Warum OpenAccess sich bisher nicht durchgesetzt hat


Normalerweise sollte man annehmen, dass wissenschaftliches digitales Publizieren zum 1×1 gehört was die Studenten schon im 1. Semester vermittelt bekommen. Denn immmerhin besuchen sie die Universität um selbst am großen Gespräch über die Mathematik, Physik und Literatur etwas beizutragen. Komischerweise findet in der Realität das jedoch nicht statt. Weder lernen die Studenten wie man wissenschaftlich arbeitet noch wie man einen Text auf einen Preprint Server hochlädt. Man muss schon sehr intensiv suchen bevor man auf eine Anleitung stößt um bei Arxiv etwas zu veröffentlichen. Lange Zeit gab es überhaupt kein Tutorial, inzwischen hat jemand eine auf Youtube veröffentlicht. Aber erstens spricht nur auf English, zweitens noch mit starkem Akzent und drittens ist das Video so schlecht gemacht, dass es wohl bewirken soll, Arxiv möglichst unattraktiv darzustellen. Abert wie kann das sein, dass einerseits in den Wissenschaften über Paper diskutiert wird, andererseits aber niemand recht zu wissen scheint wie das geht mit dem Schreiben und dem Publizieren?

Die Antwort darauf ist simpel. Wissenschaft so wie sie gegenwärtig betrieben wird, hat weniger die Funktion eine lebhafte Diskussion zu ermöglichen, sondern sieht ihre Aufgabe in der Lehre. Das heißt, die eine Seite erstellt Lehrmaterialien, während die andere Seite diese aufnimmt und Zensuren erhält. Das Studenten sich in den Diskurs einbringen ist weder erwünscht und allein schon aus technischen Gründen gar nicht möglich. Selbst so großartige Universitäten wie das MIT und Harvard sehen ihre Aufgabe weniger in der Forschung als vielmehr in der Hochschulpädagogik. Das heißt, intensiv gestritten wird nur über die Frage wie man das vorhandene Wissen aufbereitet, wie groß der Hörsaal ist und was als bestandene Klausur gilt. Nicht zur Debatte steht jedoch die Frage, ob eine wissenschaftliche Theorie in den Natur- oder Geisteswissenschaften richtig ist. Weil, dann könnte ja jeder kommen und seine Meinung einbringen.

Aber was ist die Ursache für diese Asymetrie, bei der Informationen nur von oben nach unten laufen nicht jedoch umgekehrt? Der Grund lautet, dass Wissenschaft eine Geschichte besitzt. Sie ist hervorgegangen aus den mittelalterlichen Klöstern und eng verknüpft mit einer Gesellschaftsordnung die nach Ständen und Berufen unterteilt. Die Mehrzahl der Personen im Mittelalter waren Bauern die auf dem Feld gearbeitet haben, und nur einige wenige waren in der Priesterkaste tätig und haben sich mit Büchern beschäftigt. An diesem Bild hat sich bis heute nur wenig verändert. Weltweit gibt es genau 7 Millionen Wissenschaftler. Ihnen gegenüber steht ein Heer an Arbeitern die nicht mit Büchern in Kontakt kommen. Die gesellschaftliche Rolle dieser 7 Millionen Wissenschaftler besteht darin Bildung zu vermitteln. Also den Leuten zu sagen wie sie ihre Felder bestellen müssen und was die richtige Zahnpasta-Marke ist. Auch hier wieder gibt es das typische Topdown Denken, bei dem die Wissenschaft von oben herab ihre Weltsicht propagiert und damit die Breite Masse in eine passive Rolle drängt. Es ist ein typisches Lehrer Schüler Gefälle bei dem die eine Seite die Noten vergibt, während die andere Seite sie akzeptiert.

Um es auf den Punkt zu geben, im derzeitigen Wissenschaftssystem gibt es keine Debatten und keine inhaltlichen Kontroversen. Sondern das System hat die Lehre in den Mittelpunkt gestellt. Selbst wer an einer Universität studiert, um anschließend selbst aufzusteigen zu einem Wissenschaftler wird in diese Rolle hineingedrängt. Einen Studiengang wo man lernt wie man Wissenschaftler wird, gibt es nicht. Man kann immer nur erfahren, wie man Dozent wird. Sogeannte Magister-Studiengänge bestehen zu 99% aus Pädagogik, das heißt, man lernt dort wie Erwachsenenbildung funktioniert, also wie man selber Lehrveranstaltungen durchführt und wie man Studenten motiviert. Die Lehre ist dabei immer personen zentriert, das heißt die Universitäten verstehen sich selbst als soziale Einrichtungen mit einem staatlichen Auftrag.

Aus Sicht der Forschung, also der eigentlichen Wissenschaft ist das natürlich fatal. Wie man neues Wissen generiert, wissen selbst die nicht, die zu den o.g. 7 Millionen Wissenschaftlern gehören. Selbst wer fleißig bei einem Fachverlag wie Elsevier publiziert und damit in einer herausgehobenen Stellung ist, wird dort keineswegs Forschung veröffentlichen sondern er wird OpenAccess Lehrmaterialen veröffentlichen. Das heißt, die vielen Paper die auf Google Scholar bereitstehen sind keineswegs Primärforschung, sondern es handelt sich um didaktisch aufbereitete Erwachsenenbildung.

LEHRE
Bei der Lehre handelt es um die Erziehung von Kindern, also das Vermitteln von Verhaltensregeln die die Kinder befolgen sollen. Manchmal wird dies auch als Indoktrination bezeichnet, also der Versuch ein autoritäres Machtgefälle aufzubauen. Wie sieht Lehre im Hochschulbetrieb konkret aus? Primär bedeutet es, dass es über alle Fächer hinweg einen Megakanon gibt, also eine Unterscheidung darüber was innerhalb der Universitäten stattfindet und was nicht. Dieser Kanon sieht beispielsweise vor, dass Computerspiele nicht Teil von wissenschaftlicher Lehre sind. Man kann jede Hochschule in Europa oder den USA besuchen, man wird niemals eine Veranstaltung finden in der erläutert wird wie man Computerspiele programmiert. Der Grund ist, dass dies nicht auf Lehrplan steht, also von Seiten der Hochschule als keine gute Erziehung definiert wird. Und zwar weil Computerspiele den Ruf haben, schlechte Auswirkungen auf den Nachwuchs zu haben. Ein Erziehungsziel der Hochschulen besteht darin, die Studenten so zu erziehen, dass sie möglichst nicht wissen wie Computerspiele funktionieren.

Es gibt aber noch einen weiteren Megakanon der sich im Hochschulsystem finden lässt: auch das Fach der Künstlichen Intelligenz kommt im universitären Curiculum nicht vor. Wieder aus den selben Gründen. Wer dennoch als Student wissen möchte wie Roboter programmiert werden muss das woanders tun aber nicht am ehrwürdigen MIT. Anders formuliert, in den Hochschulen hat man bestimmte Bereiche definiert, die als schädlich für die Lehre gelten und die folglich ignoriert werden. Es wird darum herum unterrichtet. So nach dem Motto: „Es ist zwar möglich, die Volkswirtschaft auch als Computerspiel zu modellieren, aber das ist nicht Gegenstand der Vorlesung“. Nicht viel anders wurde in früheren Zeiten erzählt wie das mit dem Teufel ist. „Oh ja es gibt ihn, aber darüber wissen wir hier nichts.“

Neben den Universitäten die sich der Lehre verpflichtet fühlen gibt es auch sehr wenige Forschungsinstitute. Ihre Gemeinsamkeit besteht darin, dass sie keine Studenten aufnehmen. Man kann sich dort auch nicht bewerben. Sondern es handelt sich um nicht öffentlich zugängliche Einrichtungen die von Konzernen oder dem Staat finanziert werden wo sehr strenge Zugangsvoraussetzungen gelten. Mag sein, dass es innerhalb dieser Forschungseinrichtungen echte Forschung gibt, wo also fachlich argumentiert wird, aber aus der verfügbaren Literatur lässt sich das nicht belegen. Es gibt aktuell keine Informationen darüber, wie Forschung funktioniert.

Die Gemeinsamkeit der Forschungsinstitute besteht darin, dass sie mit einer sehr kleinen Rumpfmannschaft betrieben werden. Das CITEC (ein bekanntes Institut aus Deutschland) besteht geradeeeinmal aus 250 Personen. Forschung ist innerhalb des Universitätsbetriebes der aus 7 Mio Wissenschaftlern besteht eine Randerscheinung. Weltweit dürften nicht mehr als 100000 Leute überhaupt in der Forschung tätig sein, vermutlich eher weniger. Kurz gesagt, was weiter oben als autoritätes Machtgefälle zwischen Universitäten und Gesamtbevölkerung beschrieben wurde, setzt sich innerhalb des Wissenschaftssystem fort. Das heißt, Forschung ist etwas woraus selbst Leute keinen Zugriff haben, die seit 40 Jahren an einer Universität arbeiten.

Auch diese Unterteilung hat historische Gründe. Um etwas neues zu entdecken braucht man nicht so furchtbar viel Personal. Es reichen einige wenige Leute, die sich mit einer Sache gut auskennen. Das heißt, man kann Forschung und lehre parallel betreiben. Einmal hat man die vielen fleißen Dozenten welche im Akkord ganze Herscharren von Studenten weiterbilden, prüfen und selektieren und auf der anderen Seite hat man einige wenige Leute die nicht eingebunden sind in Lehrverpflichtungen die dafür jedoch inhaltlich mitreden können und sich neue Rahmenpläne ausdenken, wenn es denn erforderlich ist. Das als Konsequenz das Wissen sehr stark konzentriert wird in den Händen von sehr wenigen liegt auf der Hand.

Ein netter Nebeneffekt ist, dass dadurch natürlich das Vertrauen in die Wissenschaft als solche untergraben wird. Wo Forschung im Geheimen ausgeführt wird, schürrt das natürlich Paranoia bei denen, die keinen Zugriff darauf haben. Und wenn jemand ängstlist ist dann macht er Fehler.

CITEC
Schauen wir uns die Forschungseinrichtung CITEC doch etwas genauer an. Laut Wikipedia werden dort unterschiedliche Fächer gebündelt: Biologie, Linguistik, Literatur, Mathematik, Psychologie und Sport. Weiterhin führt Wikipedia im Detail auf, welche Themen so alles erforscht werden: Psycholinguistik, Neurobiologie, allgemeine Sprachwissenschaft usw. Inhaltlich ist das die perfekte Universität. Und mit Sicherheit könnten Studenten in so einer Umgebung sehr viel lernen. Nur leider ist das CITEC keine Universität und man kann dort auch nicht studieren. Das heißt, offenbar wissen die Gründer sehr wohl wie man eine richtige Universität betreibt und welche Leute man zusammenbringen muss um Spitzenforschung zu ermöglichen. Aber sie haben leider kein Interesse daran, das mit der Öffentlichkeit zu teilen.

Wir haben also einerseits die extrem schlecht aufgestellen Universitäten, bei denen Lehre durchgeführt wird und dann gibt es noch die richtigen Universitäten wo nur geforscht wird, auf die jedoch niemand Zugriff erhält.

AUSWEGE
Wie kann man die beschriebenen Strukturen verbessern, also dafür sorgen, dass Wissenschaft mehr in Richtung Forschung funktioniert? Leider gar nicht. Die Ursachen für den autoritären Duktus sind historisch bedingt und sind so für alle Zeit festgeschrieben. Da lässt sich nichts aufweichen und das CITEC wird auch nicht anfangen plötzlich OpenAccess zu veröffentlichen. Was man jedoch tun kann, ist es eine Parallelstruktur aufzubauen zu diesem festgefahrenen wissenschaftlichen System. Also sein eigenes CITEC EXzellenzcluster aufbauen wo ähnlich wie beim Linux Betriebssystem als Prämisse feststeht, dass es OpenAccess funktioniert und man auf dieser Basis dann versucht mit dem richtigen CITEC in Konkurrenz zu treten. So ähnlich wie auch Linux versucht besser zu sein als Microsoft, nur eben zusätzlich noch OpenSource ist.

So wenig wie man Microsoft überreden kann den Sourcecode für Windows 10 unter GPL zu stellen, kann man das CITEC und andere Forschungsinstitute überreden öffentliche Forschung zu betreiben. Aber, was machbar ist, sich aus frei zugänglichen Quellen zu informieren und die darin formulierten Ideen aufzugreifen und weiterzudenken. Also ein Betriebssystem zu entwickeln was so leistungsfähig ist wie UNIX nur eben unter einer freien Lizenz. Das heißt, man erfindet das Rad ein zweites Mal.

Meiner Ansicht nach ist Wissenschaft nur sinnvoll, wenn sie als OpenScience durchgeführt wird. Was nützt einem der beste Roboter, wenn weltweit nur 100 Personen wissen wie er programmiert wurde, und was nützt einem ein Krebsmedikament wenn man darauf ein Patent besteht? Zu glauben, man könnte hier politisch aktiv werden und das Patentrecht reformieren oder die Universtiäten reformieren ist eine Illusion. Nur mal zur Erinnerung: die GNU Bewegung war weniger eine politische Bewegung welche Microsoft verklagt hat, sondern es war eine Bewegung von unten, die einen eigenen C-Compiler und einen eigenen EMACS Texteditor entwickelt hat um damit dann Microsoft Konkurrenz zu machen. Ungefähr das dürfte auch die Zukunft in den Wissenschaften sein, dass man also das alte weiterlaufen lässt und parallel dazu etwas neues from scratch aufbaut. So dass die nachfolgende Generation dann die Auswahl hat, welche Wissenschaft sie machen möchte.

CITEC ALS WEIHNACHTSMANN
Stöbert man ein wenig auf Youtube herum so finden sich dort einige Videos die verraten wie sich das CITEC selbst sieht. Unter der Bezeichnung CITEC Christmas gibt es Robotervideos zu sehen, die mit weihnachtlicher Musik unterlegt sind und wo der Roboter als Nikolaus verkleidet auftritt und den Kindern Geschenke bringt. Das dürfte ungefähr jene soziale Rolle sein, die die Forschungsinstitute weltweit ausführen. Das heißt, sie verteilen Geschenke an jene Kinder die artig waren. Unnötig zu erwähnen, dass so eine soziale Beziehung ein Machtgefälle impliziert, also die Seite eine etwas schenkt und die andere Seite nur danke sagen darf.

Jetzt kann man natürlich kritisieren, ob Robotik so eindimensional sein muss, und ob es nicht auch eine ander Möglichkeit gibt, mit CITEC, BostonDynamics oder wem auch immer zu interagieren. Das also die Kinder auchmal eigene Ideen einbringen und vielleicht auch inhaltliche Anmerkungen machen dürfen. Nur, schaut man sich einmal die vorliegenden Informationen an, so ist das nicht erwünscht. Und ich glaube es wird auch in Zukunft nicht erwünscht sein. Das heißt, das CITEC und andere Forschungseinrichtungen sind nunmal der Weihnachtsmann / Nikolaus / Zauberer und damit Punkt. Was man in diesen Weihnachtsvideos sieht ist geradezu abenteuerlich fortschritt. Dort fliegen Drohnen herum die komplette Tasks ausführen, man sieht dort Roboterhände mit 20 DOF und Laufroboter gibt es auch. Noch dazu funktionierende Vision System, High-Level-Planner und ein Rentier schwebt sogar in der Luft. Also all das, was als Advanced bezeichnet wird und worauf nur CITEC und Co Zugriff haben. Fast könnte man denken, dass die Botschaft lautet: seht her was wir alles können, aber wir verraten euch nichts darüber denn wir sind der Nikolaus.

Mag sein, dass die oben erwähnten Christmas Roboter technisch sehr hochentwickelt sind. Aber iin Sachen Didaktik sind sie nicht besonders gut. Weil, die Kinder von heute glauben nicht mehr an den Weihnachtsmann. Sie wollen auch keine Geschenke haben, sondern sie wollen selber Roboter programmieren. Sich nur indoktrinieren lassen ist nicht mehr angesagt, sondern die Kinder wollen selber Weihnachtsmann spielen. Das wird jedoch vom CITEC nicht unterstützt.

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