Agressivität in der Wikipedia steigt an


Wer mit Wikipedia bisher keine nähere Bekanntschaft gemacht hat oder davon ausging, dass es dort eine „healthy community“ gibt, die sich unterstützt wird entsetzt feststellen, dass innerhalb des Lexikons ein sehr rauer Umgangston herscht. Live miterleben kann man diesen auf der Vandalismus-Meldungsseite https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Vandalismusmeldung Aber sind das womöglich nur die Schattenseiten und nicht repräsentativ? Eher im Gegenteil, so aggressiv wie auf der Vandalismusseite geht auch in anderen Bereichen zu, daher stellt sich die Frage: wie halten das die Admins aus, sich jeden Tag dieser Aggressivität zu stellen bzw. selbst welche auszuüben? Blättern man ein wenig durch die Vandalismus-Seiten durch, so stellt man fest, dass anders als zunächst gedacht offenbar die Admins sogar ausgesprochen gerne sich mit derlei Dingen beschäftigen. Es gibt sogar eine Unterseite namens „Trollübersicht“ wo langjährige Zerstörer der Wikipedia ausführlicher vorgestellt werden, teilweise mit psychographischen Profilen. Anders formuliert, dafür dass die Vandalismusseite angeblich die Schattenseiten des Lexikons repräsentieren geht es dort erstaunlich munter und lustig zu. Ich glaube, das hat etwas damit zu tun, dass die Rollen klar verteilt sind. Das heißt, alle Beteiligten wissen um die Spielregeln und haben das ganze zu einem Wettbewerb erweitert. Das betrifft die Trolle auf der einen Seite, die natürlich wissen, dass sie Unsinn in die Wikipedia hineinschreiben und damit offizielle oder inoffizielle Guidelines verletzen. Sie machen es, weil es unglaublich gut tut, gegen die weltweit angesehende Wikipedia mal so richtig zu stänkern. Und auf der anderen Seite gibt es die Wikipedia-Admins, die natürlich ebenso wissen, dass sie unter Feuer stehen, aber eine breite Palette an Erfahrung und Tools an der Hand haben, um 6 Stunden sperren, oder 24 Stunden sperren zu verteilen und die es ebenfalls als Genugtuung empfinden mal so richtig schön vom Leder zu ziehen. Kurz gesagt, das haben sich zwei Seiten gesucht und gefunden, die zueinander passen. Das ganze funktioniert wie ein Katz-und-Maus spiel was schon seit ewigkeiten existiert, und bis in alle Ewigkeit die Beteiligten fasziniert.

Die Textbeiträge auf der VAndlismusseite folgen einem sehr eigenen Diskursstil, ja fast wie bei einem Gedicht ist dort zu lesen:
– Kleiner Timmy on Trolltour
– für 6 Stunden gesperrt, Begründung war: Unsinnige Bearbeitungen
– Editwaer mit mehreren Beteiligten
– keine Besserung erkennbar

Sozial entlastend wirkt auch, dass ein Diskurs zwischen beiden Seiten nicht erwünscht ist und auch komplett unwahrschenlich erscheint. Man hat ein wenig den Eindruck, als ob da sich zwei Seiten im Schützengraben gegenübersitzen, und das einzige was ausgiebig tun ist Dauerfeuer zu geben. Das ganze ist nicht etwa ein Ziel, sondern es ist die Beobachtung. Egal ob man die Vandalismusseite an Heiligabend, an einem Montag oder in 3 Jahren nochmal aufruft, es ist immer dasselbe Bild. Die einzige erkennbare Währung in diesem Spiel sind Lulz, also die Schadenfreude es der Gegenseite mal wieder so richtig besorgt zu haben. Wobei Lulz als Fun wohl beide Seiten (Hase und Igel) haben, sonst würden sie nicht aus ausdauernd dabei sein. Offenbar macht es einerseits unglaublich viel Spaß, seine Zerstörungswut an der ehrwürdigen Wikipedia auszulassen und genausau macht es Spaß, User und IP dafür zu maßregeln (am besten von oben herab).

Nur zugern würde ich persönlich für eine der beiden Seiten Partei ergreifen. Aber dafür ist das Schauspiel viel zu kostbar. Vielmehr ist das Gegeneinander und die unversöhnliche Härte die fasziniert, es ist vergleichbar mit der Futurebörse in Chicago wo sich die Händler anschreien. Es geht ähnlich wie in dem Roman von Frank Norris nicht nur um die Sache an sich, sondern es spielen immer auch persönliche Motive eine wichtige Rolle. Ähnlich wie beim Kartenspiel kann daraus ein Sucht werden, wo es um die Interaktion als solche geht, wo also das Trolling bzw. das Gegentrolling zum Lebensinhalt wird. Im Wikipedia Sprech wird von notorischen Wiederholungstrollen gesprochen, aber auch die Gegenseite zeichnet sich durch eine Konstanz und Vehemenz aus. So ähnlich wie bei einem einarmigen Banditen kann man den Automaten dazu verwenden, um dem Alltag zu entfliehen, sich also für einige Stunde in die Parallelwelt des Vandalismus flüchten.

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