Hat Wikipedia ein Neoludditen Problem?


Wer hinter die Fassade der größten Online-Enzyklopädie der Welt blickt wird feststellen, dass es da viele Probleme gibt. Aber meist werden die falschen Probleme in den Mittelpunkt gestellt. Beispielsweise wird oft gesagt, Wikipedia hätte einen Gendergap. Tatsächlich sind nach der letzten Umfrage 90% der Wikipedianer männlich und nur 10% weiblich. Das Problem wurde inzwischen erkannt und es wird aktiv dagegegengesteuert, so dass die Zahl weiblicher Admins am steigen ist. Eine relativ bekannter weiblicher Autor ist Debora Weber-Wulff aber auch Sue Gardner (Vorsitzender der Wikimedia Foundation bis 2014) ist relativ prominent in der Öffentlichkeit vertreten.

Ebenfalls häufig als Problem genannt wird die politische Ausrichtung von Wikipedia. Jenachdem wen man fragt ist Wikipedia angeblich zuweit links oder zuweit rechts. Aber auch das ist nicht wahr. Es gibt zu beiden Themen bei Wikipedia umfangreiche Artikel und meist ist dort auch ein entsprechender Bias enthalten.

Zu guter letzt gibt es dann noch die Befürchtung dass Wikipedia zu viele junge Autoren hätte, dass sagen im Regelfall die Herren die schon über 50 Jahre alt sind und sich ungern mit 18 jährigen Admins herumstreiten. Andererseits sagen gerade die jungen Nachwuchswikipedianer, dass bei Wikipedia viel zu viele alte Herren am Löschknopf sitzen, die neue Ideen systematisch boykottieren. In Wahrheit gibt es bei Wikipedia jedoch eine gute Mischung aus altem wie jungen Personal gleichermaßen.

Womit Wikipedia jedoch ernsthaft zu kämpfen hat ist ein Problem was bisher nur selten thematisiert wurde. Und zwar gibt es in Wikipedia zu viele Neoludditen. Damit sind Leute gemeint, die ein Problem mit Technik haben und am liebsten Computer und das Internet verbieten möchten. Der durchschnittliche Wikipedianer interessiert sich für dampfgetriebene Eisenbahnen aus dem 18. Jahrhundert, mag alte Denkmäler, fühlt sich bei den antiken Philosophen wie Sokrates zu Hause und macht Landschaftsaufnahmen. Der modernen Technologie also Computer, Halbleiterindustrie, Robotik und Künstliche Intelligenz steht der Normal-Wikipedianer jedoch kritisch bis ablehnend gegenüber. Ja vielfach werden Computer für den Niedergang der Kultur verantwortlich gemacht und es wird ein „Zurück ins Mittelalter“ propagiert. Nicht ganz zufällig haben gemeinsame Ausflüge der Wikipedia-Community häufig Kirchen und Klosterbibliotheken zum Ziel. Man flüchtet sich gemeinschaftlich in die Zeit bis 1800 wo die Welt noch übersichtlich war, die industrielle Revolution noch in weiter Ferne lag und in der Mathematik die Turing-Maschine noch unbekannt war.

Schaut man sich die Anzahl und die Tiefe der einzelnen Artikel einmal an, so wird man feststellen, dass Themen die etwas mit moderner Technologie zu tun haben, extrem schlecht aufbereitet sind. Zwar kann man in der Wikipedia durchaus nachlesen, dass es Computer gibt und dass es Roboter gibt, die Details dazu werden jedoch ausgespart. Besonders in der deutschen Wikipedia gibt es eine starke Sympathie für den Neoluddismus. Damit wird eine Strömung innerhalb der Geisteswissenschaften bezeichnet welche eine Dominanz gegenüber den Naturwissenschaft anstrebt oder sogar als gegeben annimmt. Das Motto lautet, dass Physik, Informatik und Technik zwar alles nützlich sein mag, dass aber Wissenschaft sich über Literatur, Kunst und Religion definiert. Schaut man sich einmal an, in welch epischer Breite Kirchenoberhäupter und Lyriker diskutiert werden, während Wissenschaftler aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz nochnichtmal einen Stub erhalten, so offenbart sich eine eklatante Schieflage.

Was sind die Ursachen dafür? Meiner Meinung liegt hier ein Bildungsproblem vor. Die meisten Leute die bei Wikipedia mitschreiben denken, dass es eben so sein muss, dass man Technik ablehnt. Also Computer und Software auf eine gesellschaftliche Ebene kritisiert. Das man zwar geradeso bennenen kann, dass Computer eine Geschichte besitzen, aber bittenicht auf die Details eingeht. Das Motto lautet, dass wer zuviel weiß über TCP/IP, Router, C++ oder Glasfaserkabel er sich damit von der Community entfernt. Ja mehr noch, der gemeinsame Feind der Wikipedia ist die Technik. Man hat sich eingeschworen gegenüber Technologie und sieht in allem was neu und besser ist eine Gefahr.

In Wikipedia kann man ganz konkret nachlesen, dass Technik automatisch zu Umweltschäden, psychosozialen Belastungen und Risiken führt, und das es am besten ist, wenn man auf alles verzichtet was angenehm ist und Spaß macht. Wikipedia verherrlicht damit eine Zeit die ohne Automatisierung auskam. Ein neutraler Standpunkt sieht anders aus.

Machen wir es etwas konkreter: im Artikel „Neil Postman“ ist zu lesen, dass es sich um einen Medienwissenschaftler handelt, der mehrere schlaue Bücher geschrieben hat. Neutral wäre es, wenn man sagt, dass Postman ein gefährlicher Neoluddit war der aus Prinzipienreiterei einen Kampf geführt hat gegen die Moderne. Was Postman in seinen Traktaten postuliert ist nichts anderes als eine Gegenaufklärung, bei dem all das in Frage gestellt wird was die US-Amerikanische Gesellschaft groß und stark gemacht hat: Kabelfernsehen mit 100 Programmen, Computerspiele ud VHS-Kassetten. Sowas wird man bei Wikipedia jedoch nicht lesen, weil in Wahrheit die Autoren ein Fan von Postman sind und seine Ansichten teilen.

Aber warum identifiziert sich Wikipedia mit dem Neoluddismus? Weil fälschlicherweise angenommen wird, dass dies gleichbedeutend mit Kultur wäre. Man umgibt sich mit gedruckten Büchern, bevorzugt Schriftsteller die längst gestorben sind, macht sich über Ingenieure und Tech-Firmen lustig und behauptet dass spätestens im Jahr 1900 alles wichtige schon gesagt wurde über die Welt. Im Umkehrschluss ist es wichtig aufzuzeigen was Wikipedia nicht ist. Wikipedia ist kein Nachschlagewerk für Programmierer, keine Auskunft für Roboter-Wissenschaftler, keine Hilfe bei Linux Problemen, kein Kompendium der Künstlichen Intelligenz und nochnichtmal ein Ratgeber zum Bau eines Otto-Motors. Und das ist sehr schade. Bedeutet es doch, dass Wikipedia nur einen kleinen Teil des möglichen Wissens präsentiert und zwar den unwichtigsten. Kurz gesagt, Wikipedia ist ein zutiefst fortschrittfeindliches Lexikon was geschrieben und bearbeitet wird von Maschinenstürmern.

Im Vergleich zu gedruckten Enzyklopädien wie dem Brockhaus ist die Online-Enzyklopädie leicht im Vorteil. Anfangs hat die Wikimedia Foundation Redhat-Linux als Betriebssystem für ihre Server eingesetzt, später ist man auf Ubuntu-Linux gewechselt. Auch hat man relativ früh erkannt, dass gedruckte Ausgaben eines Lexikons im Internetzeitalter keinen Sinn mehr machen, well sie zu teuer sind und damit der Konsumentenkreis massiv eingeschränkt wird. Aber, schaut man sich einmal an, welche Literaturquellen in der Wikipedia zitiert werden, in welchen Bereichen das meiste Knowhow exisitert und wie fundiert die Artikel sind, so ist Wikipedia ein Lexikon von und für Geisteswissenschaftler, wo Technik und insbesondere moderne Technik nur ein Nischendasein führt. Es ist zwar nicht direkt verboten in Wikipedia Informationen aus dem Bereich Hardware/Software beizusteuern, aber ermuntert wird auch niemand dazu. Die Wikipedia Community ist offenbar zufrieden mit dem Umstand unter sich zu sein und als identitätsstiftende Gemeinsamkeit eine Abwehr gegenüber den harten Naturwissenschaften wie Mathematik und Physik zu demonstrieren.

Schauen wir uns beispielsweise den Artikel „Relativitätstheorie“ etwas genauer an. Als Anmerkung steht am Ende, dass dieser in der Kategorie exzellent geführt wird, das ist die höchste Auszeichnung die innerhalb der Wikipedia möglich ist. Ein Blick auf die Einzelnachweise zeigt jedoch nur die magere Anzahl von 4 Stück. Und davon ist eine gar kein Aufsatz aus einer physikalischen Zeitschrift sondern der Link führt auf ein Filmlexikon wo das Leben von Albert Einstein als Spielfilm umgesetzt wurde. Es ist schon etwas gewagt ein Thema wie die Relativitätstheorie mit exakt 3 Quellen zu belegen und das dann noch als exzelleten Artikel zu beschreiben. Es fügt sich jedoch nahtlos ein, in das was man von Wikipedia erwarten kann. Vollständiges Desinteresse gegenüber technischen Themen.

Wenn man das mit einem anderen exzellenten Artikel vergleicht „Deep Purple“, was ein Thema aus der Musikgeschichte ist und was komplett unwichtig ist, so findet sich in diesem Artikel ein wirklich lesenswerter Artikel der die Band umfangreich erläutert und nicht weniger als 122 Einzelnachweise verwendet. Es finden sich in diesem Artikel sogar genaue Liste, welche Mitglieder die Band in ihrer Geschichte hatte sowie Hörbeispiele inkl. Verweis auf die verwendeten Akkordfolgen. Auch andere Themen aus dem Bereich der Kultur, der Literatur und der Geschichte sind ausgezeichnet aufbereitet bei Wikipedia.

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