Wie gefährlich ist Ijad Madisch?


Neben Academia.edu gibt es noch einen weiteren Player in Sachen „academic social networks“. Anders als das Netzwerk von Richard Price ist dort der Ansatz an den Naturwissenschaften orientiert. Und dem Pressesprecher des Unternehmens merkt man an, dass er einen gänzlich anderen Background mitbringt als Richard Price. Während Price wohl mit Philosophie und Literatur groß geworden ist, ist Ijad Madisch eher der rustikale Typ der sich mit Zahlen und Messreihen auskennt. Es gibt jedoch eine Gemeinsamkeit. Und zwar ist auch er subversiv auf das jetzige akademische Publishing System eingestellt. In seinem Vortrag blendet er gut sichtbar die Titelseite seiner Phd Thesis ein, die ein medizinisches Problem behandelte und erzählt seinen gescheiterten Versuch das Paper bei einem Publisher unterzubringen. Er beschreibt einen Prozess der aus der Sicht von Madisch keinen Sinn ergibt. Er hinterfragt, ob die lange Zeitdauer bis zur Veröffentlichung, das weglassen von Primärdaten sowie das Überarbeiten des Textes nötig ist. Kurz gesagt, Ijad Madisch stellt die Autorität des Journals in Frage bei dem er sein Paper veröffentlichen wollte.

Nur, das sind die Spielregeln wie das akademische Publishing abläuft, das eben nicht der Autor entscheidet ob sein Text gut ist, sondern eine höhere Instanz. Und zwar der Publisher in Absprache mit den Reviewern. Und gegen diese Spielregeln argumentieren Richard Price wie Ijad Madisch gleichermaßen. Sie sagen erkennen nicht an, dass ihr Paper was sie einreichen wollten zurecht abgelehnt wurde, sondern sie zweifeln an, ob das Gegenüber überhaupt die nötige Kompetenz besitzt um das beurteilen zu können. Sie sagen, dass der Prozess insgesamt ein Fake ist und nichts mit Wissenschaft zu tun habe. Sowas ist sehr gefährlich. Weil es Ijad Madisch nicht darum geht, konstruktive Kritik an Elsevier zu richten die etwas mit seinem konkreten Paper zu tun hat, sondern er formuliert sehr viel weitergehende Kritik an allen Publishern und an dem Peer-Review Prozess insgesamt. Vereinfacht gesagt, ist Ijad Madisch ein Spalter. Das heißt, man ist entweder für ihn oder gegen ihn. Solche Unruhestifter bringen nur Ärger. Es besteht die Gefahr, dass er weitere Anhänger findet und sich das ganze zu einer Bewegung auswächst.

Obwohl Ijad Madisch als auch Richard Price auf Außenstehende wie Vertreter des Establishment wahrgenommen werden, sind es jedoch Leute die bekämpft werden. Das heißt, wenn sie irgendwo hingehen bekommen sie massiven Widerspruch. Nicht direkt, dass irgendwer zu ihnen sagt, dass sie im Wissenschaftsbetrieb nicht erwünscht wären oder dass sie ihre Sachen packen sollen und woanders ihren Studienkreis aufziehen sollen, sondern eher indirekt indem man sie ignoriert, kleinredet oder sogar noch unterstützt. Derzeit ist die Lage noch relativ entspannt, das heißt auch viele Vertreter die selbst mit ResearchGate nichts anfangen können, sind positiv eingestellt doch wenn man etwas weiterschaut, ist es nur eine Frage der Zeit bis es knallen wird zwischen dem Wissenschaftsbetrieb einerseits und den akademischen sozialen Netzen auf der anderen Seite. Ijad Madisch und Richard Price sind soetwas ähnliches wie Trolle, die auf den ersten Blick gültige Beiträge in einem Diskursraum liefern aber in Wahrheit die Gegenseite bloßstellen wollen. Der beste Tipp lautet: dont feed the trolls.

Die Konfliktlinie sehe ich konkret zwischen OpenScience und den „academic social networks“ im Entstehen. OpenScience ist im Grunde die weiterentwickelte Form des heutigen Wissenschaftsbetriebes. Wo also Publisher wie Elsevier bestimmen was gedruckt wird und damit einen Rahmen aufspannen innerhalb derer Wissenschaft betrieben wird. Während das was ResearchGate und Academia.edu betreiben, dazu entgegengesetzt aufgestellt ist und aus dem Bereich Blogging und soziale Netze kommt. Anders formuliert, die Befürworter von OpenAccess und OpenScience streben alles an, nur bitte kein ResearchGate.

Derzeit wird dieser Konflikt noch nicht intensiver thematisiert. Auf Seiten von OpenScience heißt es, dass man ja auch mit sozialen Netzen arbeitet wozu ResearchGate dazugehört und bei ResearchGate sagen die Pressesprecher dass man sich mit Wissenschaft beschäftigt. Doch in Wahrheit will Ijad Madisch OpenScience kaputt machen und OpenScience muss sich gegen die Angriffe wehren.

Machen wir es etwas konkreter und schauen uns die Zuspitzung an. Teil von OpenScience ist die Piratenplattform Sci-Hub. Diese wird häufig im Kontext von OpenAccess genannt. Sci-hub bestärkt die OpenScience Community. So stellen sie sich die Zukunft vor. Das es also einerseits urheberrechtlich geschützte wissenschaftliche Dokumente gibt und als kontrollierte Opposition eine Piratenplattform wo diese illegal heruntergeladen werden. Bei ReserachGate und Academia.edu hat man eine andere Spielart für sich entdeckt und zwar toleriert man dort geringe Qualität. Theoretisch kann sich bei Academia.edu irgendein Blogger anmelden um dort seinen Quatsch hochzuladen und Academia.edu lässt den Content auf der Plattform auch wenn es Unsinn ist:

1. OpenSciene, toleriert Sci-hub
2. Academic social networks, tolerieren Blogger

Wir haben es also mit sehr gegensätzlichen Bewegungen zu tun, zwischen denen sich ein markanter und unübrückbarer Konflikt auftut. Aktuell ist die Konfliktlinie noch etwas unscharf und wirklich aneinandergeraten ist man noch nicht, aber die Sollbruchstelle ist bereits sichtbar.

BROCKHAUS
Der Konflikt der gerade zwischen OpenScience und „Akademic social networks“ entsteht ist der selbe der damals zwischen Brockhaus und der Wikipedia ausgetragen wurde. Auch der Brockhaus hat relativ früh angefangen, eine CD-ROM zu veröffentlichen und eine Online-Plattform bereitzustellen. Wikipedia hingegen ist aus einer anderen Perspektive gestartet und hat das Lexikon als solches neu erfunden. Bei dem jetzigen Fall geht es nicht nur um ein Lexikon sondern um die Wissenschaft insgesamt. Also die Primärforschung, die von den weltweit 7 Millionen Wissenschaftern betrieben wird und die Frage wer sich überhaupt so nennen darf. OpenAcces ist so eine Art von Online-Version des Brockhauses, das heißt man steltl einige Artikel zum kostenlosen Download bereit will aber das System als solches unverändert lassen. Bei den „Academic social networks“ hingegen geht es darum, dass man ohne Wissenschaftler startet und stattdessen Leute anwirbt von außerhalb, die dann über Rankings erst zum Wissenschaftler hochgevoted werden.

Die beiden Gegner kann man relativ gut in Kategorien einordnen. Der Diskurs über das Publishing-System wird als OpenAccess bezeichnet. In diesem OpenAccess gibt es ein Randgebiet was als Green OpenAccess bezeichnet wird. Green OpenAccess kann man weiter untergliedern in Green 2.0 OpenAccess. Damit ist self-archiving über kommerzielle Publisher gemeint. Und wenn man jetzt noch mehr untergliedert gelangt man zu Green 3.0 OpenAccess was bedeutet:
– Veröffentlichen als OpenAccess
– als self-archiving
– bei einem kommerzieller Hoster
– bei einem „akademischen sozialen Netzwerk“

Das ist dann der Bereich, den ResearchGate und Academia.edu besetzen. Das heißt, sie haben sich innerhalb von OpenAccess eine ganz bestimmte Unterkategorie ausgesucht und fokussieren darauf ihre gesammte Energie, mit dem Ziel die gesammte OpenAccess Bewegung zum kollabieren zu bringen. Für die echte OpenAccess Bewegung ist es schwer bis unmöglich das zu verhindern, weil ja Green 3.0 OpenAccess dazugehört und sich nicht einfach wegdefinieren lässt. Das heißt, innerhalb der Kirche hat sich eine Splittergruppe gebildet, die ebenfalls an Gott glaubt, aber dennoch nicht kompatibel ist. Sowas ist aus Sicht eines einheitlichen Auftretens fatal. Es führt dazu, dass die Öffentlichkeit ein falsches Bild von der Wissenscahft bekommt.

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