Hinter den Kulissen von Academia.edu


Zu den neuen Wissenschaftsnetzen wie ResearchGate und Academia.edu gibt es nur wenig öffenltiche Informationen. Aber dann und wann erscheinen dennoch Hintergrundinfos. Das bemerkenswerte daran ist, dass auf den ersten Blick Academia.edu ein Zwerg ist. Das Unternehmen hat gerade mal 20 Angestellte die wohl alle in einem Büro in Silicon Valley sitzen und macht vermutlich gar keinen Umsatz ist also bald wieder weg vom Fenster. Nur, offenbar lässt sich aus finanziellen Gründen allein das System Academia.edu nicht fassen, offenbar geht es dem Gründer Richard Price um wesentlich mehr als um den schnellen Börsengang. Offenbar will er wirklich die Welt verändern.

Auf https://techcrunch.com/2015/11/04/academia-a-startup-that-hosts-scientific-papers-looks-to-score-the-best-studies/ gibt es einige statistische Informationen. Danach hat Academia.edu derzeit 27 Mio registrierte Nutzer die täglich 20000 Paper hochladen. Ferner sind unter den Nutzern noch Leute dabei mit mehr Rechten, die Empfehlungen abgeben. Das heißt, Academia.edu ist anders als PLOS One keine Zeitschrift wo man etwas hinsendet was dann begutachtet wird, sondern es besteht aus vielen Zeitschriften gleichzeitig bei dem die Grenzen zwischen Autor, Begutachter und Leser fließend sind.

Das Killerfeature was Academia.edu von früheren sozialen Netzen für Wissenschaftlern unterscheidet (von denen in der Tat schon einige wieder eingestampft wurden) ist, dass man nicht nur ein Foto von sich hochlädt, und den Lebenslauf hinterlegt, sondern im Kern geht es darum, dass man Academia.edu als Dokumentenhoster verwendet, also den eigenen Text dort ablegt. Das heißt, es geht nicht darum wie bei einem Verzeichnis oder einem Bookmark Dienst die ohnehin vorhandenen Offline Aktivitäten zu verwalten, sondern Academia.edu ist ein Ersatz für eine Universität.

Gegen Ende des obigen Links erfährt man noch etwas über die finanzielle Ausstattung, danach hat Academia.edu 18 Mio US$ an Venture-Kapital eingesammelt, was lächerlich wenig ist. Wir haben also auf der einen Seite eine Firma mit fast keinen Angestellten, fast keinerlei Börsenwert und fast keinerlei Wachstumsaussichten. Auf der anderen Seite gewinnt das Unternehmen permanent neue Nutzer dazu und verändert aktiv das Wissenschaftliche Publikationssystem. Offenbar ist Academia.edu eine Art von Eisberg bei dem Geld der unwichtigste Teil ist. Vermutlich strebt Richard Price etwas anderes an. Meine Vermutung geht dahingehend, dass er die Zahl der Nutzer erhöhen will, die Anzahl der hochgeladenen Paper und den Impact Factor von Academia.edu als ganzes.

Die Besonderheit von Academia.edu ist, dass es das einzige Unternehmen ist, das soetwas versucht. Das mag etwas merkwürdig klingen weil Konzerne wie Elsevier eigentlich schon seit Jahrzehnten sich mit wissenschaftlicher Publikation beschäftigen. Der Unterschied ist der, dass Elsevier tatsächlich Geld verdienen möchte, während man bei Price den Eindruck hat, dass da noch andere Motive eine Rolle spielen.

Bei Elsevier weiß man wenigstens woran man ist, die haben ein klares Ziel vor Augen und möchten innerhalb der bestehenden Marktstrukturen ihren persönlichen Erfolg maximieren. Bei Academia.edu hingegen hat man den Eindruck, als ob die die Spielregeln verändern wollen. Also die Kosten des Publishing senken um in dem neuen Markt dann Kontrolle auszuüben.

Am besten kann man das mit der GNU Linux Strategie vergleichen. Auch dort stand im Gründungsmanifest drin, dass es um Software geht und tatsächlich hat Linus Torvalds alle möglichen Ziele nur eben nicht Geld. Ich glaube, worum es Torvalds und Stallmann von Anfang an ging, war Anerkennung. Das heißt, sie wollten von anderen Hackern angebetet werden, und genau das ist ihnen gelungen. Es gibt heute niemanden in der Hackerszene der ernsthaft gegen Linux stänkert oder die Führungsrolle von Torvalds in Frage stellt. Mit Geld hatte dieser Coup fast nichts zu tun. Natürlich kann man auch Freie Software als Markt verstehen nur das dort die Währung keine US-Dollar mehr sind.

Bei Academia.edu scheint das ähnlich zu verlaufen. Auch dort geht es einerseits um eine marktbeherschende Stellung, allerdings in einem Markt der sich nicht in Geld messen lässt. Eine knappe Überschlagsrechnung zeigt, dass der Deal klappen könnte. Einen Preprint Server zu hosten ist so teuer nicht. Und wenn man keine weitergehende Ziele verfolgt wie schnelle Autos, schöne Frauen und Champagner dann bleiben die Kosten niedrig. Dadurch ist es nicht möglich, Academia.edu finanziell platt zu machen. Sondern man kann die Jungs aus Kalifornien nur dadurch schlagen, dass man besser die Bedürfnisse von Wissenschaftlern erkennt.

Meine Prognose lautet, dass Academia.edu auch in 10 Jahren noch nicht profitabel sein wird. Vermutlich wird die Anzahl der Angstellten klein sein, der erwirtschaftete Umsatz unbedeutend. Gleichzeitig dürfte jedoch wenn das Tempo so weitergeht, der Einfluss von Academia.edu steigen. Es wird zu einem dezentralen Wissenschaftsnetz heranwachsen, eine Art von Hub der Wissenschaftler weltweit miteinander connected. So eine Art von Youtube, nur eben für PDF Paper. Das ist jedoch keine Leistung die man Richard Price zuschreiben kann, sondern was er macht ist lediglich die Schwächen des jetzigen Systems auszunutzen. Wenn man versucht ohne Academia.edu etwas zu publizieren wird es richtig kompliziert und teuer. Und weil das jetzige System so nervig und altbacken ist, hat Academia.edu leichtes Spiel eine bessere Alternative anzubieten. Wirklich gut programmiert ist die verwendete Software nicht, die Webseite reagiert zäh, die Dokumentation ist nicht perfekt und es fehlt ganz allgemein die Professionalität. Aber dieses Mittelmaß ist bereits ausreichend. Wenn man einmal vergleicht wie man ein Paper bei Elsevier veröffentlicht und im Vergleich dazu bei Academia.edu es innerhalb von 1 Minute auf den Server schiebt, so könnte der Unterschied größer nicht sein. Wir haben auf der einen Seite einen umfangreichen Workflow der sich über Monate hinstreckt, das Stellen von Förderanträgen und Druckkostenzuschüsse beinhaltet und im Ergebnis bei einer Ablehnung des Manuscriptes sogar noch enttäuschend verläuft, während bei der Gegenseite ein simpler Klick auf einen Upload Button alles ist, was der Wissenschaftler machen muss.

Auch vor Academia.edu gab es schon eine rege Publikationstätigkeit. Jeden Tag erscheinen neue Paper überall auf der Welt. Der Unterschied ist nur, dass bis sie erscheinen sehr viel mehr Aufwand investiert wird. Das ist vergleichbar damit, als wenn man eine Manufaktor mit einer Fabrik vergleicht. In beiden Fällen kommt auf der anderen Seite etwas heraus.

WIKIPEDIA
Ein wenig erinnert der Aufsteig von Academia.edu an den Aufsteig von Wikipedia. Zur Erinnerung, als Wikipedia noch jung war gab es bereits etwas anderes was so ähnlich war: den Brockhaus. Er bestand aus gedruckten Bänden, und wurde von bezahlten Autoren gepflegt. Wikipedia hat das ganze übertragen in das digitale Zeitalter. Heute kann jeder dieses Wissen nutzen und daran mitarbeiten. Den Brockhaus gibt es nicht mehr. Warum Wikipedia so erfolgreich war, lag daran dass der Brockhaus schlichtweg keinen Sinn machte. Das Konzept einer gedruckten Enzyklopädie hat sich überlebt.

Ein Lexikon ist jedoch nur ein Medium unter vielen was in den Bibliotheken aufbewahrt wird. Meist steht es im Eingangsbereich weil viele darauf zugreifen, häufig in einem Extra-Regal. Nun gut, dank Wikipedia kann man dieses Regel jetzt leerräumen und eine simple DVD dorthin stellen. Es bleiben jedoch noch die zig Millionen anderer Bücher die auf klassische Weise benutzt werden. Im Grunde geht es erneut um die Frage ob der Weg ihres Entstehens womöglich zu kompliziert ist und ob man die Kosten nicht dramatisch reduzieren kann. Auf den ersten Blick klingt die Idee aberwitzig auf Buchverlage und Zeitschriften zu verzichten und stattdessen alles Online abzuwickeln. Aber genau daran wagt sich Academia.edu. Es geht darum, nachdem die Wikipedia sich erfolgreich etabliert hat, auch die übrige Bibliothek und damit das komplette Wissenschaftssystems ins Internet zu übertragen. Damit ist nicht gemeint, einfach nur die Bücher einzuscannen wie es Google Booksearch gemacht hat, sondern damit ist gemeint, den kompletten Workflow bis zum Entstehen von gedruckten Informationen zu rationalisieren. Academia.edu ist das Distellitat was übrigbleibt, wenn man alles überflüssige entfernt. Academia.edu ist eine Kriegserklärung gegen das tradionelle Publishing-System. Es geht um nichts geringeres als den Fortbestand der heute üblichen Bibliotheken.

Ich glaube, was Richard Price wirklich antreibt ist nicht Geld oder Macht. Was ihn motiviert ist die blanke Lust am Zerstören. Er will die Universitäten und die Bibliotheken brennen sehen. Das perfide an seinem Plan ist, dass man ihm nichts entgegensetzen kann. Weil ja Price nicht einfach Bücher klaut, sondern was er macht ist viel schlimmer: Er lacht die Bibliotheken aus.

Anfang 2012 hat Richard Price auf einer Party verkündigt, dass seine Plattform eine Million Nutzer hat. In 2017 spricht er von 50 Millionen registrierten Usern. Dazwischen lag ein Zeitraum von 5 Jahren. Offenbar ist das die Kennzahl die für Price neben der Anzahl der gehosteten Paper von Interesse ist. Die Frage ist, was gedenkt er mit all diesen Usern anzufangen. Will er ihre Daten verkaufen, will er ihnen Abos eines Premium Dienstes verkaufen, oder will er sie einfach nur als unbezahlte Schreiberlinge, die seinen Science-Hub mit Content füttern? Vermutlich von allem etwas. Ähnlich wie bei Youtube auch, ist das einzige womit er seine Nutzer entlohnen kann die Aufmerksamkeit. Bei Youtube lädt man etwas hoch, was dann von 10000 Leuten angeklickt wird, weil youtube eine maximale Reichweite besitzt.

Versuchen wir den Blick etwas zu erweitern. Wenn man bei Google Scholar sich nur jene Paper anzeigen lässt die bei Academia.edu gehostet sind, so steht aktuelle eine Trefferzahl von rund 1 Mio. Eine Eingrenzung auf Researchgate weißt eine stattliche Anzahl von 2 Mio Papern aus. Die überwiegende Anzahl dieser Paper dürften nicht exklusiv bei Academia.edu liegen sondern eine Kopie von einer Erstveröffentlichung die in einem anerkannten wissenschaftlichen Verlag erfolgte. Das ist so ähnlich, wie in der Anfangszeit von Wikipedia wo Leute alte DDR Lexika eingescannt haben und das dann bei Wikipedia als Content eingestellt haben.

Grenzt man den Suchhorizont ein, so werden für das Jahr 2017 nur 1000 Paper durch Google Scholar angezeigt die auf Academia.edu gehostet sind. Klickt man diese wahllos an, so handelt es sich auch hier um Kopien die bereits auf Plos One, Sciencedirect oder in anderen Zeitschriften erschienen sind. Andere Paper könnten wiederum woanders abelehnt worden sein, wurden aber zumindest von richtigen Wissenschaftlern erstellt.

Insgesamt kann man sagen, dass Academia.edu technisch gesehen funktioniert. Das jedoch gegenwertig die Plattform aus unterschiedlichen Gründen noch hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibt. Rein theoretisch könnte man den kompletten Wissenschaftsbetrieb auf Academiea.edu switchen um damit klassische Zeitschriften zu umgehen. In der Praxis findet das jedoch nicht statt. Offenbar fühlen sich die Wissenschaftler, welche die Paper ja erstellen, noch zu wohl in ihrer angestammten Umgebung als dass sie aus diesen Strukturen auszubrechen gedenken.

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