Halle 54 als warnendes Beispiel

Auf http://www.zeithistorische-forschungen.de/1-2014/id%3D4996 gibt es einen guten Bericht über Grenzen der Automatisierung, genauer gesagt die Halle 54. Der Artikel ist konsequent aus geisteswissenschaftlicher Perspektive beschrieben und zieht den Glauben an Roboter ins Lächerliche. Ergänzend möchte ich an dieser Stelle anfügen warum es schwer bis unmöglich ist, Roboter zu realisieren. Einfache nicht-Roboter wie Fließbänder und simple CNC Machinen sind deswegen leicht zu verwirklichen, weil ihre Programmierung in wenigen Lines of Code möglich ist. Selbst High-End CNC Software kommt mit 10000 Lines of Code in C gut aus. Mehr braucht es nicht um ein Werkstück zu fräsen. Wenn man hingegen echte Roboter in Fabriken einführen möchte, also automatische Transportsysteme, Dual Arm Greifroboter usw. steigt die benötigte Lines of Code massiv an. Kleinere Robotik-Projekte bestehen aus 1 Mio Codezeilen, wenn man komplexere Systeme möchte die auf die Domäne angepasst sind ist man mit 100 Mio Codezeilen dabei. Man darf unterstellen, dass damals bei der Halle 54 die Beteiligten nicht im Stande waren, eine derartige Codemenge zu programmieren. Vermutlich hat man damals nur wenige Tausend Codezeilen programmiert und sich dann gewundert warum der Roboter nicht das tut was er soll. Das führt dazu dass zwischen Anspruch und Wirklichkeit ein Unterschied besteht.

Nach wie vor ist die Softwarekrise nicht überwunden. Auch in der Gegenwart sind Projekte oberhalb von 1 Mio Lines of Code anspruchsvoll und praktisch nicht zu realisieren. Wenn es nicht gelingt derartige Codemenge zu programmieren kann man auch keine Fabrikroboter bauen. Man kann sie zwar als Hardware erstmal hinstellen wie den Baxter-Roboter, aber sie bleiben nutzlos. Das Problem mit Lines of Code ist, dass ihre Erstellung nicht automatisiert erfolgt, sondern mit hohen Kosten verbunden ist. Nach der letzten Cocomo Schätzung ist mit 10 US$ je Codezeile zu rechnen. Jeder kann sich ausrechnen wie umfangreich Automatisierungsprojekte werden.

Weitere Hinderenisse die nichts mit dem Codeumfang zu tun haben gibt es in der Robotik ausnahmsweise nicht. Es ist also nicht so wie einige Philosophen behaupten, dass Künstliche Intelligenz per se nicht möglich wäre, wenn man genügend Große Projekte realisiert lässt sich damit jede gewünschte Funktion implementieren. Aktuell fehlt es jedoch an gesellschaftlichen Strukturen für derart aufwendige Softwareprojekte. Wenn in der Gegenwart Roboter-Projekte angestoßen werden, so bestehen diese im Schnitt aus nicht mehr als 10000 Zeilen Code. Diese zu erstellen ist selbst für Teams sehr aufwendig. Da aber 10000 sehr viel kleiner ist als die benötigten 1 Mio LoC müssen solche Projekte scheitern. Es kommt zu dem eingangs zitierten Halle 54 Phänomen. Bei dem die Roboter entweder überhaupt nichts tun, oder ihr Einsatz unproduktiver ist, als wenn man ganz normal Menschen beschäftigt.

Wie in dem oben verlinkten Artikel zynisch angemerkt steigert man die Produktivität in den Fabriken am besten dadurch dass man die Roboter wieder abbaut und stattdessen Handschuhe an die Mitarbeiter verteilt damit sie so wie früher auch in Handarbeit die Autos zusammenbauen. Was die meisten Robotik-Pioniere nicht wahrhaben wollen ist, dass ihre Roboter wertlos sind, wenn sie aus lediglich 50000 Lines of Code bestehen. Mit diesem Softwareumfang ist der Roboter nochnichtmal im Stande eine Autotür zu öffnen geschweige denn auf unerwartete Ereignisse zu reagieren.

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Technophobie im Klassenzimmer

Die Wissensgesellschaft hat überall Einzug gehalten, nur nicht im Klassenzimmer. Dort sieht es dank Kreide und Tafel noch genauso aus wie vor 100 Jahren. Und im Regelfall haben Lehrer Angst vor Computern. Der Ausweg aus diesem Dilemma sind keineswegs Notebook-Klassen, ipad Klassen oder digitale Whiteboards, sondern die Antwort auf den Neoluddismus ist noch mehr davon. Am besten verwandelt man das Klassenzimmer in ein Museum. Sucht sich also Dinge aus, die nicht mehr zeitgemäß sind wie ein ausgedienter Commodore 64 (der meistverkaufte Heimcomputer aller Zeiten mit mehr als 17 Mio Einheiten), ein Röhrenradio vom Dachboden, eine Verkaufsverpackung von OS/2 Warp sowie einen Holzabacus. Mit diesen Utensilien ist man optimal gerüstet für eine Zeitreise zurück in die Vergangenheit, wo die Welt noch in Ordnung war, wo es noch keine böse Technologie gab und noch nicht über all diese Smartphones, Router und optischen CPUs herumstanden, die heute vom Nachwuchs routinemäßig in die Lehranstalt mitgebracht werden. Museale Computertechnik ist genau das was Halt gibt, wenn man mit Technik so überhaupt nichts anfangen kann. Eine schöne Schreibmaschine mit funktionierendem Farbband, eine Sonnenuhr sowie ein Ofen der nicht mit Strom sondern mit Holz betrieben wird, sind museale Kleinode für einen betont rückwürtsgewandten Unterricht bei dem die Schüler lernen wie es früher einmal war, als es noch kein Academia.edu gab.

Neoludditen Test

1. Haben sie schonmal einen Computer mit einem Hammer zerstört? (ja, nein)
2. Kennen sie das Buch „Walden“ von Henry David Thoreau? (ja, nein)
3. In welchem Jahr wurde Bill Joy geboren (1954, 1970, 1921)?
4. Womit haben die ersten Maschinenstürmer die Mechanik blockiert (Holzschuh, Zahnspange, Friedenstaube)?
5. Was ist Black Goo (eine Substanz aus Naniten, ein Kopfschmerzmittel, ein Freizeitpark)?
6. Wie löscht man unter Linux alle Daten (dir c:, rm -rf, format c:)?
7. Was bedeutet Singularity (Super-Human AI erobert die Welt, ein Raum-Zeit-Paradoxon, grammatikalisch Einzahl)?
8. Was war Ted Kaczynski in seinem bürgerlichen Leben (Literaturwissenschaftler, Mathematiker, Bademeister)?
9. In welchem Bundesstaat steht das Computer History Museum (New York, Texas, Kalifornien)?
10. Ist Überwachung gut (ja, nein)?

Auswertung:
0-3 Fragen richtig beantwortet: sie sind kein Neoluddit
4-6 Fragen richtig beantwortet: sie besitzen gewissen Tendenzen eines Maschinenstürmers
7-10 Fragen richtig beantworet: sie sind ein Neoluddit

Der Informatik-Einstellungstests

Was ein Einstellungstest ist, kann man leicht ergoogeln. Es gibt sie für alle Bereiche, besonders interessant sind welche aus dem Bereich Informatik und Programmieren. Das gemeinsame Merkmal von typischen Einstellungstests ist, dass sie unglaublich lang sind (20 Seiten DIN A4) und das man zu dessen Bearbeitung relativ viel Zeit benötigt. Besonders bei Programmier-Einstellungstests wird das logische Denkvermögen abgefragt, beispielsweise soll man ermitteln welchen Wert eine C-Funktion zurückgibt, oder man soll sagen was die Binärzahl 1001 umgerechnet in Dezimalschreibweise aussagt.

Wenn man solche Tests zu Diagnostik-Instrumenten ausbaut und eine größere Anzahl von Kandidaten dazu bewegt sie zu lösen, erhält man sogar eine typische Gauß-Glockenkurve wo man auf die Nachkommastelle genau sagen kann, welchen IQ-Wert ein Kandidat hat. Ein Wert von 130 besagt beispielsweise, dass der Bewerber ziemlich gut ist, weitaus besser als der Durchschnitt.

Eine wichtige Eigenschaft von Informatik-Tests wird in den meisten Ratgebern nicht explizit erwähnt und zwar die Tatsache, dass der Prüfer die Antworten bereits kennt. Er hat eine kleine Tabelle wo drinsteht, dass bei Aufgabe 1 man a) ankreuzen muss, bei Aufgabe 2 c) die richtige Antwort ist usw. Woher der Prüfer die Antworten weiß ist simpel: er hat sich den Test ausgedacht. Das ist so so ähnlich, als wenn man sich ein Codeword überlegt („geheim“) dafür den SHA256 Wert berechnet und jetzt die Gegenseite nur aus dem Hashwert das Passwort erraten soll. Und ja, das hat etwas mit logischem Denkvermögen zu tun, und ja der Test ist objektiv und sehr seriös.

Die Frage ist jedoch, ob es auch Sinn macht, darüber Menschen zu beurteilen und ob für den einzelnen Sinn macht, an derartigen Tests teilzunehmen. Die Antwort lautet beidesmal nein. Der Grund ist, dass es keinerlei Korrelation zwischen solchen Tests und den Fähigkeiten als Programmierer gibt. Ich will das mal an einem Beispiel erläutern.

An einem Internet Test wo mehrere Informatik-typische Fragen aufgeführt worden, habe ich teilgenommen und mir wirklich Mühe bei der Beantwortung gegeben. Nur zwei von 10 Fragen habe ich richtig beantwortet, mein errechneter IQ Wert war demzufolge sehr schlecht und lag bei -20. Kleiner Spaß, negativ kann er nicht werden, sondern ich war laut diesem Test unterdurchschnittlich. Der Test ist also der Meinung, dass ich unfähig bin und von Informatik keine Ahnung habe. Nun gut, aber wie bitte passt dazu, dass bei einer anderen Aufgabe wo es darum ging ein kleines Primzahlsuchprogramm in Python zu schreiben, die Sache mir sehr leicht viel und das Programm ausgesprochen effizient durchlief und die Zahlen von 1 bis 100 ausgegeben hat? Wie kann man zugleich einen Informatik-Test verhauen, bei einem anderen super abschneiden? Die Antwort darauf lautet, dass der Test keine Aussagekraft besitzt. Das Ergebnis ist wertlos, es ist nicht in der Lage das Potenzial oder das Nichtpotenzial einzuschätzen. Das heißt konkret folgendes:

Angenommen, jemand erzielt in einem Informatik-IQ-Test einen Wert von 70 IQ Punkten (also unterdurchschnittlich). Heißt das dann, dass diese Person unfähig ist, einen AutoIt Bot zu programmieren der Tetris spielt? Nein, das ist kein Widerspruch wenn man einerseits in dem Test schlecht abschneidet, gleichzeitig jedoch herausragende Fähigkeiten besitzt. Umgekehrt gibt es ebenfalls keinen Zusammenhang. Wer in einem Test 120 IQ Punkte erreicht, also besser abschneidet als der Durchschnitt heißt das nicht, dass diese Person gute Programme erstellen kann oder sich mit Informatik auskennt.

Der Grundirrtum bei Eingestellungtests liegt in dem Versuch, kognitive Leistung messen zu wollen. Übertragen wurde diese Vorstellung aus dem Sport. Wo man dadurch, dass man regelmäßig den Marathon trainiert immer besser darin wird und irgendwann als erster durchs Ziel läuft. So ähnlich haben sich das frühen Personlichkeitsdiagnostiker auch für die Mathematik oder die Informatik überlegt. Demnach ist Programmieren eine Fähigkeit in einer sozialen Gruppe wo man untereinander konkurriert und folglich eine Rangliste aufstellen kann. Der beste Programmnierer erzielt in einem Test die höchste Punktzahl und die anderen folgen danach. Was man mit derartigen Leistungstests jedoch in Wahrheit betreibt ist eine Schulsituation zu schaffen. Damit ist gemeint, dass man in einem autoritären Umfeld agiert. Konkret heißt das, aus einer freien Universität eine Klippschule zu machen wo den Schülern das Wissen eingeprügelt wird. Sinn machen Einstellungstests und IQ-Tests vor allem in solchen Unterrichtssituationen. Wo also ohnehin eine Prügelstrafe fürs Nichtaufsagen eines Gedichtes vorgesehen ist und wo Viel Wert auf Diszplin und Gemeinschaft gelegt wird, dort ist auch der ideale Nährboden für Einstellungstests jeder Art.

Wie funktionieren solchen repressiven Schulsysteme im Detail? Zunächst einmal ist ihr wichtigstes Merkmal abgeschottete Bewertungsmaßstäbe zu entwickeln. Also Kriterien darüber aufzustellen was richtiges und falsches Verhalten ist. Das heißt, wer 1 Minute zu spät zum Morgenappel antritt verhält sich falsch. Wer pünktlich kommt verhält sich richtig. Wer in einem Test eine gute Note erhält, verhält sich richtig, wer den Test verhaut, verhält sich falsch. Das besondere ist, dass diese Kriterien keinen Sinn ergeben. Sie haben nur innerhalb des selbst geschaffenen Mikrokosmos eine Bedeutung. Solche rigiden Schulsysteme haben zugleich eine Paranoia in Bezug auf das Außen entwickelt. Also jenen Teil der Welt den sie nicht unter Kontrolle haben. Dort wird das Böse vermutet und dort wird das Versagen verortet. Wir hier, in der guten Klippschule und dort draußen die böse Welt wo die Dekadenz herscht. So lautet das Mantra.

Die Frage ist nicht so sehr, wie man in einem Einstellungstest eine hohe Punktzahl erreicht sondern die Frage lautet wie man derartige Tests überwindet. Also ein Umfeld schafft in dem sowas nicht länger erforderlich ist weil es andere Anreizstrukturen gibt um Leistung zu zeigen. Eine Möglichkeit besteht darin, Lernen als individuellen Gewinn zu betrachten. Sich also zu fragen, wo für einen selbst der Nutzen ist, sich mit einer Sache eingehender zu beschäftigen. Ein gutes Beispiel für derartiges selbstgesteuertes Lernen sind Computerspiele. Im Regelfall funktionieren Echtzeitstragiespiele wie OpenRA so, dass es einen Anreiz gibt, sich näher mit dem Spiel zu beschäftigen. Wenn man beispielsweise sich die Hotkeys einprägt mit denen man ein Einheiten positioniert, kann man sehr viel effizienter agieren. Dadurch steigt dann die Punktzahl.

Leitkultur Technikfeindschaft

Üblicherweise wird der Begriff „Leitkultur“ in einem politischen Diskurs verwendet um die spezifische Eigenheit einer Gemeinschaft auszudrücken. Also das, wohin sie sich bewegt und was von der Mehrheit als wünschenswert betrachtet wird. Leitkultur ist wie der Name schon sagt, ein Orientierungsmaßstab der angibt wohin die Reise geht oder wohin sie zumindest früher gegangen ist. Will man eine spezifische deutsche Leitkultur ausmachen, wird üblicherweise auf die großen Dichter und Denker referenziert, also Goethe, Heidegger usw. Demzufolge ist Deutschland ein Kulturland. Aber diese Einschätzung ist zu kurz gegriffen, weil ja nicht irgendwelche Schriftsteller als Vorbild hingestellt werden, sondern nur ganz bestimmte. Das kann man sehr viel weiter eingrenzen und zwar ist die Leitkultur eine Technikfeindschaft. Das heißt, es werden jene Schriftsteller und Ideologien bevorzugt die ein Zurück zur Natur prädigen und gleichzeitig die moderne Stadt möglichst ausblenden. Und aus dieser Hypothese kann man ableiten, was alles nicht zur Leitkultur gehört: und zwar ist das ein Technikoptimismus, also Schilderungen darüber wie durch Erfindungen von Einzelnen die Welt zu einem besseren Ort wird.

Deutsche Leitkultur ist so eine Art von „zurück ins Mittelalter“. Also in eine Zeit wo es noch keine Dampfmaschine gab, wo der Marktplatz das Zentrum des Dorfes war und wo die Post mit Pferden transportiert wurde. Wenn man diese Welt als wünschenswert und erholsam bezeichnet ist man selbst Teil dieser Leitkultur.

Das interessante an der Leitkultur ist, dass sie vielfach nicht explizit thematisiert wird. Entweder weil der Diskurs als solcher nicht geführt wird, oder weil er nur oberflächlich geführt wird. Um sich selber zu erkennen ist es jedoch wichtig herauszuarbeiten, was Technikfeindschaft ausmacht, und was ihre äußeren Anzeichen sind. Im Grunde ist Technikfeindschaft das genaue Gegegenteil von dem was die Realität ist. In der Realität gab es ab 1800 eine industrielle Revolution, bei dem die Produktionsmethoden durch neueartige Verfahren automatisiert wurden und als Folge dessen bildeten sich Städte und es kam zu einem Ansteigen der Bevölkerung. Die Leitkultur des Neoluddismus verdrängt diese Entwicklung indem sie entweder einseitig als negativ bezeichnet wird, oder noch besser komplett ausgeblendet wird, zugunsten einer romantischen Weltsicht. Das man also zwar im 19. Jahrhundert lebt, aber sich so fühlt, als gäbe es keine Eisenbahn und keine Telegrafie. Die Darstellung von Wirklichkeit wird häufig als angenehm bezeichnet weil man darüber die Nachteile der Moderne ausblendet.

Neoluddismus bedeutet, dass man sich der Gegenwart nicht stellt, das man zu feige ist, einem amerikanischen Realismus zu folgen, der die technologische Wirklichkeit in seiner Gänze in sich aufsaugt und bejaht. Im Zentrum steht die Maschine. Also ein dem Menschen fremdes Subjekt, was Ausdruck von Erfindergeist ist, und autonom agiert. Maschinen können sein: Fließbänder, Automobile, Flugzeuge, Fabriken, ganze Städte, und in neuerer Zeit der Computer. All das gehört nicht zur Leitkultur, jedenfalls nicht zur europäischen. Der Grund darfür ist simpel: um sich Maschinen auszudenken, bedarf es eines neugierigen Individualismus. Der ist in Europa nicht besonders ausgeprägt. Dort ist man am Kollektiv und auf die Vergangenheit hin ausgerichtet. Man will zusammenhalten und zwar so wie es früher normal war. Und wie man vielleicht schon ahnt, entsteht auf diese Weise eine Verbindung aus Leitkultur und Anti-Amerikanismus. Das man also all das ablehnt, was technischer Fortschritt, übersteigerter Egoismus und modern ist.

Nun ist ein gesundes Maß an Neoluddismus und Amerika-Kritik sicherlich nichts schlechtes. Wenn man es als solches zu thematisieren weiß. Wer sich selber bewusst ist, in welchen Dogmen er gefangen ist, kann sie leichter überwinden. Schwierig wird es hingegen, wenn man sich nicht darüber im klaren ist, dass man Technologie kritisch betrachtet. Einem selbst also nicht klar ist, dass man Ned Ludd gerufen wird.

In „The search for ‘General Ludd’: the mythology of Luddism“ http://www.sfu.ca/~poitras/sh_Luddites_05.pdf wird Neoluddismus als „shared identity“ bezeichnet der für den Zusammenhalt in der Gruppe sorgt. Im weiteren Text wird auch von „working class memory“ gesprochen. Damit ist gemeint, dass Ned Ludd vermutlich eine ähnliche Lebenserfahrung hatte wie auch Jack London, also als Arbeitssklave aufgewachsen ist und das versucht hat zu kompensieren. Jack London hat über seine Zeit in der Konversenfabrik Bücher geschrieben, während die Ludditen die Fabriken kurzerhand kaputt gemacht haben.

Ironischerweise wird nur im us-amerikanischen Diskurs der Neoluddismus näher untersucht und als „common identity“ herausgearbeitet. Derartige Analysen gibt es auf Deutsch nicht. Das heißt, in Germany hat man zwar das Wort „Leitkultur“ erfunden, vermag es aber nicht richtig zu definieren. Das deutet auf ein Bildungsproblem hin, bzw. auf mangelnde Kenntnisse in us-amerikanischer Literaturgeschichte. Zwar findet sich in den Werken von Martin Heidegger durchaus neoludditischen Tendenzen, also eine pauschale Ablehnung von Technologie. Heidegger ist jedoch nicht im Stande das als Identität zu beschreiben. Sich also davon zu distanzieren und es zu relativieren. Auch andere große Denker aus Europa formulieren zwar Technikkritik um so ihre Leitkultur zu formulieren, es fehlt jedoch an einer Anti-These.

Möglicherweise konnte in den USA der technische Fortschritt deshalb so aufblühen, weil man dort nicht nur Technophobie artikuliert hat, sondern auch darüber nachgedacht hat, wodurch sie entsteht. Das heißt, man sagt nicht einfach nur „Computer sind etwas schlechtes“, sondern man sagt „Die Idee „Computer sind etwas schlechtes“ sind Ausdruck von Technikkritik die sich geschichtlich auf den Luddismus zurückführen lässt.“ Viele bezeichnen Dichter wie Henry David Thoreau heute einseitig als Ludditen, weil er sich von der Gesellschaft und der Moderne zurückzog und das einfache Leben in einer Waldhütte geführt hat. Im Grunde war damit der Weg dann frei an einer Anti-These zu Thoreau, das man also Thoreau in Frage stellt und darüber nachdenkt, ob fließend Wasser, Verzicht auf Telegraphie und Verzicht auf das Automobil wirklich zukunftsfähig ist oder ob es nicht schlichtweg dumm ist, die Moderne abzulehnen.

Die Neoludditen haben Angst vor was?

Dass Neoluddismus ein Massenphänomen ist hat inzwischen auch die Wikipedia erkannt, dort steht im entsprechenden Artikel drin, dass allein in Mexiko nach der letzten Umfrage sich 80% kritisch gegenüber Technik äußern. Die Dunkelziffer dürfte noch höher sein. Aber warum steht Technologie eigentlich im Kreuzfeuer, was ist falsch an Computern und Robotern? Das Hauptproblem mit dem Technopol ist, dass es das Vorstellungsvermögen des einzelnen übersteigt. Er sieht sich ausgeliefert einer übermächtigen Maschinerie die ihn aus seiner gewohnten Umgebung heraushebt und zu einem Arbeiter degradiert der selbst Teil der Maschine ist. An Maschinen und mit Robotern zu arbeiten ist für viele die Verkörperung eines Albtraums, sie stellen sich unter einer technisierten Gesellschaft eine Hölle auf Erden vor, in der 16 Stunden Schichten in einem Büro mit endlosen technischen Problemen der Normalfall sind. Und die Segnungen von Technologie wie beschleunigte Kommunikation und Wegfall ermüdender Arbeit nehmen Neoludditen nicht als Segnungen wahr, sondern als Propaganda der Großkonzerne damit sie ihre Windows-Betriebssysteme, ABB Roboter und vollautonomen Autos verkaufen können. Ja manchmal wird dem Technopol sogar unterstellt, dass es den technischen Fortschritt zu einem Krieg ausweitet bei dem Millionen unschuldiger in den Schützengraben sterben weil hocheffiziente Fabriken immer neue Munition herstellen.

Als Gegenmodell zu diesem Technopol betrachten Neoludditen die Rückkehr zur Natur, das einfache Leben im Walde in einer kleinen Behausung mit Frau und Kind sowie ein Leben in der Gemeinschaft. Ein überschaubares aber zugleich auch glückliches Leben wünschen sich Neoludditen. Sie nutzen technischen Fortschritt nur, wenn er absolut nötig ist und verzichten im Zweifelsfall darauf. So behalten Neoludditen die Kontrolle darüber und lassen nicht zu dass sie von Künstlicher Intelligenz fremdgesteuert werden.

Es ist sehr schwer mit Neoludditen einen vernünftigen Diskurs zu führen, weil sie einen klaren Standpunkt haben. Dieser beinhaltet, die Argumente der Gegenseite nicht als gültig zu erachten sondern jeder Versuch, Computer und Roboter als etwas nützliches zu bezeichnen als Propaganda des Systems umdeuten. Es wird Firmen wie Rethink Robotics unterstellt, dass deren Vorzeigemodell Baxter nur im Hochglanzprospekt nützlich aussieht, in Wahrheit jedoch der Einstieg in die humanoide Robotik darstellt, wodurch in nicht allzuferner Zukunft menschenähnliche Roboter die Welt bevölkern. Das die Argumentation von Neoludditen unnlogisch ist, erkennt man auch daran, dass gleichzeitig unterstellt wird, dass die Technologie nicht im stande ist, ihre Versprechen einzulösen, dass also einerseits hochentwickelte Roboter geplant sind, gleichzeitig aber dessen Realisierung unmöglich ist, so dass Robotik weniger eine technische als eine soziale Erscheinung ist.

Es läuft also nicht darauf hinaus, Künstliche Intelligenz als Wissenschaft weiterzuentwickeln, sondern wie in der TV-Serie Westworld, Robotik als soziale Technologie zu verstehen bei der Roboter das Sprachrohr der Mächtigen sind um an die Untergebenen den Tagesbefehl auszugeben. Kurz gesagt, Neoludditen unterstellen dem Technopol es wäre selbst nur eine religiöse Instanz welche den Maschinenkult fördert.

Schauen wir uns die Argumente der Maschinenstürmer etwas genauer an, welche sie heranziehen um ihren Unmut gegenüber moderner Technik zu äußern. In aller Regel kennen sich Neoludditen ausgezeichnet mit der Vergangenheit aus, besondern mit der Technikgeschichte. Sie haben die industrielle Revolution aufmerksam studiert und sind besonders an dessen Schattenseite interessiert. Die Erfahrungen mit vergangenen Innovationen verallgemeinern sie zu einer generellen Technikkritik. Das also egal ob es um die Dampfmaschine, das Automobil oder das Fließband geht, in der Summe dadurch ein gesellschaftlicher Schaden entsteht und die Menschen unglücklicher werden. Als Paradebeispiel werden Länder herangezogen, die sehr viel Technik einsetzen wie z.B. Japan, denen unterstellt wird sich durch die Technik nicht verbessert zu haben, sondern sich von einer idealen Gesellschaft entfernt zu haben. Häufig behaupten Neoludditen, dass in Japan heute die Arbeitszeit höher ist als vor 100 Jahren, die Menschen ungesünder leben und durch die vielen Abgase in den Städten an Lungenkrebs sterben. Ferner hätten sich die Menschen voneinander entfremded was dazu führt, dass viele Menschen gar nicht mehr wissen wie man nett zueinander ist. Und alles bedingt durch die viele Technik die Japan heute einsetzt wo sogar Supermärkte mit Robotern ausgestattet sind und die Schulen komplett am Internet hängen.

Neoludditen machen den Fehler nicht zu differenzieren zwischen Pro und Contraargumenten sondern dass sie nur jene Dinge die gegen Technologie sprechen betrachten und das verallgemeinern hin zu einer generellen Gesellschaftskritik. Das also nicht nur das konkrete Auto ein Problem ist, sondern die Ideologie dahinter thematisiert wird. Das also der Fortschrittsglauben an sich eine Sackgasse darstellt. Insofern wird die Kritik daran als Ausweg bezeichnet und Neoludditen sehen sich als Verkünder der Wahrheit.

Das Besondere am Neoluddismus ist, dass es sich einerseits elitär gibt gleichzeitig jedoch eine Massenbewegung ist. Jeder Neoluddit sieht sich einer Übermacht ausgeliefert die als Technopol und kollektive Verblendung bezeichnet wird, gleichzeitig lässt sich wie in der eingangs zitierten Studie nachweisen dass 80% und mehr der Bevölkerung sich dem Neoluddismus zurechnet. Bei sachlicher Betrachtung ist der Neoluddismus eine Ideologie die etwas kritisiert was es nicht gibt: Fortschritt.

Technophobie bei Lehrern

Hier im Blog wurde bereits darauf hingewiesen, dass Wikipedia ein Neoludditen Problem hat. Das zeigt sich darin, dass 80% aller Artikel dort aus den Geisteswissenschaften stammen aber nur 20% einen naturwissenschaftlichen Background haben. Auch die Avantgarde von Wikipedia, die Admins, kommen im Regelfall nicht aus den Fächern Biologie, Mathematik oder Informatik sondern aus den weichen akademischen Disziplinen. Aber immerhin hat man es im Laufe der Zeit geschafft, dass wenigstens ein paar Artikel in der Wikipedia sich näher mit den Naturwissenschaften auseinandersetzen, 20% von derzeit 2 Mio Artikeln sind die stattliche Anzahl von 400000 Artikeln, was schonmal ein guter Anfang ist.

Ich glaube, das eigentliche Problem geht viel tiefer. Auf https://www.researchgate.net/publication/277830848_Dealing_with_Teachers%27_Technophobia_in_Classroom wird die „Technophobie im Klassenzimmer“ benannt. Damit ist eine strukturelle Machinenparanoia gemeint, die sich im staatlichen Bildungssystem festgesetzt hat und die unabhängig von konkreten Lehrkräften funktioniert. Das heißt, offenbar ist die Einstellungsvoraussetzung um an einer Schule unterrichten zu dürfen eine generelle Distanz zur Computertechnik. Auch Clifford Stoll und Neil Postman haben das in ihren Büchern angedeutet, indem sie als Vertreter des Bildungsestablishment eine Art von Kanon formulierten wonach Computer generell nichts im Klassenzimmer verloren haben, und stattdessen das persönliche Gespräch über Kunst und Philosophie oberste Priorität besitzt.

Daran hat sich bis heute nichts verändert. Schaut man sich einmal an wie normalerweise an den Schulen und Hochschulen unterrichtet wird, so nehmen dort moderne Medien keinen Platz ein. Stattdessen gibt es vorne eine Tafel, auf der mit Kreide etwas notiert wird, und wenn ein Schüler eine Frage hat, fragt er den Lehrer. Üblicherweise werden diese Unterrichtsmethoden weder bemannt noch hinterfragt, weil es nochnichtmal einen Diskurs darüber gibt, ob das womöglich Ausdruck von Technophobie ist. Also einer Lebenseinstellung die Computern gegenüber kritisch eingestellt ist und sogar als Gefahr bezeichnet. Die meisten Bildungsdiskursen der letzten Jahrzehnte wie der Verbot von Taschenrechnern im Mathematik-Unterricht, das Nichtunterrichten von Künstlicher Intelligenz an den Universitäten, die generelle Verteufelung von Computerspielen ist Ausdruck eines tiefen Grabens den das Bildungssystem gegenüber einer als Technopol bezeichneten Gefahr gezogen hat.

Aber warum sind Lehrer technophob? Weil sie damit von ihrer Community Likes erhalten. Es ist Ausdruck von Zugehörigkeit zu den geltenden Normen. Das heißt, Bildung wird gleichgesetzt mit einer Überheblichkeit gegenüber den Naturwissenschaften. So als hätte Mathematik, Physik und die Informatik nichts zu suchen in einem Diskurs. Es gibt zu dieser Frage keine direkten Statistiken, aber würde man als Lehrer oder als Hochschullehrer einen Linux-Laptop mit in die Schule bringen und damit dann den Schülern versuchen etwas beizubringen, wäre das mit Sicherheit nicht förderlich für die zukünftige Karriere. Aber wenn bereits sowas auf deutlich wahrnehmbaren Widerstand stößt wie ist es dann erst mit Bildungsinhalten die etwas mit Robotik und Künstlicher Intelligenz zu tun haben? Richtig, das gilt als Hexenwerk und ist ein absolutes Nogo. Die Folge wäre, dass Leute die glauben sie währen Neil Postman oder dessen legitimer Nachfolgen ankommen würden und das kritisieren.

Die Folgen für die Schüler die in so einem technophoben Umfeld aufwachsen sind fatal. Sie erhalten die falschen Rollenkonzepten vermittelt, und sie sind nicht imstande eigenständige Entscheidungen zu treffen. Es kommt zu einer Bildungskatastrophe.

Normalwerweise wäre die logische Folge, dass man versucht die als Mißstände erkannten Probleme abzustellen. Also darauf hinwirkt, dass die Lehrer besser mit neuen Technologien umzuerlernen gehen. Doch das ist hoffnungslos. Weil es eben nicht einzelne Lehrer sind, die hier Defizite aufweisen, sondern die Technophobie ist systemimmanent. Sondern man kann nur von außerhalb aktiv werden, also Lernräume schaffen die unabhängig von Schulen und Universitäten funktionieren in denen Gegenöffentlichkeit hergestellt wird. Solche Lernräume sind das Internet, die sozialen Medien usw. die üblicherweise durch am Gemeinwohl orientierte Konzerne betrieben werden.