Ist OpenAccess ein Fake?

Im Rahmen eines neuen Textes, den ich irgendwann bei Academia.edu hochladen will bin ich da auf einen Aspekt von OpenAccess gestoßen zu dem es derzeit an guten Informationen mangelt. Die Hypothese lautet, dass die OpenAccess Bewegung nur ein Fake ist, also gar nicht die Absicht hat die Gesellschaft nachhaltlich zu verändern. Wie gesagt, Quellen für diese These gibt es keine, vielmehr ist das eine Beobachtung. Schauen wir uns konkret an, woraus OpenAccess besteht: einerseits sind es zahlreiche Konferenzen zu der Thematik, dann Veröffentlichungen und ganz wichtig die OpenAccess Erklärung, von denen es die Berliner Erklärung, Budapester Erklärung und die Bethesda-Erklärung gibt.

Wenn man jedoch OpenAccess beim Wort nimmt und irgendwo seine selbst verfassten Paper hochladen will stellt man fest, dass es dafür keine Plattform gibt. Auch Zenodo ist nicht dafür gedacht, dass sich jeder der will dort anmeldet und etwas publiziert, und Arxiv.org sind die Hürden noch höher. Wo also kann man OpenAccess ganz konkret anfassen, wohin soll es führen?

Schaut man sich die offizielle Leitlinie und Vision einmal an, so wird es sehr wage. Da heißt es, dass bis zum Jahr 2020 darauf hingewirkt werden soll, dass ein Gespräch darüber stattfindet, dass man die Zeitschriften-Verlage dazu bewegen will, dass sie möglicherweise den Zugang zu einigen wissenschaftlichen Publikationen erleichtern. Aha, wer hätte das gedacht. Das nenne ich doch mal Geschwurbel.

Aber wirklich gegen OpenAccess argumentieren möchte ich an dieser Stelle nicht. Ich glaube die Probleme sind hausgemacht. Dann was sollen die Universitäten und Bibliotheken denn sonst tun, außer Absichtserklärungen zu unterschreiben? Laut Definition sind staatliche Universitäten genau das: vom Staat finanzierte öffentliche Einrichtungen. Ihre Möglichkeiten sind limitiert, sie funktionieren nur innerhalb von bekannter Strukturen. Insofern ist ein Reform-Projekt wie OpenAccess ein Sturm im Wasserglas, wo man sich daran erfreut, dass alles so bleibt wie es ist. Ein wenig ketzerisch formuliert kann man sagen, dass die OpenAccess Strategie den heutigen Ist-Zustand beschreibt. Das heißt, die Unis und Bibliotheken machen nochmal richtig Werbung für sich so ähnlich als würde der Brockhaus gegen Ende nochmal eine großseitige Anzeige bei der FAZ schalten. Nicht etwa, weil das die Zukunft ist, sondern weil das der Brockhaus Verlag am liebsten macht.

Die Grundidee von OpenAccess besteht darin, dass Bildung innerhalb von Universitäten und Biblitheken stattfindet. Das man also Leute in einem Hochschulsystem ausbildet, sie über Bibliotheken Zugriff erhalten auf wissenschaftliche Dokumente und das man den Nachwuchs dahingehend qualifiziert, dass er selber forscht. Um es vielleicht noch markanter herauszuarbeiten: OpenAccess ist eine Gegenbewegung zu sozialen Netzen. Es ist eine Art von Brandmauer die errichtet wird, um sich gegenüber Facebook, Google, Acadedmia.edu und Weblogs abzugrenzen. OpenAccess ist die Hochschule 2.0, während social Media kommerziell und gewinnorientiert arbeiten.

PAYWALL
OpenAccess kann man nur verstehen, wenn man von einem bestimmten Ist-Zustand ausgeht, den OpenAccess zu überwinden gedenkt. Dieser angenommene Ist-Zustand besteht darin, dass wie in der Zeitschriftenkrise beschrieben, die Paper nur gedruckt erscheinen, dass Wissenschaftler darauf keinen Zugriff haben und das es Bezahlschranken gibt. Die Idee von OpenAccess besteht darin, diese Krise zu überwinden, indem man einerseits digital-only publiziert, und das man Paywalls abbaut. Nur, diese Schlacht wurde bereits geschlagen. Die Zeitschriftenkrise war mal in den 1980’er akut, als es tatsächlich noch keine Digitalisierung des Publishing gab. Inzwischen sind die meisten Veröffentlichungen digital und die meisten Paywalls wurden entfernt. Dennoch geht OpenAccess nach wie vor von einer Zeitschriftenkrise aus, wo also Zeitschriften nur gedruckt erscheinen und deshalb kein Zugriff darauf möglich ist.

Versetzen wir uns zurück in das Jahr 2000. Das ist schon etwas länger her und ermöglicht einen guten Rückblick was OpenAccess eigentlich anstrebte. Im Jahr 2000 war die Realitätsbeschreibung deckungsgleich mit dem was innerhalb von OpenAccess bekannt ist. Damals gab es in der Tat nur wenige Zeitschriften die als PDF erschienen und die wenigen die es gab, waren durch fette Paywalls geschützt. Insofern macht es Sinn, das Problem zu erkennen und Lösungen vorzuschlagen. Ausgehend vom Jahr 2000 war OpenAccess also der richtige Weg.

Inzwischen hat sich die Welt jedoch weitergedreht. Heute im Jahr 2017 sind PLOS und sciencedirect allgemein akzeptiert, bei Google Scholar lassen sich 10 Mio Paper im Volltext durchsuchen und gedruckte Publikationen nutzt niemand mehr. Nach wie vor steht das Publikationswesen unter einem Druck, nach wie vor gibt es Klagen von Lesern wie auch Autoren, dass sie ein Paper nicht finden oder dass sie keines veröffentlichen dürfen. Aber, diese Probleme lassen sich nicht länger mit OpenAccess lösen. Ich glaube, die Probleme der Gegenwart lassen sich besser unter der Bezeichnung „social Media“ zusammenfassen. Das also wissenschaftliche Kommunikation die außerhalb von Journalen und außerhalb von Universitäten stattfindet attraktiver geworden ist und ganz neue Herausforderungen erzeugt.

SOCIAL MEDIA
Schauen wir uns die ominösen Social Media Dienste etwas genauer an. Was ist damit gemeint? Es handelt sich dabei um das klassische Web 2.0 also das Mitmachinternet wo jeder Content hochlanden kann: Blogs, Facebook, Youtube, Wikipedia, Twitter, Podcasts, Flickr, Online-Foren und social Bookmarks gehören dazu. Die Gemeinsamkeit von social Media besteht darin, dass sie die technologische Avantgarde sind. Youtube setzt beispielsweise hochauflösende Codecs ein, Wikipedia nutzt ein verteiltes Redaktionssystem und Facebook hat ganze Keller voll mit Linux-Servern. Gleichzeitig sind jedoch die Social Media Dienste nicht in universitäre Strukturen eingebettet. Wikipedia ist beispielsweise nicht zitierfähig und die Informationen aus Online-Foren erst recht nicht. Es hat sich also ein Gap gebildet, zwischen universitären Informationen einerseits die unter dem Google Scholar Portal zusammengefasst sind und zwischen den social Media Diensten auf der anderen Seite. Dieser Gap lässt sich nicht überwinden. Anders als OpenScience suggeriert kann eben nicht jeder Bürger ein Wissenschaftler werden. Weil man ein Wissenschaftler nur werden kann, wenn man mehrere Jahre studiert hat, dann promoviert und dann eine Post-Doc Stelle antritt. Auch unter OpenAccess ändert sich an diesem klassischen Modell nichts. Ganz im Gegenteil, die Zutrittshürden um aufgenommen zu werden in den erlauchten Kreis der Wissenschaftlern sind heute höher denn je. Die formalen Anforderungen bis sich jemand Wissenschaftler nennen darf wurden schärfer gefasst. Heute dürfen selbst Leute, die mehrere Jahre im Universitätsbetrieb eingebunden waren, sich nicht automatisch als Wissenschaftler bezeichnen sondern sie bleiben ein Leben lang Assistent.

Auf der anderen Seite sind die Eintrittshürden um bei bei social Media aktiv zu werden, so niedrig wie noch nie. Gab es in der Anfangszeit von Youtube noch viele Unklarheiten und Beschränkungen was Dateiformate und erwünschte Inhalte anging, wurde das Portal heute auf maximalen Upload hin ausgelegt. Wo also möglicht viel Content eingestellt wird, und von möglichst vielen Leuten weltweit. Ähnliches ist in der Podcast Szene zu beobachten. War es anfangs noch schwer einen Podcast aufzunehmen oder gar zu veröffentlichen, gibt es heute einen regelrechten Markt wo Standard-Mikrofone, Standard-Software und Standard-Upload Portale genutzt werden. Wiederum mit dem Ziel dass jeder publizieren kann zu kleinstmöglichem Aufwand.

Es sind derzeit zwei gegensätzliche Strömungen zu beobachten. Einmal die klassischen Universitäten welche sich gegenüber der breiten Öffentlichkeit abzuschotten gedenken, sich hinter Absichtserklärungen, merkwürdigen Diskursen und formellen Eintrittshürden verschanzen während auf der Gegenseite die social Media Welle immer neue Anhänger findet und sich zu einem Massenphänomen ausweitet. Es ist wahrscheinlich, dass dieser Trend anhält. Das heißt, in 10 Jahren sind die social Media Dienste noch offener und die klassischen Universitäten noch verschlossener.

KRISE DER HOCHSCHULEN
Lässt sich die Krise des Bildungssystems lösen? Können Universitäten in die Gesellschaft hineinstrahlen und so einen Beitrag leisten? Kann man Bibliotheken öffnen? Leider lautet die Antwort nein. Es geht nicht. Es ähnlich absurd wie die Vorstellung, dass der Brockhaus Verlag im Wikipedia Zeitalter noch einen wichtigen Beitrag leisten könne, oder dass gedruckte Bücher angesichts von Google Booksearch noch einen Wert besitzen. Nein, eine Medienrevolution funktioniert so, dass sie etwas neues schafft und das alte damit verdrängt. So wie der Buchdruck mit beweglichen Lettern das vorherige System abgelöst hat, so werden social Media Dienste die Universitäten ablösen. Die ersten Ansätze sind heute erkennbar. Die vielen Lectures die bei Youtube und itunes eingestellt wurden bieten mehr Auswahl als ein Student am M.I.T. erhält. Und die Paper die bei Google Scholar einsehbar sind, übertreffen die Library of Congress um einiges. Und wenn heute eine wichtige Fashion-Bloggerin sich auch nur räuspert wird dem mehr Beachtung geschenkt als wenn Jean-Paul Gaultier eine neue Kollektion vorstellt.

EHRLICHKEIT
Wie sehen sich die Hochschulen eigentlich selber? Ich hatte in der Einleitung zu diesem Blogpost geschrieben, dass es keine Quellen dafür gebe, dass OpenAccess nur ein Fake ist. Wenn man jedoch etwas genauer hinschaut, kann man die Protagonisten zitieren und erhält genau diese Information. Unter dem Stichwort „Hochschule 4.0“ ist ein schöner FAZ Artikel abgedruckt http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/campus/hochschule-4-0-die-uni-der-zukunft-13947312.html Dort kommen einige Leute zu Wort, die die Verantwortung haben für die Universität der Zukunft. Eine sagt: „Jede Hochschule sollte ihre eigene digitale Agenda entwickeln, um die Möglichkeiten der Digitalisierung auf ihr eigenes Profil zuzuschneiden“ und ein anderes Argument lautet „Digitalisierung biete Möglichkeiten, die noch nicht ausgeschöpft werden“. Das ist kurz gesagt alles, was die Hochschule 4.0 zu bieten hat. Das sowas keine Perspektive ist sondern das Eingeständnis keine Perspektive zu haben ist wohl offensichtlich.

Spannend wird es im zweiten Teil vom FAZ Artikel weil dort nähmlich die wirkliche Zukunft beschrieben wird. Dort wird ein Dienst namens Coursera erwähnt, die Online Kurse im Internet anbietet und schon 15 Millionen Studenten für sich gewonnen hat. Dann wird noch kurz auf Udacity von Sebastian Thrun verwiesen, um dann zum Höhepunkt des Artikels auf die Möglichkeiten von Bigdata, Tablets und Künstliche Intelligenz zu kommen.

In dem gut gemachten FAZ Artikel wird als als Einstieg eine sehr müde „Hochschule 4.0“ Absichtserklärung verlesen, von der selbst ihre Akteure nicht überzeugt sind, um dann im Hauptteil zur echten Zukunft von Universitäten zu sprechen zu kommen, die nichts mehr mit den klassischen Universitäten zu tun haben wird.

Das merkwürdige ist, dass sich offenbar alle Protagonisten weitestgehend einig sind. Die Verantwortlichen bei den Universitäten und in der Politik räumen kampflos das Feld, so dass die neuen Nicht-Universitätsgebundenen Angebote ein Millionenpublikum begeistern und ganz wie es im obigen FAZ Artikel drinsteht mit Hilfe von Smartphone und Online-Videos Bildung in die breite Masse tragen.

HOCHSCHULE 4.0
In einem anderen Paper http://www.gate-germany.de/fileadmin/dokumente/angebote/Kongresse/Marketing-Kongress/2015/Web_Scheer_Whitepaper_Nr__8_Hochschule_4_0.pdf was eigentlich für die Hochschule 4.0 Werbung machen soll, steht schon in der Einleitung drin dass „Digitalisierung eats the world“ angesagt ist, und die Universitäten darunter leiden:
– gesicherte staatliche Finanzierung
– wenig Wettbewerb
– idealisierte Rollenkonzepte
– MINT gescheitert ist
– zu enger Numerus Clausus

Im Kapitel „Hemmende Faktoren für die Hochschule 4.0“ werden sogar Empfehlungen gegegeben, wie man das verstärken kann. Das Paper ist nicht von einem Kritiker erstellt worden sondern von Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer.

Wer sich das Paper durchließt wird keineswegs Hochschule 4.0 entgegenfiebern, sondern man hat fast den Eindruck, als ob Scheer die Rolle des Verräters spielt. Also Anti-Werbung für sich und seine Hochschule betreibt. Ich meine, dass MINT gescheitert wäre und das die Hochschulen zu wenig Wettbewerb haben wäre doch eigentlich ein Argument was gegen die Hochschulen spricht und womit man Udacity und ähnliche Anbieter pushen kann.

Aus lingusitischer Sicht ist es durchaus interessant sowas zu lesen. Das heißt, wir haben die paradoxe Situation dass jemand der für etwas ist, in Wirklichkeit die Selbstauflösung der Hochschulen verkündet. Ja fast möchte man Prof Scheer entgegenrufen, dass so schlecht das staatliche Bildungssystem gar nicht ist sondern auch seine guten Seiten hat.

Nach meiner Recherche wird in der Militärhistorie der Begriff des Überrollkommandos (Stay-behind) verwendet um derartige Fälle zu beschreiben. Das heißt, Scheer und die Fürsprecher von OpenAccess wissen ganz genau, dass sie gegen social Media nichts ausrichten können weil dort die Zukunft liegt und buddeln sich schonmal vorsorglich ein. Defakto haben sie also die Seiten gewechselt und sind jetzt Doppelagenten.

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