Interaktives OpenAccess Journal


Früher war alles besser. Damals gab es noch das Usenet mit seiner comp.ai sci.* und de.sci.* hierarchie. Wer sich die alten Beiträge aus dem Google Archiv heraussucht wird entdecken, dass es damals zwar auch schon Spam und Trolle gab, aber in der Mehrheit konnte man im Usetnet über wissenschaftliche Themen diskutieren. Doch irgendwie ist das Usenet ähnlich wie das Fidonet in Vergessenheit geraten. Stattdessen gibt es heute Webseiten wie Stackoverflow, Quora und Blogs. Laut Wikipedia ist das größte Online Forum derzeit Gaia-Online. Nur, obwohl es mehr Diskussionen gibt als jemals zuvor vermisse ich irgendwie das Usenet. Es ist irgendwie nicht dasselbe, dadurch dass es jetztsoviel gibt, hat die Qualität merklich nachgelassen. Was bedeutet das konkret? Nehmen wir mal an, ich habe eine neue Idee zu einem Teilgebiet der Robotik. Früher hätte ich das ganze ins Usenet gepostet, ein wenig die Zeilenlänge justiert und es hätte daraufhin eine schöne Diskussion gegeben. Doch wo poste ich das jetzt hin? Poste ich den Text hier in mein Blog liest es niemand. Poste ich es zu Robotics.Stackexchange kommt der Moderator nach spätetestens 10 Minuten vorbei und meint, dass ich erstens keine Frage gestellt habe sondern einen langatmigen Robotik-Text gepostet habe und zweitens, dass er auf Deutsch war und nicht auf English. Würde ich das ganze hingegen bei Quora posten würde der Moderator vermutlich noch nichtmal das Thema verstehen. Was also tun?

Ich glaube, durch den Wegfall des Usenet und insbesondere der sci.* und comp.ai Hierarchie wurde eine Lücke aufgerissen die bisher nicht ausgefüllt wurde. Einen Versuch in diese Richtung geht diese Webseite hier https://www.the-cryosphere.net/index.html Laut Selbstaussage ist das interaktives OpenAccess Journal zu einem sehr speziellen Thema (Meeresbiologie, genauer gesagt gefrorenes Wasser). Das Thema ist zwar jetzt nicht so spannend aber dafür sind es die Formalien. Es funktioniert so, dass man einen Thread startet indem man ein Paper hochlädt. Das bleibt dann einige Wochen in der Warteschlange wo es diskutiert wird und wird danach dann veröffentlicht. Eigentlich eine sehr schöne Idee, die ungefähr dem alten Usenet Feeling nachempfunden ist.

Das ganze ist also primär ein Webforum wo man Diskussionen führt, gleichzeitig wird das jedoch mit dem PDF Format gekoppelt wo man als Einstieg erstmal ein kleines Paper publiziert. Zwar hat auch diese Webseite zwei Nachteile: erstens, interessiert das Thema niemanden zweitens wiederum nur auf English, aber dafür finde ich den Ansatz erstmal spannend. Hier https://www.biogeosciences.net/bg_flyer.pdf ist der Ablauf für ein anderes Beispiel nochmal als Grafik visualisiert. Das schöne daran ist, dass erstmalig auch der Begriff des Peer-Review eindeutig definiert ist. Peer-Review bedeutet, dass ein Thread von anderen Leuten kommentiert werden kann, also so ähnlich als würde man ins Usenet ein Paper posten und daraufhin man dann ein Feedback erhält.

Die interessante Frage lautet jetzt: warum gibt es sowas derzeit nicht? Oder ist sowas der Standard-Fall aber ich bin der einzige der das irgendwie noch nicht mitbekommen hat? Fakt ist folgendes: wie der Wissenschaftsbetrieb funktioniert ist auf https://academia.stackexchange.com/ hinreichend beschrieben worden. Und da steht nicht, dass es irgendwo interaktive openAccess Journale gibt wo man kommentieren kann. Gäbe es sowas schon, wäre das dort öfter mal ein Thema. Laut dieser Webseite sieht Interaktion beim Publizieren von Papern anders aus und zwar so: üblicherweise tritt man mit seinem Professor, seinem Verlag und seiner Fachkonferenz in einen Dialog. Das heißt, die Interaktion ist entweder reallife-zentriert oder aber sie ist kommerziell orientiert, wenn man sich mit Elsevier herumzankt ob jetzt das Komma in Zeile 334 jetzt da hingehört oder nicht. Da es jedoch wie die oben erwähnte Ozeane Zeitschrift massenhaft online-Portale gibt wo die Community jeder ist der sich ebenfalls im Forum anmeldet wäre mir neu. Insofern lautet mein Verdacht, dass interactive OpenAccess etwas ist, was noch gar nicht erfunden wurde.

Ich glaube, das Hauptproblem ist weniger die Mentalität der Beteiligten als vielmehr ein fehlendes Format. Nehmen wir mal an, man postet sein PDF ins Usenet oder in ein Online Forum. Und jetzt fangen irgendwelche Diskutanten an, Änderungswünsche zu posten. Dann müsste der Autor nach Ablauf des Peerreviews ja theoretisch die Änderungen in das Paper einpflegen und die endgültige Version auf den Server schieben. Mit welcher Software wird das unterstützt? Richtig, so eine Software gibt es nicht. Die meiste Software die aktuell zum Publizieren verwendet wird, ist eher auf Beständigkeit hin ausgelegt, das man also ein Paper schreibt, was dann die nächsten 50 Jahre archiviert wird.

Was ich jedoch entdeckt habe ist, dass bei Academia.edu eine solche Funktion wohl technisch schon existiert. Wenn man dort ein Paper als Draft hochlädt, kann man seinen Followern eine Nachricht senden. Die können dann Anmerkungen zum Paper schreiben. Das Standardzeitfenster dafür sind 4 Wochen. Was aber danach passiert ist unklar. Und überhaupt, die Draft Funktion von Academia.edu ist nirgendwo dokumentiert, so dass es wohl schon da ist, aber noch nicht praktisch angewendet wird.

Keineswegs bin ich der erste, der sich dazu Gedanken macht, schon 2008 ist folgendes Paper erschienen:
Pöschl, Ulrich, and Thomas Koop. „Interactive open access publishing and collaborative peer review for improved scientific communication and quality assurance.“ Information Services & Use 28.2 (2008): 105-107.

Dort werden einige Beispiel-Journale vorgestellt. Die Idee ist, dass ein neues Paper über 8 Wochen lang diskutiert werden können. Danach hat der Editor die Chance das Paper zu publizieren oder zu rejecten. Im Fachdiskurs wird das auch als OpenPeer Review bezeichnet. Hier der Link zum Journal die derzeit 500 Paper im Jahr publizieren: https://www.atmospheric-chemistry-and-physics.net/index.html Das Layout sieht dem Layout der ozeanischen Zeitung aus meiner Einleitung verdächtig ähnlich, es gehört wohl alles zum selben Projekt.

Sehr viel erfolgreicher verläuft das ganze bei dem Journal Copernicus. Laut einem Flyer https://publications.copernicus.org/IOAP-flyer.pdf wurden schon 41k Paper publiziert, allesamt interaktiv nach der Openpeer review Methode. Das Promovideo auf der Homepage klingt relativ interessant. Zu sehen ist ein smarter Typ der das selbe Grinsen hat wie Richard Price (Grüße nach Silicon Valley) und der erzählt, dass sein Verlag schon relativ früh auf OpenAccess umgestiegen ist und dann als Spinoff noch interaktives OpenAccess draufgesetzt hat.

Das Geschäftsmodell kann man mit klassischen Begriffen nur ungenau beschreiben. Die Seite ist eine Art von Forum wo man sich anmeldet, aber gleichzeitig gibt es auch bezahlte Peer-Reviewer die Kommentare posten. Von Nachteil ist, dass pro Paper eine APC Gebühr von 500-1000 USD anfallen.

ZWISCHENÜBERSICHT
Interaktive OpenAccess ist grundsätzlich sehr interessant. Derzeit experimentieren verschiedene Anbieter damit herum, ohne größeren Erfolg. Die Ozeanische Zeitschrift von weiter oben publiziert pro Jahr relativ wenig, Das Copernicus Journal publiziert zwar deutlich mehr, aber dort besteht die Community wohl eher aus den festangestellten Mitarbeitern, welche Korrekturlesen und die Kommenatere lediglich öffentlich posten. Der technische Ablauf ähnelt sich. Grundsätzlich ist das ganze wie ein wissenschaftliches Webforum aufgebaut wo der Thread-Starter ein Paper postet, die Leser können dann innerhalb von 8 Wochen darüber diskutieren. Dann wandert das Paper ins Archiv.

Streng genommen könnte man als User diesen Workflow mit heutigen Techniken nachbilden. Man müsste zunächst ein neues Paper schreiben, das ins Internet hochladen und dann in einem passenden Forum wie Stackexchange ein Announcement posten. Falls der Moderator das nicht als Störung bzw. Spam bewertet wird man Kommentare erzeugen. So ähnlich wie bei Reddit.

Hier https://academia.stackexchange.com/questions/2385/is-there-a-good-site-for-holding-online-discussions-of-scientific-papers gibt es eine Diskussion die sich mit genauer dieser Frage beschäftigt. Die Idee lautet, ein Paper zuerst bei Arxiv hochzuladen und dann in einem anderen Forum wie Google+, Reddit oder in Blogs. Eine Antwort empfielt, Stackexchange dafür zu nutzen. Und zwar, weil Stackexchange von Hause aus sehr wissenschaftsszentriert ist. Man müsste das Posting dann nur als Frage umformulieren „Was haltet ihr von meinem neuen Paper?“. Desweiteren gibt es noch viele weitere neugegründete Webseiten die genau in diese Lücke vorstoßen wollen. Gemeinsames Merkmal ist derzeit, dass die Nutzerbeteiligung zu gering ist.

NACHTEILE
Versuchen wir einmal die Gegenseite zu verstehen, warum also Stackexchange Moderatoren mit dem Posten von Papern möglicherweise ein Problem haben. Generell sind Diskussionsforen auf eine kleine Textmenge hin ausgelegt. Bei Stackoverflow hat man das zur Perfektion getrieben als guter Stil gilt eine Frage in nur einem Absatz und eine Antwort in 3 Absätzen. Ein hochgeladenes PDF Paper würde diese Regel verletzen. Ebenfalls interessant ist, dass Webseiten die sich dezidiert mit OpenPeer Review beschäftigen sowas zwar erlauben, dass im Umkehrschluss aber keine Leser da sind, die Lust haben die Paper zu lesen und zu kommentieren. Was hingegen bei Stackexchange und Co erlaubt / ja erwünscht ist, sind Fragen zu fremden Papern. Wenn man also nicht selbst der Autor ist und ein Paper gelesen hat was man nicht versteht.

Generell besteht also folgender Mismatch: ein 8 Seiten PDF Paper ist zu lang um es in ein Forum zu posten. Aber zitiert wird es gerne in anderen Papern. Das ist aber keine echte Diskussion. Foren hingegen bestehen aus kurzen Texten, die aber nicht zitierfähig sind.

Gleichzeitig ist es reichlich witzlos ein Paper zu verfassen, auf das man keine Rückmeldung bekommt. Das heißt, letztlich gibt es einen Bedarf nach interaktive OpenAccess Journalen zumindest aus Autorensicht, aber offenbar finden sich dafür keine Leser die bereit sind, neue Paper zu sichten und zu kommentieren. Der derzeitigen OpenAccess Publisher umschiffen diesen Misstand so, dass sie für die APC-Gebühr bezahlte Diskussionsforen anbieten. Das heißt, man bezahlt 2000 US$ dafür dass jemand anderes das Paper inhaltlich und formal verbessert. Die Frage ist nur, warum das die Wissenschaft nicht untereinander machen kann?

Ich habe eingangs das Beispiel mit dem Usenet und der sci.* Hierarchie nicht ohne Grund erwähnt. Im Grunde war das ein schönes Beispiel wie sowas funktionieren kann. Als es noch das Usenet gab, gab es weltweit nur diese eine Diskussionsgruppe und wenn man eine Frage zu Mathematik, Physik oder was auch immer hatte, hat man sie dort gepostet. Nur irgendwie ist diese schöne Tradition heute obsolet geworden. Und andere Foren mit einer vergleichbaren Funktion fehlen. Stattdessen scheint die Diskussion über neue Paper in den Verlagen geführt zu werden, also in der geschützten Kommunikation die der Autor mit Elsevier oder der ACM Gesellschaft führt während das Paper publiziert wird.

Ich glaube zuerst sollte man einmal definieren was ein paper überhaupt ist, ist es ein Aufsatz der in einer Zeitschrift erscheint oder ist ein Diskussionsbeitrag den man in ein Forum postet?

MÖGLICHE ALTERNATIVEN
Zuerst habe ich Reddit in die nähere Auswahl genommen. Manche bezeichnen Reddit als den legitimen Nachfolger des Usenet. Und eine eigene Untergruppe wo man neue wissenschaftliche Paper posten kann gibt es auch. Aber: Reddit hat eine Reihe von Nachteilen. Lässt man sich die beliebtesten deutschen Untergruppen (Subreddits) anzeigen wird man sehen, dass Wissenschaft und Informatik darin nicht vorkommt. Stattdessen geht es um Politik, Fußball und Smalltalk. Auch die englische Gruppe wo man Paper posten kann ist komplett verweist. Der letzte Eintrag ist 6 Monate alt.

Aber ich habe etwas gefunden was dem alten Usenet-Gedanken inhaltlich nahe kommt: https://www.informatik-forum.at/ Das ist ein klassisches Webforum zum Thema Informatik. Es ist also nicht speziell ein Arxiv Peerreview Forum und vermutlich wird es dort eher nicht erwünscht sein, wenn man PDFs hochlädt dafür jedoch gibt es interesssante Diskussionen zu Themen. Ich wage mal die kühne These dass eine interaktive Diskussion über wissenschaftliche Themen zwingend in einem Webforum stattfinden muss. Entweder das oben verlinkte oder in anderen internationalen Foren. Die Wahrscheinlichkeit dort in kurzer Zeit eine Antwort zu erhalten darf mit hoch bewertet werden.

Bleibt noch die Frage wo man Feedback für seine selbstgeschriebenen 8 Seiten Paper erhält. Mein Eindruck ist: nirgendwo. Vermutlich sind PDF Paper formal so ausgelegt, dass man mit etwas Glück nach 2 Jahren von einem anderen Autoren zitiert wird und das über Google Scholar erfährt. Dann jedoch dürfte die Fragestellung schon überholt sein und vermutlich war das ohnehin nur ein Gefälligkeitszitat. Offenbar werden PDF Paper für die Ewigkeit geschrieben während Foren-Diskussionen interaktiv sind.

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