Hochschule 4.0


Die meisten welche sich mit OpenAccess und OpenScience beschäftigen dürfte es zumindest schonmal vom Namen gehört haben, das ominöse Whitepaper von Professor Scheer zum Thema Hochschule 4.0 http://www.gate-germany.de/fileadmin/dokumente/angebote/Kongresse/Marketing-Kongress/2015/Web_Scheer_Whitepaper_Nr__8_Hochschule_4_0.pdf Im Grunde ist allgemein bekannt was in so einem Paper vermutlich drinsteht, und zwar langatimiges Geschwafel was keinen interessiert. Schon hinter „Industrie 4.0“ verbergen sich Worthülsen wie wird es da erst bei „Hochschule 4.0“ sein? Doch wer etwas genauer hinschaut wird erkennen, dass hinter dem harmlos anmutenden Titel in Wirklichkeit Sprengstoff steckt. Was Scheer da in seinem Paper beschreibt ist nichts anderes als eine volle Breitseite gegen das Hochschulsystem. Aber schauen wir uns das Paper etwas genauer an.

In der Einleitung wird auf den Netscape Gründer Marc Andreessen verwiesen, der sinngemaß gesagt hat, dass Software wichtiger ist als alles andere auf der Welt. Diese Einsicht überträgt Scheer auf das Hochschulsystem und zunächst mit einer Bestandsaufnahme. Auf Seite 5 sagt er, dass die Hochschulen in Deutschland nur eine geringe Transformationsbereitschaft besitzen und noch nicht von der Digitalisierung aufgeschreckt wurden. Die Gründe sind laut Scheer hausgemacht:

– Eine traditionell geringe Veränderungsbereitschaft
– überalterte Professoren
– idealisiertes Humboldsches Rollenkonzept
– zuwenig Wettbewerb
– gesicherte staatliche Finanzierung

Weiterhin erkennt Scheer, dass die Hochschulen gegenüber kommerziellen Unternehmen hinterherhinken. Als Gefahren für die Hochschulen erkennt er das Internet, Smartphones und Social Media. Als Antwort schlägt Scheer die Digitalisierung der Hochschulen vor, was er als „Hochschule 4.0“ bezeichnet.

Soweit die ersten Seiten des Whitepapers. Keineswegs wird darin den Hochschulen geschmeichelt dass sie gut gerüstet sind, sondern ganz im Gegenteil. Es wird erläutert, dass die Hochschulen massiv unter Druck stehen und eben nicht gerüstet sind für die Zukunft.

Aber wer glaubt, dass Scheer jetzt im Detail die Digitalisierungsoffensive der Hochschulen erläutert, der irrt. Stattdessen geht es munter weiter mit Aufzählungen was alles verkehrt läuft in den Hochschulen der Gegenwart. So heißt es:
– In den MINT Fächern besteht einerseits ein Mangel an Absolventen, gleichzeitig ist die Abbrecherquote hoch.
– In Numerus Clausus Fächern wie Medizin suchen sich die Studenten lieber einen Studiengang im Ausland
– Hochschulen sind auf die Erstausbildung fokussiert und bieten kaum Weiterbildungsmöglichkeiten
– Dozenten sind praxisfern
– Zu geringe Anzahl von Laborplätzen
– keine individuelle Förderung von Studenten stattdessen gilt das Selektionsprinzip

Vielleicht an dieser Stelle ein kleiner Einwurf. Kritik an den Hochschulen gab es schon immer. Meist wird sie von außerhalb geäußert und üblicherweise hat sie zum Ziel Hochschulen zu diskreditieren. Was Scheer jedoch macht ist keine simple Kritik am Hochschulsystem, sondern soviel Kritik konzentriert ist etwas sehr seltenes. Das Problem besteht darin, dass Scheer ein Insider ist. Offenbar hat er sich zum Ziel gesetzt eine Art von Amok zu veranstalten um die Hochschulen kaputt zureden. Mir ist kein anderes Paper bekannt wo derart umfassend das Bildungssystem von Deutschland kritisiert wurde und mit dieser Schärfe. Aber es geht noch viel weiter. Immer weitere Informationen breitet Scheer da seinen Lesern aus:

– obwohl E-Learning seit 20 Jahren in der Erprobung ist, sind es bisher nur Einzelinitaven von Dozenten geblieben
– Konzepte wie „Virtuelle Hochschule Bayern“ sind gescheitert
– es gibt zahlreiche Vorurteile bei Dozenten gegenüber E-Learning

Im Mittelteil seines Whitepapers erläutert Scheer dann Beispiele für eine Digitalisierung der Lehre. Einmal Udacity als Online-Hochschule von Sebastian Thrun, aber auch ResearchGate und die Vorteile von E-Learning werden benannt. Als konkreten Vorschlag empfielt Scheer das Gründen einer Startup-Hochschule die ausschließlich E-Learning anbietet und von privaten Investoren finanziert wird. Als abschließende Empfehlung formuliert Scheer eine Art von Merksatz:

„Deshalb sei allen Hochschulen dringend geraten, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen,
bevor es andere tun“.

Auf Seite 37 des Papers gibt es dann noch weiterführende Literatur. Zitiert wird das Gutachten einer Expertenkommision, Jeremy Rifkin der über die Digitalisierung der Wirtschaft schreibt, und noch ein unbekannter Autor der sich zu digitaler Lehre geäußert hat. Auf Seite 39 ist dann das Whitepaper von Scheer zum Thema Hochschule 4.0 zu Ende.

Zurück bleibt ein sehr merkwürdiger Eindruck. Wenn ich Scheer richtig interpretiere hat er die Vorteile von E-Learning und des Internets herausgearbietet, hat ferner erkannt dass die Hochschulen auf diesem Gebiet einen Nachholebedarf haben und schlägt unter dem Stichwort Hochschule 4.0 vor, diese Lücke zu schließen. Aber wie bitteschön ist sein Vorschlag mit einer Startup-Universität zu verstehen, die nur elearnig Kurse anbietet? Im Grunde klingt das nach Udacity auf Deutsch. Nur, jeder der ein klein wenig nachdenkt wird wissen, dass eine Hochschule kein privates Startup ist, was online-Kurse anbietet sondern etwas ganz anderes. Das heißt, natürlich wäre es möglich auch einen deutschen Ableger von Udacity zu gründen, nur würde dieser dann in Konkurrenz treten zum etablierten Hochschulsystem. Die Frage die Scheer unbeantwortet lässt lautet: sind die Hochschulen überhaupt in der Lage den Transformationsprozess in Richtung Digitalisierung zu vollziehen oder wird es nicht eher so sein, dass es in 20 Jahren keine Hochschulen mehr gibt und die Nachfrage nach Bildung dann von privaten Anbietern gedeckt wird?

Erweitern wir den Blick dochmal über das Scheer Paper hinaus. Derzeit passiert folgendes: private Publisher wie Elsevier machen mit OpenAccess fette Gewinne, ebenfalls private Startups wie ResearchGate versuchen soziale akamdemische Netzwerke aufzubauen, private Hochschulen wie Udacity bieten Kurse an und Firmen wie Google betreiben Suchmaschinen für wissenschaftliche Paper. Wo bitte in diesem Konglomerat stehen die Hochulen? Das einzige was derzeit Hochschulen machen ist folgendes:
– Präsenzlehrveranstaltungen
– Bibliotheken mit gedruckten Büchern
– staatliche Weisungsbefugnis, nicht gewinnorientiert

Von all diesen Dingen sagt Scheer dass sie überholt sind. Aber glaubt er wirklich an eine Transformation. Sollen staatliche Hochschulen etwa eine Suchmaschine aufbauen, kostenplfichtige Online-Kurse anbieten oder soziale Netze betreiben? Kurz gesagt, das Whitepaper von Scheer lässt seine Leser etwas ratlos zurück.

Ein wenig konkreter wird „Ernst M. Schmachtenberg: Digitale Lehre und die Zukunft der Hochschulen“ in einem 3 Minuten Interview sieht er ähnlich wie Scheer große Herausforderungen zukommen. Er beschreibt das deutsche Bildunggsystem als staatlich, währenddessen die USA viele private Universitäten hätten. Dann zieht er einen Vergleich zur Bundespost. Diese war früher einmal staatlich und wurde dann privatisiert um die Herausforderungen besser zu erfüllen. So direkt sagt er das zwar nicht, aber man kann Schmachtenberg so interpretieren, als möchte er die Hochschulen wie die Post privatisieren damit sie dann die Herausforderungen besser bewältigen.

Schauen wir uns die Perspektive Privatierung von Hochschulen etwas genauer an. Laut http://www.hof.uni-halle.de/journal/texte/08_2/dhs_2008_2.pdf#page=5 sind derzeit nur 3% aller Studierenden an einer privaten Hochschule eingeschrieben. Mehr noch, in Deutschland gibt es nochnichtmal einen Diskurs darüber ob man die Hochschulen überhaupt privatisieren könne. Vielmehr geht man davon aus, dass es keine Alternative zur staatlichen Hochschule gäbe. Auch Scheer hat sich um diese Frage gedrückt. Eigentlich müsste in seinem Whitepaper die Frage formuliert werden, ob der benötigte Transformation zur digitalen Hochschule womöglich nur gelingt, wenn man zuvor die Hochschule privatisiert. Denn, als Vorbild wie Bildung der Zukunft aussieht, erwähnt Scheer ausschließlich private Unternehmen wie Udacity, ResearchGate usw.

PRIVATISIERUNG DER BILDUNG
Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass durch das Internet sich die Bildungslandschaft dramatisch verändert. Wissenschaftliche Veröffentlichungen erfolgen nur noch digital, Vorlesungen werden als Youtube-Video angeboten, Suchmaschine wie google Scholar bieten Orientierung und eigene Paper kann man in den akademischen sozialen Netzen veröffentlichen. Durch diese Entwicklung wird ein massiver Druck auf traditionelle Hochschulen ausgeübt. Die Frage lautet: wie werden sie darauf reagieren? Es ist unwahrscheinlich, dass Hochschulen diesem Druck werden standhalten können. Niemand der schonmal mit google Scholar gearbeitet hat, wird je wieder eine klassische Bibliothek aufsuchen wollen und niemand, der sich schonmal während einer Youtube-Vorlesung nebenbei noch die Fußnägel hat lakieren können, wird je wieder einen altbackenen Hörsaal besuchen wollen. Insofern heißt die logische Antwort dass sich die Hochschulen selber auflösen und die Reste dann privatisiert werden. Vorstellbar wäre, dass einige Dozenten sich zusammenschließen um ein einges Unternehmen zu gründen, vergleichbar mit Udacity wo sie dann gegen Entgeld Kurs-Videos produzieren. Andere wiederum, die früher mit dem Betreuen von Diplomanden betraut waren, könnten ihr Wissen in eine Ghostwriting Agentur einbringen und ehemalige Bibliothekare könnten für Google Scholar das Kategoriesystem überarbeiten.

Die Hypothese lautet, dass ausgehend von den Internet-Technologien die Bildund sich wird verändern. Sie wird von privaten Anbietern übernommen die ähnlich wie Facebook und Youtube sich über Werbung finanzieren. Gleichzeitig wird dadurch die Qualität der Bildung steigen. Anders formuliert, die Hochschule der Zukunft ist virtuell und privat finanziert.

Nehmen wir mal an, der Übergang von öffentlichen Hochschulen zu privaten Hochschulen ist unausweichlich. Ist damit bereits die maximale Effizienzstufe erreicht? Noch nicht ganz, man kann Udacity nähmlich noch von einer anderen Seite aus kritisieren. Das dort noch nicht genug privatisiert wurde, und es im Grunde immernoch zu bürokratisch zugeht. .Die nächst logische Stufe nachdem die Hochschulen privatisiert wurden, besteht dann darin, in Richtung OpenSource und kostenlose Bildung zu gehen. Wo also kein Unternehmen mehr die Kurse anbietet sondern private Blogger von zu Hause aus. Und wo nicht länger US$ als Währung genutzt wird, sondern Likes, und Trafficzahlen. Die ersten Ansätze gibt es bereits. Hier ist Academia.edu zu nennen, der es sich auf die Fahnen geschrieben hat, sogenanntes self-marketing für Akademiker zu betreiben. Wo also die Einzelperson sich zu einer Marke hochstilisiert und versucht darüber dann einen Marktwert zu generieren. Damit wäre dann die Kommerziellierung auf die Spitze getrieben. Das wird manchmal auch als Ich-AG bezeichnet und bedeutet nichts anderes als einen extremen Liberalismus zu befürworten.

Schauen wir uns das Geschäftsmodell von Udacity etwas näher an. Es gibt zwei Kursarten: kostenlose für Einsteiger und kostenpflichtige für Fortgeschrittene. Dieses Finanzierungsmodell ist typisch für Internetkonzerne, auch auf anderen Plattformen werden zunächst über kostenlose Angebote neue Kunden angelockt um sie dann mit Premiumdiensten abzuzocken. Interessanterweise bietet diese Hybrid-Strategie die Möglichkeit zu diesen Anbietern in Konkurrenz zu gehen. Man braucht nur ein eigenes Unternehmen zu gründen, was bessere oder billigere Kurse als Udacity und schon kann man die Kunden abwerben. Das heißt, es geht weniger um die Frage: staatlich vs. privat, sondern die Frage heißt, wenn privat wie genau?

IVERSITY
Wenn man etwas recherchiert, findet man einige Beispiele dafür wie die Hochschule 4.0 konkret aussieht. Eines davon lautet Iversity. Es handelt sich dabei um ein Startup, was Online-Kurse anbietet. Das heißt, wird haben es also mit dem Super-GAU namens privatisierte Hochschule zu tun. Gleichzeitig wurde Iversity mit öffentlichen Steuergeldern finanziert, das heißt, über einen Fonds wurde die erste Finanzierung realisiert. Obwohl das im eingangs zitierten Scheer-White-Paper nicht so drinsteht kann man wohl unterstellen, dass Iversity ein gutes Beispiel ist für das was Scheer im Kopf hatte als er das Paper geschrieben hat. Die Vorteile sind:
– Privatisierung der Lehre
– staatliche Anschubfinanzierung, danach eigenes Geschäftsmodell
– e-Learning unter Verwendung von Internet-Technologien

Sieht so womöglich die Zukunft aus? Das in Phase 1 lauter solche Startups wie Pilze aus dem Boden schießen, schrittweise Forschung und Lehre an sich reißen und dann die bisherigen staatlichen Universitäten überflüssig machen? Schwer zu sagen, aber zumindest ist das was unter der Hochschule 4.0 Utopie verstanden wird.

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