Das autonome Auto hat noch Zeit


Rein vom technischen her könnte man in wenigen Jahren autonome Autos auf den Markt bringen. Hardware die geeignet ist für Autos gibt es bereits heute, und eine passende Software kann man als OpenSource programmieren. Wie das geht steht bei Google Scholar und einige Hersteller haben sogar schon fertigen Programmcode geschrieben. Mit so einem autonomen Auto könnte man dann die jetzt 1 Mio Verkehrstoten die jedes Jahr entstehen drastisch reduzieren. Fast möchte man ausrufen: Frisch ans Werk, lasst und das Auto bauen. Doch nicht so schnell, bewerten wie die Lage etwas nüchterner. Zunächst einmal ist die Menschheit die letzten 5000 Jahre ohne Künstliche Intelligenz ausgekommen, Veränderung ist zwar nie verkehrt, aber sie kann ruhig etwas langsamer vonstatten gehen. Zweitens lässt sich sagen, dass die Elite der Informatiker zwar bereit ist für autonome Autos (und es gibt sogar schon Prototypen die herumfahren), aber die breite Masse der Bevölkerung ist es nicht. Da die Autos nicht nur im Sillicon Valley auf dem Google Plex herumcruisen sollen, sondern weltweit eingesetzt werden würde das die Leute überfordern. Man darf bei aller Begeisterung für neue Technologie nicht vergessen, dass die ersten Mikrocomputer erst in den 1980’er auf den Markt kamen und die ersten Breitband Internetleitungen erst seit 2005 verbuddelt wurden. Das ist technikhistorisch gesehen noch etwas sehr junges. Bis sich damals das Rad oder die Dampfmaschine durchgesetzt hat, ist sehr viel mehr Zeit ins Land gegangen.

Mag sein, dass das Entwicklungstempo nicht hoch genug ist und dass es dysfunktionale Strukturen gibt die Innovation behindern, aber man darf andererseits auch die Gesellschaft nicht überfordern. Die Technikgeschichte ist wie ein großer Tanker, der sich nur langsam bewegt. Veränderungen sind grundsätzlich möglich, aber bitteschön erst wenn auch alle mitziehen. Nach wie vor ist die Informatik eine Exotendisziplin, selbst die als leicht geltende Python Programmiersprache spricht von der Gesamtbevölkerung niemand. Und innerhalb der Informatik wiederum ist die Künstliche Intelligenz nochmals sehr geheimnisvoll. Wenn man diese SubSubdisziplin pushen will bedarf es schon sehr viel Energie.

Langfristig glaube ich schon, dass autonome Autos eine gute Sache sind. Man könnte damit nicht nur die Staus verhindern, die Innenluft verbessern, die Auslastung erhöhen, die Transportkosten reduzieren sondern auch die Verkehrsunfälle minimieren und die Robotik insgesamt nach vorne bringen. Nachteile sehe ich keine. Realistisch betrachtet wird es aber noch 30 Jahre dauern bis sich das Thema durchsetzt. Noch mindestens eine Generation an Studenten muss zuvor durch die Unis geschleust werden bis man von einer breiten Akzeptanz sprechen kann. Autonome Autos sind etwas grundlegend anderes als einfach nur ein neues iPhone Modell. Künstliche Intelligenz ist in seinen Auswirkungen mit der Computerrevolution vergleichbar: es wird tiefgreifende Veränderungen geben. Die Computer haben von 1950 bis 1990 gebraucht, bis sie halbwegs akzeptiert waren. Die ersten autonomen Autos gibt es seit ca. 2010, wenn man den selben Zeitraum von 40 Jahren ansetzt, wird es bis zum Jahr 2050 dauern bis das Thema relevant ist.

Natürlich kann man schon sehr viel früher an der Thematik forschen. Man kann es im Simulator, auf Wettbewerben, ja sogar auf echten Straßen schon ausprobieren. Und vielleicht kann man schon die Software soweit entwickeln, dass sie auf Human-Level-AI Niveau kommt, also das Auto weniger Fehler macht als ein menschlicher Fahrer. wovor man sich jedoch hüten sollte, ist das Thema mit hoher Priorität zu verfolgen. Gerade weil es so wichtig ist für die Gesellschaft, gerade weil es so erstrebenswert ist, sollte man die Dinge auf kleiner Flamme köcheln lassen.

Warum man die Dinge ruhig etwas abbremsen sollte hat damit zu tun, dass autonome Autos zwingend etwas mit Künstlicher Intelligenz zu tun haben. Selbst wenn irgendein Genie auf der Welt einen komplett neuen Ansatz findet wie er ein Auto in die Parklücke bringt oder es auf der Autobahn einen „Lane change“ ausführen lässt, wird auch seine Software Methoden der KÜnstlichen Intelligenz verwenden. Diese Technologie ist etwas grundlegend anderes, als wenn man die Firmware für ein iPhone programmiert oder mit einem Router IP Pakete versendet. Künstliche Intelligenz und normale Informatik haben nicht das geringste gemeinsam. Ein selbstfahrendes Auto ist eben kein Computer auf Rädern, sondern es ist etwas vollkommen anderes. Richtig ist, dass Künstliche Intelligenz durch hardware und Software realisiert wird, also durch jene Technologie die den meisten bekannt sein dürfte, aber es gibt noch einige Dinge, die nicht nur Software und Hardware sind. Das ist ja gerade der Grund warum die KI_forschung innerhalb der Informatik isoliert ist und sich nur wenige Spezialisten damit beschäftigen.

Rein vom technischen her sind die Probleme handelbar. Man kann KI-Systeme programmieren, testen und sie für konkrete Dinge einsetzen. Es ist also keineswegs so, dass das Auto plötzlich Unsinn anstellen würde oder gar die Menschheit versklaven. Was man jedoch nicht so einfach umsetzen kann ist die Gesellschaft als solche darauf vorzubereiten. Hier sind die Entwicklungszyklen langsamer. Ein normales Informatik-Studium dauert 5 Jahre, die Lehrinhalte an den Hochschulen ändern sich in einem Abstand von 20 Jahren. Und bis man es geschafft hat, eine komplette Generation durchs Studium zu bringen, vergeht noch sehr viel mehr Zeit. Schauen wir unsmal die heutige Rentner-Generation an im Alter von 60-70 Jahren. Interaffin ist davon keiner. Einige haben zwar Internet-Anschluss aber wirklich zufrieden sind sie damit nicht. Als echte Generation Internet werden jene Leute bezeichnet die heute zwischen 20-30 Jahre alt sind. Aber auch diese Millenials sind nicht mit Künstlicher Intelligenz aufgewachsen, sie haben zwar in ihrer Kindheit mit Computern zu tun gehabt, aber keiner von ihnen mit Robotern. Wenn diese Millenials einmal 60-70 Jahre alt sind (in 40 Jahren) werden sie immernoch Experten sein für Youtube, E-Mails und Suchmaschinen aber mit Robotern werden sie nie warm werden.

Meine Prognose lautet, dass erst ab dem Jahr 2050 es so richtig losgeht mit autonomen Autos, also in der Art dass es dann Leute gibt, die wirklich davon Ahnung haben, und die kulturell damit aufgewachsen sind. Das ist dann eine Zeit wo man anfängt, Städte neu zu bauen und wo autonomes Fahren zum Standard wird. Bis dahin ist es noch ein langer Weg. Der lässt sich nicht abkürzen und auch nicht beschleunigen. Falsch ist es hingegen, wenn man heute schon diese Welt anstrebt. So nach dem Motto: lasst und alle zusammenarbeiten, damit ab 2025 serienmäßig autonome Autos vom Band rollen. Wie gesagt, technisch ist es machbar, gesellschaftlich würde es die Bevölkerung überfordern.

Selbst der halbwegs gemächliche Zeitplan bis 2050 autonome Autos an den Start zu bringen ist schon sehr ehrgeizig. Wir reden hier nicht etwa vom 4K Fernsehen oder davon die Haltbarkeit von Vollmich um 3 Tage zu verlängern, sondern wir reden hier von autonomen Robotern, die ungefähr die selbe Intelligenz besitzen wie K.I.T.T. aus Knightrider. Also Autos die sprechen können, und die all das können was auch menschliche Fahrer können: inkl. Driften auf regenasser Fahrbahn, Einfädeln bei 120 km/h sowie Vollbremsung für einen Radfahrer.

Liebe Informatiker, lasst uns alle gemeinsam diese Entwicklung möglichst verschleppen, so dass es noch viele Jahre dauert, bis sowas Realität wird. Es mag ein wenig sonderbar erscheinen Technikfeindlichkeit fördern zu wollen, aber manchmal ist sowas nötig. Genau genommen ist schon die normale Internet-Revolution viel zu viel des guten. Sie verändert mehr Dinge als vorgesehen. Nochmehr davon wird der Gesellschaft keine Erlösung sondern das Chaos bringen.

FORTSCHRITT AUFHALTEN
Eine gute Methode den Fortschritt hinauszuzögern sind Paywalls hinter denen man wissenschaftliche Paper versteckt. Die beste und schönste hat die ACM (association for computing machinery) am Start. Dort verbergen sich mehrere dutzend von Fachartikeln zum Thema autonomes Fahren hinter einer unüberwindlichen Paywall. Kein Forscher erhält darauf Zugriff, und Leute die keine Forscher sind schonmal gar nicht. Bravo ACM, ihr wisst wie es richtig geht. Wer doch so dreist ist auf den Button „get this pdf“ zu klicken erhält eine SSL Verschlüsselte Verbindung aufgebaut, wo man sich erstnoch einloggen muss, dann etwas in den Einkaufskorb legen muss, und automatisch auch noch ACM Mitglied wird, wodurch weitere Gebühren anfallen. Da steht dann etwas von 15 US$ für die PDF Datei, 200 US$ für die Mitgliedschaft und nochmal 42 US$ für die Extra-Mitgliedschaft. Jetzt dürfte auch der letzte verstanden haben, dass man das Paper auf keinen Fall herunterladen sollte, es sei denn man will die nächsten Monate sich mit Abbuchungen auf seiner Kreditkarte herumärgern.

Das Jahr 2050 ist keineswegs als Zielmarke bis wann man autonome Autos spätestens am Start haben will zu sehen, sondern es ist so gemeint, dass man vor 2050 auf keinen Fall autonome Autos haben möchte. Das heißt, ab 2050 geht es los und wer schon vorher damit herumspielt der hat leider verloren.

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