Hochschule 4.0 reicht nicht aus


Das Ziel von „Hochschule 4.0“ ist die staatlichen Universitäten zu privatisieren und zu digitalisieren. Damit ist gemeint, dass sie ähnlich wie die einstige Post an einen Konzern verkauft werden (Bertelsmann wäre geeignet) und dass man mehr auf das Internet setzt, also Bücher einscannt und Moodle nutzt. Die Hoffnung lautet, dass sich darüber die Kosten senken lassen und die Effizienz gesteigert wird. Obwohl der Ansatz sicherlich viele Vorteile besitzt wird er jedoch nicht ausreichen. Man kann das an den wenigen privaten Hochschulen sehen, die sich heute schon in privater Hand befinden. Im wesentlichen ist nach der Reform vor der Reform. Sie werden jetzt zwar geführt wie ein Unternehmen, verlangen Studiengebühren und stehen untereinander im Wettbewerb, aber gut gerüstet für die Anforderungen von morgen sind sie noch immer nicht.

Allein über Hochschulen und Bildung nachzudenken reicht nicht. Weil es nicht darum geht, Hochschulen besser zu machen, sondern weil das Bildungssystem von außerhalb unter Druck steht. Damit ist gemeint, dass heute Konzerne die gar nichts mit Bildung zu tun haben und auch keine Buchverlage sind, bestimmen wohin die Reise geht. Gemeint sind damit Konzerne wie Apple, Google, ResearchGate und Udacity. Sie eint, dass sie für die Zukunft bestens gerüstet sind, ihre gegenwärte Produktportfolios sind beliebt und sie werden auch in 10 Jahren noch an Relevanz besitzen. Apple ist jedoch gerade keine Universität und Google auch nicht. Sondern es sind Konzerne aus dem Bereich Technologie und Internet. Diese sind es, welche gegen Hochschulen konkurrieren.

Wäre es nur ein Kampf zwischen staatlichen Hochschulen auf der eine Seite wo die betagte Humboldt-Universität zu Berlin antritt gegen eine Privatuniversität vom Bertelsmann Konzern wäre die Lage übersichtlich. Sie alle kochen nur mit Wasser, in beiden Fällen gibt es Präsenzveranstaltungen, eine Bibliothek und fest angestellte Professoren die am Monatsende ein Gehalt erhalten. Zwar ist die private Uni leicht im Vorteil, weil sie sich mehr um betriebswirtschaftliche Dinge kümmert und unter einem Wettbewerbsdruck steht, aber nicht sehr viel. Vergleicht man jedoch einmal eine privatisierte Universität mit einem Konzern wie Google so nützt der beste Managementplan der Universität überhaupt nichts.

Das, was gemeinhin als Bildung bezeichnet wird, sind in Wahrheit Informationen darüber wie die Welt funktioniert. Informationen jedoch sind nicht an eine Hochschule 4.0 gebunden sondern ihre Erdung sind unpersönliche Glasfaserkabel die im Boden liegen und noch sehr viel mehr unpersönlichere Linux-Server die schön gekühlt in einem Keller stehen. Der Diskurs rund um Universität 4.0 ist nichts weiter als eine Falle. Es wird so getan, als reicht es aus innerhalb von Universitäten zu denken. Sich also nicht mit Technologie beschäftigen zu müssen.

In einem Diskurs über die mögliche Privatisierung von Universitäten gilt man bereits als marktradikal wenn man fordert, staatliche Universitäten in gewinnorientierte Unternehmen oder gar an einen Konzern zu verkaufen. Diese Aussicht wird dann zum Anlass genommen, dass sich Gegner wie Befürworter heftig streiten. Doch es ist ein Scheindiskurs. Schauen wir uns einen Konzern wie Google etwas näher an. Lässt sich dieser in eine Kategorie wie privat oder staatlich einteilen? Diese Unterteilung ist ein Begriff der normalerweise in der Volkswirtschaftslehre eingesetzt wird und manchmal auch in politischen Diskursen. Die Welt, die vorausgesetzt wird, ist die des 19. Jahrhunderts, wo also in den USA große Trusts gegründet wurden, die gewinnorientiert gearbeitet haben und damit die einstige öffenltiche Ordnung umgestaltet haben. Begriffe wie Aktiengesellschaft, Kartellrecht und Eigentümer stammen aus dieser Zeit. Wenn man jetzt anfängt, Hochschulen ebenfalls nach diesem Muster zu bewerten, orientiert man sich an diesem Weltbild.

Aber ist das noch die Welt der Gegenwart? Lässt sich das Internet aufteilen in private Trusts und öffentlich-rechtliche Behörden? Schön wäre es, weil dann die Dinge einfacher wären und die Welt noch die selbe wäre. Die Wahrheit ist, dass im Internetzeitalter es eher um technische Dinge geht wie Glasfaser-Datenrate, Programmierfähigkeiten der Mitarbeiter, und Künstliche Intelligenz. Wenn man jetzt versucht, den technischen Diskurs durch einen betriebswirtschaftlichen zu ersetzen wird man damit scheitern. Man ist nochnichtmal in der Lage das Problem als solches zu erkennen. Die Frage ist weniger, ob Google Aktienoptionen ausgibt oder nach welcher Buchhaltungsvorschrift bilanziert wird, sondern die Frage lautet wieviele Webseiten der Crawler pro Sekunde indiziert und wie eine verteilte SQL-Datenbank programmiert wird.

Die Hypothese lautet, dass der Diskurs rund um Hochschule 4.0 Ausdruck von Hilflosigkeit wird. Obwohl es dort scheinbar zwei Seiten gibt (pro Privatisierung, Contra Privatsierung) teilt man als Gemeinsamkeit, die Technologie auszublenden und stattdessen in Kategorien der Volkswirtschaft zu argumentieren. Die eine Seite sagt, man dürfte Bildung nicht den Marktkräften unterwerfen, während die Gegenseite betont, dass Gewinn zu machen nichts schlechtes ist.

BERTELSMANN
Bertelsmann als möglicher Hauptaktionär der Hochschule 4.0 ist ein gewinnorientiertes Unternehmen mit einer langen Erfahrung in Sachen Medien und Buchgeschäft. Er wäre der ideale Eigentümer für eine oder mehrere Hochschulen und könnte sie nach gewinnorientierten Maßstäben umgestalten. Doch oh weh, Bertelsmann hat leider das Internet-Zeitalter verschlafen. Es verdient heute mit den selben Produkten Geld, die es schon vor 40 Jahren gab, also gedruckte Bücher und Schallplatten. Nach kurzer Zeit würden die privatisierten Hochschulen erneut unter Druck geraten und zwar von Playern die um einiges mächtiger sind. Nach der Privatisierung ist vor der Privatisierung.

Es gibt derzeit einige Beispiele wie Bildung und Hochschule in Zukunft funktionieren. Die Gemeinsamkeit dieser Ansätze besteht darin, dass es sich um Kleinstunternehmen handelt, die betriebswirtschaftlich ohne Relevanz sind. Man kann sie nicht in traditionellen Konzepten wie Geld verdienen oder staatliche Finanzierung denken. Sie sind in diesen Kategorien nicht fassbar, sondern was sie auszeichnet ist eine bestimmte Bewertung von Wirklichkeit.

Der Udacity Konzern besteht gegenwärtig aus nicht mehr als 70 Angestellten http://fortune.com/2014/04/10/conversation-sebastian-thrun-udacity/ Academia.edu kommt mit 23 Vollzeitkräften aus https://en.wikipedia.org/wiki/Academia.edu Sie können dies, weil sie sich in einer vorhandenen Nische eingerichtet haben. Sie nutzen bereits vorhandene Infrastruktur. Dazu zählen einmal die iPads die bei ihren Kunden bereits existieren und auf denen die Lehrinhalte abgespielt werden, sie nutzen die Glasfaserkabel von AT&T und Telekom um die Inhalte zu streamen und sie nutzen die Server von Webhostern. Das ein Konzern wie Udacity irgendwann massiv wächst und so groß wird wie eine klassische Universität mit ihren vielen Hausmeistern, Gebäudereingern, Assistenten, Dekanen und Verwaltungsangestellten ist unwahrscheinlich. Eigentlich existiert Udacity gar nicht. Man kann das Unternehmen zwar kaufen, aber es würde sich dadurch nichts verändern. Schaut man sich jedoch einmal an, wieviel Druck allein dieses Mini-Unternehmen ausübt so ist dieser immens. Und obwohl sich das etwas merkwürdig anhört aber es besteht die reelle Gefahr dass dieses Unternehmen mit 70 Angestellten eine marktbeherschende Stellung einnimmt und nicht nur Bertelsmann sondern auch staatliche Hochschulen in den Ruin treibt. Jetzt kann man natürlich versuchen in klassischen Kategorien des Kartelrechts das Unternehmen aufzuspalten in zwei Unternehmen. Aber würde das etwas bringen?

Nein, weil das Unternehmen Udacity sich selbst nicht in diesen Kategorien definiert sondern einen Diskurs führt darüber wie die Zukunft aussieht und wie nicht. Es sind böse Trolle die versuchen die Deutungshoheit zu gewinnen, mit Erfolg übrigens. Das heißt, Udacity will gar nicht in den vorhandenen Dialog eintreten um die Hochschule 4.0 und es will auch nicht privater Eigentümer werden von staatlichen Universitäten um sie in Profitcenter zu verwandeln. Nein, Udacity versucht im bisherigen System Schwachstellen zu finden und auf Dinge zu verzichten die überflüssig sind. Es ist damit solange erfolgreich, bis jemand anderes wiederum versucht zu ermitteln wo Udacity Schwachstellen besitzt.

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