Neuigkeiten in Sachen Academia.edu

Vor einiger Zeit hatte ich hier im Blog berichtet, dass ich bei Academia.edu einige Paper hochgeladen hatte um dem Wissenschaftsnetzwerk von Richard Price eine Chance zu geben. Passiert ist zunächst nicht sehr viel. Die Paper hatten im Schnitt eine Abrufzahl von 0 bis 20 (in der Summe wohlgemerkt, über 3 Monate hinweg), was aber deutlich mehr war, als normalerweise wissenschaftliche Dokumente an Klickrate erzielen. Und dann ganz plötzlich vor rund 1 Woche gab es dann eine interessante Begebenheit. Angefangen hat es damit, dass ein anderer Nutzer von Academia.edu eines meiner Paper wohlwollend kommentiert hat und wenig später die URL im Wikipedia Kurier https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia_Diskussion:Kurier auftauchte, wo dann mehrere Nutzer nacheinander einen kollektiven Verriss erstellt haben, https://www.academia.edu/30907454/Gebrauchsanleitung_f%C3%BCr_Wikipedia Soweit so gut, in Folge dessen ging natürlich der Counter hoch auf jetzt 160 Abrufe.

Nach meiner Analyse war das Interesse der Wikipedia Community weniger dem Paper als solchen geschuldet als vielmehr der Tatsache, dass damit eine Querverbindung zu Academia.edu erfolgte. Man sollte dazu wissen, dass Wikipedia und Academia.edu zwei sehr unterschiedliche Dinge sind. Wikipedia versteht sich bis heute als Bewahrer der traditionellen Bibliotheken und des klassischen akademischen Betriebes. Als guter Zitatationsstil wird gesehen, wenn man aus gedruckten Publikationen oder zumindest aus Papern des Springer Verlages zitiert, während Academia.edu angetreten ist, das Wissenschaftssystem der letzten 100 Jahre zu verändern und mit einem Online-only und OpenAccess-only zu arbeiten. Sowohl Academia.edu als auch Wikipedia.org sind wissenschaftlich ausgerichtet, dennoch gibt es zwischen beiden Communitys seltsamerweise wenig bis gar keine Berühungspunkte. Die Leute, die bei Wikipedia aktiv sind, rekrutieren sich klassischerweise aus dem Bereich Bibliotheken, Lehrerberufe und Journalistik, während bei Academia.edu Primärforschung von Phds und Doktoranden im Fokus steht.

An dieser komplementären Beziehung wird sich auch so schnell nichts ändern. Das heißt, es nicht möglich, Wikipedia mehr in Richtung Academia.edu auszurichten und umgekerht kann man Academia.edu nicht in zweites Wikipedia verwandeln. Jedes System besitzt ganz individuelle Vor- und Nachteile. Auch mir selber wurde erst klar, was Wikipedia eigentlich ist, nachdem ich mich bei Academia angemeldet habe.

Wikipedia wird von einigen zwar noch immer als Innovation gefeiert, doch tatsächlich gesehen gehört das Mitmachlexikon inzwischen zu den ältesten Internetangeboten überhaupt. Und speziell die englische Wikipedia hat weltweit eine Monopolstellung inne und ist praktisch unersetzlich. War zu Anfang noch die Frage ob Wikipedia mit traditionellen Lexikas wie dem Brockhaus konkurrieren kann so ist inzwischen diese Frage beantwortet. Academia.edu und ResearchGate hingegen sind sehr neue Erfindungen. Sie existieren erst seit kurzem und akzeptiert sind sie bis heute nicht. Die Mehrzahl der Profile bei Academia.edu besteht beispielsweise aus Fake-Accounts die gar nicht von den Wissenschaftlern selber erzeugt wurden, sondern von Bots und werden erst freigeschaltet, wenn sich die entsprechende Person dort anmeldet. Und wozu man Academia.edu wirklich brauchen kann, können derzeit nur wenige beantworten. Auf der anderen Seite haben diese Netzwerke jedoch schon heute den wissenschaftlichen Diskurs maßgeblich beeinflusst. Nicht direkt weil plötzlich alle nur noch da publizieren, sondern eher indirekt, weil viele Wissenschaftler ahnen, dass sie es könnten.

Der Wissenschaftsbetrieb bietet eine Möglichkeit das Wikipedia Lexikon in Frage zu stellen. Das heißt, man kann von außerhalb über das Lexikon diskutieren ohne bei Wikipedia Mitglied sein zu müssen. Dieser Diskurs ist nicht etwa falsch oder an der falschen Stelle, sondern er läuft auf einer anderen Ebene ab. Wikipedia ist einerseits ein Lexikon was man sich anzeigen lassen kann wenn man die URL im Browser eingibt, aber gleichzeitig ist Wikipedia auch Thema innerhalb der Geisteswissenschaften. Ähnlich wie über das Fernsehen kann man auch auch über Wikipedia diskutieren, sein Selbstverständnis hinterfragen, Nachteile aufzeigen sowie eine kulturelle Einordnung versuchen.

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