Sun Tzu und die Kunst ein Lexikon zu schreiben

Sun Tzu sagt, jede Schlacht ist geschlagen bevor sie begonnen hat. Im Beispiel von Wikipedia heißt das, dass man bevor einen Text überhaupt dort einstellt man wissen sollte, wie darauf die Gegenseite reagiert. Um das herauszufinden habe ich folgendes Python Script erstellt:

# -*- coding: utf-8 -*-
'''
Created on 22.02.2017
Wikipedia Check
@author: Manuel Rodriguez
'''
class Quality: 
  def __init__(self):
    self.sentences = input('How much sentences? ')
    self.sources = input('How much sources from Google Scholar? ')
    self.doi = input('... from that with a DOI number? ')
    self.orthography = input('Is orthography correct? (0=no, 1=yes) ')
    self.quotationmarks = input('Are the quotation marks changed from"that" to „that“? (0=no, 1=yes) ')
    self.result()
  def result(self):
    self.neededcitation = 5
    self.neededdoi = 0.5
    count1 = 1.0 * self.sources / self.sentences
    count2 = 1.0 * self.doi / self.sources
    cond1,cond2,cond3,cond4=False,False,False,False
    if count1 >= (1.0*1 / self.neededcitation): cond1 = True 
    if count2 >= (1.0*self.neededdoi): cond2 = True
    if self.orthography==1: cond3=True
    if self.quotationmarks==1: cond4=True
    print "\nResult: ",
    if cond1==True and cond2==True and cond3==True and cond4==True:
      print "Text is great, please upload. Sighting can take up to 40 days"
    else: 
      print "Textquality is bad, Don't upload. The problems are:"
      if cond1==False: print "- number of sources"
      if cond2==False: print "- number of DOI"
      if cond3==False: print "- orthography"
      if cond4==False: print "- quotation marks"
 
if __name__ == "__main__":
  myQuality = Quality()

Nachdem man das Programm mit „python check.py“ startet muss man auf der Komamndozeile einige Fragen beantworten: Anzahl der Sätze, Anzahl Quellen, Anzahl Quelllen mit DOI Nummer, Rechtschreibung korrekt? und Anführungszeichen korrekt? Dann wird überprüft ob die Wikipedia-Qualitätskriterien erfüllt sind und entweder erscheint dann, dass alles super ist oder eben nicht. Der Check bietet eine erste Möglichkeit grob einzuschätzen ob sich ein Upload überhaupt lohnt. Vielleicht mal ein kleines Beispiel.

Auf meiner Festplatte habe ich schon einen kleinen Wikipedia Artikel geschrieben über ein Thema was interessant ist, und wozu es noch keinen Artikel bei Wikipedia gibt. Wenn ich jetzt das Programm starte, gebe ich bei Anzahl Sätze wahrheitsgemäß „10“ ein, bei Anzahl Quellen „1“ bei Anzahl Quellen mit einer DOI Nummer „0“, bei Rechtschreibung und Anführungszeichen beidesmal eine „0“ für nicht eingehalten. Die Software rechnet dann ein wenig und es wird ausgegeben, dass die Textqualität zu niedrig ist. Jetzt könnte ich natürlich den Text trotzdem zu Wikipedia hochladen. Nur, die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass es Stress gibt. Entweder gibt es einen Löschantrag oder ein erfahrener Admin hat daran etwas auszusetzen. Insofern ist es besser auf den Upload zu verzichten. Das ist zwar schade aber nicht zu ändern.

Wer sich den Sourcecode näher anschaut wird relativ schnell bemerken was man eingeben muss, damit die Software den Text für perfekt hält: man muss alle 5 Sätze mindestens eine Quelle haben und es müssen 50% DOI Quellen sein. Bei den Fragen 4 und 5 muss man beidesmal „1“ eingeben. Und ja, darüber kann man den Check austricksen.

Kritik an Wikipedia

https://de.wikipedia.org/w/index.php?limit=50&title=Spezial%3ABeitr%C3%A4ge&contribs=user&target=ManuelRodriguez&namespace=0&tagfilter=&year=2017&month=-1

Inzwischen bin ich ca. 2 Monate bei Wikipedia neu dabei und habe insgesamt 8 Edits durchgeführt. Zeit für ein kleines Resüme was mir in dieser Zeit aufgefallen ist. Bei Wikipedia gibt es derzeit zwei große Kritikpunkte. Einmal ist das Verhältnis von Naturwissenschaften zu Geistenwissenschaft nicht ausgewogen, sondern 80% aller Wikipedia Einträge sind aus den Geisteswissenschaften. Übrigens hat sich in den letzten 2 Jahren das Verhältnis sogar noch verschlechtert, das heißt, die Naturwissenschaften verlieren leicht. Der zweite Kritikpunkt betrifft dass zu wenig wert auf wissenschaftliche Belege gelegt wird und stattdessen aus Newsportalen wie Spiegel Online, Heise.de und aus Tageszeitungen zitiert wird.

Das eigentliche Problem von Wikipedia ist jedoch, dass die oben genannte Punkte nicht als Problem erkannt werden. Stattdessen glaubt die Community, dass andere Dinge in der Schieflage sind. Häufig wird als Problem bei Wikipedia verortet, dass dort bezahltes Schreiben stattfindet, dass bei umstrittenen Themen Verschwörungstheorien ausgebreitet werden oder dass der Frauenanteil zu niedrig wäre. Das sind jedoch alles keine wirklichen Probleme.

Aber ich will nicht zuviel kritisieren sondern auch sagen, was mir an Wikipedia gut gefällt. Beispielsweise das Ranking in Suchmaschinen. Wenn man es einmal fertiggebracht hat, einen Edit an der Wikipedia-Eingangskontrolle vorbeizuschmuggeln hat man im Regalfall ein Super-Ranking bei Google. Gibt man das Stichwort in die Suchmaske ein, wird der Wikipedia Artikel im Regelfall auf Platz 1 angezeigt. Ein Durchschnitts-Wikipedia Artikel hat 50-150 Hits am Tag, was höher ist als die meisten Blogs erzielen und höher ist als die meisten wissenschaftlichen Paper auf Arxiv erzielen. Ebenfalls angenehm ist die Markup-Sprache Wikisyntax mit der man die Formatierungen festlegt. Das Einbinden von Grafiken ist leicht, Inhaltsverzeichnisse werden automatisch erzeugt und wenn man sich einmal an die Literaturvorlage gewöhnt hat wird man nichts anderes mehr wollen.

Als sehr mächtig hat sich auch das Kategoriesystem erwiesen. Es handelt sich um hierbei um hierarchiche Tags um Artikel zu gruppieren was vergleichbar ist mit der Dewey-Dezimalklassifikation aus Bibliotheken. Apropos Übersicht: auch die Volltextsuche über alle Artikel hinweg funktioniert perfekt. Die dahinterstehenden Server reagieren wirklich prompt.

Soweit mein kleiner Rückblick auf 2 Monate Wikipedia. Mal sehen ob ich nach weiteren 2 Monaten immernoch lächeln kann oder ob bis dahin alle meine Edits zurückgesetzt wurden. …

Applaus für Wikipedia

Wikipedia ist seinem Ruf als technophobe Mitmachenzyklopädie wieder vollumfänglich gerecht geworden. Darunter leiden musste diesmal der Eintrag „Shadow Robot Company“. Für alle, die nicht mit ROS, den Arbeiten von Emo Todorov oder dem Moley Kitchen Robot vertraut sind sei gesagt, dass es nicht irgendein Unternehmen ist, sondern es ist DAS Unternehmen. Aber das weiß Wikipedia selber am allerbesten und genau deshalb gab es pünktlich am 24. Jan 2017 auch den Löschantrag: https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:L%C3%B6schkandidaten/24._Januar_2017#Shadow_Robot_Company

Da kann man nur Beifall klatschen für soviel gebündelten Zorn gegenüber Robotik und Künstlicher Intelligenz. Schon Ned Ludd hat gesagt, dass man alles kaputt machen soll, was nach Technik aussieht, das gilt insbesondere für Technik die vergöttert wird, die man selber nicht versteht und die womöglich vom Teufel besessen ist. All das trifft auf die Shadow Dexterous Hand vollumfänglich zu, insofern ist die Entscheidung von Wikipedia stimmig.

Was kommt als nächstes? Gute Kandidaten die man ebenfalls noch aus Wikipedia rauslöschen könnte um das Lexikon von Robotik und Künstlicher Intelligenz zu reinigen wären: ROS, LISP, Rethink Robotics, C++, IBM oder dwave. Es bleibt abzuwarten wo der Hexenhammer als nächstes zuschlägt, es wird mit Sicherheit eines von diesen Tech-Lemmas sein.

Bravo liebe Wikipedia. Immer weiter so mit dem Kreuzzug gegenüber der Moderne. Dass die Themen aus Physik, Mathematik und Informatik schon immer nachlässig recherchiert wurden war bekannt. Das Portal Informatik ist innerhalb von Wikipedia in einem echt üblen Zustand. Aber das man jetzt auch noch aktiv Artikel löscht ist schon etwas besonderes. Wikipedia sammelt damit Pluspunkte bei den Hardcore-Neoludditen welche den Naturwissenschaften skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen und sich bei den Geisteswissenschaften, also Literatur, Geschichte, Philosophie und Theologie zu Hause fühlen.

Tutorial zum Schreiben eines Wikipedia Artikels

Die offizielle Hilfe in der Wikipedia ist hoffnungslos veraltet. Sie orientiert sich an der Bedienung der Mediawiki-Installation, was die meisten Benutzer ohnehin kennen dürften. Viel spannender sind jedoch jene Aspekte, die etwas mit dem wissenschaftlichen Arbeiten zu tun haben und die in einen qualitativ hochwertigen Lexikonartikel münden. Dazu ein kleines Tutorial.

Der erste Schritt besteht darin, sofern noch nicht geschehen, Jabref zu installieren und zu starten. Was hat das mit Wikipedia zu tun? Die Antwort lautet, dass man ungefähr 99% der Arbeitszeit auf dem lokalen Desktop verbringt, wo man mit Jabref und weiteren Tools, die noch vorgestellt werden, arbeitet und nur zu 1% der Zeit dann dafür aufwendet die erstellte Textdatei in das Wikisystem hochzuladen. Es geht zwar um das Editieren in der bekannten Online-Enzyklopädie, doch das kommt erst ganz zum Schluss.

wiki1

Nachdem Jabref installiert und arbeitsbereit ist kann man sich die ersten Quellen bei Google Scholar raussuchen. In der deutschen Wikipedia sind das natürlich primär Dokumente die auf Deutsch erstellt wurden, aber in vielen Bereichen der Robotik muss man notfalls auch auf englische Paper zurückgreifen. Das Hinzufügen eines Bibtex Eintrages geht über die Zwischenablage, und manuell ergänzen sollte man dann noch das Feld für die URL, sodass in der Wikipedia Ansicht später einmal das PDF direkt über einen Mausklick erreichbar ist. Nützlich ist noch das Feld „keywords“ in Jabref, was sich im Reiter Allgemein befindet. Dort gibt man das Thema an, an dem man gerade arbeitet. Darüber kann man die Dokumente später dann leichter wiederfinden. Im Screenshot wurden auf diese Weise drei Quellen zu Jabref hinzugefügt.

wiki2

Wie man anhand der Einträge schon sieht, geht es um eine Firma die Roboterhände herstellt. Diesen Artikel gibt es zwar schon bei Wikipedia, er soll aber erweitert werden. Aber das nur als Anmerkung, weiter geht es mit dem Artikel als solchen. Nachdem die Jabref Datenbank mit den ersten Quellen befüllt wurde, kann man sich dem eigentlichen Schreiben zuwenden. Bevor man jedoch einen lesbaren Text erstellt, heißt es zunächst einmal Stichworte anfertigen. Diese Technik wird als Exzerpieren bezeichnet. Dazu öffnet man einen Texteditor und schreibt interessante Fakten, die man in den Quellen gelesen hat heraus und vermerkt dahinter den Bibtexkey.

wiki3

In Jabref kann man den Bibtex-Key über die rechte Maustaste kopieren und diesen dann in die Textdatei einfügen. Wer mag, kann auch noch die Wiki-Markup verwenden um einen „ref-tag“ zu erzeugen, mit dem man später auf die Quelle verweist. In der obigen Abbildung habe ich herausgefunden, welches Gewicht und welche Abmessungen die Roboterhand besitzt.

Jetzt werden die Stichworte umformuliert zu kompletten Sätzen. Wichtig dabei ist, dass man die Referenzen zu den Quellen am Satzende angibt. Damit ergibt sich die typische Wiki-Syntax wo neben den Informationen auch hochgestellte Ziffern mit weiterführenden Informationen eingeblendet sind.

wiki4

Nun ist der Zeitpunkt gekommen, wo man das erste Mal die Wikipedia Spielwiese bemüht. Um sich anzuschauen wie der Text einmal aussehen wird, und welche Markup-Ergänzungen noch nötig sind. Vorher exportiert man die Jabref Einträge in die Wikisyntax. Wie das geht wurde in einem früheren Blogpost bereits erläutert. Trotzdem hier nochmal die Exportvorlage für Jabref:

<ref name="\bibtexkey">{{Literatur
 | Autor = \author
 | Titel = \title
 | Datum = \year
 | Sammelwerk = \journal \booktitle \organization \publisher \school
 | Band = \volume
 | Nummer = \number
 | Seiten = \pages
 | DOI = \doi
 | Online = \url 
}}</ref>

wiki5

Nachdem die Jabref-Einträge an die Textdatei am Ende angehangen sind, kann man sich das Ergebnis in der Wikipedia Spielwiese anschauen. Man sieht einen relativ kurzen Text zu dem vier Quellen angegeben sind. Diese haben dank der Wikipedia-Literatur-Vorlage auch gleich die URL zum Anklicken. Der Text selber ist noch etwas holprig formatiert und man könnte noch 1-2 Interwiki-Links setzen. Beispielsweise haben die Stichworte NASA und „pneumatischer Muskel“ bereits einen Wikipedia Eintrag zu dem man verlinken kann.

Damit ist das kleine Autoren-Tutorial beendet. Es wurde gezeigt, dass die Erstellung von neuen Wikipedia Artikeln in erster Linie offline erfolgt und inhaltlich aus exzerpieren besteht. Der Aufwand, um den simplen Absatz wie er in der Spielwiese gezeigt wurde zu erstellen, ist relativ hoch. Man sollte dafür mehrere Stunden einplanen. Teilweise noch länger, wenn man sich zunächst inhaltich in das Thema einlesen muss. Wenn man den Edit dann in der echten Wikipedia ausführt ist jedoch die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Edit nicht sofort wieder gelöscht wird, sondern als produktive Ergänzung zum Lexikon wahrgenommen wird.

Wird der Text in den Wikipedia Artikel eingepflegt und klickt man auf „Speichern“ sieht das Ergebnis dann so aus:

wiki6

Robotik-Artikel bei Wikipedia in einem schlechten Zustand

Mit einem spöttischen Unterton habe ich bereits angemerkt, dass Wikipedia und Technologie derzeit keine Freunde sind und dass sich bei Wikipedia vorwiegend Autoren tummeln die sich dem Neoluddismus verpflichtet fühlen. Ein Blick auf die Portalseite Robotik https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:WikiProjekt_Robotik ergibt jedoch, dass die Lage noch schlimmer ist als befürchtet. Dort finden sich nicht nur jede Menge verweiste Artikel sondern auch sonst macht das Portal / Projekt den Eindruck einer Geisterstadt. Gerademal ein Benutzer hat sich dort zur Mitarbeit eingetragen und das war vor 8 Jahren. Da gibt es nicht nur kleinere Defizite, sondern die Portalseite Robotik befindet sich in einem heruntergekommenen armseligen Zustand. Offenbar fühlt sich dafür niemand so recht verantwortlich.

Das die Artikel aus der Kategorie Robotik / Künstliche Intelligenz nicht zu den besten von Wikipedia gehören war bekannt. Aber das es so schlimm ist? Machen wir mal den Test: Der Eintrag „Willow Garage“ hat überhaupt keinen Text, und bei „Shadow Robot Company“ gibt es lediglich zwei magere Abschnitte zu lesen. Und auf der Diskussionsseite zum Portal fragt jemand, ob man das Portal nicht löschen sollte weil es offenbar inaktiv ist.

Was tun? Ich glaube da kann man im Augenblick gar nichts tun. Im Grunde kann man nur die Lage als solche beschreiben und zur Kenntnis nehmen, dass Robotik und Wikipedia wohl zwei sehr gegensätzliche Dinge sind. Schaut man sich zum Vergleich andere Portale an wie „Fußball“ oder „Denkmalpflege“ erhält man einen Eindruck wie es sein könnte, wenn es denn Leute gibt, die sich wirklich Mühe geben und mit viel Engagement dabei sind. Ich schlage deshalb vor, das Portal Robotik mit dem Negativpreis auszuzeichnen für das am schlechteste gewartete Projekt innerhalb der Wikipedia, wo es die meisten Defizite gibt und wo es an Autoren mangelt, an Ressourcen und wohl auch an Motivation.

In anderen Projekten der Wikipedia versucht man den Frauenanteil zu erhöhen, die Artikel mit mehr Quellen anzureichern oder das Kategoriesystem übersichtlicher zu gestalten. Von solchen Luxusproblemen ist der Bereich Robotik weit entfernt. Dort gibt es noch nichtmal eine Basis von der aus man eine Verbesserung anstreben könne, bei Robotik gibt es überhaupt nichts. Das Portal sieht aus wie nach einem Hackerangriff wo jemand die Seite gelehrt hat.

Selbst Wikipedia-Vandalen haben kein Interesse mehr dort etwas kaputtzumachen. Wo nichts ist, lohnt es auch nicht das zu zerstören.

Wikipedia ist schwerhörig

Wikipedia kann man sich vorstellen wie eine hochbetagte Dame die nicht besonders gut hören kann. Um zu ihr durchzudringen muss man sie anschreien, also den Schalldruck erhöhen. Was ein hoher Schalldruck ist, entscheiden die Wikipedia Admins. Sie lassen die lautesten Geräusche zur ihr Durchdringen die leisen Worte hingegen nicht. Wie kann man den Schallpegel erhöhen? Eine Möglichkeit sind eine hohe Anzahl von wissenschaftlichen Quellen, also was bei Google Scholar angezeigt wird. Wenn man sogenannte Primärforschungsliteratur zitiert, spricht darauf Wikipedia erstaunlich gut an. Sie sagt dann, „ja das verstehe ich“. Wenn man hingegen aus Tageszeitungen oder komplett ohne Quellen arbeitet, dringt das nicht zu Wikipedia durch.

Eine zweite Methode den Schalldruck zu steigern besteht darin, möglichst viele Absätze zu schreiben. Also Themen sehr im Detail zu erläutern unter Verwendung von Tabellen und Schaubildern die gemeinfrei sind. Auch darauf spricht Wikipedia gut an. Aber auch diese Informationen sollten wissenschaftlichen Standards genügen, sie sollten sich an dem orientieren was auch in den Zeitschriften vom Elsevier Verlag als Standard gilt. Also schöne EPS Plots die mit Matlab gezeichnet sind, und Tabellen die man nach unterschiedlichen Kriterien sortieren kann.

Leider ist zu befürchten, dass in Zukunft die Schwerhörigkeit von Wikipedia sich verstärken wird. Es tritt ein Gewöhnungseffekt ein der dazu führt, dass die Reizschwelle ab wann ein Geräusch ins Ohr gelangt immer schwerer wird zu überschreiten. Man muss also jedes Jahr den Regler des Druckkammerlautsprechers ein klein wenig erhöhen damit der Sound noch als knackig wahrgenommen wird. Was vor 5 Jahren noch als angenehm laut empfunden wurde, ist heute nichts mehr wert.

Edit Wars führen und gewinnen

Die Anleitung innerhalb der Wikipedia ist betont sachlich geschrieben. Da ist die Rede davon, dass Neulinge an einem Mentorenprogramm teilnehmen sollen, wo sie lernen mit der Wikisyntax umzugehen, da wird davon gesprochen bei Meinungsverschiedenheiten eine dritte Meinung zu beantragen und es wird das kollaborative Arbeiten erläutert. Trollerei, Edit-Wars und Vandalismus sind hingegen verpönt. So der O-Ton in der Hilfe.

Wer als Neuling jedoch Bekanntschaft macht mit Wikipedia wird erkennen, dass die Hilfeseiten nicht die Wahrheit berichten sondern von einer Utopie ausgehen die sich so in der Community nicht wiederfindet. Die Realität bei Wikipedia ist, dass diese Community konfrontativ angelegt ist. Der Normalfall ist es, dass sich die Leute anschreien, Edit-Wars führen und auf Konflikteskalation setzen. Die Frage ist weniger wie man einen Edit-War vermeidet sondern die Frage ist, wie man ihn so führt dass man ihn gewinnt. Das soll im folgenden beschrieben werden.

wiki

Zur Veranschaulichung soll die obige Abbildung dienen. Dort ist der selbe Absatz auf drei unterschiedliche Weise formatiert. Einmal als Rohtext, dann mit sogenannten Inter-Wiki-Links und zum Schluss in seiner endgültigen Version. Man kann diesen Absatz mit Munition vergleichen, die man in einer Schlacht benötigt um den Feind zu bekämpfen. Jeder Absatz besitzt eine unterschiedliche starke Sprengkraft. Der Absatz 1 ist relativ schwach. Wenn man ihn zu einem vorhandenen Artikel hinzufügt, wird es vermutlich einen Löschantrag geben. Die Prognose lautet, dass nach spätestens 1 Stunde ein Admin vorbeikommt, kommentarlos auf den Revert Button drückt und den Edit damit rückgängig macht. Wenn der Admin einfühlsam ist, schreibt er noch hinzu „fehlende Belege“, was nur ein kleiner Trost ist.

Die Variante 2 des Textes ist schon ein wenig effektiver. Immerhin wird auf weitere Wiki-Seiten verwiesen. Dadurch wird Sinn erzeugt. Es werden bekannte Stichworte in einen neuen Zusammenhang gebracht. Hier ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Absatz zumindest toleriert wird, wenn er Teil von einem guten Artikel ist. Er wird entweder gar nicht gelöscht oder erst nach 2 Wochen entfernt weil jemand einen besseren Vorschlag hatte.

Um einen Edit-War mit der maximalen Wirkung zu führen muss man Absatz 3 verwenden. Dort sind nicht nur Inter-Wiki-Links gesetzt sondern es gibt auch noch Literaturangaben. So ein Absatz kann man nach dem Fire-and-Forget-Prinzip in eine Schlacht einbringen und er wird in dem Artikel auch noch in 2 Jahren unverändert drinbleiben. Er enthält keine Rechtschreibfehler, keine inhaltlichen Fehler und ist ausgezeichnet durch externe Quellen abgesichert. Diese verweisen auf Dokumente, die über Google Scholar gefunden wurden.

Umgangssprachlich ist Absatz 3 gleichbedeutend damit jemanden anzuschreien. Anstatt jedoch ALLES IN GROßBUCHSTABEN ZU SCHREIBEN, nutzt man bei Wikipedia die hochgestellten Ziffern. Das Ziel ist dasselbe: es geht darum die Gegenseite niederzubrüllen. Wer diese Strategie einsetzt wird im Regelfall Edit-Wars dominieren, das heißt wenn jeder der Anwensenden einmal auf den Edit-Knopf gedrückt hat, bleibt am Ende der Text stehen der am lautesten war.

Die Kunst besteht darin, laut zu schreien dabei jedoch nur wenig Aufwand zu treiben. Eine Methode wäre es, wenn man einfach hochgestellte Ziffern nach belieben verteilt und sich die Quellen ausdenkt, also etwas zitiert was gar nicht da ist. Doch leider wird dieser Trick ähnlich schnell erkannt werden als wenn man Plagiate nutzt. Die einzige Methode wirklich zu schreien besteht darin, „unique Content“ zu liefern. Hier haben Ghostwriter einen Startvorteil, weil sie ohnehin das Arbeiten mit Quellen gewohnt sind. Wenn ein Ghostwriter bei einem Edit-War beteiligt ist, kann er einerseits sehr laut schreiben (also mehrere Absätze mit unzähligen Fußnoten erzeugen) gleichzeitig jedoch in relativ kurzer Zeit.

Ghostwriter zeichnen sich dadurch aus, dass sie im wissenschaftlichen Arbeiten geschult sind, bereits mehrere Dissertationen geschrieben haben und Literaturverwaltungsprogramme wie Citavi oder Jabref einsetzen. Auch verfügen sie über ein hohes Allgemeinwissen und können sich in neue Themen schnell einarbeiten. Es ist anzunehmen, dass die derzeitige Wikipedia überwiegend aus Ghostwritern besteht. Diese müssen formal nicht über mehr Rechte als normale User verfügen, auch hinter einer anonymen IP Adresse kann so ein Ghostwriter stecken. Schaut man sich einmal die Lebensläufe von langjährigen Wikipedia-Autoren an, so wird man als Gemeinsamkeit erkennen, dass sie sich aus dem Bereich Ghostwriter, Hochschule, Lehramt, Bibliothekare rekrutieren und mit diesem Background auch bei Wikipedia leichtes Spiel haben.

Als Märchen kann man hingegen abtun, dass Wikipedia Autoren aus dem Bereich OpenSource, Web 2.0 und freies Wissen kommen würden. Die Fähigkeiten um einen Linux-Kernel zu entwickeln unterscheiden sich grundlegend von den Fähigkeiten um eine Disseration zu schreiben. Die Bereiche sind zu verschieden voneinander. Der typische Wikipedia Autor dürfte eher mit MS-Word plus Citavi arbeiten und wenig bis gar keine Ahnung von Technik haben. Das kann man übrigens auch in der Wikipedia selber aufzeigen wo Themen wie Politik, Geschichte, Literatur überstark vertreten sind, während bei Informatik, Roboter und Softwareentwicklung es große Defizite gibt.