Technophobie bei Lehrern


Hier im Blog wurde bereits darauf hingewiesen, dass Wikipedia ein Neoludditen Problem hat. Das zeigt sich darin, dass 80% aller Artikel dort aus den Geisteswissenschaften stammen aber nur 20% einen naturwissenschaftlichen Background haben. Auch die Avantgarde von Wikipedia, die Admins, kommen im Regelfall nicht aus den Fächern Biologie, Mathematik oder Informatik sondern aus den weichen akademischen Disziplinen. Aber immerhin hat man es im Laufe der Zeit geschafft, dass wenigstens ein paar Artikel in der Wikipedia sich näher mit den Naturwissenschaften auseinandersetzen, 20% von derzeit 2 Mio Artikeln sind die stattliche Anzahl von 400000 Artikeln, was schonmal ein guter Anfang ist.

Ich glaube, das eigentliche Problem geht viel tiefer. Auf https://www.researchgate.net/publication/277830848_Dealing_with_Teachers%27_Technophobia_in_Classroom wird die „Technophobie im Klassenzimmer“ benannt. Damit ist eine strukturelle Machinenparanoia gemeint, die sich im staatlichen Bildungssystem festgesetzt hat und die unabhängig von konkreten Lehrkräften funktioniert. Das heißt, offenbar ist die Einstellungsvoraussetzung um an einer Schule unterrichten zu dürfen eine generelle Distanz zur Computertechnik. Auch Clifford Stoll und Neil Postman haben das in ihren Büchern angedeutet, indem sie als Vertreter des Bildungsestablishment eine Art von Kanon formulierten wonach Computer generell nichts im Klassenzimmer verloren haben, und stattdessen das persönliche Gespräch über Kunst und Philosophie oberste Priorität besitzt.

Daran hat sich bis heute nichts verändert. Schaut man sich einmal an wie normalerweise an den Schulen und Hochschulen unterrichtet wird, so nehmen dort moderne Medien keinen Platz ein. Stattdessen gibt es vorne eine Tafel, auf der mit Kreide etwas notiert wird, und wenn ein Schüler eine Frage hat, fragt er den Lehrer. Üblicherweise werden diese Unterrichtsmethoden weder bemannt noch hinterfragt, weil es nochnichtmal einen Diskurs darüber gibt, ob das womöglich Ausdruck von Technophobie ist. Also einer Lebenseinstellung die Computern gegenüber kritisch eingestellt ist und sogar als Gefahr bezeichnet. Die meisten Bildungsdiskursen der letzten Jahrzehnte wie der Verbot von Taschenrechnern im Mathematik-Unterricht, das Nichtunterrichten von Künstlicher Intelligenz an den Universitäten, die generelle Verteufelung von Computerspielen ist Ausdruck eines tiefen Grabens den das Bildungssystem gegenüber einer als Technopol bezeichneten Gefahr gezogen hat.

Aber warum sind Lehrer technophob? Weil sie damit von ihrer Community Likes erhalten. Es ist Ausdruck von Zugehörigkeit zu den geltenden Normen. Das heißt, Bildung wird gleichgesetzt mit einer Überheblichkeit gegenüber den Naturwissenschaften. So als hätte Mathematik, Physik und die Informatik nichts zu suchen in einem Diskurs. Es gibt zu dieser Frage keine direkten Statistiken, aber würde man als Lehrer oder als Hochschullehrer einen Linux-Laptop mit in die Schule bringen und damit dann den Schülern versuchen etwas beizubringen, wäre das mit Sicherheit nicht förderlich für die zukünftige Karriere. Aber wenn bereits sowas auf deutlich wahrnehmbaren Widerstand stößt wie ist es dann erst mit Bildungsinhalten die etwas mit Robotik und Künstlicher Intelligenz zu tun haben? Richtig, das gilt als Hexenwerk und ist ein absolutes Nogo. Die Folge wäre, dass Leute die glauben sie währen Neil Postman oder dessen legitimer Nachfolgen ankommen würden und das kritisieren.

Die Folgen für die Schüler die in so einem technophoben Umfeld aufwachsen sind fatal. Sie erhalten die falschen Rollenkonzepten vermittelt, und sie sind nicht imstande eigenständige Entscheidungen zu treffen. Es kommt zu einer Bildungskatastrophe.

Normalwerweise wäre die logische Folge, dass man versucht die als Mißstände erkannten Probleme abzustellen. Also darauf hinwirkt, dass die Lehrer besser mit neuen Technologien umzuerlernen gehen. Doch das ist hoffnungslos. Weil es eben nicht einzelne Lehrer sind, die hier Defizite aufweisen, sondern die Technophobie ist systemimmanent. Sondern man kann nur von außerhalb aktiv werden, also Lernräume schaffen die unabhängig von Schulen und Universitäten funktionieren in denen Gegenöffentlichkeit hergestellt wird. Solche Lernräume sind das Internet, die sozialen Medien usw. die üblicherweise durch am Gemeinwohl orientierte Konzerne betrieben werden.

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