Leitkultur Technikfeindschaft


Üblicherweise wird der Begriff „Leitkultur“ in einem politischen Diskurs verwendet um die spezifische Eigenheit einer Gemeinschaft auszudrücken. Also das, wohin sie sich bewegt und was von der Mehrheit als wünschenswert betrachtet wird. Leitkultur ist wie der Name schon sagt, ein Orientierungsmaßstab der angibt wohin die Reise geht oder wohin sie zumindest früher gegangen ist. Will man eine spezifische deutsche Leitkultur ausmachen, wird üblicherweise auf die großen Dichter und Denker referenziert, also Goethe, Heidegger usw. Demzufolge ist Deutschland ein Kulturland. Aber diese Einschätzung ist zu kurz gegriffen, weil ja nicht irgendwelche Schriftsteller als Vorbild hingestellt werden, sondern nur ganz bestimmte. Das kann man sehr viel weiter eingrenzen und zwar ist die Leitkultur eine Technikfeindschaft. Das heißt, es werden jene Schriftsteller und Ideologien bevorzugt die ein Zurück zur Natur prädigen und gleichzeitig die moderne Stadt möglichst ausblenden. Und aus dieser Hypothese kann man ableiten, was alles nicht zur Leitkultur gehört: und zwar ist das ein Technikoptimismus, also Schilderungen darüber wie durch Erfindungen von Einzelnen die Welt zu einem besseren Ort wird.

Deutsche Leitkultur ist so eine Art von „zurück ins Mittelalter“. Also in eine Zeit wo es noch keine Dampfmaschine gab, wo der Marktplatz das Zentrum des Dorfes war und wo die Post mit Pferden transportiert wurde. Wenn man diese Welt als wünschenswert und erholsam bezeichnet ist man selbst Teil dieser Leitkultur.

Das interessante an der Leitkultur ist, dass sie vielfach nicht explizit thematisiert wird. Entweder weil der Diskurs als solcher nicht geführt wird, oder weil er nur oberflächlich geführt wird. Um sich selber zu erkennen ist es jedoch wichtig herauszuarbeiten, was Technikfeindschaft ausmacht, und was ihre äußeren Anzeichen sind. Im Grunde ist Technikfeindschaft das genaue Gegegenteil von dem was die Realität ist. In der Realität gab es ab 1800 eine industrielle Revolution, bei dem die Produktionsmethoden durch neueartige Verfahren automatisiert wurden und als Folge dessen bildeten sich Städte und es kam zu einem Ansteigen der Bevölkerung. Die Leitkultur des Neoluddismus verdrängt diese Entwicklung indem sie entweder einseitig als negativ bezeichnet wird, oder noch besser komplett ausgeblendet wird, zugunsten einer romantischen Weltsicht. Das man also zwar im 19. Jahrhundert lebt, aber sich so fühlt, als gäbe es keine Eisenbahn und keine Telegrafie. Die Darstellung von Wirklichkeit wird häufig als angenehm bezeichnet weil man darüber die Nachteile der Moderne ausblendet.

Neoluddismus bedeutet, dass man sich der Gegenwart nicht stellt, das man zu feige ist, einem amerikanischen Realismus zu folgen, der die technologische Wirklichkeit in seiner Gänze in sich aufsaugt und bejaht. Im Zentrum steht die Maschine. Also ein dem Menschen fremdes Subjekt, was Ausdruck von Erfindergeist ist, und autonom agiert. Maschinen können sein: Fließbänder, Automobile, Flugzeuge, Fabriken, ganze Städte, und in neuerer Zeit der Computer. All das gehört nicht zur Leitkultur, jedenfalls nicht zur europäischen. Der Grund darfür ist simpel: um sich Maschinen auszudenken, bedarf es eines neugierigen Individualismus. Der ist in Europa nicht besonders ausgeprägt. Dort ist man am Kollektiv und auf die Vergangenheit hin ausgerichtet. Man will zusammenhalten und zwar so wie es früher normal war. Und wie man vielleicht schon ahnt, entsteht auf diese Weise eine Verbindung aus Leitkultur und Anti-Amerikanismus. Das man also all das ablehnt, was technischer Fortschritt, übersteigerter Egoismus und modern ist.

Nun ist ein gesundes Maß an Neoluddismus und Amerika-Kritik sicherlich nichts schlechtes. Wenn man es als solches zu thematisieren weiß. Wer sich selber bewusst ist, in welchen Dogmen er gefangen ist, kann sie leichter überwinden. Schwierig wird es hingegen, wenn man sich nicht darüber im klaren ist, dass man Technologie kritisch betrachtet. Einem selbst also nicht klar ist, dass man Ned Ludd gerufen wird.

In „The search for ‘General Ludd’: the mythology of Luddism“ http://www.sfu.ca/~poitras/sh_Luddites_05.pdf wird Neoluddismus als „shared identity“ bezeichnet der für den Zusammenhalt in der Gruppe sorgt. Im weiteren Text wird auch von „working class memory“ gesprochen. Damit ist gemeint, dass Ned Ludd vermutlich eine ähnliche Lebenserfahrung hatte wie auch Jack London, also als Arbeitssklave aufgewachsen ist und das versucht hat zu kompensieren. Jack London hat über seine Zeit in der Konversenfabrik Bücher geschrieben, während die Ludditen die Fabriken kurzerhand kaputt gemacht haben.

Ironischerweise wird nur im us-amerikanischen Diskurs der Neoluddismus näher untersucht und als „common identity“ herausgearbeitet. Derartige Analysen gibt es auf Deutsch nicht. Das heißt, in Germany hat man zwar das Wort „Leitkultur“ erfunden, vermag es aber nicht richtig zu definieren. Das deutet auf ein Bildungsproblem hin, bzw. auf mangelnde Kenntnisse in us-amerikanischer Literaturgeschichte. Zwar findet sich in den Werken von Martin Heidegger durchaus neoludditischen Tendenzen, also eine pauschale Ablehnung von Technologie. Heidegger ist jedoch nicht im Stande das als Identität zu beschreiben. Sich also davon zu distanzieren und es zu relativieren. Auch andere große Denker aus Europa formulieren zwar Technikkritik um so ihre Leitkultur zu formulieren, es fehlt jedoch an einer Anti-These.

Möglicherweise konnte in den USA der technische Fortschritt deshalb so aufblühen, weil man dort nicht nur Technophobie artikuliert hat, sondern auch darüber nachgedacht hat, wodurch sie entsteht. Das heißt, man sagt nicht einfach nur „Computer sind etwas schlechtes“, sondern man sagt „Die Idee „Computer sind etwas schlechtes“ sind Ausdruck von Technikkritik die sich geschichtlich auf den Luddismus zurückführen lässt.“ Viele bezeichnen Dichter wie Henry David Thoreau heute einseitig als Ludditen, weil er sich von der Gesellschaft und der Moderne zurückzog und das einfache Leben in einer Waldhütte geführt hat. Im Grunde war damit der Weg dann frei an einer Anti-These zu Thoreau, das man also Thoreau in Frage stellt und darüber nachdenkt, ob fließend Wasser, Verzicht auf Telegraphie und Verzicht auf das Automobil wirklich zukunftsfähig ist oder ob es nicht schlichtweg dumm ist, die Moderne abzulehnen.

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