PDF Dokumentenformat

[1] Als Ergänzung sei noch Wikibooks genannt. Das ist ein schönes Beispiel für die Nutzung von HTML als webbasierte Beschreibung freier Lehrinhalten plus kollaborativem Authoring. Leider war anders als der Wikipedia-Enzyklopädie dem Projekt ein Erfolg bisher versagt, und es ist nicht zu erwarten dass sich daran bald etwas ändern wird. Vom technischen gesehen haben die Entwickler alles richtig gemacht. Gleich von Anbeginn hat man sich auf eine Web-only Beschreibungssprache geeinigt (die Wikisyntax) die noch dazu als gut getestet gilt, ferner hat man versucht die Schwächen von LaTeX und ähnlicher Systeme zu vermeiden und nutzt PDF bei Wikibooks nur als zusätzliches Ausgabeformat. Aber warum konnte sich Wikibooks ähnlich wie das epub Format bis heute nicht durchsetzen? Ich glaube das hat etwas mit dem Wissenschaftsbetrieb zu tun. Dort werden zwei wichtige Dokumentenformate eingesetzt, das ältere Postscript und das neuere PDF. Obwohl gerade PDF häufig als zu proprietär kritisiert wurde, ist selbst unter Debian die Unterstützung dafür ausgezeichnet. Es gibt dutzende Programme um es anzuzeigen, zu erstellen und zu parsen. Ein wenig merkwürdig mutet dessen Erfolg im Internetzeitalter an, weil man eigentlich auch ohne das DIN A4 Format Inhalte darstellen kann. Technologisch gesehen wären HTML basierende Formate die bessere Wahl. Aber, HTML lässt sich nur schwer archivieren und gerade in den Wissenschaft hat man gerne feste DOI Verweise auf feste PDF Versionen. Es ist kaum vorstellbar, dass sich das kollaborative Editieren eines Wikisystems auf wissenschaftliche Journale übertragen lässt.

OpenAccess Vision 2020

Die Vision bis 2020 alle Veröffentlichungen frei zugänglich zu machen ist nur dann innovativ wenn man von einer Gegenwart ausgeht wo das noch nicht der Fall ist. Aber diese Beschreibung ist falsch. Die Gegenwart besteht bereits aus 100% OpenAccess oder was bitteschön sind die Paper in Google Scholar sonst, die man durchsuchen kann? Also nach Paywall sieht das nicht aus, wenn man auf den PDF Link klickt um darüber das File zu öffnen. Interessanterweise scheint es über diese merkwüdige Vision hinaus keine weitergehenden Ziele zu geben. Weder sollen die Hochschulen privatisiert werden, noch soll das Promotionsrecht reformiert werden, noch stellt man OpenAccess Verlage wie Elsevier in Frage, nichts dergleichen. Im Grunde ist OpenAccess eine Marketing-Kampagne dafür, alles beim alten zu lassen. Die Vision richtet sich hauptsächlich nach innen, das heißt die Forscher sollen bitteschön alle nach der OpenAccess Gold Methode ihre Paper veröffentlichen, damit schön Geld zu PLOS und all den anderen Publishern abfließt damit die mit ihren kommerziellen Setzprogrammen aus dem Hause Adobe mathematische Formeln setzen, obwohl Donald E. Knuth schon vor langer Zeit etwas viel besseres erfunden hat.

Zumindest gegen Ende hin wird der OP noch etwas versöhnlicher weil er dort den Green OpenAccess Weg empfielt, der eine Lösung für die Wissenschaftskrise aufzeigt. Wie wäre es denn, wenn wir alle unsere Paper einfach selber hosten, oder zumindest uns zu einem akademischen sozialen Netzwerk zusammenschließen, damit Peer-Review und OpenAccess Journale umgehen und stattdessen Wissenschaft wieder zu dem machen was es einmal war: ein Austausch unter gleichen? So schwer ist es gar nicht, das eigene Paper zu layouten. Unter Lyx reichen dazu wenige Mausklicks aus und schon erhält man einen hübschen Zweispaltensatz und am Ende ein fettes Literaturverzeichnis wo man alle seine Kollegen grüßen kann.

Und überhaupt, Peer-Review hat dem Wissenschaftsbetrieb mehr geschadet als genützt. Er hat nur dazu geführt, dass die Zeitdauer bis zur Veröffentlichung verlängert wurde. Außerdem hat die Wissenschaft längst bessere Methoden entwickelt die Wahrheit zu verteidigen, und zwar die Gegenrede. Damit ist gemeint, dass man falsche Informationen mit einer Gegendarstellung framed, so dass sich der Leser selbst ein Bild machen kann.

Was soll eigentlich OpenScience konkret sein? Bedeutet Open womöglich, dass nur promovierte Professoren wissenschaftliche Texte veröffentlichen dürfen und alle anderen in die passive Rolle gedrängt werden? Auch in dem bekannten Paper von Umberto Eco (Der Name der Rose) gab es schon OpenScience. Das war die Klosterbiblithek, wo niemand sonst rein durfte außer der Abt …

Was genau OpenScience sein soll erläutert https://cit-ec.de/de/open-science-manifest

„CITEC sieht die Notwendigkeit, das Lehrangebot für den wissenschaftlichen Nach­wuchs um Angebote zum Forschungsdatenmanagement zu erweitern und bietet Fortbildungen sowie individuelle Beratung für Forschende an, um bei jungen Wissen­schaftler/innen das Bewusstsein für gute wissenschaftliche Praxis zu fördern.“

Wenn ich das richtig verstanden habe geht es also darum, dass innerhalb der jetzigen Universitäten der Forschernachwuchs speziell geschult werden soll also auf die Ideale von OpenScience eingeschworen wird. Und was ist mit den Forschern außerhalb des Einzugsgebietes von Universitäten? Beispielsweise fallen darunter akademische Blogs, „social academic networks“ sowie Konzerne wie Google. Müssen die auch alle die OpenScience Erklärung unterschreiben? Ich glaube worum es bei OpenScience und OpenAccess in Wirklichkeit ist ein antiquiertes Verständnis von Wissenschaft, und zwar eines was an die Institution Hochschule gebunden ist, während das Internet derartige Grenzen nicht kennt. Zwischen einer .edu Domäne und einer .com Domäne ist es nur ein simpler Mausklick entfernt.

Alternativen zu OpenScience

OpenScience wird von seinen Befürwortern als einzig richtiger Weg in die Welt von morgen beschrieben. Laut der selbst-verfassten Vision sollen Forschungsergebnisse allgemein zugänglich gemacht werden, und dagegen ist doch niemand, oder? Worum es bei OpenScience geht sind jedoch nicht freie Inhalte, sondern es soll verhindert werden, dass Leute von außerhalb des Wissenschaftsbetriebes eindringen können. Das beste Beispiel sind die sogenannten OpenAccess Zeitschriften wie PLOS. Dort kann man nur publizieren wenn man zuvor an PLOS einen Geldbetrag in 4 stelliger Höhe überwiesen hat, den wiederum erhält man nur, wenn man bei seiner Universität einen Förderantrag stellt und die Universität wiederum kann das Geld nur bewilligen wenn sie die OpenAccess Erklärung unterschrieben hat. Anders gesagt, von zentraler Stelle wird Forschung gelenkt. Das ist die eigentliche Agenda von OpenScience.

Die Alternative dazu besteht im Wettbewerb. Zwischen den Forschern, aber auch zwischen Ländern, Institutionen und Ideen. Wettbewerb und nicht Gleichheit bringt die Wissenschaft voran. Es geht nicht darum, zu einer großen Community zu verschmelzen mit gemeinsamen Idealen sondern das Ziel ist es, besser zu sein als die Konkurrenz. Kurz gesagt, Wissenschaft ist ein „Arms race“. Die Wissenschaftskrise überwindet man nur damit, indem man den Kreis derjenigen die Wissenschaft betreiben drastisch erhöht. Von heute 7 Millionen Wissenschaftlern am besten auf 7 Milliarden. Das funktioniert nur, wenn man die Kosten für Wissenschaft senkt. Damit ist gemeint, dass PLOS der falsche Weg ist, sondern was wir brauchen sind kostenlose akademische soziale Netze, bei denen man sich so einfach an- und abmelden kann wie bei Facebook. Und wo Wissenschaftler ein eigenes Branding entwickeln können und dadurch im Ansehen steigen. Der äußere Rahmen dazu heißt nicht „OpenScience Erklärung“ sondern er lautet schnelle Internetleitungen, effiziente Volltextsuchmaschinen und Echtzeitkommunikation.

Es ist eine Illusion davon auszugehen, dass die Entwicklungsländer die G8 Staaten kopieren werden und in den nächsten Jahren Universitäten und Forschungseinrichtungen gründen. Stattdessen wird dieser Schritt übersprungen und man arbeitet von Anfang an mit „academic social networks“. Diese bieten eine ausgezeichnete Möglichkeit wie man preiswert publizieren kann und von den Kollegen lernen kann. OpenScience hingegen ist an klassische Universitäten und klassische Bibliotheken gekoppelt die es so in den afrikanischen Ländern nicht gibt. Mehr noch, auch für die G8 Staaten ist OpenScience keine Zukunftsperspektive, weil auch dort nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung in den Hochschulbetrieb eingebunden ist. In Deutschland betrifft es gerademal 0,5 % der Gesamtbevölkerung (400000 Personen), die im universitären Umfeld aktiv sind. Das heißt, 99,5% der Bevölkerung haben keine Professur, arbeiten nicht bei der Fraunhofer Gesellschaft und publizieren nicht im Elsevier Verlag.

Ganz besonders in einer Zukunft die durch Robotik beeinflusst wird ist es wichtig, dass die Menschen verstehen wie Wissenschaft funktioniert. Das geht jedoch nur, wenn man selbst publiziert. Anders kann man keine Erfahrung sammeln. Die OpenSciece Erklärung ignoriert diese Herausforderungen gänzlich. Es wird schlichtweg nicht thematisiert dass es ein Problem geben wird, wenn autonome Autos auf den Straßen fahren und humanoide Roboter den Hund ausführen während 99,5% der Bevölkerung nicht aktiv in die Hochschulen eingebunden sind. Die OpenScience Erklärung ist keine Vision, sondern es ist ein Bankrotterklärung des Wissenschaftsbetriebes. Es ist das Bekenntnis, den Anforderungen nicht länger gewachsen zu sein und nur noch den Status Quo zu verteidigen.

Qualitätsprobleme bei OpenAccess?

Bei OpenAccess muss man unterteilen in Gold OpenAccess (das wurde im OP beschrieben) und Green OpenAccess. Bei Gold OpenAccess gibt es in der Tat Qualitätsprobleme. Sie haben damit zu tun, dass die Kosten des Workflows hoch sind. Und wo Geld im Spiel ist, ist die Versuchung groß dass an einer Stelle getrickst wird. Insofern dürfte es der Normalfall sein, dass bei einer Veröffentlichung bei Elsevier oder PLOS es nicht um die Inhalt einer wissenschaftlichen Publikation ankommt, sondern Dinge wie Marketing, geistiges Eigentum und Monopole eine Rolle spielen. Das ist aber kein Argument gegen OpenAccess insgesamt wie in dem Artikel der Süddeutschen Zeitung behauptet wird, sondern es ist Anlass sich näher mit dem besseren OpenAccess und zwar dem Green OpenAccess zu beschäftigen. Dort sind die Kosten niedriger bzw. Null, und die Gefahr sinkt dass Geld das oberste Prinzip einer wissenschaftlichen Veröffentlichung ist. Nur wo Informationen frei sind, kann objektiv ihr Wert ermittelt werden.

Alternativen zu OpenAccess

Unter OpenAccess wird üblicherweise sogenanntes „Gold OpenAccess“ verstanden, wo man sein Manuskript zu einem Online-Publisher wie PLOS oder Elsevier sendet und sich das von seiner Hochschule finanzieren lässt. Es gibt jedoch mit Gold OpenAccess eine Vielzahl von Problemen. Zunächst einmal ist PLOS unfähig, ein vernünftigtes Layout zu erzeugen. Sie setzen dort eine Software ein namens „Arbortext 3B2“ welche unter dem propritären Windows Betriebssystem läuft. Wenn sich einer von den Informatik-Kollegen die Dokumenteneigenschaften anschaut wird er darüber nur müde lächeln und das Paper allein schon aus formalen Gründen nicht lesen wollen. Zweitens ist auch die Publikationsdauer bis der Artikel veröffentlicht wird mindestens 12 Monate, häufig begleitet von Rejects und Peer-Reviews. Und zu guter letzt muss man, um über OpenAccess Gold publizieren zu können ordentlicher Professor sein und von seiner Hochschule die Fördergelder beantragt haben um die Article Processing Charge erstattet zu bekommen.

Zu diesem bürokratischen Prozess gibt es jedoch eine Alternative. Sie heißt „Green OpenAccess“ und stärkt die Autoren. Sie veröffentlichen den Text unter ihrem eigenen Namen und unter einer eigenen Lizenz, beispielsweise der Creative Commons Share-by. Dadurch kann der Autor entscheiden, wer das Paper lesen darf und somit wird die wissenschaftliche Community insgesamt gestärkt. Green OpenAccess, genauer gesagt die verwendung von „akademischen sozialen Netzen“, ist das bessere OpenAccess.

Nur bei Green OpenAccess ist sichergestellt, dass die Paper unter einer Creative Commons Lizenz der Allgemeinheit von Nutzen sind. Und nur bei Green OpenAccess können OpenSource Programme eingesetzt werden um den gesammten Workflow einer Veröffentlichung transparent zu gestalten.

Rein theoretisch wäre es möglich, universitäre Repositorien zum Hosting der Green OpenAccess zu verwenden. Allerdings verbaut man sich damit ohne Not die Möglichkeit mit anderen Wissenschaftlern in Kontakt zu treten. Besser ist es, übergreifende akademische soziale Netzwerke zu verwenden und kollaborativ zu forschen. Außerdem wird darüber die Sichtbarkeit in Suchmaschinen verbessert.

Wie gefährlich ist Ijad Madisch?

Neben Academia.edu gibt es noch einen weiteren Player in Sachen „academic social networks“. Anders als das Netzwerk von Richard Price ist dort der Ansatz an den Naturwissenschaften orientiert. Und dem Pressesprecher des Unternehmens merkt man an, dass er einen gänzlich anderen Background mitbringt als Richard Price. Während Price wohl mit Philosophie und Literatur groß geworden ist, ist Ijad Madisch eher der rustikale Typ der sich mit Zahlen und Messreihen auskennt. Es gibt jedoch eine Gemeinsamkeit. Und zwar ist auch er subversiv auf das jetzige akademische Publishing System eingestellt. In seinem Vortrag blendet er gut sichtbar die Titelseite seiner Phd Thesis ein, die ein medizinisches Problem behandelte und erzählt seinen gescheiterten Versuch das Paper bei einem Publisher unterzubringen. Er beschreibt einen Prozess der aus der Sicht von Madisch keinen Sinn ergibt. Er hinterfragt, ob die lange Zeitdauer bis zur Veröffentlichung, das weglassen von Primärdaten sowie das Überarbeiten des Textes nötig ist. Kurz gesagt, Ijad Madisch stellt die Autorität des Journals in Frage bei dem er sein Paper veröffentlichen wollte.

Nur, das sind die Spielregeln wie das akademische Publishing abläuft, das eben nicht der Autor entscheidet ob sein Text gut ist, sondern eine höhere Instanz. Und zwar der Publisher in Absprache mit den Reviewern. Und gegen diese Spielregeln argumentieren Richard Price wie Ijad Madisch gleichermaßen. Sie sagen erkennen nicht an, dass ihr Paper was sie einreichen wollten zurecht abgelehnt wurde, sondern sie zweifeln an, ob das Gegenüber überhaupt die nötige Kompetenz besitzt um das beurteilen zu können. Sie sagen, dass der Prozess insgesamt ein Fake ist und nichts mit Wissenschaft zu tun habe. Sowas ist sehr gefährlich. Weil es Ijad Madisch nicht darum geht, konstruktive Kritik an Elsevier zu richten die etwas mit seinem konkreten Paper zu tun hat, sondern er formuliert sehr viel weitergehende Kritik an allen Publishern und an dem Peer-Review Prozess insgesamt. Vereinfacht gesagt, ist Ijad Madisch ein Spalter. Das heißt, man ist entweder für ihn oder gegen ihn. Solche Unruhestifter bringen nur Ärger. Es besteht die Gefahr, dass er weitere Anhänger findet und sich das ganze zu einer Bewegung auswächst.

Obwohl Ijad Madisch als auch Richard Price auf Außenstehende wie Vertreter des Establishment wahrgenommen werden, sind es jedoch Leute die bekämpft werden. Das heißt, wenn sie irgendwo hingehen bekommen sie massiven Widerspruch. Nicht direkt, dass irgendwer zu ihnen sagt, dass sie im Wissenschaftsbetrieb nicht erwünscht wären oder dass sie ihre Sachen packen sollen und woanders ihren Studienkreis aufziehen sollen, sondern eher indirekt indem man sie ignoriert, kleinredet oder sogar noch unterstützt. Derzeit ist die Lage noch relativ entspannt, das heißt auch viele Vertreter die selbst mit ResearchGate nichts anfangen können, sind positiv eingestellt doch wenn man etwas weiterschaut, ist es nur eine Frage der Zeit bis es knallen wird zwischen dem Wissenschaftsbetrieb einerseits und den akademischen sozialen Netzen auf der anderen Seite. Ijad Madisch und Richard Price sind soetwas ähnliches wie Trolle, die auf den ersten Blick gültige Beiträge in einem Diskursraum liefern aber in Wahrheit die Gegenseite bloßstellen wollen. Der beste Tipp lautet: dont feed the trolls.

Die Konfliktlinie sehe ich konkret zwischen OpenScience und den „academic social networks“ im Entstehen. OpenScience ist im Grunde die weiterentwickelte Form des heutigen Wissenschaftsbetriebes. Wo also Publisher wie Elsevier bestimmen was gedruckt wird und damit einen Rahmen aufspannen innerhalb derer Wissenschaft betrieben wird. Während das was ResearchGate und Academia.edu betreiben, dazu entgegengesetzt aufgestellt ist und aus dem Bereich Blogging und soziale Netze kommt. Anders formuliert, die Befürworter von OpenAccess und OpenScience streben alles an, nur bitte kein ResearchGate.

Derzeit wird dieser Konflikt noch nicht intensiver thematisiert. Auf Seiten von OpenScience heißt es, dass man ja auch mit sozialen Netzen arbeitet wozu ResearchGate dazugehört und bei ResearchGate sagen die Pressesprecher dass man sich mit Wissenschaft beschäftigt. Doch in Wahrheit will Ijad Madisch OpenScience kaputt machen und OpenScience muss sich gegen die Angriffe wehren.

Machen wir es etwas konkreter und schauen uns die Zuspitzung an. Teil von OpenScience ist die Piratenplattform Sci-Hub. Diese wird häufig im Kontext von OpenAccess genannt. Sci-hub bestärkt die OpenScience Community. So stellen sie sich die Zukunft vor. Das es also einerseits urheberrechtlich geschützte wissenschaftliche Dokumente gibt und als kontrollierte Opposition eine Piratenplattform wo diese illegal heruntergeladen werden. Bei ReserachGate und Academia.edu hat man eine andere Spielart für sich entdeckt und zwar toleriert man dort geringe Qualität. Theoretisch kann sich bei Academia.edu irgendein Blogger anmelden um dort seinen Quatsch hochzuladen und Academia.edu lässt den Content auf der Plattform auch wenn es Unsinn ist:

1. OpenSciene, toleriert Sci-hub
2. Academic social networks, tolerieren Blogger

Wir haben es also mit sehr gegensätzlichen Bewegungen zu tun, zwischen denen sich ein markanter und unübrückbarer Konflikt auftut. Aktuell ist die Konfliktlinie noch etwas unscharf und wirklich aneinandergeraten ist man noch nicht, aber die Sollbruchstelle ist bereits sichtbar.

BROCKHAUS
Der Konflikt der gerade zwischen OpenScience und „Akademic social networks“ entsteht ist der selbe der damals zwischen Brockhaus und der Wikipedia ausgetragen wurde. Auch der Brockhaus hat relativ früh angefangen, eine CD-ROM zu veröffentlichen und eine Online-Plattform bereitzustellen. Wikipedia hingegen ist aus einer anderen Perspektive gestartet und hat das Lexikon als solches neu erfunden. Bei dem jetzigen Fall geht es nicht nur um ein Lexikon sondern um die Wissenschaft insgesamt. Also die Primärforschung, die von den weltweit 7 Millionen Wissenschaftern betrieben wird und die Frage wer sich überhaupt so nennen darf. OpenAcces ist so eine Art von Online-Version des Brockhauses, das heißt man steltl einige Artikel zum kostenlosen Download bereit will aber das System als solches unverändert lassen. Bei den „Academic social networks“ hingegen geht es darum, dass man ohne Wissenschaftler startet und stattdessen Leute anwirbt von außerhalb, die dann über Rankings erst zum Wissenschaftler hochgevoted werden.

Die beiden Gegner kann man relativ gut in Kategorien einordnen. Der Diskurs über das Publishing-System wird als OpenAccess bezeichnet. In diesem OpenAccess gibt es ein Randgebiet was als Green OpenAccess bezeichnet wird. Green OpenAccess kann man weiter untergliedern in Green 2.0 OpenAccess. Damit ist self-archiving über kommerzielle Publisher gemeint. Und wenn man jetzt noch mehr untergliedert gelangt man zu Green 3.0 OpenAccess was bedeutet:
– Veröffentlichen als OpenAccess
– als self-archiving
– bei einem kommerzieller Hoster
– bei einem „akademischen sozialen Netzwerk“

Das ist dann der Bereich, den ResearchGate und Academia.edu besetzen. Das heißt, sie haben sich innerhalb von OpenAccess eine ganz bestimmte Unterkategorie ausgesucht und fokussieren darauf ihre gesammte Energie, mit dem Ziel die gesammte OpenAccess Bewegung zum kollabieren zu bringen. Für die echte OpenAccess Bewegung ist es schwer bis unmöglich das zu verhindern, weil ja Green 3.0 OpenAccess dazugehört und sich nicht einfach wegdefinieren lässt. Das heißt, innerhalb der Kirche hat sich eine Splittergruppe gebildet, die ebenfalls an Gott glaubt, aber dennoch nicht kompatibel ist. Sowas ist aus Sicht eines einheitlichen Auftretens fatal. Es führt dazu, dass die Öffentlichkeit ein falsches Bild von der Wissenscahft bekommt.

Zukunft des Bildungssystems

Nachdem in einem vorherigen Blogpost herausgearbeitet wurde, dass OpenAccess und Hochschule 4.0 nicht die Zukunft sind stellt sich die Frage woraus sie denn alternativ bestehen wird. Die Antwort ist simpel: Unter dem Stichwort „Future education technology“ gibt es zahlreiche Youtube Werbevideos zu sehen die allesamt etwas zu tun haben, mit 4K Displays, iPad und Smartphone, aber wo auch Dinge genannt werden wie Gigabit Ethernet und Holography. Die Zukunft wird konkret so aussehen, dass man gegen viel Geld solche Gadgets privat erwerben muss was die Hersteller freut aber auch die Kunden werden es kaum abwarten können. Auf diesen Geräten werden dann Dinge laufen wie Youtube, Skype, Academia.edu oder Google. Also Online-Portale mit denen man vorhandene Daten sichten kann und Sinn erzeugt.

Damit ist der kleine Ausblick in Sachen „Future Education“ schon zu Ende. Weitere Dinge die für einige als unentbehrlich gelten wie klassische Hochschulen, klassische Bibliotheken, gedruckte Bücher oder reale Lehrer kommen in dieser Vision nicht vor. Auch keine öffentlich-Bildung, keine curriculare Lehrinhalte, keine C4 Professur und keine PLOS ONE Zeitschrift. Der Diskurs über die Zukunft der Bildung wird entlang seiner Nachteile geführt werden. Man sucht sich eines von diesen Gadgets heraus wie z.B. ein iPad Pro und erläutert dann im Detail warum das Gerät kompletter Müll ist und Apple ein schlechter Hersteller. Natürlich wird als Gegenbewegung dann jemand anderes kommen, der das iPad supertoll findet und Google als das beste Unternehmen der Welt bezeichnet. Dieser Diskurs wird dazu führen, dass sich die Technologie weiterentwickelt und es nochmehr von diesen „Future education Gadgets“ geben wird.

TIMELINE OPENSCIENCE
ab 2000, OpenSource zum wissenschaftlichen Publizieren (Linux, Lyx,
Jabref, Python)
ab 2001, Online Lexikon Wikipedia
ab 2002, Online Vorlesungen (MIT Courseware, Lecture2go Uni Hamburg)
ab 2004, Volltextsuchmaschinen (Google Scholar), die auf OpenAccess
Paper zugreifen
ab 2008, “Academic Social Networks” (ResearchGate, Mendeley)
ab 2010, Consumer-Hardware um den Content anzuzeigen (ipad, Notebooks, Glasfaser Internet)

Man kann sagen, OpenScience besteht aus drei Säulen: neue Software, verbesserte Computerhardware und Online-Lernplattformen. In dem Zeitraum von 2000 bis 2010 haben sich die Dinge entwickelt und jetzt steht die Infrastruktur bereit. Das ganze war kein geplanter Prozess, sondern jeder hat versucht seine Nische zu besetzen. In der Summe ist OpenScience zu etwas sehr mächtigem geworden und bildet den Grundstein für die Wissenschaft der Zukunft.

Die Vorteile der OpenScience Infrastruktur bestehen darin, dass es besser nach oben skaliert. Das heißt, man kann deutlich mehr Menschen erreichen als mit traditionelllen Hochschulen und Bibliotheken, und die Kosten sind geringer.

WEBLINKS
Wer sich näher mit OpenScience beschäftigen möchte, für den gibt es hier einige Weblinks:
http://academicearth.org/ (Verzeichnis von kostenlosen Video Lectures)
https://www.apple.com (Hersteller des besten Tablets auf der Welt womit sich Videos in HD anzeigen lassen)
https://en.wikipedia.org/ (Online Lexikon auf wissenschaftlichem Niveau)
https://scholar.google.com/ (Suchmaschine für academic content)
https://www.academia.edu/ (Für Wissenschaftler, die sich trauen selbst ein Paper hochzuladen)