Was die Künstler unter „True AI“ verstehen


Von Ray Kurzweil und Arthur T. Murray wird behauptet, sie hätten eine „True AI“ erschaffen, also ein Computerprogramm das Singularity bereits erreicht hätte. Natürlich sind derlei Ambitionen prinzipiell zu begrüßen, und das Konzept innerhalb der gesteckten Paramter diskussionswürdig (Geht das überhaupt eine „True AI“ zu programmieren?) nichts desto trotz scheint es bei Leuten, die das erste Mal mit diesen Künstlern Bekanntschaft machen, eine Unsicherheit darüber bestehen, wie sie das ganze einzuordnen haben. Und diese Dekontextualisierung soll im folgenden nachgeholt werden.

Anfangen möchte ich mit einer Webseite, die Ray Kurzweil schon vor langer Zeit eingerichtet hat http://www.kurzweilcyberart.com/poetry/rkcp_overview.php und in der es um ein Programm geht, was Peotry erzeugen kann. Ursprünglich wurde diese Software Mitte der 1980’er in der Programmiersprache C programmiert mitlerweile läuft sie auch unter Windows 95. Was soll diese Software beweisen? Im Kern geht es darum, dass die damit erzeugten Poems einem Literaturkenner vorgelegt werden sollen, und wenn dieser sagt, dass es ein richtiges Gedicht wäre, dann würde der Ray Kurzweil Textengine das Prädikat „True AI“ zuerkannt werden können.

Das Spiel funktioniert aber nur dann, wenn man nur das Poem zur Begutachtung vorlegt, nicht jedoch das C-Programm von Kurzweil weil dann ja klar ist, dass das Poem von einem Computer generiert wurde.

Noch einen Schritt weiter geht Arthur T. Murray. Dieser cognitive artist verzichtet darauf, das ursprüngliche Generatorprogramm zum kostenlosen Download anzubieten und erstellt auch keine Poems sondern weitet das Konzept aus auf Computercode. Wenn also jemand den Sourcecode „mindforth“ als richtigen Computercode einstuft, dann hat folgerichtig Arthur T. Murray eine „True AI“ entwickelt weil der Code in Wirklichkeit nicht von Murray selbst sondern von einem Generator erzeugt wurde.

Nun könnte man diesem Treiben im Grunde unbeeindruckt gegenüberstehen, nur leider gibt es einige Leute die wissen nicht dass sowohl Ray Kurzweil als auch Arthur T. Murray Künstler sind und auch niemals etwas anderes sein wollten. Ihnen geht es nicht darum an Künstlicher Intelligenz zu forschen sondern ihnen geht es einfach nur darum, dass das Publikum ihre Werke als „handgemacht“ identifziert, weil dadurch der Beweis erbracht ist, dass die Programme von Kurzweil und Murray als True-AI bezeichnet werden dürfen. Also als Software die so hochentwickelten Output erzeugt, der von einem Experten als akzeptabel bewertet wird.

Sind diese Heimlichkeiten im Internet-Zeitalter überhaupt noch akzeptabel? Eigentlich begrüßt es die Community eher, wenn alle Karten auf den Tisch gelegt werden. Dies wurde beispielsweise beim SCIgen Projekt durchgeführt, von dem der Sourcecode frei einsehbar ist und die Autoren keinen Hehl daraus machen, ihr Publikum nur verarscht zu haben. Genau diese Transparenz fehlt jedoch bei Kurzweil und Murray. Sie spielen eine ähnliche Rolle, können sich davon jedoch nicht ausreichend distanzieren. Der Poem-Generator von Kurzweil steht beispielsweise nur dann zum kostenlosen Download zur Verfügung, wenn man zuvor seinen Namen und E-Mail hinterlässt. Bei Mindforth hingegen gibt es keinerlei Option, den Generator herunterzuladen.

Insofern ist es für das Publikum im Falle von Kurzweil und Murray schwierig zwischen dem Kunstwerk und dem Künstler zu unterscheiden. Auf diese Weise wird eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Werk verhindert. Es wird dem Publikum sozusagen nicht gestattet, die Tatsache zu thematisieren, dass es verarscht wurde.

NARROW AI
Um das ganze Treiben sachlich einzuordnen, hilft es ungemein die Begriffe korrekt zu definieren. Von einem objektiven Standpunkt aus gesehen haben sowohl Ray Kurzweil als auch Arthur T. Murray eine Software geschrieben, die als Narrow AI bezeichnet wird und vom Leistungsfang Gedichte erzeugen kann, bzw. wie im Falle von Murray sogar Sourcecode erzeugen kann. Der Output dieser Narrow AI wird jetzt im Rahmen einer Kunstausstellung dem Publikum präsentiert. Und dieses sollte nach Möglichkeit den Output als „menschlichen Ursprungs“ bezeichnen. Dadurch hätte die Software die es erzeugt hat den Turing-Test bestanden und die Autoren Kurzweil und Murray können sich auf die Schulter klopfen.

Der Witz dabei ist, dass keineswegs die ursprünglichen Unsinnsgenerator sondern der Output von diesem als „True AI“ bezeichnet bzw. identifiziert wird. D.h. nach der Defition ist das Poen von Kurzweils Poem-Generator:

„Sashay down the page
through the lioness
nestled in my soul.“

(http://www.kurzweilcyberart.com/poetry/rkcp_poetry_samples.php)

eine „True AI“. Genauer gesagt ist das der gewünschte Ausruf, den der Betrachter ausrufen soll, wenn er das Poem gelesen hat. Also „Sashay down the page … lesen lesen … through the lioness … weiterlesen … nestled in my soul.“ -> klingt gut, klingt nach Kunst, klingt als ob es ein Mensch geschrieben hätte -> True AI.

Die korrekte Bezeichnung für ein solches Gedicht ist jedoch nicht „True AI“ sondern sie lautet „Unsinnsgedicht, erzeugt von einem Computerprogramm“.

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