Sind Blogs die Antwort auf OpenAccess?


Ausgehend von OpenAccess wird von vielen Leuten darüber nachgedacht wie eine Infrastruktur zum wissenschaftlichen Publizieren aussehen könnte. Neben OpenAccess Zeitschriften wie PLOS sind auch „academic social networks“ wie Academia.edu und Zenodo im Gespräch. Auf letzterem kann man neben dem Paper auch Videos und Sourcecode hosten. Dabei ist die Antwort auf die Krise des wissenschaftlichen Publizierens sehr viel simpler. Weblogs sind die perfekte technische Infrastruktur. Anders als Diensteanbieter wie Academia.edu haben sie den Vorteil, dass man nicht von einem einzigen Anbieter abhängig ist, sondern man kann sowohl die Blogging-Software als auch den Hosting-Provider beliebig wählen. Dank Google sind die Volltexte durchsuchbar und man hat das komplette Angebot an Kommentar-Möglichkeiten. In Blogging-Systeme wie WordPress lassen sich sogar Videos, mp3 Podcasts und Sourcecode nahtlos einbinden. Theoretisch könnte man als eine Mischung betreiben, aus Code Repository, Podcast-Archiv, Vorlesungsmitschnitten und PDF Preprint Server. Im simpelsten Fall erstellt man in WordPress einfach jeweils eine Kategorie und ordnet dort die Postings zu. Fertig ist das Content-Management-System der Extraklasse.

Warum wird das so selten gemacht? Wiso wird stattdessen auf Zenodo oder ResearchGate nochmal das Rad neu erfunden? Die Antwort lautet, dass Weblogs und die zugrundeliegende Software zwar allgemein bekannt ist, sie aber auch unterschätzt werden. Weblogs gelten nicht als richtige Webseiten. Tatsächlich kann man sie jedoch als Basis des Internets bezeichnen. Der Grund dafür ist, dass sie aus Standard-Software bestehen die man auf Standard-Webservern aufsetzen kann. Einfacher geht es kaum. Alle anderen Dienste wie Repositorien, Social Networks, Foren usw. mögen im Einzelfall zwar besser auf die jeweilige Aufgabe zugeschnitten sein, haben aber hohe Einstiegshürden. Sie erfordern viel technisches Knowhow um Online zu gehen. Weblogs hingegen lassen sich zur Not auch von Einzelpersonen auf Heimrechner betreiben. Im einfachsten Fall reicht eine DSL Standleitung auf dem ein Apache läuft bereits aus, und das WordPress Blog ist weltweit sichtbar. Die Frage lautet daher: was ist falsch mit Blogs?

Natürlich ist mit Blogs gar nichts falsch. Sie werden nur zu selten genutzt. Sie bieten ein unglaubliches Potenzial, mit ihnen kann man Communities vernetzen, Content ins netz stellen und sogar Video-Daten verwalten. Nur, welcher Wissenschaftler hat sein eigenes Blog? Es sind nur wenige. Der Grund dürfte darin zu suchen sein, dass Blogs eine One-Man-Show sind. Es gibt einen Admin und der ist dann Mädchen für alles: Autor, Moderator der Kommentare sowie Layouter. Soetwas wie ein wissenschaftliches Team gibt es nicht. Aber das ist keienswegs etwas schlechtes. Ganz im Gegenteil sogar. Bevor man anderen sagt wohin die Reise geht, sollte man erstmal versuchen, mit sich selbst klarzukommen.

Wenn man sich aus WordPress ausloggt, wird von der Herstellerfirma Automatic immer ein netter Hinweis eingeblendet, dass mit WordPress 27% des gesammten Internets betrieben werden. In einem Forum wurde einmal diese Angabe als übertrieben entlarvt, angeblich wäre der Prozentsatz viel kleiner. Nach meiner Schätzung jedoch kommen die 27% ungefähr hin, das heißt, WordPress ist die Brot&Butter Infrastruktur des Internets. Egal ob für akademischen, kommerziellen oder privaten Content, Blogs sind überall verbreitet.

Das Erfolgsrezept ist schnell erklärt: wordpress und ähnliche Tools sind als Universalwerkzeug entwickelt worden. Das heißt, nicht auf eine bestimmte anwendung hin sondern mit dem Ziel Texte, Bilder und Dateien ins Netz zu stellen. Man kann WordPress ein wenig vergleichen mit dem HTML Standard, nur dass es eine konkrete Software ist und nicht nur die Spezifikation. Und weil eine Blogging-Software so universell zu verwenden ist, ist dessen Verbreitungsgrad auch so hoch.

Das schöne an WordPress ist, dass man es nicht genau definieren kann. Die einen verstehen darunter die PHP Software selber, die nächsten verstehen darunter die Blogging-Plattform wo man seine Site hosten kann, wieder andere subsummieren darunter Blogs ganz allemein und der nächste denkt, WordPress hätte etwas mit Katzenfotos zu tun. Falsch davon ist nichts, Fakt ist jedenfalls, dass sehr viele Dinge zusammenwirken bis die fertige Webseite angezeigt wird.

KRITIK
Obwohl Weblogs im Allgemeinen und WordPress im besonderen sehr nützlich sind, konnten sie jedoch ein Gebiet bis heute nicht erobern: das wissenschaftliche Publizieren. Woran das genau liegt ist unklar, aber offenbar besteht ein wissenschaftliches Paper aus mehr als das was WordPress zu bieten hat. Hauptelement des wissenschaftlichen Arbeits sind Literaturverweise. Nun möchte man glauben, dass dies für WordPress eine Kleingigkeit sind, weil URL Links ja von Anfang an verfügbar waren. Nur, es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen einer URL wie sie im Internet verwendet wird, und einer wissenschaftlichen Quelle. Manchmal haben die Quellen eine URL, manchmal aber auch nicht. Wissenschaft gab es bekanntlich schon, lange bevor Tim Berners Lee den ersten Webserver aufgesetzt hat und vieles was heute von Bedeutung ist, wurde in den 1950’er entwickelt. Wenn man jetzt seinen Fokus nur auf WordPress und das WWW einengt, gehen diese Dinge verloren. Ja man kann sogar die Dinge noch auf die Spitze treiben und behaupten, dass für das wissenschaftliches Arbeiten die Online-Verfügbarkeit nur eine geringe Bedeutung besitzt. Das meiste was im wissenschaftlichen Umfeld entsteht, verweist gar nicht auf Online-Quellen. Wenn in einem Gedruckten Buch tatsächlich einmal eine URL angegeben ist, so ist das die absolute Ausnahme. Die Online-Verfügbarkeit von Werken ist lediglich das Sahnehäubchen, dessen Fehlen wird nicht als Hinderniss betrachtet.

Ja ich würde sogar soweit gehen und behaupten, dass WordPress die falsche Infrastruktur darstellt, wenn man wissenschaftlich publizieren will. Man kann zwar rein theoretisch auch in einem Blog etwas veröffentlichen, aber mit Wissenschaft hat das nichts zu tun. Machen wir es etwas konkreter: im Kontext von WordPress spielt der Traffic eine große Rolle. Darüber entscheidet sich die Suchmaschinenplatzierung und darüber wird der Erlös durch Werbepartner defininiert. Nur, Geld verdienen und hoher Traffic ist unbedeutend für die Wissenschaft. Schon vor 100 Jahren war Wissenschaft nicht auf Gewinn angewiesen sondern zu allen Zeiten war die Finanzierung von staatlichen Mäzänen sichergestellt. Wissenschaft steht über den Dingen und ist befreit von einem schnöden Rechtfertigungsdruck.

WISSENSCHAFTLER SIND KEINE BLOGGER
Es ist aus technischer Sicht verführerisch, die wissenschaftliche Community unter dem Begriff „Blogging“ zu subsummieren. Denn wie Fashion und Food-Blogger auch stellen sie Content ins Netz. Eine PDF Datei ist üblicherweise kleiner als 1 MB groß und besteht aus maschinenlesbarem Code, es gibt also keine Notwendigkeit hier auf wissenschaftliches Blogging gesondert einzugehen. Ganz so leicht ist es in der Praxis jedoch nicht. Wissenschaft ist weitaus mehr als einfach nur der Upload von Dateien, üblicherweise handelt es sich um Biographien die damit verbunden sind, also die Einbindung in eine Schule, Hochschule und Postdoc Stelle. Und anders als bei WordPress kann man nicht nach 5 Minuten sein erstes Posting verfassen, sondern um eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben vergehen mitunter Jahre der Vorarbeit, wo man zunächst einmal die Sprache lernt, dann das Fach näher untersucht und zu guter Letzt sich mit einem konkreten Thema beschäftigt. Man kann diesen Prozess des lebenslangen Lernens und der Verknüpfung mit der individuellen Biographie als altmodisch und überholt bezeichnen, aber er ist nunmal da. Es gibt ihn tausendfach ja millionenfach und das kann man nicht einfach ignorieren und behaupten, dass eine PHP Software wie WordPress alles ist, was Wissenschaftler benötigen.

Schauen wir uns einige der Tools etwas näher an, mit denen Wissenschaftler Kontakt haben. Oft werden hier Referenz-Manager wie Endnote genannt, aber auch Textprogramme wie LaTeX. Vom technischen her kann man das alles durch WordPress ersetzen. Einen dezidierten Referenzmanager braucht man nicht, und seine Gliederung kann man auch Online schreiben. Nur, dem wissenschaftlichen Publikationsprozess wird man damit nicht gerecht. Es hat eben seinen Grund warum die Leute mit Endnote und ähnlichen Programmen arbeiten. Und das man eine wissenschaftliche Arbeit auf gänzlich andere Weise erstellen kann, wie das in den Ratgebern beschrieben steht, der Beweis steht bis heute aus.

Richtig ist, dass der Publikationsprozess in den Wissenschaften viel Spielraum für Verbesserung zulässt. Aber, man kann den Prozess als solchen nicht komplett als nutzlos ignorieren und alles ganz anders machen. Ich wage mal die These, dass auch in 50 Jahren noch wissenschaftliche Paper auf Quellenangaben aufgebaut sind und vielleicht sogar ein ähnliches Layout besitzen wie heutige Paper. Wenn man einmal zurückblick ins 18. Jahrhundert, so haben sich seit damals jedenfalls die Grundsätze nicht so stark verändert, als dass es heute eine fundamental andere Wissenschaft gäbe als früher.

ACADEMIC SOCIAL NETWORKS
Auf den ersten Blick bestehen „Academic social Networks“ aus einer technischen Infrastruktur. Manchmal wird auch eine Firma dahinter vermutet, die Geld verdienen will. Doch es geht um sehr viel mehr, als nur darum Informationen ins Internet zu stellen oder um Gewinne zu erwirtschaften. Um Academia.edu und ResearchGate richtig einzuschätzen muss man Ijad Madisch und anderen zuhören. Das ganze ist nicht so sehr eine Publikationsplattform, sondern primär handelt es sich um einen linguistischen Diskurs. Also eine bestimmte Form wie man über Dinge diskutiert. Das heißt konkret, dass man sich bei Academic Social Networks
gar nicht physisch anmelden muss oder Paper dort einstellen muss, sondern worum es geht ist bereits, wenn man Ijad Madisch nur zuhört. Also darüber nachdenkt, was er sagt. Ein wenig flappsig formuliert ist Madisch so eine Art von Motivationstrainer, eine Art von Jürgen Höller für Wissenschaftler, der den Leuten erzählt wie sie forschen und wie sie publizieren sollen. Man bezeichnen Madisch auch als Drill Instructor der ähnlich wie Detlef Soost die Leute anschreit, damit sie noch härter trainieren.

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