Academia.edu und das Spiel mit Identitäten

Das Erzeugen von Fake-Profilen war schon immer die Lieblingsbeschäftigung von Jugendlichen Hackern. Schon in den 1980’er wurde in den Datennetzen und Mailbox-Systeme mittels Pseudonym neue soziale Rollen erprobt. Ein bekannter Roman aus den Anfangstagen ist “
Lange Leitung von Fredirika Gers, 1995″. Facebook hat dann viele Jahre später das Spiel mit Identitäten zu einem Massenphänomen erhoben so dass man davon ausgehen muss, dass 99% aller Facebook Nutzer entweder selber unter Fake-Accounts agieren, schonmal Kontakt hatten mit Fake-Profilen oder versuchen mit Hilfe von Facebook herauszufinden ob im Real Life eine Person nun Fake ist oder nicht.

Soweit ist das ganze ein harmloser Zeitvertreib und bleibt beschränkt auf eine Jugendkultur in dem der spielerische Umgang mit der eigenen Identität fester Bestandteil des Entwicklungsprozesses ist. Zwar gibt es durchaus auch mahnende Stimmen, die darauf hinweisen dass es gefährlich ist unter falscher Identität aufzutreten weil dadurch das Gegenüber getäuscht wird doch im Großen und Ganzen handelt es sich dabei um einen harmlosen Zeitvertreib.

Aber was passiert eigentlich wenn man die Sehnsucht nach dem fremden ausdehnt auf andere Bereiche? Wenn es nicht nur darum geht, unter falsche Identität Freunde zu finden sondern unter falscher Identität Forschung zu betreiben? Dieses Gebiet ist nicht so gut ausgeleuchtet. Hier gibt es wenig bis gar keine historischen Beispielen. In den 1980’er wurde beispielsweise in den Mailboxnetzen noch nicht über wissenschaftliche Themen diskutiert und niemand wäre damals auf die Idee gekommen als Professor aufzutreiten und abentuerliche Ideen zu vertreten. Im Zeitalter von Academia.edu und ResearchGate ist aber genau das möglich. Auch hier wiederum sind es die technischen Möglichkeiten welche das Bedrüfnis erzeugen. In dem Maße wie es möglich ist, sich ein Fake-Wissenschaftsprofil zusammenzuklicken werden sich Leute finden die das tun. Und dann haben wir es mit einem Pulk aus Fake-Profilen zu tun, die Phoney Paper veröffentlichen.

Üblicherweise wähnt sich der Wissenschaftsbetrieb imun gegen derartige Unterwanderung. Man glaubt die Sache unter Kontrolle zu haben weil bekanntlich immer jemand ein Paper liest bevor es in einer angesehenen Zeitschrift erscheint. Aber was ist, wenn Preprint Server zum Standard werden und aus Kostengründen auf einen Peer-Review Prozess verzichtet wird? Dann kann man sich zumindest noch dadurch retten, dass spätestens der Leser den Betrug entdeckt. Als Wissenschaftler weiß man schließlich was der Unterschied ist zwischen einem per Scigen erzeugten Paper und einem richtigen wissenschaftlichen Aufsatz, so dass auch hier der Betrug praktisch unmöglich ist. Das unterstellt jedoch, dass der Leser ein Fakepaper als solches entlarfen möchte, also bereit ist das Urteil „Fake“ zu verwenden.

Das ist jedoch nicht die einzige mögliche Reaktion. Nehmen wir mal an, jemand erhält das berühmte Paper von Jeremy Stribling „Rooter: A Methodology for the Typical Unification of Access Points and Redundancy“ und weiß schon nach der Einleitung dass es kein echtes Paper ist, sagt aber nichts sondern spielt das Spiel mit. Er schreibt dann eine wohlwollende Empfehlung. Der nächste liest diese Empfehlung, ahnt ebenfalls was hier läuft weiß, dass auch die Empfehlung ironisch gemeint war, sagt aber auch nichts und schreibt ebenfalls eine Empfehlung usw. Wie lange geht dieses Spiel, wo ist der Moment ab dem es langweilig wird? Rein formal könnte man so eine Reaktionskette relativ früh stoppen. Das setzt jedoch die Bereitschaft voraus, sich auf eine gemeinsame Wahrheit zu einigen. Wenn es jedoch attraktiv wird, Gegenwelten aufzubauen um sich darin zu bewähren dann wird dieses Imunsystem des Wissenschaftsbetriebes auf eine harte Probe gestellt.

Oder nehmen wir noch ein anderes Beispiel, den Kreationismus. Wenn man sich die Theorie anschaut weiß man natürlich dass es kompletter Unsinn ist und es sich dabei nicht um echte Wissenschaft handelt. Dennoch gibt es Leute die sich zum Kreationsmus bekennen und zwar aus Prinzip. Sie tun dies, aus einer sozialen Motivation heraus. Diese Motivation hat häufig Grunde die nichts mit der Wissenschaft als solche zu tun haben, sondern weil vielleicht der Vortragende sympathisch rüberkommt. Auch wenn sie ganz genau wissen, dass er lauter Lügen erzählt haben sie kein Interesse daran ihn bloßzustellen. Ganz im Gegenteil, sie setzen sogar noch eines drauf und supporten seine kruden Thesen.

Und schon haben wir das, was im Wissenschaftsbetrieb als Super-GAU eingestuft wird: die Unterschiede zwischen Fake und Real verschwimmen. Es gibt mehrere Wahrheiten die gleichberechtigt nebeneinander existieren. Das führt langfristig zu Paranoia. Wenn das einzelne betrifft wie in dem Film „Truman Show“ mag das noch lustig sein, aber man stelle sich mal vor wenn man eine Truman Show hat, wo jeder glaubt, dass er Truman ist und alle anderen ihm nur etwas vorspielen.

AGGRESSION IM WISSENSCHAFTSBETRIEB
Wer glaubt, dass zwischenmenschliche Beziehungen die einzige Möglichkeit sind, jemanden emotional zu verletzen sollte sich einmal den Workflow im Wissenschaftsbetrieb näher anschauen. Dieser ist von seiner Struktur so angelegt, dass es nur Sieger geben kann, wenn zugleich Verlierer produziert werden. Damit der eine Topwissenschaftler sein Paper in Nature unterbringen kann und damit Nature das weltweit beste Magazin in den Naturwissenschaften bleiben kann, müssen 100 andere Paper abgelehnt werden. Möglichst so, dass die Autoren die sie verfasst haben, an sich selbst zu zweifeln beginnen. Und hier kommt Academia.edu ins Spiel. Richard Price verspricht seinen gegenwertigen und zukünftigen Nutzern, dass sie ihren Frust ganz einfach dadurch kompensieren können, dass sie das Paper dann eben bei Academia.edu hochladen, weil dort niemand abgelehnt wird. Soweit so gut, das führt in der Summe dazu, dass diejenigen Leute sich besonders für dieses Wissenschaftsnetzwerk interessieren die ihre Minderwertigkeitskomplexe mit Hilfe von Aggression kompensieren. Academia.edu wird so zu einer Plattform von latenter Aggression wo sich all jene Paper und Profile finden, die aus welchen Gründen auch immer es nicht ins Nature Magazine geschafft haben. Wie sich dieser Frust konkret äußert ist unklar, zunächst einmal ist er aber da und führt dazu, dass die Betroffenen eher bereit sind, alternativen Wirklichkeitskonstruktionen anzuhängen die persönliche Entlastung versprechen.

Ich will damit andeuten, dass OpenAccess Netzwerke nicht so harmlos sind wie es zunächst den Anschein hat sondern dazu führen, dass sich neue Konfliktlinien herausbilden. Auf http://www.laborjournal.de/blog/?p=8073 ist zu lesen, dass große wissenschaftliche Zeitschriften nur 10% der eingerichten Manuskripte für gut genug halten um sie zu veröffentlichen. Es besteht also ein großes Potenzial von Leuten deren einzige Erfahrung im Leben darin besteht schonmal zurückgewiesen worden zu sein. Beim ersten Mal kann man soetwas wegstecken, aber auch noch beim 10. Mal? Was macht das mit der Psyche eines Wissenschaftlers wenn er sich anstrengt aber dennoch keinen Erfolg hat? Führt das nicht automatisch dazu, dass er die Schuld auf andere Schiebt und womöglich anfängt das System als solches zu hinterfragen und sich Ideologien zu öffnen, die alternative Belohnungssysteme beinhalten? Wo man selber also plötzlich der Held ist und die anderen abgelehnt werden?

Es wäre verwunderlich, wenn ausgerechnet in den seriösen Wissenschaften soetwas nicht existiert und Wissenschaftler ähnlich wie Roboter emotional unbeteiligt das Urteil ihrer Fachkollegen hinnehmen. Nehmen wir mal an, eine Person strebt eine Karriere in den Wissenschaften an. Dann gehört eine Veröffentlichung bei Nature selbstverstandlich zum guten Ton, und wenn genau das scheitert ist die Karriere ruiniert. Für die Forscher steht also sehr viel auf dem Spiel. Wenn man jetzt entdeckt, dass man einen Mißerfolg nach dem anderen vorzuweisen hat dann entsteht ein Gefühl der Hilfslosigkeit. Man befindet sich in einer Situation die man selbst nicht länger kontrollieren kann, es entstanden andere. Das drüfte gerade für Wissenschaftler die auf Autonomie bedacht sind, eine unangehme Erfahrung sein.

Was das für Academia.edu bedeutet ist simpel: auf der einen Seite werden sich ausgerechnet jene Leute dort ein Fake-Profil anlegen, die unter Minderwertigkeitsgefühlen leiden. Und zum zweiten werden sie jene Paper hochladen, die woanders völlig zurecht als zu schlecht abgelehnt wurden. Das ist eine sehr ungute Mischung, wie ich finde. Ich meine, aus welchen Gründen werden normalerweise Paper von einem Journal zurückgewiesen? Entweder weil sie Fehler enthalten, weil die Meßergebnisse gefälscht sind und weil der Kandidat generell nicht geeignet ist als Wissenschaftler zu arbeiten. Wenn jetzt ausgerechnet solche Paper von solchen Kandidaten bei Academia.edu … also ich will hier nicht den Teufel an die Wand malen aber hier bekommt der Ausdruck „Mad Scientist“ eine klare Bedeutung.

Edward Nygma wurde im Film „Batman Forever, 1995“ in der Anfangszene portraitiert. Es handelte sich um einen durchgeknallten Wissenschaftler der ein Gedankenlesegerät erfunden hat aber von Bruce Wayne eine Absage erhalten hat. Die Folge davon war, dass sich Nygma in den Riddler verwandelte. Auf Academia.edu gibt es derzeit 10 Profile unter der Bezeichnung „Edward Nygma“. Allerdings hat keiner von ihnen ein Paper hochgeladen, zum Glück muss man wohl sagen.

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