Die frühen „Academic social networks“


Neben Academia.edu und ResearchGate gab es früher auch andere Sozial Networks die sich an Wissenschaftler richteten. Zu nennen sind hier Epernicus und Scholarz.net. Epernicus war eine Art von Telefonbuch für Wissenschaftler, wo also Leute aus dem Lab mit Namen und ihren Fähigkeiten vermerkt waren und wenn man ein Problem hatte, sollte man sich die Person kontaktieren. SCholarz.net war nach dem Vorbild der Mendeley Software gestaltet, es war ein Web-basiertes Kollaborationstool um Wissen und Literaturdatenbanken gemeinsam zu verwalten. Die Dienste wurden um das Jahr 2008 herum gegründet und wurden wenig später wieder eingestampft bzw. aufgekauft. Wie kann man diese frühen Ansätze einordnen? Zunächst einmal als Suchprozess, es ging darum, wissenschaftliches Arbeiten durch das Internet zu verbessern. Diese Beispiele sind deshalb so interessant gerade weil es gescheiterte Projekte waren. Bei Epernicus fehlte beispielsweise der konkrete Nutzen. Zwar hatte jeder Researcher ein hübsches Profilbild und seine Fähigkeiten waren darunter vermerkt, aber irgendwas konkretes anfangen konnte man damit nicht. Ein wenig ähnlich ging es auch Scholarz.net. Man kann das am ehesten mit dem heutigen Bibsonomy vergleichen, ein Dienst der zwar aktiv genutzt wird, der jedoch nur das Verwalten von Literatur nicht jedoch die fertige wissenschaftliche Arbeit unterstützt.

Und hier ist auch schnell der Unterschied zur Academia.edu Plattform benannt. Dort steht das fertige PDF Paper im Mittelpunkt um das herum dann ein Profil erzeugt wird. Das heißt, das Profil des einzelnen Researcher besteht aus seiner per Volltext hinterlegten Publikationen. Das ist vergleichbar mit dem Google Scholar Profil. Auch dort findet sich unter dem Foto des Researcher eine Liste mit anklickbaren Papern.

Ist dieses Konzept zukunftsfähig? Ich würde sagen ja, ein fertiges PDF ist weitaus wertvoller als nur eine Auflistung möglicher Fähigkeiten bzw. eine Literatursammlung die möglicherweise in eine wissenschaftliche Arbeit mündet. Ein PDF Paper hingegen ist das Resultat von wissenschaftlicher Forschung. Darum dreht sich alles im Forschungsbetrieb.

Mit ein wenig nachgrübeln wird man schnell merken, wie es denn aussieht, das perfekte „academic social network“. Es wäre eine Mischung aus der Google Scholar Suchmaschine plus Academia.edu. Wo man also einerseits die Möglchkeit in allen 50 Mio wissenschaftlichen Papern per Volltext zu suchen. Allein eine derartige Suchmachine ist relativ anspruchsvoll zu programmieren. Nicht nur das die PDF Paper relativ viel Festplattenplatz benötigen, sondern zur Auswertung benötigt man auf PDF Parser, welche die Literaturangaben in den Dokumenten parsen und zuordnen können. Als zweites Element eines perfekten „Academic social networks“ benötigt man noch ein PDF Repository, also die Möglichkeit, dass neue PDF Paper online hochgeladen und indiziert werden können. Eine solches Super-Portal gibt es derzeit noch nicht. Google Scholar und Academia.edu erfüllen nur einen Teil davon. Beispielsweise sind in Google Scholar längst nicht alle Paper verzeichnet. Und Academia.edu enthält keine Parser um die Literaturangaben in einen Kontext zu setzen. Weiterhin müsste man in derartige Portale auch Fachkonferenzen und Video-Vorlesungen mit einbinden. Für die Zukunft gibt es also noch Spielraum zur Verbesserung. Die Frage ist noch ob es dafür auch einen Markt gibt. Geld verdient Google mit Scholar jedenfalls nicht und auch ResearchGate macht nicht den Eindruck, als ob damit hohe Gewinne erwirtschaftet werden. Der Grund dürfte darin zu suchen sein dass die Zielgruppe nur aus Akademikern besteht, also weltweit weniger als 10 Mio Leute umfasst. Wer nicht an einer Uni eingeschrieben ist für den sind „Academic social networks“ Zeitverschwendung. Gleichzeitig verbietet das OpenAccess Konzept explizit das solche Portale hinter Paywalls verschwinden, das heißt auch in Zukunft bleibt die Finanzierung ein großes Fragezeichen.

Das Phänomen „Academic Social Network“ ist sehr jung. Die meisten Netzwerke wurden erst ab 2008 gegründet, also zu einer Zeit wo wikipedia bereits lange am Start war. Aus mehreren Gründen gibt es zwischen Wikipedia und Academic Research jedoch einen unüberwindlichen Graben. Man kann eben nicht bei Wikipedia seine Diplomarbeit unterbringen, genausowenig wie man in der Diplomarbeit Wikipedia zitieren kann. Beides hat zwar mit Wissenschaft zu tun, es sind aber zwei unterschiedliche Dinge.

Das eigentliche Problem ist nach wie vor ungelöst: wie begeistert man Leute außerhalb der Universitäten für Wissenschaft? Darauf hat weder Google Scholar noch ResearchGate bisher eine Antwort gefunden. Meiner Meinung nach würde die wissenschaftliche Community davon profitieren, wenn nicht nur 10 Mio sondern 100 Mio Forscher regelmäßig PDF Paper veröffentlichen. Einen Trend in diese Richtung gibt es nachwievor nicht. Ganz im Gegenteil. Die Zahl regelmäßiger wikipedia Autoren sinkt seit Jahren und auch die Anzahl von ResearchGate Autoren die nicht aus dem Uni-Mileu entstammen dürfte sehr gering sein. Ja mehr noch, erfahrene Kenner des wissenschaftlichen Publikationssystem spotten sogar über die Academic Social Networks, der Begriff „Spamschleuder“ ist fast noch harmlos.

Was passiert eigentlich, wenn es den Academic Social Networks nicht gelingt größere Bevölkerungsteile für sich zu begeistern, aber gleichzeitig die wissenschaftlichen Anforderungen rasant steigen? Dann dürften wir in 20 Jahren die Situation haben, in einer komplexen Welt zu leben der die breite Masse weitestgehend hilflos und ungebildet gegenübersteht. Keine guten Aussichten. Auf der Basis von Unwissenheit und Aberglauben bildet sich nur zuleicht irrationale Angst die in Paranoia umschlägt.

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