Reggae am Computer

Das man Techno an einem Druckcomputer machen kann, dürften die meisten wissen. Techno steht ja als Abkürzung für Technologie und meint die Verwendung von elektronischen Klangerzeugern, insbesondere den vorprogrammierten Pattern. Aber auch eine Musik-Richtung wie Reggae lässt sich in einem Sequencer eingeben. Obwohl gemeinhin der Offbeat und die mikrotonale Veränderung als nicht reproduzierbar gilt, kann man sich sehr gut in Musik-Programmen wie FL Studio, LMMS oder Cubase nachbilden. Man muss nur wissen worauf es ankommt, also wohin die Noten gehören und wie der Beat klingen soll. Man erhält auf diese Weise eine seltsame Mischung aus hochakkuratem Computersound der sich gleichzeitig unverwechselbar nach Bob Marley anhört. Wenn man dann noch mit Plugins arbeitet wie z.b. einem Vinyl-Overlay kann man einen fetteren Sound erzeugen als Jimmy Cliff zu seinen Glanzzeiten. Der Flaschenhals dürfte weniger die Technik sein als vielmehr der Komponist, also wieviel Ahnung er von Reggae hat und wie gut er sein Musikprogramm beherscht. Und genau hier gibt es die meisten Herausforderungen: die weltbesten Reggae-Musiker sind lausige Computerexperten. Es sind Leute, die mit Gitarre und Orgel aufgewachsen sind aber von Elektronik oder gar Informatik nicht die geringste Ahnung haben. Hier eine Brücke zu schlagen ist nicht ganz so einfach. Da treffen zwei Bereiche aufeinander die traditionell getrennt sind.

Wohlgemerkt es geht nicht darum, Reggae auf eine Schallplatte aufzunehmen oder auf eine digitale CD zu pressen, sondern es geht darum, Reggae ohne Instrumente und ohne Band nur im Computer zu erzeugen. Als Mod-File bzw. als Midi-File. Wo also ausgehend von der abstrakten Notensyntax der komplette Song generiert wird.

Reggae Tutorial für LMMS

Für Ubuntu Anwender gibt es mit LMMS ein äußerst leistungsfähiges Musikprogramm, dass seinem Vorbild FL Studio sehr nahekommt. Man hat dort nicht nur ein Notenblatt sondern kann auch unterschiedliche SF2-Instrumente (für Soundfont) einbinden. Von der Leistung her ist LMMS mit einem Luxus-Musik-Studio zu vergleichen, wo man also nicht nur ein High-End Keyboard, mehrere Gitarren sondern auch Mixer, Plugins und Drumcomputer nutzt. Leider bleibt nach wie vor die Frage offen wie man mit diesen Werkzeugen einen Song erstellt, also wo die Noten hinmüssen, damit es gut klingt. Im folgenden gibt es ein Tutorial zum Komponieren eines Reggae-Songs.

Zuerst benötigt man eine Akkordsequenz mit der man den eigentlichen Song erstellt. Eine wohlklingende Sequenz ist beispielsweise: D A b fis G D G A

Diese besteht aus 8 Akkorden wobei D = d-dur und fis=fis moll bedeutet. Es handelt sich um die international übliche Abkürzungen für das setzen von mehrstimmungen Noten. Von derartigen Akkordsequenzen gibt es noch viele weitere und die selbe Sequenz taucht in der unterschiedlichen Songs auf, ohne dass dies jemand als Plagiat bezeichnen würde.

Wenn man die Noten hintereinander schreibt und auf Play drückt, hört sich das zwar bereits nach einem harmonischen Gerüst an, allerdings fehlt noch der typische Reggae Drive. Den erreicht man dadurch, dass man die Noten nur kurz anspielt, verdoppelt und im Bass die selbe Note antippt.

Jetzt hört man nach dem Klick auf Play bereits einen Rhythmus, genannt Offbeat. Damit ist gemeint, dass auf Takt 1 der Bass zu hören ist, auf Takt 2 der eigentliche Ton, auf Takt 3 wieder der Bass und auf Takt 4 der Ton. Um das ganze noch mehr in Richtung Reggae zu justieren kann man jetzt noch kleinere Anpassungen an den Tondauern vornehmen.

Weil ein Klavier alleine noch etwas öde klingt, kann man ein zweites Instrument hinzunehmen. Klassischerweise ist das die Orgel, hier ist die gute alte Kirchenorgel das Instrument der Wahl. Diese wird als Echo zur Hauptstimme gespielt, so ähnlich wie man auch einen Bass einsetzen würde. Die Akkordfolge D A b fis G D G A bleibt die selbe, nur jetzt für die Organ:

Im Grunde ist damit der Song bereits fertig, wer möchte kann noch eine Drum darunterlegen um den Sound abzurunden oder noch eine Bassline hinzufügen.

Der komplexeste Piano-Song der jemals erfunden wurde

Wer nach dem „most complex piano song ever“ sucht, erhält einige Beispiele angezeigt, es sind Songs bei denen sehr viele von den weißen und schwarzen Tasten gleichzeitig eingesetzt werden und die Musiktheoretisch äußerst anspruchsvoll sind. Einige sagen auch, dass 12-Ton-Musik die schwierigste und unverständlichste Musikrichtung sei, die man auf einem Piano spielen könne. Meiner Recherche nach geht jedoch das Prädikat „komplexester Piano Song“ an jemand anderen und zwar das Bristol Reggae Orchestra, https://www.youtube.com/watch?v=e6Ba10EBqHE Die dort gezeigte Mischung aus klassischer Musik einerseits und jamakainischem Reggae andererseits ist für alle Beteiligten eine Herausforderung. Man kombiniert da zwei Dinge, die eigentlich nicht zusammengehören, so als würde man einer russischen Ballerina beibringen zu twerken. Das kann nicht funktionieren. An dieser Stelle sei nochmal darauf hingewiesen, dass ein Klavier kein Rythmusinstrument ist, sondern harmonischen Charakter besitzt. Und eine Musikrichtung wie Ska ist nicht kompatibel mit einer formalen Notenschrift.

Offbeat spielen für Mathematiker

http://www.michael-michaelis.de/index.php/rhythmik Üblicherweise wird Musik anhand von Instrumenten unterrichtet. Da sieht man auf Youtube typische Musiker an ihrer Gitarre, die da irgendwelche Griffe machen und sagen, dass der Offbeat aus dem Gefühl heraus kommen würde. Diese Didaktik mag zwar in einigen Peer-Groups üblich sein, ich teile sie jedoch nicht. Besser gefällt mir persönlich der Ansatz im oben verlinkten Tutorial, wo das Spielen von Offbeats anhand eines Cubase-Editors erläutert wird. Der Autor setzt zunächst die Hihat als normale Achtel-Noten und verschiebt dann jede zweite Hihat um ein kleines Stück nach Rechts. Wenn man das ausprobiert wird man tatsächlich diesen berühmten Swing-Rhythmus hören. Das mag jetzt an sich nichts neues sein, diese Art zu spielen ist mindestens 100 Jahre alt, was jedoch neu ist, dass ist die Art der Didaktik. Das man also eben nicht an einem Musikinstrument und in einem Lehrer Schüler Verhältnis die Dinge erklärt, sondern sich des Computer bedient.

Einen Song fortsetzen

Wenn man anfängt mit dem kompinieren stößt man relativ schnell auf das Problem wie ein vorhandene Melodie erweitert werden soll. Beispielsweise hat man die Notenfolge C, G in LMMS oder in FL Studio erstellt und jetzt grübelt man darüber nach, ob man als nächstes ein A oder lieber doch ein E setzen soll. Auch viele Texte in denen algorithmisches Komponieren gelehrt wird, gehen mit dieser Fragestellung heran und häufig wird das Problem mit Hilfe von Markov Ketten gelöst, dass man also mit einer Wahrscheinlichkeit angibt, was nach einem G am besten zu folgen hat. Dieses Verhältnis zur Musik ist grundverkehrt, so komponiert niemand der echte Songs schreibt. Stattdessen geht es bei Musik darum, Noten zu finden, die genau zwischen zwei Noten passen. Das heißt, was nach der Notenfolge C, G kommen soll kann niemand sagen, auch Mozart weiß das nicht. Aber Mozart kann sagen, wie man von C nach G kommt.

Das Finden von Zwischennoten stellt die eigentliche Herausforderung innerhalb des Komponierens da. Im Grunde werden nach dieser Methode komplette Opern geschrieben. Als erste Note legt man das C fest und als letzte wieder ein C. Und der Raum den diesen beiden Noten abstecken gilt es zu füllen. Aber womit kann man ihn füllen? Am zweckmäßigsten mit sogenannten Pivotchords. Pivotchords sind im Grunde ein Algorthmus der angibt, wie man von Note 1 zu Note 2 gelangt. Man kann aber auch sehr viel komplexere Zwischenstufen sich ausdenken. Und wenn man hier ein System verwendet, hört sich das Ergebnis im Regelfall sehr ansprechend an. Das Finden von Zwischennoten kann man darüberhinaus noch fraktal gestalten. Ein Beispiel: Angenommen, man hat entdeckt, dass man von C nach G über die Note A gelangen kann. Die Folge wäre dann: C A G. Jetzt kann man erneut Zwischennoten suchen, um beispielsweise von C nach A zu gelangen und von A nach G. C D A E G, wäre eine mögliche Folge. Und so geht es dann immer weiter. Immer hat man eine Startnote und eine Zielnote. Da ein C gleichbedeutend ist mit C-Dur hat man in Wahrheit sogar 3 Noten auf einmal. Und jetzt muss man die Musiktheorie bemühen um zu entscheiden welche Noten guten klingen. Also welche Tonleitern sich überschneiden oder wie man eine Spannung erzeugt. Jenachdem wieviel Ahnung man von der Theorie hat, kann man einfache oder komplexe Zwischennoten finden.

Interessanterweise sehen das viele Musiker ein wenig anders. Da behaupten Bassisten gerne, dass Musik eigentlich ganz einfach wäre und sie mit nur 2 Akkorde einen kompletten Song spielen könnte. Rein formal mag das vielleicht stimmen, weil sie zunächst ein C-Dur spielen, dann ein G-Dur, dann wieder ein C-Dur usw. Das heißt, sie haben wirklich nur die beiden Akkorde die sie nacheinander spielen. Aber, ein Song ist das noch nicht. Wass die Bassisten vergessen haben zu sagen, ist dass sie zur Auflockerung dazwischen noch ganz andere Akkorde spielen, die dazu dienen etwas Abwechslung hineinzubringen. Und um diese Zwischenschritte zu finden muss man eben sehr wohl klassische Komposition beherschen, sonst klappt es nicht.

Musik-Komposition mit Modulation

Um einen Song zu komponieren beginnt man am besten mit einer „Common Chord Progression“. Unter dieser Bezeichnung gibt es bei Youtube Hörbeispiele, die im Regelfall aus nur 4 Noten bestehen, die hintereinander gespielt werden. Eine relativ bekannte Folge ist „I V vi IV“. Diese bedeutet umgerechnet „C G am F“. Nachdem man diese Notenfolge in LMMS oder einem anderen Musikprogramm eingetragen hat, wird man feststellen, dass es schonmal nicht schlecht klingt aber noch ein wenig kurz ist. Aber wie geht die Folge weiter? Was kommt nach dem F-Dur? Leider kommt da gar nichts mehr, die Folge geht wieder von vorn los. Was man aber tun kann ist zwischen den Noten weitere Noten einzufügen, sogenannte Pivotnoten.

Wie man sich schon denken kann, kann man da nicht irgendwelche Zufallsnoten einfügen, sondern benötigt ein System um Zwischennoten zu bestimmen. Dieses wird als Modulation bezeichnet und geht im einfachsten Fall so, dass man sich die Notentonleitern nebeneinander legt und nach gemeinsamen Noten sucht.

Es gibt zwei Skalen: Dur und Minor (Moll). Es reicht aus, wenn man sie einmal in LMMS plotted und dann zum entsprechenden Grundton verschiebt. Die Abstände zwischen den Noten ändern sich nicht, nur der Startwert ist ein anderer. Man erstellt im ersten Schritt zu jedem Chord (C G am F) die passende Skala, sucht sich dann übereinstimmende Noten hinaus und konstruiert darüber dann den Pivot-Chord. Das ganze hört sich etwas technokratisch an, führt aber überraschenderweise dazu, dass man jetzt 8 Akkorde hat, die hintereinandergespielt sich sehr gut anhören.

Jetzt legt man noch einen Drumbeat darunter und noch ein Arpeggio was sich exakt auf dem jeweiligen Chord befindet, und fertig ist der Techno-Song. Warum das so ist, können Musikexperten erläutern, und es gibt noch viele andere Modulationsarten, aber nach diesem Prinzip kann man Musik komponieren. Rein theoretisch könnte man das Prinzip als Algorithmus formulieren. Dieser würde folgendes tun:

1. eine Common Chord Progression auswählen per Zufall, es gibt davon mindestens 16 vielleicht sogar mehr
2. Zu jeder Note die Skala bilden
3. Pivotnoten suchen über gemeinsame Noten
4. Pivotnoten einfügen in die Chord progression, und einen Off-Beat darunterlegen.
5. Abspielen.

Einige Behaupten, dass Pivotnoten soetwas wie das Herschaftswissen in der Musik-Szene sind. Tatsächlich gibt es nur relativ wenige Informationen darüber, und wenn es sie gibt oftmals in einer sehr komplexen Beschreibung. Es gibt sogar eine Webseite http://www.harmonicwheel.com/ die sich bemüht es allgemeinverständlich zu formulieren. Nur der dort abgebildete harmonische Kreis ist noch geheimnissvoller als der Circle of fifth. Offenbar gibt es zu Pivotnoten noch viel mehr zu sagen, weil klassische Musik weitaus komplexer aufgebaut ist, als einfach nur über Pivotnoten. Aber, für Einsteiger mag es ausreichen um erste Erfolge zu erzielen.