Lässt sich mit Kommerzialisierung die Wissenschaft beschleunigen?


Im Fahrwasser von OpenAccess sind neue Formen des wissenschaftlichen Arbeitens entstanden. Ein Plattform um Experimente outzusourcen an externe Dienstleister ist auf https://www.scienceexchange.com/ zu sehen. Die Idee ist es, über Geldanreize die Effizienz in der Wissenschaft zu erhöhen. Auf den ersten Blick eine gute Sache, weil Geld nachgesagt wird, dass man damit die Leute zu Höchstleistungen antreiben kann.

Meiner Meinung nach ist die Idee, Wissenschaft den Marktgesetzen unterzuordnen nicht zielführend. Das Problem ist, dass es im jetzigen lahmen Wissenschaftsbetrieb schon zu viele Leute gibt, die wenig Ahnung von ihrem Fach haben, aber dafür umso genauer wissen, wie man auf die Schnelle Geld verdient. Noch mehr von solchen „Geld ist geil“ Marktplätzen braucht keiner. Wenn man ernsthaft gedenkt, die Wissenschaft voranzubringen sollte man versuchen, Geld aus dem Erkenntnisprozess möglichst rauszuhalten. Damit ist gemeint, dass man zwar schon Experimente outsourcen sollte, aber dafür keine Gegenleistung in Aussicht stellt. Das heißt, die Gegenseite hat die ganze Arbeit und erhält nichts dafür. Das ganze wird als Loose-Loose-Plattform bezeichnet wo also alle dabei verlieren.

Die Grundidee einer harten Währung besteht darin, dass damit ein Ausgleich für geleistete Arbeit geschaffen wird. Wenn also die Durchführung eines Experimentes 10 Stunden dauert und der Stundenlohn 10 EUR beträgt, dann sind das Kosten von 100 EUR. So jedenfalls die wirtschaftliche Überlegung. Bei einem Marktplatz kommen folglich Leute zusammen, die entweder Geld haben, aber keine Zeit oder aber sie haben Zeit aber kein Geld. Es gibt jedoch ein Problem: Marktplätze wurden erfunden für Dinge wie Haare schneiden, Bier einschenken und Kuchen backen. Dort funktioniert die Motivation über den schnöden Mammon hervorragend. Leider lässt sich die hohe Effizienz nicht auf Bereiche übertragen die etwas mit wissenschaftlicher Innovation zu haben haben. Geld spielt nur für die schlechten Forscher eine wichtige Rolle, die guten sind eher über Inhalte zu motivieren. Rein theoretisch kann man eine kommerzielle Plattform für Experimente aufbauen, wird damit aber ein ganz bestimmtes Klientel anziehen. Die werden zwar Pseudoexperimente machen und vereinbarte Ergebnisse liefern, aber sie werden die Dinge nicht voranbringen. Soziale Fähigkeiten sind bei dieser Zielgruppe ausgezeichnet, woran es mangelt ist wissenschaftliches Knowhow. Also die Fähigkeit zu verstehen, worum es im Einzelfall geht, was die Aufgabe der Kresse in der Petrischale ist.

Das Vorbild aus dem Reallife ist ein Umsonstladen, wo man also etwas geschenkt bekommt oder man etwas hinbringen kann was man selber nicht braucht. Sowas ließe sich auch mit wissenschatlicher Laboreinrichtung realisieren. Das heißt, wer ein altes Mikroskop nicht mehr benötigt kann es dorthin bringen und wer noch einen Roboter sucht, der sich mit Forth programmieren lässt sollte ebenfalls vorbeischauen. So ist jedenfalls die Idee einer Plattform mit der man die Wissenschaft nach vorne bringt. Ebenfalls denkbar wäre es, dass man seine Zeit spendet, also sagt, dass man 10 Stunden Arbeitszeit der Allgemeinheit zur Verfügung stellt und wer noch ein Experiment durchführen möchte, kann sich das dann schenken lassen.

Laut http://www.wiwo.de/erfolg/campus-mba/hochschulfinanzierung-spenden-sammeln-faellt-deutschen-unis-schwer/5212140.html nehmen alle deutschen Universitäten zusammengenommen pro Jahr 2,5 Mio EUR ein. Zum Vergleich Wikipedia Deutschland rechnet mit einem jährlichen Spendenaufkommen von 9 Mio EUR http://www.businessinsider.de/das-passiert-wirklich-mit-euren-spenden-an-wikipedia-2016-11 Wie kann das sein, dass ein simples Online-Lexikon mehr Geld einsammelt als alle Hochschulen zusammen? Der Grund liegt darin, dass sich Wikipedia vom Selbstverständnis als Non-Profit-Organisation versteht und ausschließlich von Spenden lebt, während die Universitäten kein klares Finanzierungsmodell verfolgen sondern irgendwie versuchen auf einem nicht näher definierten Bildungsmarkt Gewinne zu erwirtschaften. Die neueste Leitlinie der Unis besteht sich als Unternehmen zu begreifen und die Stundeten zu Kunden degradieren. Das kommt überhaupt nicht gut an bei Wissenschaftlern. Auch die eingangs zitierte Plattform zum Outsourcen von Experimenten macht diese Kommerziellen Unsinn mit, wo also behauptet wird, dass man die Kommunikation dadurch verbessert, dass alle Teilnehmer eine eigenen Buchhaltung besitzen und sich gegenseitig vorrechnen wer bei wem verschuldet ist. Diese Mentalität ist für Hochschulen unwürdig.

Hier https://www.lexisnexis.de/blog/recherche/risiken-der-spendensammlung-durch-universitaeten kann man deutsche Überheblichkeit in Reinstform erleben. In dem Artikel wird davor gewarnt Spenden überhaupt anzunehmen, weil das Interessenkonflikte erzeugen würde. Und ferner gibt der Autor auch gleich noch Tipps an US-amerikanische Universitäten worauf sie beim Annehmen von Spenden besonders zu achten haben. Ich glaube, in Stanford würde man über derlei Ratschläge aus Germany hocherfreut sein. Denn immerhin hat man dort vor kurzer Zeit eine Einmalspende in Höhe von 400 Millionen US$ erhalten und ist sich noch nicht ganz sicher, wie das jetzt rechtlich einzuordnen ist. Ob es ok ist, wenn man den Namen des Spenders in einer Pressemitteilung nennt oder lieber nicht.

In Europa erzielt die ETHZ Zürich das größte Spendenaufkommen, pro Jahr werden 50-100 Mio Franken (1 sfr = 1 EUR) eingenommen, https://www.srf.ch/news/schweiz/wyss-aussergewoehnliche-spende-freut-die-eth-foundation Wohlgemerkt, für eine einzige Uni. In Deutschland bekommen alle Unis zusammen weniger. Lediglich die Jacobs University in Bremen hat eine größere Summe erhalten aber auch das war weniger eine Spende an eine solide Uni sondern eher ein Notkredit um eine drohende Zahlungsfähigkeit abzuwenden.

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