Vertrauen in die Wissenschaft gesunken


Viele Vertreter des akademischen Betriebens betrachten Wissenschaft und universitäre Wissenschaft als Einheit. Dabei steckt die Wissenschaft in einer Legitimationskrise. Es geht keineswegs um die Frage, ob Biologie, Mathematik oder Informatik an sich das richtige Werkzeug sind um etwsa über die Welt zu erfahren sondern es geht darum ob die TU-Berlin, das MIT oder der Elsevier Verlag die richtigen Orte sind um Wissenschaft zu betreiben. Das heißt, es gibt eine Glaubwürdigkeitskrise. Daran ist die universitäre Wissenschaft selber Schuld. Zu nennen sind Skandale mit Plagiaten, wo also Doktortitel vergeben werden obwohl der Begutachter wusste dass ein Ghostwriter und nicht der Student der Verfasser war. Aber auch die Tatsache, dass bis heute Wissenschaftliche Ergebnisse nicht frei verfügbar sind und OpenAccess eher die Ausnahme als die Regel ist haben dazu beigetragen dass sich viele Stundenten die etwas lernen wollen dies außerhalb von universitären Institutionen tun. Man hat bei vielen Studiengängen den Eindruck als würde es um alles mögliche gehen, nur nicht darum etwas über die Naturwissenschaft zu lernen oder neue Dinge zu erforschen. Im einfachsten Fall sind die Bibliotheksöffnungszeiten einfach nur unpraktisch. Das heißt, als Student möchte man gerne am Sonntag vormittag etwas lesen, da hat die Bibliothek jedoch geschlossen. Solche Kleinigkeiten sind noch kein Weltuntergang und sind geeignet das Vertrauen in die Universität als solche zu untergraben. Aber wenn man häufiger damit konfrontiert wird, dass der Zugang zu Wissen reglementiert wird beispielsweise durch Paywalls, durch vergriffene Bücher, durch falsche Informationen die veröffentlicht werden und durch falsche Anreizsysteme, dann stellt sich die grundsätzliche Frage ob Wissenschaft so wie sie derzeit an den Hochschulen betrieben wird zukunftsfähig ist.

Ich glaube, dass Dinge wie Mathematik, Informatik oder Geschichte immer eine Zukunft haben werden. Es ist jedoch fraglich, ob die Verzahnung zwischen diesen Fächern und staatlich kontrollierten Universitäten der richtige Weg ist. Bildung ist schon immer Spielball von politischer Einflussnahme gewesen. Zu glauben, dass die Interessen einer Hochschule und die der Studenten deckungsgleich sind, verdeckt die Probleme anstatt sie anzusprechen. Wenn man etwas genauer hinschaut wird man feststellen, dass sich spieltheoretisch die Interessen sogar entgegenstehen. Viele Universitäten sind kommerzielle Unternehmen mit einer Gewinnerzielungsabsicht. Ihre Aufgabe ist es, Bücher zu verkaufen, Forschungsgelder einzuwerben oder Werbung für Firmen zu machen. Bildung ist nur Mittel zum Zweck. Und häufig wird Wissenschaft von den Universitäten vereinnahmt um ganz andere Ziele zu verfolgen.

Es gibt zwei Möglichkeiten wie man darauf reagiert. Entweder könnte man versuchen, das universitäre System zu reformieren. Oder aber man setzt auf eine Gegenaufklärung die außerhalb von Universitäten stattfindet. Ähnlich wie Blogs ein Gegengewicht zu den Printmedien bieten könnte mittels Web 2.0 Techniken eine Alternative zur Universität entstehen. Damit ist nicht gemeint, eine alternative Wissenschaft zu betreiben die mit Homöopathie und Wahrsagerei arbeitet, sondern es geht darum, Universität und Bildung zu trennen. Also Naturwissenschaft außerhalb von Universitäten zu betreiben.

Wie kann soetwas konkret aussehen? Zu nennen sind sie hier wissenschaftliche Plattformen wie Apple iTunes U, Google Scholar, Academia.edu, ResearchGate, Wikipedia und Question&Answering Webseiten. Dort geht es um wissenschaftliche Themen aber außerhalb eines universitären Rahmens. Die Schwierigkeit besteht darin, die Leute zu motivieren nicht nur als Konsument sondern auch als Produzent von Wissen aufzutreten. Wikipedia ist für dieses Mißverhälttniss ein gutes Beispiel. Diese Wissensplattform hat in der Bevölkerung einen Bekanntheitsgrad von 100% aber nur sehr wenige Leute sind dort als Autor aktiv. Derzeit spricht man von rund 5000 Leuten in Deutschland die dort Content hochladen. Auch Academia.edu hat mit fehlendem Content zu kämpfen. Von den Universitätsangehörigen gibt es kein Interesse dort etwas einzustellen weil man ja ohnehin in etablierten Zeitschriften publiziert und Leute die nicht im universitären Bereich beheimatet sind, haben ebenfalls Vorbehalte weil sie überfordert sind, ein 8 Seiten Paper zu schreiben was wissenschaftlichen Ansprüchen genügt.

Ein Gebiet auf dem die universitäre Wissenschaft versagt hat ist das Thema Künstliche Intelligenz. Aus Sicht der Wissenschaft ist dieses Thema das wichtigste überhaupt, Künstliche Intelligenz ist eine Art von Universalwissenschaft von der sich alles andere ableitet. Es steht oberhalb der Naturwissenschaft und oberhalb der Geisteswissenschaft. Universitäten sind jedoch nicht willens und nicht in der Lage dieses Thema angemessen zu beleuchten. Das ist kein rein deutsches Problem sondern ein internationales Phänomen. Es gibt zwar an den Universitäten Vorlesungen über LISP und Robotik, doch das ist nicht Künstliche Intelligenz. Sondern das ist eine universitäre Künstliche Intelligenz von Leuten, die im Wissenschaftsbetrieb aktiv sind und dort Desinformation betreiben. Besonders deutlich kann man das sehen wenn es um eine populäre Darstellung des Themas in den Medien gibt. Im Regelfall kommen dort Leute wie Ray Kurzweil und Rodney Brooks zu Wort, die auf Panels dem Publikum erklären wie die Zukunft aussieht. Informationen gibt es dort keine, sondern es wird in Klippschulmarnier von der Kanzel herab doziert.

Diese Schwäche des Systems hat strukturelle Gründe. Die Universitäten sind nicht im Stande eine andere Form des Unterrichts anzubieten. Sie können nur BigBusiness und Propaganda betreiben. Sie sind von ihrem Selbstverständnis nicht in der Lage freies Wissen, leicht verständliches Wissen und praktisch einsetzbares Wissen zu produzieren. Obwohl Wikipedia und ResearchGate unzweifelhaft Wissenschaft auf hohem Niveau sind, sind sie eine Gefahr für die Universitäten. Fester Bestandteil von Universitäten war es immer dass nicht nur Wissen produziert wird, sondern auch die Gesellschaft geformt wird. Das heißt, es werden Studenten ausgebildet die dann als Beruf Wissenschaftler sind. Bei Wikipedia geht es um etwas anderes. Wikipedia hat vom Selbstverständnis das Ziel alle Menschen zu bilden. Wikipedia ist stolz darauf, wenn möglichst viele Leute die Seite besuchen. Schaut man sich etwas den Kontext an, aus dem Wikipedia entstanden sind, so ist es nicht als universitäres Projekt wie Arxiv entstanden. Sondern Jimmy Wales war früher einmal Händler für Future-Kontrakte an der Chicagoer Börse. Er ist also kein Universitätsangehöriger. Andere Leute, die das Projekt mitgeründet haben, waren davor in der Werbebranche tätig. Das heißt, vom Background her verkörpert Wikipedia nicht die Werte, die am MIT und in Stanford gelten.

Interessanterweise sind die meisten Autoren, die bei Wikipedia mitschreiben keineswegs dem universitären Establishment zuzuordnen. Es sind also keine Professoren die an Universitäten unterrichten. Von Rodney Brooks wird man in 100 Jahren nicht erleben, dass er bei Wikipedia auch nur irgendwas editiert. Sondern der Durchschnittswikipedianer ist eine Stufe darunter. Es sind Lehrer, ehemalige Universitätsangehörige, Ghostwriter und Quereinsteiger. Also klassische Dropouts, die im Universitätssystem keine Zukunft haben.

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