Geht der Umstieg auf OpenAccess zu schnell?


Wer zum ersten Mal mit OpenAccess in Kontakt kommt wird in aller Regel zu dem Schluss kommen, dass man genau das fördern müsste. Einen aktuellen Bericht zu der Thematik liefert http://archivalia.hypotheses.org/65788 Wenn man jedoch etwas näher die Lage überblickt so scheint der aktuelle Stand so zu sein, dass die Leute im jetzigen Publishing System selbst schon erkannt haben dass OpenAccess die Zukunft ist. Das heißt, anders als noch vor 5 Jahren muss man das Thema nicht mehr erläutern, sondern ausgerechnet die Bibliotheken selber drängen inzwischen geradezu auf Modernisierung. Das ist keineswegs so ungefährlich wie es zunächst den Anschein hat. Einigen Akteuren geht der Umstieg auf OpenAccess noch nicht schnell genug und so überbieten sie sich mit immer gemeineren Attacken gegen das jetzige System aus Verlagen und horenden APC Gebühren. Innerhalb des Diskurs gibt es niemanden mehr der in OpenAccess Nachteile sieht, alle wollen es inzwischen haben. Aber wohin wird uns das führen? Wenn man den Hardcore-Befürwortern folgt werden Verlage wie Elsevier überflüssig und Biblitoheken in denen gedruckte Zeitschriften aufbewahrt werden auch. Der veranschlagte Zeitraum für diesen Transformationsprozess wird mit 10 Jahren oder weniger veranschlagt. Soll das etwa heißen, dass es in 10 Jahren keine Bibliotheken mehr gibt und auch keine Zeitschriftenverleger sondern alle Autoren nur noch Academia.edu und ResearchGate nutzen und Google Scholar den H-Index berechnet?

Auf den ersten Blick klingt das wie eine erstrebenswerte Vision, weil man so die Publikationskosten senkt und die Wissenschaftskommunikation verbessert. Aber konkret heißt das nichts anderes, als dass man das heutige Publishing-System wie wir es kennen und lieben abwickeln wird wie einen maroden Betrieb. Das heißt, dass die Bibliotheken geschlossen werden, Elsevier pleite geht und das wo früher Bücher ausgeliehen wurden, dann Non-books Artikel verkauft werden, also Drogeriebedarf und Schreibwaren. Ich glaube vielen Pro OpenAccess Aktivisten ist noch nicht ganz klar über welche Dimensionen wir hier reden. OpenAccess ist eine Nummer größer als einfach nur eine zweite Brockhaus Pleite. Sondern wenn OpenAccess Realität wird, geht da eine komplette Branche den Bach runter mit all den negativen Konsequenzen.

Generell ist die Umstellung auf Diamond OpenAccess sicherlich eine gute Sache. Allerdings sollte man sich bewusst machen, dass man diesen Prozess nicht mehr wird zurücknehmen können. Das heißt, es wird verbrannte Erde zurückbleiben und es wird dann keine Bibliotheken mehr geben. Jedenfalls nicht wie wir sie heute kennen. Erinnnert sei an dieser Stelle an den Film „Fahrenheit 451“.

Vorbilder für diesen Transformationsprozess gibt es keine. Wikipedia hat zwar damals den Brockhaus platt gemacht, aber das war nur ein Verlag. Und als damals Napster angefangen hat, das Musikwesen zu revolutionieren gab es einen mächtigen Gegenspieler: das Urheberrecht. Das hat das Sterben der Musikbranche aufgehalten, stattdessen war es Napster der pleite ging. Bei OpenAccess gibt es keinen solchen Gegenspieler. Wenn man erstmal bei den Autoren einen Sinneswandel generiert hat kann man die dann freien Publikationen nicht mehr wegklagen. Das heißt, dass OpenAccess das System was vorher da war komplett verdrängen wird. Es wird ein zweites Napster werden, nur das diesmal der Walkthrough erfolgt, also damit endet dass da ein kompletter Industriezweig finanziell ausblutet, die Angestellten entlassen werden und man nur noch OpenAccess publiziert.

Kein Zweifel, so oder so wird es dazu kommen. Die Frage die sich stellt ob 10 Jahren für so einen gewaltigen Prozess nicht zu kurz ist und man den Akteureren nicht ein wenig mehr Zeit geben sollte um sich zu aklematisieren. Also eher bedächtig auf OpenAccess umstellen und nichts überstürzen. Insbesondere die Verwendung von Diamond OpenAccess (also kostenfreies Publishing ohne APC) sollte man möglichst aufschieben, weil daunter die Fachverlage am meisten leiden würden.

Das Problem ist folgendes: technisch gesehen existiert die künftige OpenAccess Infrastruktur bereits. Wenn die Autoren wollten könnten sie ab morgen alles ins Internet hochladen was sie schreiben und dann würden über Nacht alle Publisher und alle Verlage überflüssig werden. Und wenn man sich den eingangs zitierten Bericht anschaut so scheinen nicht wenige genau mit diesem Gedanken zu spielen. Nur, diese Entwicklung ist viel zu schnell, sie würde die Gesellschaft überfordern. Bibliotheken sind weitmehr als einfach nur Ausleihstationen für Bücher, es sind historisch gewachsene Institutionen mit denen sich Geschichte verbindet. Bibliotheken gab es schon lange vor dem Internet. Darauf zu verzichten ist eine kulturelle Zäsur.

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