Ist das menschliche Gehirn ein Computerprogramm? — Die Thesen des John R. Searle

Obwohl heute Computer einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert einnehmen, sind die philosophischen Diskussionen über die Grenzen der Informatik zumindest im öffentlichen Diskurs nicht existent. Man muss schon etwas zurückgehen in die Zeit der 1970’er und 1980’er um die alten Debatten aufzuspüren, die sich mit der Frage beschäftigt haben ob Maschinen denken können. Damals war das Umfeld für derartige Diskussionen ein fruchtbares, es war die Zeit als Computer noch nicht via PC oder Nintendo in die Privathaushalte eingedrungen waren und die Softwareindustrie praktisch nicht existent war. Aus Sicht der damligen Zeit war die angekündigte KI-Revolution gescheitert, die vollmundigen Versprechungen das Roboter und intelligente Maschinen den Alltag bestimmen haben sich nicht bewahrheitet. Das war nicht nur eine Theorie sondern das konnte man damals auch als Laie erkennen, gab es doch in den 1980’er noch nichtmal Computer die gegen Menschen im Schach gewinnen konnten oder die einfach nur eine MP3 Datei abzuspielen in der Lage waren.

Kurz gesagt, früher hatte die These dass Künstliche Intelligenz gescheitert sei durchaus an Schlagkraft. Und so ging die Kritik am vermeintlichen Computerboom soweit, dass auch die These von der starken Künstlichen Intelligenz angezweifelt wurde, z.B. von John R. Searle der sich mit der Frage beschäftigt hat, ob der menschliche Geist ein Computerprogramm ist, http://www.cs.utexas.edu/~mooney/cs343/slide-handouts/philosophy.4.pdf

Seine Schlussfolgerung damals war, dass dies verneint werden konnte, das also Menschen keine Computer sind und es auch nicht möglich wäre, menschliches Verhalten oder gar das menschliche Gehirn zu duplizieren. Von dieser Debattenkultur ist heute nicht mehr viel zu spüren, eher im Gegenteil, durch das neugestartete Großprojekt „Human Brain Projekt“ wird im Grunde daran geforscht ob das menschliche Gehirn nicht vielleicht doch nur ein Computerprogramm sei. Man kann aus soviel Eifer ableiten, dass die Ausführungen von Searle wohl nicht so überzeugend gewesen sind. Und tatsächlich, seine damaligen Überlegungen liegen heute noch im Internet zur Einsicht bereit und sind aus einer sprachwissenschaftlichen Perspektive heraus geschrieben. Rückblickend muss Searle wohl der Vorwurf gemacht werden, dass er nicht wissenschafltich sondern eher moralisch argumentiert hat. wirklich stichhaltige Argumente, dass das menschliche Gehirn nicht womöglich doch ein Computerprogramm ist, konnte er nicht liefern.

Nichts desto trotz ist die Frage nach wie vor unbeantwortet. Der aktuelle wissenschatliche Stand lässt sich ungefähr so zusammenfassen: wenn man Computer ordentlich nach den Methoden des Softwareengineerings programmiert kann man ihnen sogut wie alles beibringen: Schach, Jeopardy, Autofahren, Starcraft Spielen, Notenkomposition usw. Und all die Dinge, die heute noch nicht in Software realisiert worden sind wie z.B. das Ansteuern von humanoiden Laufrobotern kann man zumindest davon ausgehen, dass es allenfalls eine Fleißaufgabe darstellt. Das heißt, es ist anzunehmen dass mit genügend viel Aufwand und rund 100 Mio Lines of Code in Java man einen Roboter so ansteuert, dass er geradeauslaufen kann und nicht umfällt selbst wenn man ihn anstubst. Insofern sind echte Grenzen von Software derzeit nicht erkennbar, und man kann auch nicht zeigen, dass die nächsten 50 Jahre nichts mehr im Bereich Softwareentwicklung passieren wird. Kommen wir zur zweiten Frage, woraus das menschliche Gehirn besteht. Hier ist sich sich die Wissenschaft nach wie vor unklar. Fakt ist zumindest, dass es etwas mit neuronalen Netzen zu tun hat, was man in Experimenten zeigen kann. Aber wie genau die Neuronen das Denken steuern weiß derzeit niemand. Demzufolge wäre es im Bereich des möglichen, dass Neuronen exakt so funktionieren wie ein natürlicher Supercomputer auf dem ein Betriebssystem läuft und wenn Menschen die Augen aufmachen, sehen sie nicht wirklich die Welt, sondern sehen lediglich eine hochentwickelte Software welche im Gehirn ausgeführt wird, so eine Art von Linux für Menschen sozusagen.

Diese These klingt ziemlich abgehoben und beweisen kann man sie nicht. Vor allem ist nicht klar, wer diese Software geschrieben haben soll und wie man sie verändert. Allerdings ist es mindestens genauso schwierig die These zu wiederlegen, also den Beweis zu führen, dass menschliche Gehirne eben keine Computer sind sondern etwas komplett anderes. Und vermutlich wird auch das „Human Brain Projekt“ darauf keine Antwort liefern können, Man kann erkennen, dass wir es hierbei mit einem klassisches wissenschaftliches Rätsel zu tun haben, was die Neugierde beflügelt und die Leute dazu treibt, sich damit näher auseinanderzusetzen. Im Grunde ist Künstliche Intelligenz und das Funktionieren des menschlichen Gehirns eines der wenigen echten Abenteuer die noch geblieben sind. Denn bekanntlich wurden alle Kontinente bereits erforscht, das Universum komplett vermessen und alle Pflanzen katalogisiert, auch die Frage wie man die Pocken heilt ist weitestgehend beantwortet und selbst die Wirkung von Stickstoff auf den Boden ist keine echte Herausforderung mehr.

Das wünschenswerte Ergebnis des Human Brain Projektes ist es in die Fußstapfen zu treten von John R. Searle, also wissenschaftlich zu begründen, dass der menschliche Verstand kein Computerprogramm ist. Leider ist dieser Nachweis nicht ganz einfach zu führen, zumal man mit relativ simplen Mitteln zeigen kann, dass der menschliche Verstand auch nur das kann, was Computer können und das man biologische Neuronen zu einem Computer zusammenbauen kann, auf dem man dann wiederum einen Linux-Kernel ausführen könnte. Im Grunde ist die Vorstellung, dass das menschliche Bewusstsein das eines Roboters ist, etwas was den Menschen Angst macht. Und es würde auch keinen Sinn ergeben, dass man selber zwar von einer Software gesteuert wird, sich dessen aber nicht bewusst ist.

Obwohl im Bereich Neuroinformatik sehr viel darüber geschrieben wird, wie man das menschliche Gehirn nachbauen möchte, ist es beinahe banal einen neuronalen Schaltkreis zu entwickeln. Diesbezügliche Software (Hopfield-Netze oder ähnliche mathematische Verfahren gibt es schon länger und für praktische Anwendungen sind sie nutzlos). Viel spannender ist vielmehr die Frage, ob man aus menschlichen Neuronen einen Transistor bauen kann, also ein simples physikalisches Bauteil was entweder On oder Off sein kann, und was man zu einer Turing-Maschine zusammenschalten kann. Diese Art von Informatik unterscheidet sich in nichts von klassischer Informatik, man muss also keineswegs künstliche Intelligenz erfinden, sondern es reicht einfach aus zu zeigen, dass man auf einem Neurotransistor-Schaltkreis einen Programm ausführen kann, also eines was in der Sprache C, Java oder Assembler erstellt wurde. Und dann braucht man im nächsten Schritt nur noch zu ermitteln, welches Programm denn auf einem Gehirn insgesamt läuft und wie man es zur Laufzeit anpassen kann.

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