muss man bei Arxiv noch zwingend ein Dokument im LaTeX Format einreichen und die Metafelder manuell ausfüllen, reicht bei Academia.edu ein PDF aus was man über eine Web-GUI auf den Server schiebt.

Es bleibt jedoch noch die Frage zu klären wie OpenScience einmal konkret aussehen wird. Wird es so sein, wie sich dass der ResearchGate Gründer Ijad Madisch vorstellt man man seine Plattform so selbstverständlich benutzt wie heute Facebook? Eher nicht, der Unterschied zwischen Facebook und wissenschaftlichen Publikationen besteht darin, dass man bei letzterem nicht einigen wenigen Freunden folgt, sondern man auf Vollständigkeit angewiesen ist. Die Nummer 1 Plattform für Wissenschaftler existiert längst und sie heißt Google Scholar. Unter dieser Oberfläche erhält man Zugriff auf sämtliche Paper, egal ob sie bei ResearchGate oder bei sciencedirect.com gehostet sind. Und das ist genau das was die Forscher benötigen. Insofern macht es keinen Sinn, ein geschlossenes Socialnetwork zu konstruieren innerhalb man dann ein eingesperrt ist. Und mehr noch, ich wage einfach mal die These, dass OpenScience so abläuft, dass man zwischen Hosting eines Dokuments und diskutieren über dieses Dokument unterscheidet. Das heißt, dass das Paper bei ResearchGate liegt, die Leute aber auf Reddit oder auch Stackoverflow ein Urteil darüber fällen. Die Kunst besteht nicht so sehr darin, die eine Science-Plattform aufzubauen, sondern unterschiedliche Services miteinander zu verbinden.

In dieser Utopie nimmt das Hosting eines wissenschaftlichen Papers einen zentralen Punkt ein. Wenn man das Paper nicht lesen kann und es nirgendwo hochladen kann, kann man auch keine Zusatzdienste wie Video, Diskussionen, Blogs oder Twitternachrichten darauf aufbauen. Was jedoch unwahrscheinlich ist, dass der Dokumenter-Hoster alle andere Dienste schlucken wird, dass also Youtube, wordpress.com oder google Scholar plötzlich überflüssig werden, nur weil man bei ResearchGate kostenlos ein Paper hochladen kann.

Meine Prognose geht eher in die Richtung, dass OpenScience in Zukunft aus mehreren Layern besteht die unabhängig voneinander betrieben werden und bei denen auch unterschiedliche Firmen beteiligt sind. Auch die Social Networks sind in Wahrheit keine Portale innerhalb derer man sich bewegt, sondern vielmehr ergänzen sich Facebook, Twitter, Google und WordPress und Youtube. So ähnlich dürfte es auch mit den Science-Networks werden. Einerseits handelt es sich dabei um eine disruptive Technologie die das jetzige Wissenschaftssystem revolutioniert andererseits wird auch vieles beim alten bleiben. Man kann davon ausgehen, dass es in 10 Jahren immernoch Firmen geben wird wie Elsevier, Google oder Wikipedia. Nur in einer Iterationsstufe weiter.

Bei aller Kritik gibt es auch etwas was ResearchGate und Academia.edu richtig gemacht haben. Und zwar der Ansatz, dass sich Wissenschaftler dort einen individualisierten Account anlegen über den dann die Dokumente verwaltet werden. Bei Arxiv oder Elsevier gab es soetwas nie, jedenfalls nicht in dieser leicht bedienbaren Form. Der Ansatz dass man sich bei ResearchGate mit einem Namen registriert und dort dann einen Account hat ist etwas neues. Es ist sehr effizient weil auf diese Weise die Wissenschaftler selber den Upload ihrer Files durchführen, gleichzeitig jedoch eine Plattform existiert die zentralisiert arbeitet. Das schöne an diesem Konzept ist, dass man so elegant mit Copyright-Verstößen umgehen kann. Wenn es ein Problem gibt, kann man den User sperren und seine Dokumente löschen. Das wiederum gibt Rechtssicherheit für die Anzeigenkunden.

Natürlich gab es vorher schon andere Versuche OpenScience zu praktizieren. Aaron Swartz und der Bittorrent-Tracker Scihub sind wohl die wichtigsten. In beiden Fällen geht es darum, freien Zugriff auf Informationen zu ermöglichen. Aber, in beiden Fällen handelt es sich um Copyright-Verstöße, es sind Projekte die sich außerhalb des legalen Rahmens bewegen. Langfristig hat soetwas nie funktioniert. Vielmehr handelt es sich dabei um einen Suchprozess der zwar einerseits ein Problem löst (wie erhalte ich ein wissenschaftliches Dokument) dabei aber über das Ziel hinausschießt. Vereinfacht gesagt wird mit Scihub irgendwann dasselbe passieren was auch schon mit Piratebay passiert ist. Bei Academia.edu sieht die Lage anders aus. Hier läuft es eher auf ein zweites Youtube hinaus, wo man also sich also demonstrativ im legalen Bereich bewegt und innerhalb dieses Rahmens dann etwas neues macht.

Es gibt zu dieser Frage ein schönes Interview mit Richard Price wo er sich damit brüstet im letzten Jahr mehrere hundert sogenannter Takedown Anfragen von Elsevier vollstreckt zu haben. Und das ist ein gutes Zeichen wenn man an langfristigem Erfolg interessiert ist. Es zeigt, dass sich Academia.edu um die Problematik von Urheberrechtsverstößen im klaren ist und bereit ist entsprechend zu reagieren.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s