Post von Academia.edu

Heute habe ich eine E-Mail von Academia.edu erhalten. Darin wurde stolz verkündet dass man jetzt einen wichtigen Meilenstein erreicht hat weil die Marke von 50 Mio Mitgliedern überschritten wurde, diese haben 18 Mio Paper auf die Plattform hochgeladen und mehr als 850 Mio Menschen weltweit haben die Paper gelesen. Dann gibt es noch das Zitat eines Professors von der Princton University der sagt, dass er unmittelbar nach einem Upload 20 Visits auf sein Paper erhalten haben, was mehr ist als normalerweise üblich.

Soweit zu den guten Dingen. Was jedoch von Seitens Academia.edu nicht thematisiert wird ist die Frage, ob diese 20 Visits auf das Paper in Wahrheit ein Shitstorm waren. Sowas wird als „academic mobbing“ bezeichnet und bedeutet, dass man nicht etwa wohlwollend zitiert wird, sondern dass sich ein sozialer Druck aufbaut. Auch die von Academia.edu so hochgehaltene Möglichkeit eines Peer-Reviews kann sich unbeabsichtigt in einen Pranger verwandeln. Für meinen Teil kann ich sagen, bisher zum Glück davon verschont geblieben worden zu sein. Meine Paper erzielen 0 Visits und das ist gut so.

In Deutschland wurde im Jahr 2008 ein ähnliches Projekt gestartet, es nannte sich Schulradar:

„SchulRadar ist ein deutschsprachiges Internetportal zum Meinungsaustausch über Grund- und weiterführende Schulen in Deutschland. Eltern können auf der Plattform Noten für die Schulen ihrer Kinder vergeben. […]

Viele Schuldirektionen sind aus diesen Gründen der Plattform gegenüber skeptisch eingestellt – Kritik an Schulen an sich sei angebracht, aber nicht auf diese Weise.“ https://de.wikipedia.org/wiki/SchulRadar

Unpublished manuscript wie formatieren in Lyx?

Eigentlich sollte man denken die Aufgabe ist simpel. Es geht geht um die Frage wo der kleine Zusatz „Unpublished manuscript“ im Lyx Dokument hingehört. In der Standard Article Klasse gibt es nur Felder für Titel, Autor und Datum. Nicht jedoch für Publisher. Man kann zwar bei Lyx auch andere Templates verwenden (ACM SIGGRAPH, Elsevier und alles was das Herz begehrt), doch die sind mir allesamt too much. Ich will ja kein eigenes Journal rausbringen sondern nur meinen Artikel formatieren. Was man jedoch machen kann, ist das Feld „Adresse“ zu nutzen um dort dann dezent darauf hinzuweisen, dass das Manuscript noch keinen Verlag hat und auch nie einen finden wird. Das sieht zwar unglaublich häßlich aus, aber dafür wird der Zusatz relativ weit oben positioniert.

Eigentlich wollte ich ursprünglich noch auf die Titelseite den kompletten Bibtex-Key mit aufnehmen damit das Dokument leichter zitiert werden kann, aber andererseits will ich meine Leser auch nicht für doof verkaufen. Vermutlich können sie den Bibtex Eintrag wenn sie ihn benötigen mittels Zotero, Jabref oder womit auch immer selber erzeugen. Letztlich muss ich zwar ein wenig auf formale Dinge achten, aber zunächst einmal bin ich der Autor und nicht ein externer Parser der das Dokument referenziert. In der Summe bin ich mit dem Ergebnis jedenfalls zufrieden, das Paper hat 50 Seiten, ist schön mit Literatur bestückt und hat im Anhang sogar noch den Sourcecode. Was will man mehr?

Ok, die Rechtschreibung ist miserabel, der Inhalt ist eher Standardkost und die Abbildungen sind lustlos abfotografierte Screenshots, aber jedes Paper ist besser als gar kein Paper. Oh pardon, es heißt „unpublished manuscript“, das ist mir wichtig. Wir wollen die Begriffe schön auseinanderhalten und demzufolge wird das PDF auch in der richtigen Kategorie bei Academia.edu erscheinen, nähmlich in der Sektion Draft.

Leser wird es dort keine finden. Ich vermute mal, dass die Abrufzahl insgesamt weniger als 10 sein dürfte. Aber ehrlich gesagt ist mir das egal, weil das etwas mit dem Thema zu tun hat. Wie der Titel schon vermuten lässt ist das ein komplettes Randthema wozu es bisher nur wenig Publikationen gibt. Aufgeregt bin ich aber trotzdem ein wenig. Ich weiß nicht ob ihr das kennt, wenn man kurz davor ist das Paper hochzuladen, ist das immer so ein Gefühl wie bei Weihnachten. Ich weiß, der Vergleich hinkt aber es ist so ähnlich, als wenn man einen Wikipedia-Artikel geschrieben hat, den dutzendfach Korrekturgelesen hat, und jetzt mit dem Finger über dem Submit-Button schwebt und sich überwinden muss. Weil, ist das ganze erstmal online gibt es kein Zurück mehr. Man steht ganz oben auf dem 10 Meter Brett und jetzt muss der Salto sitzen, sonst wird man ausgelacht.

Warum wir dringend „Academic social networks“ brauchen

In dem obigen Vortrag wird über OpenAccess diskutiert. Allerdings nicht auf einer Bibliotheks-Fachkonferenz sondern auf der Blogger-Veranstaltung Republica. Der Vortragende beschäftigt sich normalerweise mit Brand-Marketing, social Media und Cross-Advertaising und erzählt seinen Zuhörern jetzt wie man mit Creative Commons eine OpenAccess Plattform aufbaut. Ganz ehrlich: so einen schlimmen Vortrag habe ich lange nicht gehört. Er ist sowohl auf der Republica Offtopic wo es normalerweise um Emotionen geht, und nicht so ein Nerd Quatsch, und er ist auch für Wissenschaftlicher eine Zumutung, weil die alles anstreben nur keine Weblogs. Dennoch ist der Vortrag als Beispiel gut geeignet was OpenAccess nicht ist. Bzw. warum man neben einem Weblog zwingend dezidierte „academic social networks“ nutzen sollte.

Anders ausgedrückt, OpenAccess sollte sich zwingend von Weblogs abgrenzen, also betonen dass man eben nichts auf einer Republica Veranstaltung verloren hat und dass es fundamentale Konflikte gibt zwischen Blogs und Scientific Publishing.

Die Konfliktlinie entsteht aus folgender Überlegung heraus. OpenAccess ist eine Strömung welche aufbauend auf dem existierenden Publishing-System an den Hochschulen entstanden ist. Es handelt sich um eine Antwort auf die Zeitschriftenkrise. Einerseits soll die wissenschaftliche Kommunikation digitalisiert werden, gleichzeitig sollen die Zugangshürden abgesenkt werden. Blogging hingegen ist eine Bewegung die ihre Wurzeln im Marketing hat. Die ersten Weblogs waren Werbeplattformen für Unternehmen und das ist auch heute noch so. Demzufolge geht es primär um Dinge wie hoher Traffic, Kundenkommunikation und Vernetzung. Der Denkfehler besteht darin, wenn man versucht beides zu kombinieren. Es sind Gegensätze, mann muss also einen Weg finden sich voneinander abzugrenzen. Genau das wird an dem obigen Vortrag vermieden, es wird so getan als ob OpenAccess ein Teil der Bloggerszene wäre und sich einordnen ließe in Katzenblogs, Fashion Blogs und Creative Commons Lizenzen.

Wie eine saubere Abgrenzung zwischen OpenAccess und Blogging aussieht ist derzeit noch ungeklärt. Sowohl Academia.edu als auch ResearchGate sind als kommerzielle Unternehmen aufgestellt die teilweise Werbung schalten. Gleichzeitig sehen sie ihre Zielgruppe jedoch in Studenten und Hochschulprofessoren. Zenodo hingegen ist ein Projekt was vom CERN angestoßen wurde und wo es keine kommerzielle Interessen gibt. Allein von der Mitgliederzahl ist derzeit Academia.edu das erfolgreichste Projekt. Vielleicht ist das die Antwort, vielleicht wird sich langfristig aber auch Zenodo durchsetzen. Das ist derzeit noch offen. Generell kann man jedoch sagen, dass ein abgeschottetes Netz nur für Wissenschaftler nötig ist. Also man grundsätzlich dem „Facebook für Researcher“ Konzept folgen sollte. Nur so macht man deutlich, dass man etwas anderes ist als „yet another WordPress Blog“.

Auch das Mendeley Research Network funktioniert so, dass man dort als Student zunächst einen Account erstellen muss um dann in einem geschützten Bereich zu agieren. Das heißt, es wird ein Raum innerhalb des Internets geschaffen. Und ja, es macht Sinn, dass da nicht jeder reinkommt und man die Fashion-Blogger, Katzenfotos und Marketing-Experten daovn ausschließt.

Interessant ist auch die Abgrenzung zwischen Academic social network und OpenAccess Repository. Als OpenAccess Repository werden Dienste subsummiert wie die Webseite von PLOS, Arxiv, sciencedirect und hochschuleeigene Preprint-Server. Das Problem mit solchen Respositorien ist, dass sie hohe Kosten verursachen. Der vorteil besteht darin, dass sie sich auf Wissenschaftliche Paper fokussiert haben. Das heißt, man kann Wissenschaft allein über solche OpenAccess Repositorien ausführen. Aus Sicht von „Academic Social Networks“ kann man die Entwicklung weitertreiben. Also ein verbessertes OpenAccess Repository schaffen, bei dem weiterhin Wissenschaft das Ziel ist, aber gleichzeitig die Kosten niedriger sind.

Meiner Meinung nach, kann man jedoch „Academic social networks“ nicht weiterentwickeln zu Blogs, also sagen dass man überhaupt keine geschützten Bereiche benötigt, sondern einfach ins richtige Internet auswandert um dort neben Marketing und Fashion-Angeboten zu bestehen. Das würde in Bezug auf das Ziel „Wissenschaft“ nicht funktionieren. Es wäre too much.

Die Baseline an dem sich „Academic social networks“ orientieren sollten, sind „OpenAccess Repositorien“. Das sind Ansätze die sich bewährt haben und von Forschern akzeptiert werden. Das heißt, wenn ResearchGate und Academia.edu in 2 Jahren pleite sind, dann werden OpenAccess Repositorien immernoch da sein.

KOMMERZIELLE OPENACCESS REPOSITORIEN
Wenn man Dienste wie ResearchGate und „Academia.edu“ einordnet wird man feststellen, dass sie kommerziell ausgerichtet sind. Insofern gibt es eine Überschneidung zu Anbietern wie Udacity und Coursera. Die Idee ist es, Wissenschaft unabhängig von klassischen Universitäten zu betreiben. Das ist zunächst einmal ein Spagat und weil es so schwer ist, konnte sich Academia.edu bis heute auch nicht durchsetzen. Es ist ein Konzept für eine mögliche Zukunft, die skeptisch gesehen wird.

Die Idee dahinter ist folgende: die Studenten besuchen einen Kurs auf Coursera und nutzen parallel dazu Academia.edu um ihr neu erlangtes Wissen mit anderen zu teilen. Dadurch grenzt man sich ab zu klassischen Wissenschaftlern, die ordentlich bei Stanford eingeschrieben sind und normalerweise ihre Paper nur ihren Kommilitonen zeigen.

Aus dieser Erkenntnis heraus, lässt sich ableiten wie man Academia.edu verbessern könnte. Und zwar sollte man explizit den Schulterschluss mit Coursera und Udacity suchen. Das ist eine Integration die für beide Seiten Sinn macht. Mit etwas suchen findet man ein Beispiel. http://udacity.academia.edu/AdnanMasood Hier hat jemand ein Profil bei Academia.edu erstellt und bei der Anmeldung als seine Heimatuniversität Udacity angegeben. Papers gibt es noch keine in dem Profil, aber der Sinn dürfte klargeworden sein.

Warum die Zusammenarbeit zwischen Udacity und „Academia.edu“ derzeit noch schleppend verläuft hat etwas mit Udacity zu tun. Um dort einen Abschluss bzw. Nanodegree zu erwerben muss man entweder Multiple-Choice Fragen beantworten oder ein Mini-Projekt durchführen. Die Projekte bestehen überlicherweise aus Sourcecode beinhalten aber nicht das Verfassen eines wissenschaftlichen Papers. Insofern gibt es nichts, was Udacity Studenten zu Academia.edu hochladen könnten. Bei Coursera sieht es ähnlich aus, dort gibt es zum Abschluss nur ein Quizz zu beantworten http://coursemania.com/5-tips-for-passing-coursera-course-quizzes/ Wiederum ist das Schreiben einer Abschlussarbeit oder gar Doktorarbeit nicht vorgesehen.

Wenn man als Student das System maximal nutzen möchte, sollte man seinen bestandenen Coursera Abschluss Quiz zu Academia.edu hochladen. Der Nutzen ist zwar gering, es zeigt aber auch wie das Zusammenspiel aus Online-Universität und commercial Preprint-Server aussehen soll.

Etwas weiter ist man schon bei den Fernuniversitäten. Bei der Fernuni-Hagen kann man eine Abschlussarbeit schreiben, die einem Bachelor/Master entspricht. Auch an der Devry-University aus den USA ist das Schreiben eines Papers vorgesehen. Und Bingo, auf http://devry.academia.edu/ findet sich eine Übersicht über Stundenten die diese Paper zu Academia.edu hochladen.

Einschränkend soll man vielleicht erwähnen dass die Fernuni-Hagen als auch die Devry University nicht im Ruf stehen, dass dort Forschung betrieben wird. Das heißt, mir ist kein wichtiges Paper bekannt was an einer dieser Unis entstanden ist. Als klassische Forschungsuniversität gelten Präsenzuniversitäten wie Stanford. Und genau mit diesem Hintergrundwissen wird deutlich, warum Academia.edu von der Fachcommunity zurecht belächelt wird und als Spamschleuder tituliert wird. Im Grunde gibt es folgende Optionen:

– entweder, ein Student ist in Stanford eingeschrieben. Dann publiziert er seine Erkenntnise in einem Fachjournal weil Stanford mit Elsevier und Co Vereinbarungen hat. parallel dazu lädt er das Paper vielleicht zu Academia.edu hoch, aber das ist nur der Spiegelserver um die Reichweite zu erhöhen.
– oder aber, der Student ist an der Fernuni-Hagen eingeschrieben, und stellt seine Abschlussarbeit auf Academia.edu zur Verfügung. Dann jedoch dürfte sie inhaltlich nicht besonders gut sein, weil die Fernuni-Hagen eben keine Forschungs-Universität ist.
– ganz schlimm wird es, wenn Leute die bei Udacity ihre ausgefüllten Quizz-Fragenbögen nach PDF konvertieren und das bei Academia.edu hochladen. Der Wissenschaftlichen Nutzen für die Allgemeinheit geht gegen Null und dass Portal verkommt vollendens.

Anders ausgedrückt, Academia.edu hat das Problem dass zwischen Anspruch und Realität ein sehr großer Graben besteht. Damit Academia.edu wirklich zu dem wird, was gewünscht ist, müssten Studenten die an Fernunis und bei Udacity eingeschrieben sind, hochqualitativen Content liefern, der forschungsrelevant ist.
An diesen zwei Beispielen kann man ablesen, warum Online-Education derzeit noch vor sich hindümpelt und sowohl Udacity als auch „Academia.edu“ sich in der Experimentalphase befinden. Richtige Wissenschaft ist in der Gegenwart an instituionelle OpenAccess Repositorien gebunden, die von Leuten befüllt werden, die an einer klassischen Universität eingeschrieben sind.

NACHWORT
Der Text ist vom eigentlichen Thema abgeschweift. Ursprünglich ging es um den Konflikt zwischen Bloggen und akademischen Schreiben. Das ist dann irgendwie in eine Betrachung zur fehlenden Forschungsrelevanz von Online-Universitäten zerfasert.

Alternative Nutzungsmöglichkeiten von „Academia.edu“

Ursprünglich wurde „Academia.edu“ als neuartiger Preprint-Server entwickelt mit einer unklaren Zielgruppe. Einerseits können dort Studenten die in Stanford eingeschrieben sind, ihre Paper hochladen, ohne dass sie den Umweg über Elsevier gehen müssen, auf der anderen Seite können aber auch eingeschriebene Udacity Teilnehmer die Plattform nutzen. Stanford ist eine Präsenzuniversität während Udacity eine Online-Universität ist. Man kann „Academia.edu“ aber noch auf eine dritte Weise nutzen, und zwar ohne dass man an einer Universität eingeschrieben ist, also weder in Stanford noch bei Udacity. Sondern man betrachtet „Academia.edu“ als seine Universität und sucht sich die benötigten Informationen dann selbst zusammen. Nutzt also Videos von Udacity, kombiniert das mit Videos von Stanford und ließt natürlich fleißig was Google Scholar anzubieten hat. Das heißt, im Mittelpunkt steht nicht die Universität von der man kommt, sondern im Mittelpunkt stehen die eigenen Paper. Die korrekte URL für eine derartige Nutzungsform ist http://academia.academia.edu/ Das heißt, die Heimatuniversität ist Academia und man nutzt Academia.edu als Preprint-Server.

Leider ist diese URL schon vergeben, für eine andere Universität und es macht keinen Sinn sich darüber anzumelden. Sondern es geht um das Konzept als solches. Das man also seine Arbeit für sich sprechen lässt und nicht darauf angewiesen ist, von Stanford oder sonstjemanden zertifiziert zu sein.

WordPress vs Academia.edu

Eine WordPress-Software mit Academia.edu zu vergleichen ist aus technischer Sicht sehr simpel. In beiden Fällen geht es darum, Content ins Internet zu stellen und von Suchmaschinen durchsuchbar zu gestalten. Um die Unterschiede näher herauszuarbeiten, stellen wir uns einmal vor, es gäbe kein Academia.edu und die Wissenschaftler sollen ihre Paper in WordPress veröffentlichen. Rein technisch geht das, man kann in WordPress Dateien hochladen, die dann weltweit abrufbar sind. Das heißt, WordPress kann alles, was auch Academia.edu kann nur es kann noch sehr viel mehr. Neben PDF Papern kann man dort auch Bilder, mp3 Podcasts usw. hochladen. Insofern wäre es eine gute Sache, wenn man Academia.edu dicht macht und nur noch WordPress einsetzt um damit den wissenschaftlichen Prozess zu digitalisieren.

Es gibt jedoch noch einen weiteren Aspekt, der sich nicht allein technisch erklären lässt. Man kann WordPress und Academia.edu auch anhand eines diskursiven Rahmens vergleichen. Das heißt, man schaut sich an, wie eine typische Blogger-Konferenz aussieht und wie eine typische OpenAccess Konferenz aussieht. In beiden Fällen ist dort die Blogging-Software nur der Aufhänger, worum es eigentlich geht sind die Menschen. Und hier gibt es sehr große Unterschiede. Bei Youtube gibt es zum glück viele Videos wo man einen Vergleich anstellen kann. Man wird feststellen, dass sich WordPress-Konferenzen oder allgemeine Veranstaltungen wie die Republica deutlich unterscheiden von einer OpenAccess Veranstaltung. Man zieht damit ein sehr unterschiedliches Publikum an, und die Diskussionen laufen in eine andere Richtung.

Anders formuliert, es geht nicht so sehr um das Webportal als solche um zu beantworten ob Blogs oder Academic Social Networks besser geeignet sind für eine konkrete Anwendung, sondern worum es geht ist das Drumherum. Also wie ein Buch aufgebaut ist, was WordPress vorstellt oder wie ein Buch aufgebaut ist, indem Academia.edu erläutert wird. Machen wir es etwas konkreter: rein technisch gesehen fällt der Vergleich unentschieden aus. Ob man ein wissenschaftliches Paper auf WordPress hochlädt oder in einem academic social network einstellt macht keinen großen Unterschied. Das Prozedure unterscheidet sich nur minimal, und der anschließende Download erfolgt ähnlich. Die Antwortzeiten des Servers sind ebenfalls vergleichbar. Unterschiede wird man erst bemerken, wenn man von der technischen Infrastruktur abstrahiert und ihren Kontext bewertet. Also untersucht wie das Medium verwendet wird um damit konkrete Dinge zu realisieren. Hier sind die Unterschiede beträchtlich.

Sowohl WordPress als auch Academia.edu befinden sich bereits im Cyberspace. Es sind immaterielle Portale die mittels Internet-Backbones auf Computerbildschirmen angezeigt werden. Es ist also nichts materielles wie ein Treffen oder ein Buch. Oberhalb dieses Cyberspace gibt es jedoch noch eine weitere Ebene. Der Cyberspace selber besteht nur aus Bits und Bytes, interessant ist jedoch dessen semiotische Bedeutung. Also wie über die Dinge geredet wird, und welche Probleme auftauchen können. Ein typisches Forum, in dem man sich darüber austauscht wie WordPress funktioniert ist gänzlich anders strukturiert als ein Forum in dem Academia.edu thematisiert wird. Das mag überraschen, weil man normalerweise annimmt, dass sich ähnliche Mechanismen entdecken lassen. In beiden Fällen geht es schließlich um Online-Publikation, also das Einstellen von Content, das Schreiben von Texten, und die Vernetzung. Aber offenbar sind die Unterschiede im Diskurs größer als die Gemeinsamkeiten. Genauer gesagt wird es als Regelverstoß betrachtet, wenn man mit WordPress wissenschaftlich publiziert, genauso als wenn man Academia.edu zum Posten von Katzenfotos verwendet. Rein technisch mag sowas möglich sein, und man kommt deswegen auch nicht gleich ins Gefängnis, allerdings strapaziert man die Geduld der jeweiligen Community wenn man sowas probiert.

Das dürfte der Hauptgrund sein, warum sich seit ungefähar 2008 dezidierte Academic social networks gebildet haben, weil der dort angestrebte diskursive Rahmen sich eben nicht in der davor üblichen Blogging-Community hat abbilden lassen. Natürlich geht es in beiden Fällen darum, dass analoge Zeitalter zu überwinden. Also die Prozesse ins Internet zu verlagern und die Effizienz zu erhöhen, aber es geht im Einzelfall dann noch um sehr viel mehr.

Mit etwas Recherche konnte ich einen Beitrag ausfindig machen, der als Anschauungsobjekt geeignet ist. Gemeint ist der Vortrag auf der Blogger-Konferenz Repulica 2013 „How radical are Open Access and the Digital Humanities?“ https://www.youtube.com/watch?v=-9d0KM1I0aw Das heißt, auf einer Blogger-Konferenz wo es üblicherweise um Online-Advertaising, Katzenfotos und Journalismus geht wird das abseitige Thema OpenAccess behandelt. Man merkt den Vortragenden an, dass sie sich unwohl fühlen, das Thema ist genau genommen offtopic auf der Veranstaltung.

Keineswegs war der Vortrag an sich schlecht, er richtete sich nur an das falsche Publikum. Das heißt, wenn man eine blogger-Konferenz besucht will man dort etwas über Fashion, Mode und Success Storys hören. Wo das Niveau auch ruhig ein wenig niedriger sein kann. Man will sich schließlich entspannen, Spaß haben und Freunde finden. Die Vortragende erzählt jedoch eine traurige Geschichte von Aaron Schwartz, wobei der Fall natürlich tragisch ist, aber was hat der auf der Republica verloren?

Generell verbietet es sich eine Wertung abzugeben über das was die jeweiligen Communitys anstreben. Und sowohl Blogger-Konferenzen als auch OpenAccess Konferenzen haben ihre Daseinsberechtigung. Man sollte sich jedoch im Klaren sein, dass es bei Blogger-Konferenzen tendenzial darum geht das Niveau abzusenken und auf Emotionen zu setzen. Eine gelungene Veranstaltung sieht so aus, dass da Leute im Supercar vorfahren, dass man sich da die Haare schön machen kann und dass es Talks gibt, die einen inspirieren. Auch eine After-Show Party ist erwünscht. Wo dann gerne auch alkoholische Getränke ausgeschenkt werden. Will man die Qualität einer blogger-Konferenz erhöhen muss man mehr von diesen Ingredenzien verwenden, also mehr Supercars, mehr Emotionen, mehr Fasion und mehr Food. Auf einer OpenAccess Konferenz hingegen geht es um etwas anderes. Dort ist das Ziel, das intellektuelle Niveau anzuheben. Also überhaupt keinen Alkohol auszuschenken, sich explizit Leute einladen, die es nicht auf das Titelbild der Voque schaffen. Und im Regelfall wird daran gearbeitet, den rationalen Faktor noch weiter zu steigern. Also irgendwelche mathematischen Vorträge abzuhalten und Speisen, Eiscreme usw. komplett zu verbannen.

Obergrenze von Academia.edu beträgt 17 Mio Leute

Laut dem Counter von Academia.edu sind derzeit mehr als 50 Mio Researcher in dem sozialen Netzwerk von Richard Price angemeldet. Gleichzeitig hat Price selber herausgefunden, dass es weltweit nur 17 Mio Wissenschaftler gibt, http://www.richardprice.io/post/12855561694/the-number-of-academics-and-graduate-students-in Und in dieser Zahl sind die Stundenten bereits mit eingerechnet.-Rein theoretisch kann man bei Academia.edu auch Mitglied werden, wenn man nicht an einer der großen Universität angemeldet ist. Man wird dann als Independent geführt, aber die Paper die man veröffentlicht werden nicht von Google Scholar als wissenschaftliche Paper gewertet, weil um sich ein Google Scholar Profil anzulegen, man zwingend eine bestätigte E-Mail von einer Universität benötigt. Warum sollte jemand seine PDFs auf Academia.edu hochladen, wenn er nicht gleichzeitig in Google Scholar auffindbar ist? Richtig es macht keinen Sinn, und so beträgt die maximale Anzahl von Autoren die Academia.edu für sich gewinnen kann nur die eingangs erwähnten 17 Mio. Wenn also alle Leute die rein formal etwas veröffentlichen dürfen, sich auch bei Academia.edu registrieren steht damit die Obergrenze fest, die das Netz maximal haben kann.

Das trotzdem behauptet wird, man hätte inzwischen 53 Mio Researcher kann also nur ein Irrtum sein, oder es wurden aus Versehen auch Bots mitgezählt. Gleichzeitig fällt unter dieser Maßgabe die Vision von Academia.edu die Eintrittsbarrieren in die Wissenschaft zu senken, wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Weltweit dürfen gar nicht mehr als 17 Mio Leute publizieren wobei Wissenschaftler im engeren Sinne eigentlich nur die Dozenten und Professoren sind also nicht mehr als 6 Mio Leute.

Die Wachstumsaussichten eines akademischen sozialen Netzwerks sind nicht besonders rosig. Academia.edu hat seinen Zenit längst überschritten. Jeder der nur halbwegs nach Universität aussieht ist dort bereits mehrfach registriert worden, und Außenstehende sind nicht willkommen. Anders als Facebook kann ein „Academic social network“ rein nominell gar nicht bis auf 1 Mrd Personen anwachsen, weil es soviele eingeschriebene Studenten und Uni-Dozenten gar nicht gibt. Selbst wenn man Hausmeister und Küchenpersonal mit einbeziehen würde, sind gar nicht soviele Leute an Universitäten beschäftigt, als dass es eine Wachstumsstory geben kann. Und das plötzlich Nicht-Universitätsangehörige wissenschaftliche Paper veröffentlichen ist nicht vorgesehen. Weder Google Scholar noch Academia.edu hat sowas in Aussicht gestellt. Nicht Universitätsangehörige können sich bei Facebook tummeln, wo sie sich die Zeit mit Farming-Spielen vertreiben und Katzenfotos posten. Da sind sie schön im Abseits und fangen nicht an sich ernsthaft für Forschung zu interessieren.

Wie sich anfühlt von Academia.edu abgelehnt zu werden

Das was Richard Price in seinen Vorträgen beschreibt ist eine idealisierte Academia.edu Welt wo jeder es schaffen kann, wenn er sich denn anstrengt. In der Realität ist Academia.edu jedoch zweigeteilt. Einmal gibt es die ordentlichen Studenten die dort ihre Paper hochladen und keine Probleme haben, sich ein google Scholar Profil anzulegen um diese Paper durchsuchbar zu gestalten. Wenn sie ein neues Paper zu Academia.edu hochladen ist dieses auch in google Scholar sichtbar und kann von anderen Autoren zitiert werden. Das funktioniert sogar dann, wenn das Paper gar nicht in einer richtigen OpenAccess Zeitschrift wie PLOS erschienen ist. Aber wehe man ist kein Universitätsangehöriger. Dann ist es leider nicht möglich, sich ein Google Scholar Profil einzurichten. In Folge dessen werden auch die hochgeladenen Paper nicht durchsuchbar sein, was bedeutet dass sie nicht gefunden geschweige denn zitiert werden. Sowas ist natürlich gleichbedeutend mit einem Todesurteil, genauer gesagt gehört man nicht länger zu Academia.edu dazu, sondern kann versuchen woanders seine Paper unterzubringen.

Leider kommt diese krasse Zweiteilung in der offizellen Marketing-Sprache nicht vor. Dort will man nur die schönen Seite zeigen, wo also jeder herzlich willkommen ist und einem dank Academia.edu alle Wege offen stehen. In Wahrheit geht es jedoch nicht um Chancen sondern es geht um das genaue Gegenteil. Also Leuten zu sagen, dass sie nicht in den Club reinkommen. Das sie nicht dazugehören, dass sie nicht erwünscht sind im wissenschaftlichen Kosmos. Schade eigentlich, dabei wäre es eigentlich eine gute Sache, wenn alle Menschen nicht nur lesen sondern selbst auch etwas publizieren können. Oder, um es mit dem Worten von Richard Price zu sagen, „Es ist besser wenn die breite Masse gebildet ist“ Aber offenbar ist genau das nicht das Ziel, jedenfalls nicht von Academia.edu. Das ganze ist ein sehr elitärer Club wo man bereits Wissenschaftler sein muss um einer zu werden. Ja, das ist natürlich paradox meint aber nichts anderes, als dass der Türsteher nicht jeden dort reinlässt, sondern nur die Guten. Also Leute wie Richard Price, der in Oxford mit Auszeichnung studiert hat.

Ich selber habe stolze 6 Monate gebraucht um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Solange hat es gedauert, das Kleingedruckte zu lesen. Und dort steht schwarz auf weiß, dass man zwar gerne ein kommerzieller Anbieter sein möchte, aber im Zweifel dann doch lieber sich mit konservativen Vorstellungen von Wissenschaft identiziert. Damit ist eine bestimmte Idee gemeint, wie eine wissenschaftliche Karriere aussieht, nämlich aus Studium, Abschluss, Doktortitel und wissenschaftlichen Veröffentlichungen. An genau diese Zielgruppe wendet sich Academia.edu. Es ist genau dasjenige wissenschaftliche System, was seit mindestens 200 Jahren existiert und was dank Akademia.edu auch in Zukunft genauso undurchlässig bleiben soll.

ALTERNATIVEN
Nehmen wir mal an, jemand möchte seine eigene „academic social networking“ Seite gründen und dort die Fehler von Academia.edu nicht wiederholen. Dann wäre das wichtigste Feature dafür zu sorgen, dass die Paper die hochgeladen werden von fleißigen Schreiberlingen auch von Google Scholar indiziert werden. Wenn man das gegenüber dem Suchmaschinengiganten nicht durchsetzen kann, macht es keinen Sinn zu behaupten, man würde ein „Academic social network“ betreiben. Wenn ein wissenschaftliches Paper von google Scholar nicht indiziert wird, ist es auch nicht sichtbar. Es macht keine Sinn eine soziale Plattform zu betreiben, wenn man aus dieser nicht zitieren kann.

Ich unterstütze Academia.edu natürlich auch weiterhin. Es ist ein sehr schönes Netzwerk was Richard Price mit seinem Team da aufgebaut hat. Allerdings gewinnne ich zunehmend den Eindruck, als ob Academia.edu mich nicht mehr supported. Damit ist gemeint, dass sie meine Paper nicht durchsuchbar machen, sie keinen Druck ausüben bei Google Scholar und nicht genügend transparent sind in Bezug darauf, dass es in dem Netz von richard Price zwar Arten von Nutzern gibt. Einmal die richtigen Akademiker, und dann noch geduldete, die mit keiner Uni verbunden sind und demzufolge auch nicht zitiert werden.