Der Informatik-Einstellungstests


Was ein Einstellungstest ist, kann man leicht ergoogeln. Es gibt sie für alle Bereiche, besonders interessant sind welche aus dem Bereich Informatik und Programmieren. Das gemeinsame Merkmal von typischen Einstellungstests ist, dass sie unglaublich lang sind (20 Seiten DIN A4) und das man zu dessen Bearbeitung relativ viel Zeit benötigt. Besonders bei Programmier-Einstellungstests wird das logische Denkvermögen abgefragt, beispielsweise soll man ermitteln welchen Wert eine C-Funktion zurückgibt, oder man soll sagen was die Binärzahl 1001 umgerechnet in Dezimalschreibweise aussagt.

Wenn man solche Tests zu Diagnostik-Instrumenten ausbaut und eine größere Anzahl von Kandidaten dazu bewegt sie zu lösen, erhält man sogar eine typische Gauß-Glockenkurve wo man auf die Nachkommastelle genau sagen kann, welchen IQ-Wert ein Kandidat hat. Ein Wert von 130 besagt beispielsweise, dass der Bewerber ziemlich gut ist, weitaus besser als der Durchschnitt.

Eine wichtige Eigenschaft von Informatik-Tests wird in den meisten Ratgebern nicht explizit erwähnt und zwar die Tatsache, dass der Prüfer die Antworten bereits kennt. Er hat eine kleine Tabelle wo drinsteht, dass bei Aufgabe 1 man a) ankreuzen muss, bei Aufgabe 2 c) die richtige Antwort ist usw. Woher der Prüfer die Antworten weiß ist simpel: er hat sich den Test ausgedacht. Das ist so so ähnlich, als wenn man sich ein Codeword überlegt („geheim“) dafür den SHA256 Wert berechnet und jetzt die Gegenseite nur aus dem Hashwert das Passwort erraten soll. Und ja, das hat etwas mit logischem Denkvermögen zu tun, und ja der Test ist objektiv und sehr seriös.

Die Frage ist jedoch, ob es auch Sinn macht, darüber Menschen zu beurteilen und ob für den einzelnen Sinn macht, an derartigen Tests teilzunehmen. Die Antwort lautet beidesmal nein. Der Grund ist, dass es keinerlei Korrelation zwischen solchen Tests und den Fähigkeiten als Programmierer gibt. Ich will das mal an einem Beispiel erläutern.

An einem Internet Test wo mehrere Informatik-typische Fragen aufgeführt worden, habe ich teilgenommen und mir wirklich Mühe bei der Beantwortung gegeben. Nur zwei von 10 Fragen habe ich richtig beantwortet, mein errechneter IQ Wert war demzufolge sehr schlecht und lag bei -20. Kleiner Spaß, negativ kann er nicht werden, sondern ich war laut diesem Test unterdurchschnittlich. Der Test ist also der Meinung, dass ich unfähig bin und von Informatik keine Ahnung habe. Nun gut, aber wie bitte passt dazu, dass bei einer anderen Aufgabe wo es darum ging ein kleines Primzahlsuchprogramm in Python zu schreiben, die Sache mir sehr leicht viel und das Programm ausgesprochen effizient durchlief und die Zahlen von 1 bis 100 ausgegeben hat? Wie kann man zugleich einen Informatik-Test verhauen, bei einem anderen super abschneiden? Die Antwort darauf lautet, dass der Test keine Aussagekraft besitzt. Das Ergebnis ist wertlos, es ist nicht in der Lage das Potenzial oder das Nichtpotenzial einzuschätzen. Das heißt konkret folgendes:

Angenommen, jemand erzielt in einem Informatik-IQ-Test einen Wert von 70 IQ Punkten (also unterdurchschnittlich). Heißt das dann, dass diese Person unfähig ist, einen AutoIt Bot zu programmieren der Tetris spielt? Nein, das ist kein Widerspruch wenn man einerseits in dem Test schlecht abschneidet, gleichzeitig jedoch herausragende Fähigkeiten besitzt. Umgekehrt gibt es ebenfalls keinen Zusammenhang. Wer in einem Test 120 IQ Punkte erreicht, also besser abschneidet als der Durchschnitt heißt das nicht, dass diese Person gute Programme erstellen kann oder sich mit Informatik auskennt.

Der Grundirrtum bei Eingestellungtests liegt in dem Versuch, kognitive Leistung messen zu wollen. Übertragen wurde diese Vorstellung aus dem Sport. Wo man dadurch, dass man regelmäßig den Marathon trainiert immer besser darin wird und irgendwann als erster durchs Ziel läuft. So ähnlich haben sich das frühen Personlichkeitsdiagnostiker auch für die Mathematik oder die Informatik überlegt. Demnach ist Programmieren eine Fähigkeit in einer sozialen Gruppe wo man untereinander konkurriert und folglich eine Rangliste aufstellen kann. Der beste Programmnierer erzielt in einem Test die höchste Punktzahl und die anderen folgen danach. Was man mit derartigen Leistungstests jedoch in Wahrheit betreibt ist eine Schulsituation zu schaffen. Damit ist gemeint, dass man in einem autoritären Umfeld agiert. Konkret heißt das, aus einer freien Universität eine Klippschule zu machen wo den Schülern das Wissen eingeprügelt wird. Sinn machen Einstellungstests und IQ-Tests vor allem in solchen Unterrichtssituationen. Wo also ohnehin eine Prügelstrafe fürs Nichtaufsagen eines Gedichtes vorgesehen ist und wo Viel Wert auf Diszplin und Gemeinschaft gelegt wird, dort ist auch der ideale Nährboden für Einstellungstests jeder Art.

Wie funktionieren solchen repressiven Schulsysteme im Detail? Zunächst einmal ist ihr wichtigstes Merkmal abgeschottete Bewertungsmaßstäbe zu entwickeln. Also Kriterien darüber aufzustellen was richtiges und falsches Verhalten ist. Das heißt, wer 1 Minute zu spät zum Morgenappel antritt verhält sich falsch. Wer pünktlich kommt verhält sich richtig. Wer in einem Test eine gute Note erhält, verhält sich richtig, wer den Test verhaut, verhält sich falsch. Das besondere ist, dass diese Kriterien keinen Sinn ergeben. Sie haben nur innerhalb des selbst geschaffenen Mikrokosmos eine Bedeutung. Solche rigiden Schulsysteme haben zugleich eine Paranoia in Bezug auf das Außen entwickelt. Also jenen Teil der Welt den sie nicht unter Kontrolle haben. Dort wird das Böse vermutet und dort wird das Versagen verortet. Wir hier, in der guten Klippschule und dort draußen die böse Welt wo die Dekadenz herscht. So lautet das Mantra.

Die Frage ist nicht so sehr, wie man in einem Einstellungstest eine hohe Punktzahl erreicht sondern die Frage lautet wie man derartige Tests überwindet. Also ein Umfeld schafft in dem sowas nicht länger erforderlich ist weil es andere Anreizstrukturen gibt um Leistung zu zeigen. Eine Möglichkeit besteht darin, Lernen als individuellen Gewinn zu betrachten. Sich also zu fragen, wo für einen selbst der Nutzen ist, sich mit einer Sache eingehender zu beschäftigen. Ein gutes Beispiel für derartiges selbstgesteuertes Lernen sind Computerspiele. Im Regelfall funktionieren Echtzeitstragiespiele wie OpenRA so, dass es einen Anreiz gibt, sich näher mit dem Spiel zu beschäftigen. Wenn man beispielsweise sich die Hotkeys einprägt mit denen man ein Einheiten positioniert, kann man sehr viel effizienter agieren. Dadurch steigt dann die Punktzahl.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s