Fedora vs. Ubuntu


Obwohl man glauben möchte, dass es bereits genug Vergleiche in der Form „Ubuntu vs. Fedora“ gibt sind doch bisher viele Dinge nicht gesagt worden. Konkret gilt es zu unterscheiden zwischen der Technologie und der Philosophie. Technisch ist Fedora der klare Sieger. Es ist die ungefochtene beste Linux Distribution. Damit ist konkret folgendes gemeint. In Fedora ist längst Wayland der Standard, wohingegen Ubuntu noch mit X.org arbeitet, Fedora wird von Leuten verwendet die im Upstream tätig sind, während von Ubuntu niemand zugleich auch Kernel Maintainer ist, und zu guter letzt gibt es bei Fedora Updates selten Probleme, das System arbeitet fast so zuverlässig wie ein Redhat Server. Und noch etwas ist wichtig zu erwähnen: bei Fedora gibt es tagesaktuelle Sicherheitsupdates und immer die neueste Software während bei Ubuntu Sicherheitslücken mehrere Wochen ungefixt bleiben weil die Maintainer schlichtweg überfordert sind die Abhängigkeiten richtig zu verstehen. Insofern fällt aus technischer Sicht das urteil hart und eindeutig aus: Fedora ist besser, und Ubuntu ist Müll. Das ist nicht nur meine Meinung sondern Linus Torvalds hat das auf der Debconf14 auch so gesagt.

Nur, damit ist der Vergleich noch nicht zu Ende. Weil Linux sich nicht allein auf die Technologie reduzieren lässt. Versuchen wir jetzt einmal die Philosophie gegeneinander abzuwägen. Zu Ubuntu gibt es zahlreiche Einsteigerbücher auf Deutsch, ein ausgebautes Wiki, viele Erfahrungen an Schulen und Leute die gerade eben von Microsoft zu Ubuntu gewechselt sind und noch überhaupt keine Ahnung haben. Bei Fedora hingegen gibt es keinerlei Bücher. Selbst auf English hat Amazon kein Fedora Buch bereit, die Fedora Conferences sind sehr technisch und enthalten wenig konkretes, und Fedora ist auch komplett unpolitisch, hat also keinerlei Interesse daran Schülern damit zu unterrichten.

Das interessante an Schulprojekten zu Ubuntu ist folgendes: erstens, gibt es auf Youtube zahlreiche Vorträge wo das jemand erläutert. Das heißt, es wurde sowas schon durchgeführt. Zu Fedora gibt es keinen einzigen Vortrag und es wurde auch noch nie probiert. Vermutlich wird das auch in 100 Jahren nicht passieren. Gleichzeitig haben Schulprojekte mit Ubuntu im Regelfall ein vorhersagbaren Ausgang und zwar scheitert die Umstellung natürlich. Aber, gleichzeitig wird diese Erfahrung als sehr lehrreich empfunden. Das heißt, gerade weil Ubuntu so unausgereift ist und von Nicht-Programmierern gewartet wird, ergeben sich daraus interessante Gespräche.

Einige Kritiker haben zu Ubuntu mal gesagt, dass es keine richtige Distribution ist und die Maintainer bei Ubuntu auch keine richtigen Programmierer sind. Und tatsächlich, Ubuntu ist etwas anderes als Fedora. Ubuntu bringt die OpenSource Community nicht nach vorne. Es gibt keinerlei Impulse für den Kernel, für Gnome oder für LibreOffice. Aber, dem erwiedern könnte man damit, dass Fedora keinen Beitrag zur Hackerkultur leistet. Es gibt keine Makerspaces wo Fedora im Einsatz ist, es gibt keine gescheiterten Linux-Projekte auf Fedora Basis und es gibt auch keine Versuche Fedora zu politisieren.

Jetzt kann man natürlich fragen: was hat Linux mit Politik, Gegenkultur und Schule zu tun. Richtig, Linux ist zunächst einmal eine Software die im Upstream entwickelt wird. Auf der anderen Seite fließt der Upstream über die Distribution zu den Usern. Und die sind sehrwohl in soziale Institutionen eingebunden, interessieren sich für Politik und haben keine Ahnung. Kurz gesagt, man kann die Linux Welt ungefähr so beschreiben:

Upstream -> Redhat -> Fedora -> Debian -> Ubuntu -> User

Nehmen wir mal an, ein Ubuntu Hater kommt auf die Idee, ubuntu und Debian gleich mit aus dieser Verwertungskette zu entfernen, weil sie überflüssig sind. Die neue Kette sähe dann wie folgt aus:

Upstream -> Redhat -> Fedora -> User

Damit hätte man ein sehr steriles Betriebssystem, was um einiges effizienter funktioniert, was aber beim User Ohnmachtsgefühle erzeugt. Linux ist nicht nur mächtig, sondern es ist auch Gefährlich. Anders gesagt, die Zwischenschicht eines Ubuntu ist zwingend erforderlich um Linux zu den Leuten vor Ort zu bringen. Nur mit Ubuntu kann man Anfängerprojekte durchführen und OpenSource einen politischen Driven verpassen. Das ist weniger ein technisches Problem, als vielmehr eine gesellschaftliche Aufgabe.

Ich glaube, das eigentliche Dilemma von Fedora vs. Ubuntu ist, dass beide Systeme aufeinander angewiesen sind. Ubuntu braucht Fedora, weil irgendwer die Software programmieren kann. Sowohl im Debian als auch in der Ubuntu Community ist niemand der den GCC Compiler bedienen kann. Einige wissen zwar grob was git ist, aber wie man damit den Gnome Desktop auf die nächste Iterationsstufe bringt ist schon außerhalb der eigenen Kompetenz. Auf der anderen Seite braucht Fedora aber auch Ubuntu, weil die Fedora Oberfläche nicht in der Lage ist, einen größeren Markt oder Nicht-Programmierer zu gewinnen. Fedora ist zwar das beste Betriebssystem der Welt aber zugleich auch das am schwersten zu verstehende.

Vom technischen her lassen sich die Unterschiede zwischen Fedora und Ubuntu sehr gut herausarbeiten. Fedora ist eine Referenzimplementierung wie eine Linux Distribution auszusehen hat. Das heißt, so wie dnf muss ein Paketmanager arbeiten, und so wie Gnome muss die GUI aussehen. Aufgabe der Ubuntu Maintainer ist es folglich, das aktuelle Fedora möglichst zu kopieren. Das gelingt häufig erst nach einer gewissen Verzögerung. Ein aktuelles Ubuntu ist ungefähr auf dem Stand wie das Fedora von vor 2 Jahren. Auf der anderen Seite ist Ubuntu aber die Referenzimplementierung wenn es um Vermarktung geht. Schaut man sich einmal an die zahlreichen Bücher über Ubuntu, die vielen Projekte und die Webforen an, so hat sich um Ubuntu eine lebendige Community etabliert. Der technische Sachverstand ist bekanntermaßen niedrig, aber dafür lieben sie ihr System. Ein bisschen erinnnert Ubuntu an Windows XP und die dort entstandene Community. Der typische Windows XP Anwender liebt Tweaks Tools um die Software zu boosten und beschäftigt sich eher spielerisch mit dem System. Also eine Art von Modding Community. Für Fedora gibt es sowas nicht. Dort sind alle Anwender hardcore Maintainer die bei Gnome oder im Kernel Projekt mitarbeiter und gar keine Zeit haben, für Tweaks und Schulprojekte.

ZUKUNFTSPROGNOSE
Meiner Vermutung nach wird sich Fedora und Ubuntu weiter auseinanderentwickeln. Damit ist gemeint, dass sich in Fedora noch mehr Leute sammeln werden wie Lennart Poettering, also Hardcore Programmierer, die tief im Stack herumwühlen und den kompletten Saal mit Systemd gegen sich aufbringen. Während Ubuntu noch mehr in Richtung Politik / Ideologie abdriften wird, wovon sich Leute angezogen fühlen die Tauschwirtschaft, Linux for Africa und ähnliches propagieren. Kurz gesagt, wenn Torvalds vielleicht auf der Debconf2024 erneut sich den Fragen aus dem Publikum stellt, wird man sich noch weniger zu sagen haben und vermutlich wird man dann einen Moderator benötigen, damit die Meute nicht über den armen Torvalds herfällt weil sie ihm offen den Krieg erklärt.

Was wäre die Alternative zu dieser Aufteilung? Die Alternative wäre, dass die Leute die jetzt mit Ubuntu herumspielen sich auf Fedora einlassen. Dort stünden sie einem übermächtigen Betriebssystem gegenüber was sie nicht verstehen und was sie sich wie bei Redhat auch finanziell nicht leisten können. Oder aber, die Hardcore Programmierer von Fedora, also Torvalds und Co. würden von Fedora zu Ubuntu migrieren und müssten sich dort in eine Community einfügen, die keine Ahnung hat von Programmieren und wo eine inhaltliche Auseinandersetzung nicht funktioniert. Beides ist unwahrscheinlich, sondern jeder wird in seiner Ecke des Spielfelds bleiben und es werden beide Seiten gewinnen.

Die wichtigste Erkenntnis aus dem Vergleich Fedora vs. Ubuntu lautet, dass beides nichts miteinander zu tun hat. Obwohl rein formal beides Linux ist, könnten die Gegensätze größer nicht sein. Auch der Tagesablauf von Linus Torvalds unterscheidet sich grundsätzlich von dem eines Marc Shuttleworth. Das heißt, Torvalds versteht unter Linux etwas komplett anderes als Shuttleworth. Ob die beiden sich jemals begegnet haben ist unklar, aber vermutlich wäre es ein sehr kurzes Gespräch. Die Unterschiede im Detail: wenn Torvalds über Linux philosophiert meint er damit eine rund 100 MB große Sourcecode Datei die in einem Versionsrepository gepflegt wird und die als Basis für ein Betriebssystem verwendet wird. Unter einer Distribution stellt sich Torvalds Fedora vor, vielleicht noch Redhat. Shuttleworth hingegen versteht unter Linux eine Philosophie, also eine Methode wie man die Welt gerechter machen kann, wie man Neueinsteiger an Linux heranführt, und zu einer Distribution gehört nicht nur der Sourcecode sondern auch ein Wiki, Lehrprojekte an Schulen und Online-Foren wo das technische Niveau schön niedrig ist und dort auch bleiben soll um niemanden auszugrenzen.

Hier https://www.dgsiegel.net/talks/2006_fsis.pdf ist ein Paper was beispielhaft die Welt von Ubuntu näher ausleuchtet. Es ist überschrieben mit „OpenSource in Südtirol“. Wenn Torvalds das Paper lesen würde, wäre sein Urteil vernichtend. Er würde vermutlich sagen, dass es das schlimmste Paper ist, was jemals über seinen Linux Kernel geschrieben würde. Aus einer anderen Perspektive (der von ubuntu) ist es jedoch ein sehr gutes Paper, weil es erläutert welche Bedeutung freie Software für die Gesellschaft hat, wie man an einem IT-Fitness Day die Leute im ländlichen Raum geschult hat, sowie Details verrät über einen Verein, der ähnliche Ziele verfolgt. Wer hat nun Recht? ich würde sagen, beide Seiten haben Recht. Man muss Linux von zwei Seiten aus betrachten: Technisch und philosophisch. Und das wird von unterschiedlichen Gruppierungen aus angegangen. Das Ziel ist es, beide Seite zu fördern. Also Torvals und Fedora zu ermuntern noch sehr viel technischer zu werden, während man Ubuntu darin bestärkt, sich nochmehr für soziale Belange stark zu machen.

Ich glaube, was geschichtlich passiert ist ist folgendes: aus der einstigen Hackerkultur welche durch Richard Stallman verkörpert wird, haben sich zwei Bereiche abgespalten, eine technische Richtung welche sich mit dem Sourcecode als solchen beschäftigt und wo inhaltlich argumentiert wird, und einen sozialen Teil der heute als Linux-Movement bezeichnet wird und wo das Produkt vermarktet wird und in die Welt kommuniziert wird. Richard Stallman war noch jemand der beides konnte: er war einerseits der Programmierer von GNU C, und hat gleichzeitig Bücher geschrieben über die Unix Philosophie. Aber bereits Torvalds und Shuttleworth sind zwei gegensätzliche Charaktere. Wenn man noch weitere Jahre in die Zukunft denkt dann werden die Unterschiede noch ansteigen. Schon heute besitzt Torvalds den Spitznamen „Small diktator“ während Shuttleworth geliebt wird und zwar insbeondere von Leuten, die nicht aus dem Linux Umfeld stammen.

Ich glaube es ist unmöglich, diese Lager wieder zu vereinen. Also Ubuntu und Fedora zu einer gemeinsamen Distribution zu verschmelzen oder dafür zu sorgen, dass Torvalds gut klarkommt mit den Debian Leuten. Das wird nicht funktionieren. Das beste ist es, wenn man auf Abstand bleibt und jeder für sich seine Ziele verfolgt.

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Ein Gedanke zu “Fedora vs. Ubuntu

  1. Differenziert, ausgewogen, fundiert. Prima Analyse – danke dafür! Sehr hilfreich für Laien wie mich.

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