Elsevier Kündigung in der Praxis

Immer mehr Bibliotheken haben sich entschlosen ihre Verträge mit Elsevier zu kündigen. Jedenfalls vorläufig um den Druck auf den Verhandlungspartner zu erhöhen. Aber wie sieht es eigentlich konkret aus, wenn eine Bibliothek keinen Zugriff mehr hat? Das erläutert die FAQ https://www.ulb.uni-muenster.de/bibliothek/aktuell/nachrichten/2016-12-12_faq-elsevier-deal.html Darin heißt es, dass die Wissenschaftler in der Tat nicht mehr die Möglichkeit haben, aktuelle Zeitschriftenaufsätze aus den Elsevierzeitschriften zu lesen. Ältere Ausgaben sind noch immer verfügbar. Bei neueren Artikeln muss man im Bedarfsfall den Weg über die Fernleihe gehen, was rund 6 EUR pro Aufsatz kostet und teilweise von der Bibliothek übernommen wird. Praktisch kann man sich das vorstellen, dass die Wissenschaftler in den Universitäten auf eine ähnliche Paywall stoßen wie auch Privatleute. Das heißt, sie entdecken beim Rumgooglen einen spannenden Aufsatz aus ihrem Fach, können auch das Abstract lesen aber dann beim Anzeigen kommt der Hinweis auf die gebührenpflichtige Sperre.

Was man ergänzend vielleicht noch erwähnen kann ist, dass wenn man den Titel des Aufsatzes bei Google eingibt, relativ häufig mit einer Wahrscheinlichkeit von 30% Google eine URL Kennt die auf ResearchGate oder eine weitere Seite verweist wo das Paper herumliegt und auf Leser hofft. Offen bleibt natürlich das Problem was man tun kann, wenn das nicht weiterhilft. Ja, dann steht man in der Tat ein wenig im Abseits. Anstatt jedoch zu versuchen, das konkrete Paper unbedingt zu erhalten (was häufig im Erfolgsfall ohnehin enttäuscht) kann man die Zeit lieber damit verbringen einmal nachzugrübeln was vielleicht mit dem System als solchen falschläuft. Also den Nichtzugriff auf wissenachaftliche Dokumente zu Anlass zu nehmen, sich für OpenAccess stark zu machen, bzw. sich zu fragen ob man in der Vergangenheit womöglich selbst daran mitgewirkt hat. Beispielsweise ist das der Fall, wenn man etwas veröffentlicht ohne darauf zu achten ob es auch als OpenAccess zur Verfügung steht, damit es Kollegen an anderen Universitäten, bei denen die Bibliotheken keinen Elsevier Zugang haben, darauf zugreifen können.

Lange Rede kurzer Sinn, ich halte es für eine gute Idee, wenn Bibliotheken ihre Elsevier Accounts zumindest temporär kündigen, weil sie so Zeit erhalten, einmal über die OpenAccess Problematik nachzudenken. Im Grunde haben sich die Wissenschaftler all die Jahre selber ins Bein geschossen wenn sie erst etwas veröffentlichen, was eigentliche keine Veröffentlichung war, nur um dann festzustellen, dass sie es nicht lesen dürfen weil es hinter einer Paywall liegt.

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Qualität bei Diamond OpenAccess sicherstellen

Gold OpenAccess ist ungefähr dasjenige Publikationssystem was Universitäten wie auch Bibliotheken als here-to-stay promoten. Damit ist gemeint, dass sich überhaupt nichts ändert, sondern lediglich die Paper kostenlos im Internet bereitstehen. Die Trennung zwischen Wissenschaftlicher Community und breiter dummer Öffentlichkeit bleibt erhalten. Als Gebildet gilt nur der, der einen Doktortitel besitzt. Wesentlich subversiver sind Diamond OpenAccess Publikationsmodelle die selten bis gar nicht öffentlich thematisiert werden. Bei solchen Modellen können Universitäten und Bibliotheken nur verlieren, weil es ihr Selbstverständnis in Frage stellt. Die entscheidene Frage wird lauten wie man Qualität sicherstellt, wenn keine APC-Gebühr mehr gezahlt wird. Die Antwort lautet: gar nicht. Ein Journal was via Diamond OpenAccess publiziert, ist kein klassisches Journal mehr, sondern ist nur noch ein Preprint Server auf dem PDF Paper (selbst wenn sie als wiederlegt gelten) erstmal online bereitstehen. Das interessante ist, dass man nachgelagerte Qualitätskontrolle benötigt. Also eine weitere Webseite wo man nachlesen kann, welches Paper empfehlenswert ist und welches aller Wahrscheinlich nach mit dem Unsinnsgenerator Scigen produziert wurde.

Aber sind solche post-publication QoS Systeme wirklich so schlecht? Eigentlich ist es technisch sehr einfach. Man erstellt eine Datenbank mit 50 Mio URLs zu wissenschaftlichen Papern und schreibt hinter jedes Paper eine Schulnote. 1 für ausgezeichnet, bringt die Wissenschaftliche Community voran, bis hin zu 5 = Plagiat, Quatschgenerator. Das interessante mit solchen Qualitätsdatenbanken ist, dass sie eben nicht nur Qualität enthalten, sondern man über einen SQL-Querry sich auch mal alle Quatsch Paper anschauen kann. Das heißt, sie werden nicht einfach depubliziert, sondern sie bleiben online und erhalten im Statusfeld lediglich den Hinweis auf die niedrige Güte. Solche Systeme lassen sich koppeln mit Websuchmaschinen. Das Google Ranking ist vergleichbar.

Und genau hier wird klar, was Diamond OpenAccess bedeutet. Es heißt, dass das Veröffentlichen eines Papers und die Qualitätskontrolle seperat gehandhabt werden und sogar auf unterschiedlichen Plattformen durchgeführt wird. Das man also unterscheidet zwischen dem Online-Stellen als solches (also die Durchsuchbarkeit des volltextes) und dessen Einstufung als wissenschaftlich wertvollen Beitrag.

Beim klassischen akademischen Publishing gibt es diese Unterscheidung nicht, leider. Das Fachblatt Nature definiert sich selber als Qualitätsjournal, das es es gibt dort nur Paper von hoher Wertigkeit. Selbst mit einem speziellen SQL-Querry kann man sich nicht diejenigen Paper anzeigen lassen, die es nicht in das Blatt geschafft haben. Natürlich gibt es den Prozess als solchen, wenn man ein Quatsch-Paper zu Nature hinschickt wird es begutachtet und zurückgewiesen, nur das der Vorgang als solcher nicht öffentlich ist, sondern in dem geschützten Raum zwischen Publisher und Autor stattfindet.

Erwähnt werden sollte vielleicht noch, dass die meisten Wissenschaftler wie auch Universitäten an Diamond OpenAccess kein Interesse haben. Es macht für sie keinen Sinn, auf diese Weise zu publizieren, sie können dadurch nur verlieren. Wir haben es also mit dysfunktionalen Anreizen zu tun. Also ein kaputtes Wissenschaftssystem das jene Form der Veröffentlichung belohnt, die intransparent, überteuert und zeitlich verzögert erfolgt. Aber warum macht es für die Akteuere keinen Sinn via Diamond OpenAccess zu publizieren? Weil es ein Wissenschaftsmonopol gibt. Genau genommen sind Universitäten, Bibliotheken und Wissenschaftler Beamte im Auftrag des Staates. So ähnlich als wenn der Staat die Post ausliefert oder die Straßen baut. Eine Privatisierung des Wissenschaftsbetriebes ist derzeit nicht realisiert worden. Selbst große private Universitäten in den USA sind nur teilweise kommerziell ausgerichtet. Zu einem großen Teil sind sie nach wie vor abhängig von Steuergeldern.

Das Ausmaß von Wissenschaftsmonopolen ist eine politische Entscheidung. Wenn ein Land seine Universitäten mit viel Geld ausstattet wie in den USA, dann gibt es wenig Notwendigkeit für die Forscher sich kommerziell auszurichten. Wenn hingegen wie in Brasilien die staatliche Finanzierung eher gering ausfällt, ist die Bereitschaft höher marktwirtschaftlich zu handeln. In Brasilien ist beispielsweise Academia.edu erstaunlich stark verbreitet, viel stärker als in den USA oder in Europa https://medium.com/academia/which-universities-have-the-most-academia-users-e0c20f98e3bf

Wissensmonopole sind historisch gewachsen. Traditionell haben Lehrer ein Wissensmonopol inne. Damit ist gemeint, dass die Informationen sich einseitig in der Hand von wenigen befinden die darüber entscheiden, welche Informationen sie weitergibt an die Klasse. Und wenn jemand etwas neues erfahren hat, teilt er das zuerst dem Lehrer mit. Solche Monopol-Strukturen sind sehr effizient, sie benötigen nur wenig Ressourcen. Das ist auch der Grund, warum Universitäten diese Rolle seit vielen Jahrhunderten ausfüllen. Der Nachteil besteht jedoch darin, dass beim Ausfall des zentralen Knotens das Kollektiv nicht länger handlungsfähig ist. Man stelle sich nurmal vor, ein Despot kidnapped die weltweit 1000 besten Wissenschaftler so wie in dem Film „wild Wild West“. In Folge dessen würde die komplette Forschung brachliegen, weil niemand anderes auf hohem Niveau forscht. Wenn man hingegen Wissenssysteme dezentral anlegt ohne zentrale Knoten ist die Ausfallsicherheit höher.

Der Nachteil von Dezentralität ist eine höhere Komplexität. Wie oben bei Gold OpenAccess erläutert, muss man erstens das jetzige System in etwas neues transformieren, man muss weitere Strukturen aufbauen die einen Qualitätsmaßstab bereitstellen, und man benötigt Anreizsysteme damit es attraktiv wird, Wissen der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Im Fall von Wikipedia klappt das schon ganz gut, bei wissenschaftlichen Papern hingegen gibt es noch Nachholbedarf.

Nur, womit kann man Wissenschaftler ködern? Mit Geld vermutlich nicht. Geld ist das, was im traditionellen Publikationssystem als Lockmittel verwendet wird, und was zu Monopolen und Fehlanreizen geführt hat. Besser ist es, Wissen als Lockmittel einzusetzen. Wissenaftler werden dadurch motiviert, dass sie etwas neues erfahren. Möglichst zu ihrem Fachgebiet. Möglicherweise lassen sie sich auch durch Aufmerksamkeit ködern (Stichwort Clicks) und durch Apelle an den Gemeinsinn. Aber der Hauptgrund warum OpenAccess im Allgemeinen und Diamond OpenAccess im Besonderen angetrieben wird hat damit zu tun, dass die Wissenschaft die Menschheit unsterblich machen kann. Rein theoretisch lässt sich durch OpenAccess der Erkenntnisprozess beschleunigen und das bedeutet, dass neuartige Heilmethoden entwickelt werden, die Luft in den Innenstädten sauberer wird und das Leben angenehmer wird.

Was ist Gold OpenAccess?

https://academia.stackexchange.com/questions/94931/do-we-really-need-gold-open-access-if-publishers-permit-self-archiving-and-shari
Umfrage zu Open Access an der ETH Zürich

In mehreren Blog-Posts war die Rede vom sogenannten Gold OpenAccess. Kaum jemand weiß wirklich, was sich dahinter verbirgt. Im Kern geht es darum, ein Paper auf Sciencedirect oder bei PLOS ONE unterzubringen und dafür die saftige Gebühr von ca. 2000-3000 US$ zu zahlen. Das ist keineswegs die Zukunft, sondern das ist vollkommen inakzeptabel. Der einzige gangbare Weg ist Diamond OpenAccess, damit ist gemeint, dass das Publizieren nichts kostet oder wirklich nur einen Minimalbetrag. Beispiele hierfür sind Academia.edu, PeerJ, Zenodo oder Arxiv.org.

Gold OpenAccess hat nur dann einen Vorteil, wenn die Alternative darin besteht, in einer gedruckten Zeitschrift zu veröffentlichen und das Paper hinter einer Paywall verschwinden zu lassen. Aber wer will das schon? Oh Pardon, ich hatte ganz vergessen, dass so das Wissenschaftssystem funktioniert. Das es also der Normalfall ist, dass man den Betrag von 10000 US$ je Paper bezahlt, dafür dass anschließend niemand den Text lesen darf, außer derjenige der ihn gepeer-reviewed hat. Von veröffentlichen zu sprechen ist in diesem Kontext eigentlich ein Hohn. Veröffentlichen heißt soviel wie Öffentlichkeit und die ist ja gerade nicht hergestellt. Aber derlei Feinheiten sind im Grunde einmal mehr der Beweis dafür, dass das Publikationssystem kaputt ist. Es wird seiner gesellschaftlichen Rolle nicht mehr gerecht und es befriedigt auch nicht die Interessen der Wissenschaftler.

Klassisches Publishing erklärt

Was Academic Social Networks ist schwer zu sagen. Im Zweifel muss man eingestehen, dass es keine einheitliche Definition gibt. Academia.edu und andere sind einfach nur eine Online-URL im Internet. Soetwas wie ein Strukturmerkmal wird man da nicht finden. Um das neue „Academic Social Networks“ zu beschreiben muss man sich vielmehr mit dem beschäftigen was dafor war. .Dankenswerterweise hat das KIT eine FAQ ins Internet gestellt wo genau dieser klassische akademische Publishing Prozess erläutert wird. https://www.ksp.kit.edu/FAQ Dort ist sehr detailiert, leicht konservertiv und komplett ohne auf „Academic Social Networks“ einzugehen, beschrieben was es heißt wenn man als Doktorand einen Text veröffentlicht.

Die FAQ ist nicht vom KIT selber, sondern von einem Wissenschaftsverlag der dem KIT beigestellt ist. Sowas ist durchaus üblich und auch andere Universitäten und Forschungseinrichtungen haben angeliederte Verlage. Man kann das ganze übertragen auf andere Wissenschaftsverlage wie Elsevier, die übergreifend aufgestellt sind. Das interessante an diesem Publishing Prozess ist, dass es stark an gesellschaftlichen Rollen ausgerichtet ist. Das heißt, jemand der ein echter Doktarand ist darf etwas veröffentlichen. Um Doktorand zu werden muss man vorher mehrere Jahre studiert haben, und noch ontop eine Doktorarbeit geschrieben haben. Das heißt, etwas veröffentlichen ist eingebunden in eine individuelle Biographiegeschichte.

Liest man die FAQ etwas näher stellt man fest, dass der KIT Verlag schon im Internet-zeitalter angekommen ist. Primär wird online veröffentlicht, das Ausdrucken auf Papier ist möglich aber nur optional. Insofern dürfte die FAQ dem OpenAccess Gold Ansatz entsprechen. Interessant ist auch der Ablauf als solcher. Er beginnt damit, dass man als Doktorand eine Publikationsanfrage stellt. Man tritt also mit der Gegenseite in Kontakt die formale Dinge überprüft, erst dann geht der Workflow in die nächste Runde. Und falls das so ist, entstehen nicht unerhebliche Kosten. Aber dafür erhält der Autor auch etwas geboten: die Eintragung in das Verzeichnis lieferbarer Bücher, ISBN Nummer und Eintragung in Suchmaschinen. Gegen Ende der FAQ wird noch erläutert, dass die Veröffentlichung als OpenAccess unter Creative Commons erfolgt.

Soweit eine Kurzeinschätzung zum klassischen akademischen Publishing. Auffällig ist, dass es zeitgemäß als OpenAccess erfolgt. Ebenfalls auffällig ist, dass es gleichzeitig sehr stark individualisiert betrieben wird. Man muss eine Vielzahl von persönlichen Anforderungen erfüllen (also eine Wissenschaftliche Biographie nachweisen) und der Publikationsprozess basiert auf einem längeren Workflow, bei dem zwischen Doktorand und Verlag Absprachen getroffen werden. Am ehesten könnte man den Veröffentlichungsmodus so vergleichen, als wenn man ein Videoband zum lokalen Fernsehsender bringt. Dort wird nicht nur das Videotape selber angeschaut, sondern es findet ein persönliches Gespräch mit dem Redakteur statt ob das Videotape überhaupt ins Programm hineinpasst. Wenn ja, wird es dann mit 2 Wochen Verzögerung offiziell ausgestrahlt.

Das klassische akademische Publizieren ist stark institutionalisiert und ritualisiert. Und das komischerweise obwohl gleichzeitig auf OpenAccess, Online-Publikation, DOI und Suchmaschinenindizierung geachtet wird. OpenAccess Gold ist der Versuch der Insitution Hochschule die Kontrolle zu behalten, also trotz des Internet-Zeitalters das Monopol auf publizierte Dokumente zu behehalten.

Und hier kommen wir zur Eingangsfrage was genau „Academic Social Networks“ sind. Ähnlich wie im oben beschriebenen OpenAccess Gold Publikationsprozess geht es darum, wissenschaftliche Dokumente ins Internet zu stellen. Der Unterschied ist der, dass auf einen ritualisierten und institualisionierten Workflow verzichtet wird. ResearchGate und Co ist also keine Hochschule die sich OpenAccess verpflichtet fühlt oder für die Doktoranden da ist, sondern der Publikationsprozess als solcher steht im Mittelpunkt. Es ist Fernsehen nur ohne Fernsehsender. So eine Art von Youtube für Dokumente.

Youtube ist dabei das richtige Stichwort. Die Eigenschaft dieses Portals besteht darin, dass man dort eben kein Gespräch führt, bevor ein Videotape gesendet wird und auch nicht 2 Wochen wartet, sondern Youtube steht in Konkurrenz zu klassischen Fernsehsendern. Es ist keine Pro7 Mediathek, also ein Fernsehsender der jetzt im Internet aktiv ist, sondern Youtube ist Youtube.

Doch zurück zu KIT Publishing. Ganz am Ende erfährt der Leser der FAQ, dass ein Peer-Review stattfindet:

„Die Begutachtung erfolgt in Anlehnung an die Regeln zur Sicherung der guten wissenschaftlichen Praxis des KIT. Eine Beschreibung des Peer Review Prozesses finden Sie hier.“

Wenn man auf „hier“ klickt gelangt man folgende URL: https://www.ksp.kit.edu/download/KSP_peer_review_info_20160620.pdf Darin sind die Guidelines aufgeführt. Zunächst einmal bedeutet es, dass generell alle Paper zurückgewiesen werden, die nicht von KIT Angehörigen verfasst wurden:

„KIT Scientific Publishing reserves the right to reject publication proposals from authors who are not affiliated to KIT“

Weiterhin geben die Begutachter Rückmeldung an die Autoren:

„The supervisors give the author their comments and feedback after a first review.“

Obwohl es nicht explizit thematisiert wird, handelt es sich um einen Pre-Publishing-Peer-Review. Das heißt, zuerst diskutierten Autor und Reviewer ein Thema aus und wenn sie einen Konsens gefunden haben, wird es veröffentlicht. Das Paper wohlgemerkt, nicht der Peer-Review-Prozess. Das wäre ein Open-Peer-Review Prozess der s im klassischen akademischen Publishing nicht vorgesehen ist.

FAZIT
Selbst wer dem etablierten Publikationssystem kritisch gegenübersteht erhält durch die KIT Publishing FAQ nützliche Informationen darüber, wie das Selbstverständnis der klassischen Universitäten ist. Akademisches Publizieren ist an die Institution Hochschule gebunden und wird ausgeführt von langjährig dort tätigen Mitarbeitern. Die Qualitätskontrolle findet nicht öffentlich statt. Gleichzeitig geht man jedoch mit der Zeit und setzt auf OpenAccess und elektronisches Publizieren.

Vorträge über OpenAccess

Wer Youtube zielgerichtet nach Vorträgen über OpenAccess befragt erhält von 2013-2015 eine reichhaltige Auswahl. Sowohl in Deutschland als auch international haben Bibliotheken und Wissenschaftler die Notwendigkeit von OpenAccess erkannt. Das interessante an den Vorträgen ist, dass sie weit hinter dem zurückliegen was längst Realität ist. Ein typischer Pro OpenAccess Vortrag aus dem Jahr 2015 beginnt damit die Vorteile von elektronischen Zeitschriften gegenüber papiergebundenen Zeitschriften zu erläutern, ohne dabei zu vergessen, den klassischen Medium Paper nachzutrauern. Das Problem an diesem Diskurs ist, dass sich dafür niemand mehr interessiert. Schaut man sich die Statistiken an, so ist die Umstellung von print auf electronic längst erfolgt. Ungefähr um das Jahr 2000 herum passierte es, dass die Bibliotheken ihre Etats dementsprechend umgeschichtet haben. Das jetzt immernoch darauf verwiesen wird bedeutet, dass dabei etwas verloren ging. Und zwar Sinn. Wir haben es mit einem merkwürdigen Auseinanderfallen aus Realität auf der einen Seite und dem verzögerten Anpassungsvermögen der Bibliotheken zu tun. Die Wissenschaftler und Biblitheksverantwortliche haben natürlich erkannt, dass gedruckte Zeitschriften niemanden mehr interessiert, dass der Trend in Richtung OpenAccess geht und dort speziell in Richtung Academic Social Networks. Aber wie will man diesen Transformationsprozess angemessen beschreiben?

Gedruckte Zeitschriften sind etwas sehr bekanntes und haben sich über mehrere Jahrhunderte durchgesetzt. Schon in dem Film „Der Name der Rose“ gab es sie. Gedruckte papiergebundene Bibliotheken sind nicht etwas, was man auf die schnelle beiseite legt, sondern es ist etwas von dem eigentlich niemand so richtig Abschied nehmen will. Nutzen dürften es selbst die Freunde des Buches nicht mehr. Selbst Kritiker von OpenAccess verwenden natürlich Google Scholar, und lesen natürlich PDF Paper am Bildschirm. Es ist nur so, dass sie es nicht zugeben und ihr Tun nicht als Vorbild für andere bezeichnen. Warum das so ist, hat etwas mit der Stellung des Computers in den Wissenschaften zu tun. Üblicherweise wird unterschieden zwischen Informatik auf der einen Seite und den Fachdisziplinen auf der anderen Seite. In der Medizin geht es um den menschlichen Körper, in der Geschichte um Vergangenheit, in der Physik um Experimente und bei Kunst um etwas ausgedachtes. Computer werden zwar als Hilfsmittel geschätzt, aber im Regelfall verstehen sich Physiker als Nichtinformatiker und erst recht gilt das für Literaturwissenschaftler und Historiker.

Will man jedoch OpenAccess nutzen, den Publishing Prozess erleichtern und sogar Trends setzen so muss man sich mit Computern an sich beschäftigen. Sie also nicht nur als Hilfsmittel verstehen sondern den Workflow um diese Geräte herum organisieren. Das heißt, das neue Rollenbild besteht darin, zunächst einmal Informatiker zu sein, und sich dann auf eine der Disziplinen wie Medizin, Geschichte oder sonstwas zu spezialisieren. Diese Vorstellung ist in der Gegenwart noch sehr ungewohnt. Die meisten Wissenschaftler möchte gerne etwas anderes sein als ein Hacker, Computerexperte und Internet-Spezialist. So ist es zu erklären, warum die einigangs erwähnte Bibliothekarischen Vorträge merkwürdig vergangenheitsbezogen sind. Es geht um das Beschreiben von sozialen Rollen und der Versuch diese neu zu justieren.

Das erstaunliche ist, dass gerade auf progressiven Tagungen zum Thema OpenAccess und digital publishing erstaunlich oft Themen angesprochen werden, wie Offset-Druck, Leimeinband, Handapparat, Zettelkatalog. Also alles Dinge die genau konträr stehen zu dem was beschrieben wird und auch zu dem, was tatsächlich in Verwendung ist. Einerseits sitzen die Biblitoheken in der Gegenwart in gut klimatisierten Serverräumen wo alles digitalisiert wurde und sind Nachfrager von elektronischer Literatur gleichzeitig wird jedoch ein Diskurs gepflegt der rückwärtsgewand ist. Der Grund dafür ist, dass die vertrauten Bibliotheksutensilien leichter zu beschreiben sind. Was eine Schreibmaschine oder ein Federkelch ist, wissen die meisten. Auch wie ein Karteikarten-Katalog mit Abstracts funktioniert. Insofern tut es gut, sich in dieser vertrauten Umgebung einzurichten und das als mentales Modell zu nutzen, obwohl die Realität längst eine andere ist.

Um sich ein wenig mehr der Wirklichkeit anzupassen wäre ein neues Diskurs-Modell nötig. Eines was konsquent digital ist. Und genau hier gibt es ein Problem. Was soll das sein? Die Informatik zeichnet sich dadurch aus, dass im Halbjahresrhythmus sich alles verändert. War gestern noch das gezippte Postscript File aktuell, geht der Trend momentan in Richtung DjVu und epub-Dokumentenformate. War vor kurzem noch die 3,5 Zoll Magnetfestplatte das beste Speichermedium drängen seit kurzer Zeit SSD Festplatten in die Archive vor. Bibliotheken verstehen sich jedoch als neutrale Anlaufstelle die auch über das Tagesgeschäft hinaus Orientierung bieten müssen. Wir haben also einerseits die nicht mehr zeitgemäßen Begriffe aus der Vergangenheit und auf der anderen Seite eine Informatik die sich zuschnell verändert um Sinn zu erzeugen. Die logische Konsequenz aus diesem Dilemma ist es, die Realitätsbeschreibung auf eine ökonomische Ebene zu verlagern. Und genau das passiert auch sehr allmählich. Dieser ökonomische Diskurs ist etwas, womit sich alle identifzieren können. Sowohl die veralteten gedruckten Buchsammlungen wie auch die superneuen Informatik-getriebenen Technologien lassen sich unter Kostenaspekten definieren.

Wenn man nur lange genug in den Statistiken sucht, findet man Zahlen um jeden erdenkbaren Sachverhalt zu beschreiben. Man kann ausrechnen, was die Kosten für die Literaturversorgung pro Student sind, man kann absolute Ausgaben für Zeitschriften ermitteln, man kann über APC Gebühren philosophieren und darüber wer sie am Ende bezahlt. Man kann diskutieren wohin man Geldströme lenken möchte, wo man sie nicht hinlenken will und man kann ausrechnen was eine 1 Tarabit Glasfaserleitung kostet welche die Bibliothek benötigt um all die schönen PDF Paper anzeigen zu können. Das schöne an dem ökonomischen Diskurs ist, dass er einerseits den Medienwandel unterstützt, also weg von gedruckten Zeitschriften hin zu OpenAccess, gleichzeitig aber auch noch in 10 Jahren relevant ist. Die Technologien mögen sich bis dahin geändert haben, vermutlich ist SSD dann gar nicht mehr aktuell, aber die jährlichen Kosten werden vergleichbar sein.

Das schöne am klassischen wie auch digitalien Bibliothekssystem ist, das man ein Preisschild draufkleben kann. Eine gedruckte Bibliothek erzeugt Kosten auf der einen Seite und hat einen Nutzen auf der anderen Seite. Das gleiche gilt für elektronische Archive. Selbst die als sehr modern geltenden Academic Social Networks lassen sich unter Kostenaspekten definieren. In dem Sinne, dass man bei Academia.edu pro Jahr 100 US$ zahlen muss und die eigene Haltung dazu ob das nun angemessen ist oder nicht.

Wie der Diskurs ausgehen wird ist simpel: er wird sich noch stärker hin zu ökonomischen Fragen verschieben und vor allem wird es darum gehen die Kosten zu senken. Geiz ist geil lautet das Motto. Am besten ist die Bibliothek die es umsonst gibt. Wie sie im Detail funktioniert ist egal. Dort könnte es zur Not auch handschriftliche Bandkataloge geben, die von einem holographischen Bibliothekar aktualisiert werden, solange es nichts kostet macht es Sinn.

Kleine Anmerkung: ein Bandkatalog ist das ursprüngliche Ordnungsinstrument in einer Bibliothek. Es bedeutet, dass man die Übersicht über die vorhandenen Bücher ebenfalls als Buch ablegt. Es gibt also ein Buch, in dem drinsteht welche Bücher es noch so gibt.

Warum Academia.edu die beste Erfindung seit geschnitten Brot ist

Academia.edu mag man aus mehreren Gründen kritisieren. Sei es, weil die Premium Mitgliedschaft stolze 100 US$ jährlich kostet, weil das Portal keine Qualitätskontrolle besitzt oder weil die interne Suchfunktion zu langsam ist. Aber einen Vorteil hat das ganze: es dauert — ungelogen — weniger als 5 Minuten um ein PDF Dokument dort hochzuladen. Im Grunde reicht es, wenn man einige Mausklicks vornimmt, dann noch die Keywords korrekt einträgt und schon ist das Paper online. Es kann jetzt zumindest theoretisch von 7 Milliarden Menschen gelesen und kommentiert werden, auch wenn das natürlich nur selten passiert, aber zumindest ist es erstmal online. Das mag in Zeiten von Facebook, youtube und Blogs wie eine Selbstverständlichkeit klingen, aber gerade im Wissenschaftlichen Umfeld ist das etwas besonderes. Man möge sich zum Vergleich einmal den Upload Button von Arxiv.org anschauen oder bei Sciencedirect auch nur einen Upload Button suchen. Man wird nichts dergleichen finden. Kurzum, Academia.edu ist eine sehr nützliche Erfindung.

So intransparent sind die Bibliotheksausgaben gar nicht

https://wisspub.net/2014/10/13/intransparenz-bei-den-bibliotheksausgaben-von-schweizer-hochschulen/ beklagt sich über die Intransparenz an schweizer wissenschaftlichen Bibliotheken. Er beschreibt eine Odyssee, wo er schriftlich einzelne Bibliotheken angeschrieben hat, um herauszufinden wieviel sie pro Jahr ausgeben für die Zeitschriften von Elsevier und Co. So löblich dieser Ansatz auch sein mag, aber man kommt an die benötigten Zahlen auch leichter. Unter https://www.oclc.org/en/global-library-statistics.html findet sich die „Global Library Statistics“, dort kann man als Land Schweiz auswählen und erhält dann im Detail angezeigt was die wissenschaftlichen Bibliotheken im Jahr aufwenden. Im Jahr 2001 waren es knapp 49 Mio US$ Jahresausgaben, während knapp 200000 Studenten das Angebot in Anspruch nahmen. Das macht preiswerte 245 US$ pro Student und Jahr. So teuer ist das gar nicht.

Natürlich ist auch diese Zahl nicht ganz exakt, weil erstens die Zahlen schon etwas älter sind, in den Ausgaben nicht nur die Lizenzkosten für Wiley enthalten sind sondern auch Personalkosten, aber man erhält einen ungefähren Eindruck wie es um das Bibliothekssystem bestellt ist. Relativ aktuell sind die Daten aus den USA. Sosehr dürfte sich die Schweiz davon nicht unterscheiden. Was man zumindest sagen kann ist, dass klassische Bibliotheken ziemlich teuer sind. Man muss nicht auf die Nachkommastelle genau wissen wie hoch die Kosten sind um zu erkennen, dass weltweit Milliarden Beträge anfallen, nur damit die Uni-Bibliotheken Einblick erhalten in Zeitschriften, die mit Adobe QuarkXpress formatiert wurden und wo das meiste komplett veraltetes Wissen darstellt. Teilweise sind die Online-Foren bessere Informationsquelle als die ach so seriösen Journale.