Technophobie bei Lehrern

Hier im Blog wurde bereits darauf hingewiesen, dass Wikipedia ein Neoludditen Problem hat. Das zeigt sich darin, dass 80% aller Artikel dort aus den Geisteswissenschaften stammen aber nur 20% einen naturwissenschaftlichen Background haben. Auch die Avantgarde von Wikipedia, die Admins, kommen im Regelfall nicht aus den Fächern Biologie, Mathematik oder Informatik sondern aus den weichen akademischen Disziplinen. Aber immerhin hat man es im Laufe der Zeit geschafft, dass wenigstens ein paar Artikel in der Wikipedia sich näher mit den Naturwissenschaften auseinandersetzen, 20% von derzeit 2 Mio Artikeln sind die stattliche Anzahl von 400000 Artikeln, was schonmal ein guter Anfang ist.

Ich glaube, das eigentliche Problem geht viel tiefer. Auf https://www.researchgate.net/publication/277830848_Dealing_with_Teachers%27_Technophobia_in_Classroom wird die „Technophobie im Klassenzimmer“ benannt. Damit ist eine strukturelle Machinenparanoia gemeint, die sich im staatlichen Bildungssystem festgesetzt hat und die unabhängig von konkreten Lehrkräften funktioniert. Das heißt, offenbar ist die Einstellungsvoraussetzung um an einer Schule unterrichten zu dürfen eine generelle Distanz zur Computertechnik. Auch Clifford Stoll und Neil Postman haben das in ihren Büchern angedeutet, indem sie als Vertreter des Bildungsestablishment eine Art von Kanon formulierten wonach Computer generell nichts im Klassenzimmer verloren haben, und stattdessen das persönliche Gespräch über Kunst und Philosophie oberste Priorität besitzt.

Daran hat sich bis heute nichts verändert. Schaut man sich einmal an wie normalerweise an den Schulen und Hochschulen unterrichtet wird, so nehmen dort moderne Medien keinen Platz ein. Stattdessen gibt es vorne eine Tafel, auf der mit Kreide etwas notiert wird, und wenn ein Schüler eine Frage hat, fragt er den Lehrer. Üblicherweise werden diese Unterrichtsmethoden weder bemannt noch hinterfragt, weil es nochnichtmal einen Diskurs darüber gibt, ob das womöglich Ausdruck von Technophobie ist. Also einer Lebenseinstellung die Computern gegenüber kritisch eingestellt ist und sogar als Gefahr bezeichnet. Die meisten Bildungsdiskursen der letzten Jahrzehnte wie der Verbot von Taschenrechnern im Mathematik-Unterricht, das Nichtunterrichten von Künstlicher Intelligenz an den Universitäten, die generelle Verteufelung von Computerspielen ist Ausdruck eines tiefen Grabens den das Bildungssystem gegenüber einer als Technopol bezeichneten Gefahr gezogen hat.

Aber warum sind Lehrer technophob? Weil sie damit von ihrer Community Likes erhalten. Es ist Ausdruck von Zugehörigkeit zu den geltenden Normen. Das heißt, Bildung wird gleichgesetzt mit einer Überheblichkeit gegenüber den Naturwissenschaften. So als hätte Mathematik, Physik und die Informatik nichts zu suchen in einem Diskurs. Es gibt zu dieser Frage keine direkten Statistiken, aber würde man als Lehrer oder als Hochschullehrer einen Linux-Laptop mit in die Schule bringen und damit dann den Schülern versuchen etwas beizubringen, wäre das mit Sicherheit nicht förderlich für die zukünftige Karriere. Aber wenn bereits sowas auf deutlich wahrnehmbaren Widerstand stößt wie ist es dann erst mit Bildungsinhalten die etwas mit Robotik und Künstlicher Intelligenz zu tun haben? Richtig, das gilt als Hexenwerk und ist ein absolutes Nogo. Die Folge wäre, dass Leute die glauben sie währen Neil Postman oder dessen legitimer Nachfolgen ankommen würden und das kritisieren.

Die Folgen für die Schüler die in so einem technophoben Umfeld aufwachsen sind fatal. Sie erhalten die falschen Rollenkonzepten vermittelt, und sie sind nicht imstande eigenständige Entscheidungen zu treffen. Es kommt zu einer Bildungskatastrophe.

Normalwerweise wäre die logische Folge, dass man versucht die als Mißstände erkannten Probleme abzustellen. Also darauf hinwirkt, dass die Lehrer besser mit neuen Technologien umzuerlernen gehen. Doch das ist hoffnungslos. Weil es eben nicht einzelne Lehrer sind, die hier Defizite aufweisen, sondern die Technophobie ist systemimmanent. Sondern man kann nur von außerhalb aktiv werden, also Lernräume schaffen die unabhängig von Schulen und Universitäten funktionieren in denen Gegenöffentlichkeit hergestellt wird. Solche Lernräume sind das Internet, die sozialen Medien usw. die üblicherweise durch am Gemeinwohl orientierte Konzerne betrieben werden.

Neoluddism ist gesellschaftlich bedingt

Interessant an dem OP finde ich den Aspekt des „Technophobic learning“. Es geht darin um die Frage ob die Angst vor Maschinen angeboren ist oder ob sie erst erworben werden muss. Wenn ich mich recht entsinne gab es zum Thema Spracherwerb ein berühmtes Experiment von König Psammetich I, der Kinder nach der Geburt getrennt hat um zu überprüfen ob sie eine Ursprache auch von alleine entwickeln. Nehmen wir mal an, man kann diese Untersuchung auf die Ausbildung einer neoludditischen Persönlichkeit (gibt es sowas überhaupt) übertragen, dann würde das bedeuten, dass Neoluddism gesellschaftlich-kulturelle Ursachen besitzt. Also davon abhängig ist, in welchem Umfeld jemand aufwächst. Obwohl ich Google Scholar zu dieser Thematik befragt habe, konnte ich darauf noch keine Antwort finden was genau die Bedingungen sind. Meine eigene Vermutung geht dahingehend, dass man Technophobie auf eine ähnliche Weise erzeugen kann, wie eine Phobie vor Zauberei. Das man also Informationen zurückhält, dadurch ein Machtgefälle aufbaut und damit dann die Leute erschreckt. Das heißt so ähnlich wie die Tempelmagier gearbeitet haben, was primär eine soziale Einrichtung war und weniger ein Bildungsprogramm in Sachen Physik.

Kann man womöglich Technophobie durch bessere Bildung kompensieren? Also Leuten beibringen, wie sie Technik verstehen und damit weniger Angst davor haben?

Ist der Frauenanteil in der Informatik wirklich das Problem?

In dem OP steht drin, dass der Frauenanteil in den Informatik-Studiengängen gesteigert wurde von 22% auf 23%. Das belegen auch andere Zahlen wonach seit Jahren ein zunehmendes Interesse von weiblicher Seite für die Informatik vorhanden ist. Die Zeiten wo männliche unsportliche Hacker vor dem Computer saßen gehören der Vergangenheit an. Dennoch wird nach wie vor beklagt, dass der Frauenanteil zu niedrig wäre. bleiben wir bei den Fakten: richtig ist, dass das Verhältnis nicht 50 zu 50 ist, aber auch bei Wikipedia sind mehr Männer als Frauen am Start. Es hat also nicht unbedingt etwas mit Informatik zu tun. Zweitens wird in beiden Fällen aktiv gegen gesteuert, so dass es heute bei Wikipedia spezielle Schreibwettbewerbe für Frauen und in der Informatik spezielle Programmierkurse nur für Mädchen gibt. Wer heute weiblich ist und sich für derlei Dinge interessiert hat es leichter als jemals zuvor.

Ich glaube, die Debatte um den Frauenanteil ist nur eine Scheindiskussion die vom eigentlichen Problem ablenkt. Wir haben in der Informatik nicht zu viele Männer sondern wir haben dort zuviele Neoludditen beiderlei Geschlechts. Damit ist gemeint, dass immer mehr Leute in die Informatik drängen die dem Internet kritisch gegenüberstehen und eine regelrechte Phobie entwickelt haben vor der Automatentheorie. Man kann das daran erkennen, dass der Computer kurzerhand zum Hassobjekt erklärt wird, gegen den man rohe Gewalt anwendet, wenn mal etwas nicht funktioniert. Daran sind sowohl Männer als auch Frauen beteiligt. Frauen benutzen gerne hochhackige Schuhe um gegen empfindliche Monitore zu hausen, während Männer gerne den kompletten Desktop beschädigen weil sie glauben, dass dies die Seele des Computers wäre.

Warum machen Menschen soetwas, warum denken sie dass die Maschine der Feind ist? Wiso sind gerade Student/Innen der Informatik nicht etwas liebevoller zu dem Gerät? Das Problem dürfte darin bestehen, dass sie an einer Computerphobie leiden und ihr individuelles Versagen auf die Software oder die Hardware projizieren. So als hätte das blöde Windows ihre Datei gelöscht oder als wäre die Grafikkarte dafür verantwortlich dass das Spiel abgestürzt ist. Erschwerend kommt hinzu, dass die meisten Informatik-Student/Innen über keinerlei mathematische Vorbildung verfügen und glauben, dass ein PC von alleine denken könne. Ja manche gehen sogar fest davon aus, dass der Laptop ihre Gedanken lesen kann und zwar gegen ihren Willen, was die Paranoia bezüglich Maschinen weiter verstärken dürfte.

Vorurteil bestätigt: Wikipedia hat ein Neoludditenproblem

Rein subjektiv war das Phänomen schon länger bekannt, dass das Mitmachlexikon Wikipedia einen Schwerpunkt auf den Geisteswissenschaft legt und Themen der Naturwissenschafen und Informatik stiefmütterlich bis gar nicht behandelt. Belastbare Fakten zu dieser Thesen fehlten jedoch. Um an Daten zu gelangen, kann man versuchen die Anzahl der Artikel pro Kategorie zu zählen. Den Wikipedia Kategoriebaum gibt es unter https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Spezial:Kategorienbaum und ein Tool um die zugeordnenten Seiten zu zählen gibt es ebenfalls: https://tools.wmflabs.org/erwin85/categorycount.php leider hat das jedoch den Nachteil — ähnlich wie bei Catscan — dass es bei zu vielen Kategorien aus Performancegründen (wie es heißt) keine Resultate liefert. Für die Kategorie Informatik wird zwar angezeigt, dass sich aktuell 34826 Artikel darunter befinden, aber wenn man die selbe Abfrage für „Biowissenschaften“ ausführt erhält man als Trefferzahl 0 angezeigt, obwohl das nicht stimmt.

Ergiebiger ist hingegen das folgende Paper:

On the Evolution of Wikipedia: Dynamics of Categories and Articles, https://pdfs.semanticscholar.org/dea9/142b39bdc2c3738e0f9cb7c6d117750ef2f7.pdf

Darin findet sich auf Seite 2 rechts oben, eine Unterteilung der Artikel für das Jahr 2014 für die englische Wikipedia. Danach beschäftigen sich nur 20% aller Artikel mit Themen aus dem Bereich Technologie und Naturwissenschaft, während der Rest sich mit eher weichen Dingen wie Orte/Landschaften, Sprache, Kunst, Menschen, Politik, Geschichte, Sport oder Recht auseinandersetzt. Also im weitesten Sinne sich mit Geistenswissenschaftlichen und schönen Dingen beschäftigt die nichts mit Naturwissenschaften und Technologie im engeren Sinne zu tun haben. Wie das bei der deutschen Wikipedia ist, ist unklar, aber vermutlich wird die Verteilung ähnlich sein.

Mit dieser Statistik ist es möglich aufgrund von validen Daten ein offenenes Geheimnis zu verraten. Nähmlich, dass die Wikipedia rein anzahlmäßig eine Neoludditen-Enzyklopädie ist. Aus welchen Gründen auch immer beschäftigen sich die Artikel überwiegend mit Nicht-Naturwissenschaftlichen Themen. Dort durchaus kontrovers und auf einem sehr hohen Niveau, nur stellt sich die Frage ob diese Einengung des Spektrums sinnvoll ist. Zur Erinnerung: die Naturwissenschaften und die Technologie gilt zu Recht als die echte Wissenschaft. Sie basiert nicht auf ausgedachten Märchen und kulturellen Bräuchen sondern ist an harten Fakten interessiert. Dass diese so wichtige Naturiwisschaft bei Wikipedia als Randerscheinung gepflegt wird ist ein Skandal. Böse formuliert ist Wikipedia eine Art von Kirchenlexikon wo Wissenschaft eine Außenseiterposition einnimmt. Das jedenfalls besagt die erhobene Statistik.

Aber nicht nur von der Anzahl her, auch inhaltlich weißt Wikipedia erhebliche Defizite bei Naturwissenschaftlich/technisch Themen auf. Schaut man sich nach belieben eine Anzahl von Artikeln an, so stellt man fest, dass diese nicht nur kürzer sondern auch deutlich schlechter recherchiert sind als die geisteswissenschaftlichen Pendants. Ein so wichtiges Lemmo wie „Relativitätstheorie“ hat in der deutschen Wikipedia geradeeinmal 4 Einzelnachweise, wovon eines auf ein Filmlexikon verweist. Und bei „elektromagnetische Welle“ wird in den mageren 5 Einzelnachweisen aus einem Aufatz zitiert, der völlig veraltet ist. In das Lemma „Doppelspaltexperiment“ wagt man kaum hineinzuschauen, dort sind ebenfalls ganze 5 Quellen angegeben und man merkt dem Text an, dass der Autor nicht vom Fach ist.

Und das betrifft ein Fach namens Physik, was eine reiche Tradition besitzt. Bei neueren Fächern aus den Naturwissenschaften wie Informatik sieht es noch schlechter aus. Rechnet man alle Artikel der Mathematik und Informatik zusammen sind das bezogen auf die 2 Mio Artikel die die deutsche Wikipedia aktuell hat, gerade einmal 2,5%. Anders formuliert, 97,5% der Arikel in der Wikipedia haben nichts, aber auch gar nichts, mit Computern oder Rechnen zu tun. Hier sieht man einmal die wahren Verhältnisse und wer die Macht hat innerhalb der Wikipedia.

Aber womöglich stimmt die Statistik gar nicht, vielleicht ist Wikipedia doch techniklastig? Wer es einmal selber testen will, braucht sich nur die „Letzten Änderungen“ anzuschauen. Den Button dafür gibt es gleich auf der Hauptseite links in der Navigationsseite. Man kann dort quasi live mitverfolgen, was gerade editiert wird in Wikipedia. Da finden sich Artikel wie „Schloss Sandersdorf“, „Pfarrkirchen Heiligen Kreuz“, „Portwein“, „Fußballmannschaft der B-Jugend“ und lauter solche Sachen. Man muss schon sehr lange suchen, bis man ein Thema findet was entfernt etwas mit Naturwissenschaft zu tun hat. Ganz weit unten findet sich beispielsweise der Eintrag „Vespa“ der editiert wurde. Die Vespa ist ein technisch-kommerzielles Produkt vom Mopedhersteller Piaggio. Das ist zwar kein naturwissenschaftliches Thema im engeren Sinne, geht aber ungefähr in diese Richtung. Nur, das ist ein Artikel unter hunderten, und gesichtet wurde er auch noch nicht. Vermutlich wird dieser ähnlich wie alles andere was sich mit Physik und Technik beschäftigt in einen Queue geschoben um dann dann nach 30 Tagen in einen Löschantrag verwandelt zu werden.

STATISTIK
Auf die Abbildung in „On the Evolution of Wikipedia: Dynamics of Categories and Articles“, https://pdfs.semanticscholar.org/dea9/142b39bdc2c3738e0f9cb7c6d117750ef2f7.pdf wurde schon verwiesen. Machen wir dochmal das ganze etwas ausführlicher. Es findet sich dort ein Tortendiagramm was die Artikelanzahl in Bezug auf die Kategorien setzt:

Wenn man das Diagramm untergliedert in Social Science (Health, Law, Sports, Geography, Agriculture, Politics, People, Arts, History, Language, Environment) und Hard-Science (Nature, Technology, Medicine) kommt man auf eine 80 zu 20 Verteilung. Das heißt, 80% der Wikipedia Artikel beschäftigen sich mit leichtem Wissen und dem kulturellem Amüsierbetrieb der Menschheit und nur 20% können als evidenzbasierte harte Wissenschaft bezeichnet werden, wo also mindestens eine mathematisch Formel drin vorkommt und Themen behandelt werden, die etwas mit bleibender Erkenntnis zu tun haben.

Diese Statistik ist deshalb so interessant weil sie im Gegensatz zu dem steht wie Wikipedia in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden möchte. Im Regelfall bemüht sich die Wikimedia Foundation nach außen hin das Bild einer seriösen wissenschaftlichen Enzyklopädie mit einem Schwerpunkt bei den Naturwissenschaften zu zeichnen. Dieses Trugbild lässt sich jedoch durch die Fakten nicht untermauern. Im Gegenteil, es liegt der Verdacht nahe, als ob es komplett erfunden wurde, um Seriösität vorzutäuschen wo keine da ist. Die eigentliche Stärke von Wikipedia liegt eher im geisteswissenschatlichen Bereich. Also überall dort wo es darum geht, geschichtliche Fakten einzuordnen, gesellschaftliche Theman aufzubereiten oder über Britney Spears zu informieren.

Keineswegs darf man den Fehler machen, Wikipedia als unwissenschaftlich zu bezeichnen. Ganz im Gegenteil: die Fächer Literaturwissenschaft, Recht und Politik werden auf universitärem Niveau in der Wikipedia behandelt. Es schreiben dort Experten auf ihrem Gebiet und die zitierte Literatur ist reichhaltig. Die Schwäche besteht jedoch darin, dass die Naturwissenschaften weitaus weniger intensiv aufbereitet wurden, nicht nur dass dort viele Artikel komplett fehlen sondern die vorhandenen Texte erhalten auch weitaus weniger Zuwendung als es nötig wäre. Die Gefahr die bei Wikipedia besteht ist, dass sich dieses Mißverhältnis weiter verstärkt und irgendwann Physik, Biologie, Mathematik und Informatik komplett aus Wikipedia rausgedrängt werden. Das also ihr Anteil am Gesamtumfang abnimmt und die inhaltliche Qualität leidet.

Wikipedia ist das Produkt von Leuten, die daran mitarbeiten. Demzufolge ist die Ursache für die Krise mangelndes Fachwissen und Interesse seitens der Autoren. Wenn nur 20% aller Artikel etwas mit Naturwissenschaft und Technik zu tun haben ist es wahrscheinlich, dass auch nur 20% der Autoren diesem Sujet entstammen. Offenbar ist Wikipedia nicht besonders attraktiv für Naturwissenschaftler und da gibt es sich selbst-verstärkende Regelkreise. Je weniger naturwissenschaftlich interessierte Autoren bei Wikipedia mitwirken, desto schwerer haben es die verbleibenden sich Gehör zu verschaffen. Man kann das schön in den Löschdiskussionen verfolgen wo darüber entschieden wird, was relevant ist und was nicht. Am 7. Feb 2017 landete das Lemma „Gesichtsfeld (Fotografie)“ und am 25. Jan 2017 „Nanotechniker“ in der gefürchteten Löschdiskussion. Nach welchen Kriterien dann entschieden wird ist simpel: alles was nicht in die Wikipedia hineinpasst wird gelöscht. Und was das ist, ist natürlich das was schon da ist, das heißt Geisteswissenschaftlichen Themen jeder Art sind willkommen, aber alles was irgendwie nach Mathematik, Physik oder Technik klingt wird erstmal als nicht relevant bezeichnet.

Böse formuliert, kann man in Wikipedia alles schreiben solange man sich damit im geisteswissenschaftlichen Kanon bewegt. Man muss Technik und Mathematik kritisch bis ablehnend gegenüberstehen und schon steigt man auf in der Wikipedia-Hierarchie bis zum Oberadmin. In der Vergangenheit gab es schon mehrere Versuche Alternativen zu Wikipedia ins Leben zu rufen unter der Annahme das Wikipedia einen Bias besitzt, den man nicht akzeptiert. Wie wäre es mal mit einem Gegenlexikon was sich nur mit naturwissenschaftlichen Themen beschäftigt und wo das Verhältnis genau andersherum ist, also 80% für Mathematik und Informatik und nur 20% für die Sozialwissenschaften?

Echte Neoludditen am Werk

Auf Youtube gibt es mehrere Videos in denen zu sehen ist wie frustrierte PC-Benutzer/Innen ihre Notebooks physisch zerstören. Also mit einer Axt drauf rumhacken und damit der Zerstörungswut freien Lauf zu lassen. Das folgende Video toppt das ganze deutlich:

Zu sehen ist eine Shreddermaschine die jedoch kein Papier zerkleinert sondern komplette Notebooks. Die Walzen fressen sich kontinuierlich durch das Metall und lassen von dem Gerät nichts mehr übrig. Dem Shredder ist es egal, ob es sich um einen Pentium Prozessor mit mathematischem Koprozessor oder um ein ATAPI CD ROM Laufwerk handelt. Er frisst alles und möchte immer mehr. Der PC wird — so wie er ist — einfach in den Shredder geworfen. Man baut da vorher nichts aus oder entsorgt die Festplatte einzeln: nein das komplette Teil wird zerkleinert.

Das obige Video wirkt auf Außenstehende als das komplette Gegenteil von umweltschonendem Recycling weil eben nicht vor dem Zerkleinern mit viel Aufwand der PC aufgeschraubt wird um die wertvollen Komponenten zu entfernen. Wenn man jedoch etwas näher zu der Thematik recherchiert wird man entdecken, dass nach dem Shreddervorgang eine Magnettrennung stattfindet. Dabei wird aus der granularen Masse das Metall herausgetrennt und innerhalb des Metalls nochmal unterschieden ob Gold darunter war. Und mehr noch, dieser Ablauf gilt als Industriestandard und ist zukunftsfähig.

Feministische Technikkritik in der Kontroverse

Für alle die den Diskurs seit den 1960’er verschlafen haben zunächst einmal die Kurzfassung was feministische Technikkritik ist. Am besten vorgetragen wurde sie im Film „Terminator II“ von der Protagonistin Sarah Conner welche dem Erfinder von Skynet vorgeworfen hat für die Auslöschung der Menschheit verantwortlich zu sein. Ihre Kritik richtete sich einmal gegen die Erfindung als solche aber auch gegen die Tatsache dass der Erfinder ein Mann war. Feministische Technikkritik hat eine pessimistische Zukunftserwartung. Es wird gesagt, dass Fortschritt erstens von Männern erdacht wird und zweitens für die Gesellschaft ingesamt schädlich ist. Technik wird beschrieben als ein Kommunikationsmittel was Männer untereinander pflegen und das abgeleitet ist aus Ritualen der Jagd. Aus dieser Analyse heraus wird gefordert, Fortschritt zu bremsen um damit die Gesellschaft vor den Männern und ihren Ideen zu schützen.

Ist dieser Diskurs zeitgemäß und friedlich? Zunächst einmal wird eine sehr pessimistische Weltsicht vertreten. Das heißt, es wird grundsätzlich angenommen, dass jeder Fortschritt etwas schlechtes ist. Folglich wird das Automobil dazu eingesetzt um Menschen zu überfahren, der elektrische Strom wird genutzt um die Menschen auch nachts arbeiten zu lassen und die Atomkraft wird zum Bau von Neutronenbomben genutzt. Aber ist diese Ansicht richtig? Hat Technik insgesamt dem Menschen mehr geschadet als genutzt? Vergleicht man einmal ganz objektiv gesellschaftliche Faktoren wie Bildungsgrad, Sterblichkeit oder individuelle Freiheit dann hat sich die Lage der Menschen seit dem Mittelalter dramatisch verbessert. Das heißt, das Leben ist heute besser als früher weil es heute mehr Technik gibt. Die pessimistische Haltung der Technik gegenüber eine Außenseitermeinung.

Das zweite Argument lautet, dass Technik männnlich dominiert sei. Als Beleg wird gesagt, dass alle großen Erfinder und Wissenschaftler Männer waren: Einstein hat die Atombombe erdacht, Turing den Computer erfunden, Tim Berners Lee das WWW programmiert und Michail Kalaschnikow die AK47. Aber ist das wirklich eine Ist-Beschreibung als vielmehr eine subjektive Wahrnehmung der Realität? Richtig ist, wenn man ganz genau nachforscht wird man in der Geschichte auch viele Erfinderinnen und Wissenschaftlerinnen entdecken: Marie Curie, Ada Lovelace, Cynthia Breazeal oder Grace Hopper. Zu unterstellen, dass Frauen grundsätzlich in der steinzeitlichen Höhle bleiben während die Männer auf die Jagd gehen und sich dort neue Werkzeuge ausdenken ist keine Ist-Beschreibung sondern es ist eine frauenfeindliche Forderung.

Frauen, die sich in technischen Berufen engagieren, erhalten den meisten Gegenwind nicht etwa von Männern, die Konkurrenz fürchten sondern der Gegenwind kommt von ihren Müttern und Freundinnnen. Wenn man als Frau an einem Programmierkurs an einer Uni teilnimmt wird man dort wie eine Göttin behandelt. Man braucht nur mit dem Finger zu schnippen und einer von diesen treuen männlichen Hunden kommt angelaufen und macht Kunststücke. Aber wehe man erzählt seiner Mutter was man vorhat, dann ist der Konflikt vorprogrammiert. Anders ausgedrückt, feministische Technikkritik ist ein Herschaftsinstrument, damit Frauen andere Frauen als Hexen verunglimpfen können.

Schauen wir uns dochmal an, wie die Unterrichtssituation von Frauen und Mädchen in Technik-Fächern ist. Es gibt hier zwei Modelle. Einmal der koedukative Unterricht bei dem Frauen zusammen mit Männern unterrichtet werden und zweitens gibt es eine strikte Trennung zwischen Männern und Frauen, das heißt es werden Programmierkurse nur für Frauen angeboten. Warum bevorzugen Frauen letzteres? Nicht etwa, weil sie im koedukativen Unterricht in Konkurrenz zu Männern stehen und von ihnen belästigt werden, sondern weil sie in reinen Frauen-Programmierkursen andere Frauen als Peergroup um sich versammeln können und damit einen Gegenpool bilden zur feminstischen Technikkritik. Sie haben damit die Möglichkeit sich von ihren technikfeindlichen Müttern zu distanzieren und eigene Wege zu gehen. Frauen brauchen andere Frauen um von ihnen Bestätigung zu erhalten, dass ihre Weltsicht korrekt ist. Dass es anständig ist, sich mit Linux zu beschäftigen oder an einem Moped herumzuschrauben.

Weibliche Neoludditen

Im klassischen Feminismus wird Technik als männlich wahrgenommen und abgelehnt. Technik wird als Gefahr benannt. In Wahrheit ist Technologie jedoch neutral, sie hat kein Geschlecht und sie ist auch nicht gut oder böse. Sondern die Benutzerin ist das Problem. Im obigen Video ist zu sehen, dass nicht nur Männer Technologie ablehnen und verfluchen sondern dass auch Frauen zu einem übersteigerten Neoluddismus neigen. Weiblicher Hass auf Technologie wird weniger häufig thematisiert aber es gibt ihn.

Man darf nicht den Fehler machen, den „Rage against the machine“ als Unfähigkeit oder Ausrutscher zu verharmlosen. Nein, es handelt sich um eine bewusste destruktive Entscheidung. Die handelnden Tanten sind sich voll bewusst darüber was sie da tun und sehen es als berechtigte Reaktion an. Sie glauben, dass der Computer Ursache ihrer persönlichen Probleme wäre und projezieren ihr eigenes Unvermögen auf den Rechner. Der Akt der Zerstörung ist für sie eine Methode die Kontrolle zurückzuerlangen über eine als feindlich erlebte technisierte Wirklichkeit. Aber kann das die Lösung sein, bei auftretenden Schwierigkeiten mit MS-Outlook den kompletten Laptop zu schrotten und stattdessen wieder herkömliche Schreibmaschinen zu nutzen?

Feministische Technikkritik betrachtet ähnlich wie der klassische Neoluddismus die Technik mit einem pessimistischen Grundtun. Es wird als Hypothese formuliert, dass Technik dazu führt, dass sich die Lage der Frauen in Zukunft verschlechtert und Frauen darunter leiden werden, wenn sich Maschinen ausbreiten. Gleichzeitig sehen sich Frauen als Sklaven der Technik, wo sie selbst keinerlei Rechte besitzen und von einer anoynmen übermächtigen Künstlichen Intelligenz überwacht und kontrolliert werden. Manchmal wird dieser Pessismus noch aufgeladen mit gesellschaftskritischen Elementen im Kern steht jedoch die Technik als solche die nicht als Ausweg und Verbesserung erlebt wird sondern als Gefahr. Um es auf den Punkt zu bringen: feminine Neoludditen lehnen den Fortschritt ab und wollen zurück ins Mittelalter.

URSACHEN
Wie entsteht weibliche Technikparanoia? Ausgangspunkt ist meist eine Underdog Haltung. Das heißt, die Frauen verbinden mit Technologie ein Frustrationserlebnis weil sie bei einem Computerspiel oder in der Bedienung von Anwenderprogrammen sich selbst als Versager wahrnehmen. Um das innere Selbstbild einer gelungenen Persönlichkeit aufrechtzuerhalten wird ein Abmehrmechanismus entwickelt, der zu einer habituellem Antipathie dem Fortschritt gegenüber führt. Hinzu kommen noch Verstärkungen aus einem Umfeld, was ebenfalls Technologie ablehnt. Wenn man jetzt als Frau anfängt als einzige der Technik positiv gegenüberzustehen und sich mit Linux, Java und dem Internet anfreundet würde das bedeuten, sich von der eigenen Peer-Group zu entfernen was ein Risiko darstellt.

Auf diese Weise sind Frauen in der Lage sich langsam aber allmählich ein Welt- und Selbstbild zu bauen, indem Technologie als Gefahr verstanden wird und eine neoludditische Persönlichkeitsstruktur entwickelt wird. Diese äußert sich in der Partnerwahl, in der Berufswahl sowie in den privaten Interessen.