OpenAccess nüchtern betrachtet


OpenAccess besteht aus Blendwerk das Dinge verspricht die so nicht eingehalten werden. Das Hauptversprechen lautet, dass sich dadurch die Universitäten öffnen würden gegenüber der Außenwelt. Schauen wir uns dazu einige Details an. Will man bei Arxiv ein Paper hochladen muss man an einer ordentlichen Universität angemeldet sein, nur so kann man einen Bürgen ausfindig machen. Will man bei ResearchGate ein Konto erstellen muss man ebenfalls zuvor schon an einer staatlichen Universität bekannt sein. Die einzige Ausnahme ist Academia.edu, dort kann man tatsächlich auch als Außenstehender ein Konto erstellen. Aber, wirklich Teil von OpenAccess ist man dadurch nicht. Das wichtigste Portal zum Ausfindigmachen von wissenschaftlichen Publikationen ist Google Scholar. Um sich dort ein Profil einzurichten worüber man die Publikationen einem Autor zuordnen kann, braucht man ähnlich wie bei Arxiv und ResearchGate eine bestätigte E-Mail Adresse von einer ordentlichen Universität. Bei Zenodo ist es das selbe Spiel: wer schon in Harvard, oder an einer sonstigen Uni registriert ist, wird dort relativ unkompliziert ein Konto erstellen und kann in kürzester Zeit seine Paper hochladen, aber wehe man ist kein Professor. Dann wird das nichts mit der wissenschaftlichen Karriere.

Fasst man die Informationen zusammen, bleibt in der Realität vom OpenAccess Versprechen nicht viel übrig. Mag sein, dass einige Paper inzwischen auch von der Öffentlichkeit eingesehen werden können, selber etwas schreiben oder gar veröffentlichen darf die Öffentlichkeit nicht. Hier gelten extrem hohe Standards. Diese bedeuten konkret, dass weltweit unterschieden wird zwischen Wissenschaftlern, die mit den großen Forschungsuniversitäten verbunden sind und dort ihre E-Mail Adressen haben und Leuten, die nicht Teil des Uni-Betriebes sind. Also Blogger, Youtuber und Kommentare Schreiber. Diese Gruppe, welche zahlenmäßig 99% der Weltbevölkerung ausmacht darf schon aus formalen Gründen keine wissenschaftlichen Paper veröffentlichen und wird auch nicht von Google Scholar und den anderen Academic Search Engines indiziert. Auch Academia.edu hat die Einstiegshürde zur Teilnahme am Wissenschaftsbetrieb nicht gesenkt. Das ist aber keineswegs ein Kritikpunkt, sondern das war nie die Absicht. OpenAccess scheitert keineswegs an technischen Problemen oder dass die Leute nicht die Vorteile erkannt hätten, sondern es scheitert daran dass es nur ein Marketing-Gag ist. Die Betreiber von google Scholar, ResearchGate usw. lachen sich insgeheim in die Tasche wenn sie daran denken, wie Leute von Außerhalb des Universitätssystem versuchen etwas zu publizieren. Sie wissen, dass es nicht geht. Ich wage mal die Kühne These dass auch in 30 Jahren es nicht möglich ist, dass eine Person wie du und ich ein PDF erstellen und das ins Internet hochladen um so teilzunehmen am wissenschaftlichen Gespräch.

Durch das Internet wurden die Dinge fast noch schlimmer als früher. Als es noch kein Internet gab, war wenigstens jedem klar, dass die Anzahl der Wissenschaftler extrem klein ist und man nicht offen ist für Leute von Außerhalb. Durch das Internet hat sich daran nichts geändert, neu ist lediglich dass jetzt behauptet wird, man wäre offen und es hätte sich etwas getan, in Wahrheit ist alles beim alten geblieben.

Echte Citizien Science findet nicht über ResearchGate, Google Scholar und Arxiv statt. Citizen Science ist etwas, was noch nichtmal erfunden ist. Es ist aktuell eine Idee, mehr nicht. Und zwar die Idee, dass es egal ist wer ein Paper schreibt sondern nur der Inhalt zählt. Das ist im jetzigen OpenAccess Modell nicht gegeben. Hier ist der Content komplett irrelevant solange man eine zertifizierte E-Mail Adresse nachweisen kann. Das dürfte mit ein Grund dafür sein, warum die Qualität der veröffentlichten Paper so grottenschlecht ist. Man bleibt unter sich, Widerspruch gibt es keinen, die Konflikte sind nur inszeniert.

WIKIPEDIA
Nach meiner Recherche ist die oberste Grenze wo Leute von außerhalb geradeso akzeptiert werden Wikipedia. Dort kann tatsächlich jeder einen Account beantragen und wenn er halbwegs in der Lage ist, wissenschaftliche Texte zu verfassen, kann er sogar Content hochladen. Zwar ist auch bei Wikipedia die Hürde extrem hoch und man muss schon ziemlich gut sein, um nicht sofort gesperrt zu werden, aber zumindest in der Theorie ist damit das Versprechen auf „Jeder kann mitmachen“ erfüllt. Anders sieht es jedoch aus, wenn man versucht eine Ebene oberhalb von Wikipedia tätig zu werden. Anfangs dachte ich, man könnte mittels Academia.edu dort ein PDF hochladen, was dann von anderen zitiert wird und irgendwann auch bei Google Scholar gelistet wird. Genau das war ein Trugschluss. Es ist unmöglich für Außenstehende, dass sie zitiert werden, oder dass ihr Paper auch nur von google Scholar indiziert wird. Anders als bei Wikipedia gibt es hier jedoch keinen inhaltlichen Hürden, sondern es geht schlichtweg um die Frage, welche Person etwas veröffentlichen möchte. Damit ist gemeint, dass das wissenschaftliche Publikationssystem nur für sehr wenige Personen da ist, nämlich diejenigen die an einer ordentlichen Universität arbeiten.

Außerstehende können maximal die Dienste eines Book on Demand Anbieters in Anspruch nehmen. Aber bereits der Versuch bei PLOS zu veröffentlichen wird scheitern. Nicht so sehr wegen der 3000 EUR APC Charge, sondern dass man zwingend aus dem Uni-Umfeld kommen muss. Das gleiche gilt für die Teilnahme an den „Academic social networks“ oder der Präsentation auf einer Fachkonferenz. Inhaltliche Gründe gibt es keine, warum Außenstehende dort kein Rederecht haben und warum sie bei PLOS kein Publikationsrecht haben. Sondern man will sie einfach nicht dabei haben. Man erkennt Außenstehende nicht als Wissenschaftler an.

Natürlich stellt sich hier die Frage, warum das wichtig ist, ob jemand an einer Universität aktiv ist, wenn es doch um inhaltliche Dinge gehen sollte. Genau das ist die spannende Frage, um zu unterscheiden zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft. Bei Wissenschaft ist es in der Tat unwichtig ob der Autor Ahnung hat, oder ob er mit jemand bekannt ist, der das Vertrauen genießt. Ein wissenschaftlicher Text ist in aller Regel selbsterklärend, entweder man hat das Thema bearbeitet oder eben nicht. Aber scheinbar funktioniert das jetzige Publikationssystem nach einem anderen Modell. Offenbar wird die Qualität von wissenschaftlicher Forschung nach dem Autorennamen bemessen, nach der Zeitschrift wo es publiziert wurde und nach der beteiltigten Universität, während der eigentliche Inhalt komplett egal ist.

Das ist besonders tragisch in Fächern, die wichtig sind für die Zukunft, wie z.B. Informatik, Mathematik, Biologie usw. Die Frage lautet, warum schottet sich der Wissenschaftssystem ohne Not ab gegen 99% der Weltbevölkerung und erlaubt ihnen nicht am wissenschaftlichen Diskurs teilzunehmen? Die Antwort ist nicht ganz simpel, vermutlich hat es etwas mit einem Zitat zu tun, was dem Philosophen Francis Bacon zugeschrieben wird: „Wissen ist Macht“.

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